Lektion 3.1

Statik, Bauen und Baustoffe

15 min Lesezeit

Eine Brücke trägt Lastwagen, ein Baukran hebt Betonteile in 50 Meter Höhe, ein Haus steht bei Sturm und Schnee. In den Bauteilen wird gezogen, gedrückt oder gebogen, und nichts darf reißen oder einknicken. Gleichzeitig soll ein Haus im Winter warm und trocken bleiben und gut aussehen.

Wie entscheidet man, welcher Stoff wohin kommt und welche Form ein Bauteil bekommt? Das lernst du in dieser Lektion.

Definition

Drei Blickwinkel auf ein Bauwerk

Ein Bauwerk beurteilt man unter drei Gesichtspunkten. Der statische Aspekt fragt: Trägt es seine Last? Die Statik untersucht, welche Kräfte in den Bauteilen wirken und ob sie standhalten. Der energetische Aspekt fragt: Wie viel Energie braucht das Gebäude für Heizen und Kühlen, und wie viel steckt in den Baustoffen? Der gestalterische Aspekt fragt nach Aussehen, Umgebung und Nutzung. Sie widersprechen sich oft: Eine große Glasfront sieht schön aus, verliert aber im Winter viel Wärme. Ein gutes Bauwerk ist ein begründeter Kompromiss.

Definition

Zug, Druck und Biegung

Kräfte belasten ein Bauteil auf drei Arten. Bei Zug wird es auseinandergezogen (Seil, Hängestange). Bei Druck wird es zusammengedrückt (Mauer, Stütze). Bei Biegung wird es durchgebogen: Ein Balken auf zwei Stützen, der in der Mitte belastet wird, ist oben gedrückt und unten gezogen, in der Mitte dazwischen kaum belastet.

Ein langer, dünner Stab kann unter Druck seitlich ausknicken, wie ein Lineal, das du an den Enden zusammendrückst. Einen Druckstab baut man deshalb meist dicker als einen gleich belasteten Zugstab.

Definition

Festigkeit und Härte

Jeder Werkstoff hat für jede Belastungsart eine eigene Festigkeit: Zugfestigkeit, Druckfestigkeit, Biegefestigkeit. Gemeint ist die Spannung, bei der er versagt, also reißt, zerdrückt wird oder bricht. Die (mechanische) Spannung ist die Kraft je Querschnittsfläche und wird in N/mm² angegeben. Beton hält Druck von etwa 30 N/mm² aus, aber nur Zug von etwa 3 N/mm², also ein Zehntel. Baustahl hält Zug von etwa 400 N/mm² aus.

Die Härte ist ein anderes Maß: Sie sagt, wie stark ein Stoff dem Eindringen oder Ritzen durch einen anderen Körper widersteht. Glas ritzt Kupfer, Diamant ritzt Glas. Ein harter Stoff ist nicht automatisch zugfest: Glas ist hart, reißt aber leicht.

Für die Zugfestigkeit RmR_m gilt, mit der größten Zugkraft FmaxF_{\text{max}}, die ein Stab aushält, und seiner Querschnittsfläche AA:

Rm=FmaxAR_m = \frac{F_{\text{max}}}{A}
Beispiel

Wie viel trägt ein Stahlstab?

Ein Stahlstab hat 20 mm² Querschnitt. Die Zugfestigkeit des Stahls ist angenommen 400 N/mm². Welche Masse kann der Stab höchstens tragen, bevor er reißt? Rechne mit 10 N je kg.

F_max = 400 N/mm² · 20 mm² = 8000 N. Eine Masse von 1 kg hat etwa 10 N Gewichtskraft. 8000 N : 10 N/kg = 800 kg. Der Stab reißt also bei etwa 800 kg. Im Bauwesen belastet man ihn nur mit einem Bruchteil, zum Beispiel einem Drittel (Sicherheitsfaktor 3).

Definition

Profile

Wie gut ein Träger gegen Biegung hält, hängt auch von der Form seines Querschnitts ab, dem Profil. Bei Biegung sind Ober- und Unterkante am stärksten belastet, die Mitte kaum. Ein gutes Profil sammelt das Material am Rand. Der Doppel-T-Träger hat oben und unten breite Gurte und dazwischen einen dünnen Steg. Ein Rohr hat sein Material am Rand und ist in jede Richtung gleich steif. Winkel- und U-Profile sind leicht und lassen sich gut verschrauben.

Auch die Lage zählt. Bei einem Rechteck mit Breite bb und Höhe hh (in Richtung der Last) gilt für die Steifigkeit gegen Durchbiegen:

Steifigkeit∼b⋅h3\text{Steifigkeit} \sim b \cdot h^3
Beispiel

Brett hochkant oder flach?

Ein Brett ist 2 cm dick und 6 cm breit und liegt auf zwei Stützen. Um welchen Faktor ist es steifer, wenn es hochkant statt flach liegt?

Hochkant ist die Höhe 6 cm, die Breite 2 cm: 2 · 6³ = 432. Flach ist die Höhe 2 cm, die Breite 6 cm: 6 · 2³ = 48. Das Verhältnis ist 432 : 48 = 9. Hochkant ist das Brett neunmal so steif, ohne zusätzliches Material.

Definition

Stabilität des Dreiecks und Fachwerk

Ein Viereck aus vier Leisten mit Gelenken in den Ecken lässt sich zu einem Parallelogramm verschieben und fällt zusammen. Ein Dreieck aus drei Leisten lässt sich nicht verformen, denn drei Seitenlängen legen auch alle Winkel fest. Darum teilt man Vierecke durch eine Diagonale in zwei Dreiecke.

Ein Tragwerk aus Stäben, die zu Dreiecken verbunden sind, heißt Fachwerk. Die Stäbe sind an den Knoten gelenkig verbunden und werden dadurch nur auf Zug oder Druck belastet, nicht auf Biegung. Das spart Material. Beispiele sind Kranausleger, Strommasten und Dachstühle.

Definition

Zug- und Druckkräfte bei Brücke und Kran

Wird eine Fachwerkbrücke in der Mitte belastet, sind die oberen Stäbe gedrückt und die unteren gezogen, wie beim Balken. Bei einer Hängebrücke tragen Stahlseile auf Zug und die Türme (Pylone) auf Druck. Bei einer Bogenbrücke steht der Bogen unter Druck, dazu passen Stein und Beton. Den Werkstoff wählt man nach der Kraft: für Zug zum Beispiel Stahl, für Druck zum Beispiel Beton.

Wie groß die Kräfte sind, zeigt das Dreieck des Bauteils. Im folgenden Beispiel sitzt ein waagerechter Arm gelenkig an einer Wand und wird von einer schrägen Stange gehalten.

Beispiel

Kräfte an einem Wandkran

Der Arm ist 4 m lang. Eine Stange verbindet das Armende mit einem Wandpunkt, der 3 m über dem Gelenk liegt. Sie ist damit 5 m lang (3-4-5-Dreieck). Am Armende hängt eine Last mit der Gewichtskraft 900 N. Wie groß sind die Zugkraft in der Stange und die Druckkraft im Arm?

Arm und Stange sind nur an ihren Enden belastet, darum wirkt die Kraft jeweils in Richtung des Teils. Die Zugkraft der Stange zerlegst du in einen senkrechten und einen waagerechten Anteil. Das Kraftdreieck hat dieselbe Form wie das Bauteildreieck: senkrecht 3, waagerecht 4, Stange 5.

Senkrecht muss die Stange die Last halten: 900 N gehören zur Länge 3, eine Längeneinheit sind also 900 N : 3 = 300 N. Zugkraft in der Stange: 5 · 300 N = 1500 N. Der waagerechte Anteil 4 · 300 N = 1200 N zieht das Armende zur Wand, der Arm drückt dagegen. Druckkraft im Arm: 1200 N. Je flacher die Stange liegt, desto größer werden die Kräfte.

Definition

Baustoffe

Natürliche Steine wie Granit, Sandstein und Kalkstein werden abgebaut und zugeschnitten. Sie sind meist druckfest und haltbar, aber schwer und bei Zug schwach. Künstliche Steine stellt man her: Ziegel aus gebranntem Ton, Kalksandstein und Porenbeton, der Luftporen enthält und deshalb leicht und wärmedämmend ist.

Steine werden mit Mörtel vermauert, einem Gemisch aus Sand, Bindemittel (Kalk oder Zement) und Wasser. Er gleicht Unebenheiten aus und verteilt die Last. Beton besteht aus Zement, Sand, Kies und Wasser und erhärtet durch eine chemische Reaktion des Zements mit Wasser. Beton ist druckfest, aber auf Zug schwach. Darum legt man auf der Zugseite Stahlstäbe (Bewehrung) ein: Stahlbeton. Holz wächst nach, ist leicht und in Faserrichtung gut auf Zug und Druck belastbar, quer zur Faser viel weniger. Es braucht Schutz vor Feuchtigkeit.

Definition

Wärmeschutz und U-Wert

Ein Haus verliert Wärme durch Wände, Dach, Fenster und Boden. Der U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient) gibt an, wie viel Wärmeleistung in Watt bei 1 K Temperaturunterschied durch 1 m² eines Bauteils fließt, Einheit W/(m²·K). Ein kleiner U-Wert bedeutet guten Wärmeschutz. Dämmstoffe wie Mineralwolle und Schaumstoffe enthalten viel eingeschlossene Luft, und ruhende Luft leitet Wärme schlecht.

Für ein Bauteil mit der Fläche AA und dem Temperaturunterschied ΔT\Delta T zwischen innen und außen gilt:

P=U⋅A⋅ΔTP = U \cdot A \cdot \Delta T
Beispiel

Wärmeverlust einer Wand

Eine Außenwand hat 40 m². Innen sind es 20 °C, außen 0 °C. Wie viel Wärmeleistung geht bei U = 0,25 W/(m²·K) verloren, und wie viel bei einer ungedämmten Wand mit U = 1,0 W/(m²·K)?

Der Temperaturunterschied ist 20 °C, das sind 20 K. Gedämmt: 0,25 · 40 · 20 = 200 W. Ungedämmt: 1,0 · 40 · 20 = 800 W. Die gedämmte Wand verliert nur ein Viertel der Wärme.

Definition

Feuchteschutz und Heizen

Der Feuchteschutz wehrt Regen und Bodenfeuchte ab (Abdichtung, Dachüberstand). Auch innen entsteht Feuchte: Warme Raumluft enthält viel Wasserdampf, der an kalten Wandflächen kondensiert und Schimmel fördert. Abhilfe schaffen Dämmung, die die Wand innen warm hält, und kurzes, kräftiges Lüften.

Heizen ersetzt die Wärmeverluste. Eine Wärmepumpe holt Wärme aus Luft, Erde oder Grundwasser und macht aus 1 kWh Strom etwa 3 bis 4 kWh Wärme.

Definition

Energieeffizient und umweltverträglich bauen

Energieeffizient baut, wer eine kompakte Form wählt (wenig Außenfläche je Raumvolumen), große Fenster nach Süden legt, damit die Wintersonne wärmt, gut dämmt und erneuerbare Energien wie Solarthermie, Photovoltaik und Wärmepumpe nutzt.

Umweltverträglich heißt auch, Baustoffe mit wenig grauer Energie zu wählen, das ist die Energie für Herstellung und Transport. Zement braucht viel davon: Kalkstein wird dafür bei sehr hoher Temperatur gebrannt und setzt CO₂ frei. Holz aus der Region hat meist weniger. Außerdem plant man, dass sich das Bauwerk später zurückbauen und wiederverwerten lässt.

Häufige Fehler

Beton hält alles aus

„Beton ist so fest, dass er jede Last trägt.“

Richtig ist

Beton ist druckfest, hat aber nur etwa ein Zehntel dieser Festigkeit bei Zug. Bei Biegung reißt er auf der Zugseite. Darum legt man Stahl ein, der Zug aufnimmt.

Häufige Fehler

Dämmung erzeugt Wärme

„Die Dämmung macht das Haus warm.“

Richtig ist

Ein Dämmstoff erzeugt keine Wärme, er bremst nur den Wärmefluss nach außen. Die Wärme kommt von Heizung oder Sonne. Im Sommer hält die Dämmung die Hitze draußen.

Zusammenfassung

  • Ein Bauwerk beurteilt man statisch, energetisch und gestalterisch, und die Aspekte widersprechen sich oft.

  • Bauteile werden auf Zug, Druck oder Biegung belastet. Die Zugfestigkeit ist die größte Zugkraft je Querschnittsfläche, die ein Stoff aushält.

  • Beton ist druckfest und zugschwach, darum gibt es Stahlbeton. Steine, Mörtel, Beton und Holz haben eigene Stärken.

  • Das Profil bestimmt die Biegesteifigkeit: Material gehört an den Rand (Doppel-T, Rohr).

  • Ein Dreieck ist formstabil, ein Viereck mit Gelenken nicht. In Fachwerken wirken nur Zug- und Druckkräfte.

  • Wärmeleistung durch ein Bauteil: P = U · A · ΔT. Dazu kommen Feuchteschutz, effizientes Heizen und Baustoffe mit wenig grauer Energie.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Stahlseil hat 50 mm² Querschnitt, die Zugfestigkeit ist angenommen 400 N/mm². Wie groß ist die größte Zugkraft in Newton, bevor es reißt? Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Balken liegt auf zwei Stützen und wird in der Mitte belastet. Wie ist er beansprucht?

Aufgabe 3Numerisch

Der Wandkran aus dem Beispiel (Arm 4 m, Stange 5 m, Stange 3 m über dem Gelenk) trägt jetzt eine Last von 450 N. Wie groß ist die Druckkraft im Arm in Newton?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Dach hat 80 m² und den U-Wert 0,15 W/(m²·K). Innen sind es 21 °C, außen 1 °C. Wie viel Wärmeleistung geht in Watt durch das Dach verloren?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum ein viereckiger Holzrahmen mit gelenkigen Ecken durch eine Diagonale stabil wird.