Lektion 2.3

Wissenschaftliches Arbeiten in der Technik, Projektmanagement und Schutzrechte

20 min Lesezeit

Drei Schülerinnen und Schüler wollen eine Handyhalterung für den Fahrradlenker entwickeln und einen Prototyp bauen. Woran erkennen sie, dass die Halterung hält, und wie sicher sind ihre Messungen? Wer legt fest, was sie können muss? Bis wann ist sie fertig, und wer macht was? Darf jemand anderes das Design nachbauen?

Diese Lektion liefert das Handwerkszeug dafür.

Definition

Hypothese und Versuchsdesign

Eine Hypothese ist eine überprüfbare Vermutung, oft als Wenn-dann-Satz: „Je größer der Durchmesser eines Holzstabs, desto größer ist die Last, bei der er bricht.“ Das Versuchsdesign legt fest, wie man sie prüft:

  • Unabhängige Variable: die Größe, die man gezielt ändert (der Durchmesser).
  • Abhängige Variable: die Größe, die man misst (die Bruchlast).
  • Störgrößen: alles andere, was das Ergebnis beeinflussen könnte (Holzart, Länge, Feuchte). Sie werden konstant gehalten.
  • Wiederholungen: mehrere gleiche Proben je Einstellung, damit Zufall und Messfehler sichtbar werden.
  • Messmittel und ihre Genauigkeit.
Definition

Gütekriterien: Objektivität, Reliabilität, Validität

Die Objektivität verlangt, dass das Ergebnis nicht von der Person abhängt, die misst und auswertet. Die Reliabilität (Zuverlässigkeit) verlangt, dass eine Wiederholung unter gleichen Bedingungen gleiche Ergebnisse liefert. Ihr Maß ist die Streuung der Messwerte. Die Validität (Gültigkeit) verlangt, dass das Verfahren wirklich das misst, was gemessen werden soll.

Reliabilität ist Voraussetzung für Validität, reicht aber nicht aus. Wer die Dämmwirkung einer Wand durch die Lufttemperatur im Raum bestimmen will, misst bei jeder Wiederholung vielleicht denselben Wert. Er misst aber nicht die Dämmung, denn auch Heizung und Sonne beeinflussen die Lufttemperatur.

Beispiel

Eine Messreihe auswerten

Fünf gleiche Holzstäbe mit 10 mm Durchmesser werden bis zum Bruch belastet. Bruchlasten in kg: 4,8; 5,1; 4,9; 5,0; 5,2. Bestimme Mittelwert und Spannweite und beurteile die Reliabilität.

xˉ=4,8+5,1+4,9+5,0+5,25 kg=25,05 kg=5,0 kg\bar{x} = \frac{4{,}8 + 5{,}1 + 4{,}9 + 5{,}0 + 5{,}2}{5}\,\text{kg} = \frac{25{,}0}{5}\,\text{kg} = 5{,}0\,\text{kg}

Der Mittelwert ist die Summe der Werte geteilt durch ihre Anzahl: 5,0 kg. Die Spannweite ist der größte minus der kleinste Wert: 5,2 − 4,8 = 0,4 kg, das sind 8 % des Mittelwerts. Die Werte liegen eng beieinander, die Reihe ist reliabel. Liegt der Mittelwert einer Reihe mit 8-mm-Stäben deutlich darunter bei ähnlicher Streuung, stützt das die Hypothese.

Definition

Machbarkeit, Lastenheft und Pflichtenheft

Vor dem Start prüft man die Machbarkeit: Ist das Vorhaben technisch, wirtschaftlich, zeitlich und rechtlich umsetzbar? Das Lastenheft nennt, was der Auftraggeber verlangt. Das Pflichtenheft beschreibt, wie und womit der Auftragnehmer das umsetzt. Es ist die verbindliche Grundlage für Entwicklung und Abnahme (Prüfung am Ende).

Anforderungen werden messbar formuliert und in Muss (unverzichtbar), Soll (wünschenswert) und Kann (zusätzlich) eingeteilt. Für die Handyhalterung: Muss: hält ein Smartphone bis 250 g sicher am Lenker mit 22 bis 32 mm Durchmesser. Soll: Montage ohne Werkzeug in unter 30 s. Kann: Führung für das Ladekabel.

Definition

Kostenkalkulation

In der Kalkulation addiert man Materialkosten und Fertigungskosten (Arbeitszeit mal Kostensatz je Stunde) zu den Einzelkosten. Dazu kommen Gemeinkosten, die sich keinem einzelnen Produkt zuordnen lassen, etwa die Miete der Werkstatt. Man rechnet sie als Zuschlag z auf die Einzelkosten. Ergebnis sind die Selbstkosten je Stück. Mit einem Gewinnaufschlag erhält man den Verkaufspreis.

Beispiel mit angenommenen Zahlen: Material 12 Euro, Fertigung 0,5 h bei 36 Euro je Stunde, also 18 Euro. Die Einzelkosten sind 30 Euro. Bei 20 % Gemeinkostenzuschlag betragen die Selbstkosten 30 · 1,2 = 36 Euro. Mit 15 % Gewinnaufschlag (5,40 Euro) ergibt sich ein Verkaufspreis von 41,40 Euro.

KSelbst=(KMaterial+KFertigung)⋅(1+z)K_{\text{Selbst}} = (K_{\text{Material}} + K_{\text{Fertigung}}) \cdot (1 + z)
Definition

Projektmanagement

Ein Projekt ist ein einmaliges Vorhaben mit Ziel, Zeitrahmen und begrenzten Mitteln. Projektmanagement plant und steuert es in vier Phasen: Definition (Ziel, Auftrag, Machbarkeit, Pflichtenheft), Planung (Lösungsideen mit Brainstorming, Brainwriting oder morphologischem Kasten finden und anhand des Pflichtenhefts auswählen; Aufgaben in Arbeitspakete gliedern, Termine, Verantwortliche, Kosten, Risiken), Durchführung (umsetzen, Fortschritt prüfen, gegensteuern) und Abschluss (Abnahme, Dokumentation, Auswertung). Zeit, Kosten und Qualität hängen zusammen: Wer eines verbessert, belastet meist ein anderes. Ein Meilenstein ist ein Termin mit überprüfbarem Ergebnis. Der kritische Pfad ist die längste Kette voneinander abhängiger Vorgänge. Er bestimmt die Projektdauer.

Beispiel

Terminplanung mit kritischem Pfad

Vier Vorgänge der Halterung: A Konstruktion (3 Tage), B Teile fertigen (4 Tage, nach A), C Elektronik beschaffen (2 Tage, nach A), D Montage und Test (3 Tage, nach B und C). B und C laufen gleichzeitig. Wie lange dauert das Projekt, und welcher Pfad ist kritisch?

D beginnt erst, wenn B und C fertig sind. B dauert 4 Tage, C nur 2. Das Projekt dauert 3 + 4 + 3 = 10 Tage. Kritischer Pfad ist A, B, D. C hat 4 − 2 = 2 Tage Puffer: Eine Verzögerung von C um einen Tag ändert nichts, eine von B verlängert das Projekt auf 11 Tage.

Definition

Produktdokumentation und Plansatz

Die Produktdokumentation hält fest, was das Produkt ist und wie man es herstellt, benutzt und wartet: Pflichtenheft, Berechnungen, Prüfprotokolle und Bedienungsanleitung. Zu ihr gehört der Plansatz, das sind die zusammengehörigen Zeichnungen und Pläne: Gesamtzeichnung, Einzelteilzeichnungen, Stückliste und gegebenenfalls Schaltplan.

Definition

Studie, Machbarkeitsstudie, Ökobilanz, Risikoanalyse, Partizipation (nur Leistungskurs)

Nur im Leistungskurs (erhöhtes Niveau).

  • Eine eigene wissenschaftliche Studie geht vor wie oben: Fragestellung, Hypothese, Versuchsdesign, Durchführung, Auswertung, Diskussion der Grenzen.
  • Eine technische Machbarkeitsstudie prüft vor Projektbeginn, ob eine Lösung technisch, wirtschaftlich, rechtlich und zeitlich erreichbar ist, und endet mit einer Empfehlung.
  • Eine Ökobilanz erfasst die Umweltwirkungen eines Produkts über seinen Lebenszyklus in vier Schritten: Ziel und Untersuchungsrahmen, Sachbilanz (Stoff- und Energieflüsse), Wirkungsabschätzung, Auswertung.
  • Eine Risikoanalyse bewertet mögliche Schadensereignisse. Das Risiko ist das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit p und Schadenshöhe S. Maßnahmen sind vermeiden, vermindern, übertragen (Versicherung) oder akzeptieren.
  • Partizipation bedeutet, Betroffene an Planung und Entscheidung zu beteiligen.
R=p⋅SR = p \cdot S
Definition

Aufbau und Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit

Eine wissenschaftliche Arbeit hat meist: Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Einleitung (Fragestellung, Ziel), Hauptteil (Grundlagen, Methode, Durchführung, Ergebnisse), Diskussion und Fazit, Quellenverzeichnis und Anhang. Aussagen werden belegt, fremde Gedanken mit Quelle gekennzeichnet.

Die Ingenieurwissenschaften verlangen zusätzlich: den Stand der Technik, also die aktuell verfügbaren Lösungen und Kenntnisse in Normen, Fachliteratur, Patentschriften und Produkten; technische Darstellungen wie normgerechte Zeichnungen, Schaltpläne und Diagramme mit Achsenbeschriftung und Einheit; die Produktbewertung, die prüft, wie gut das Ergebnis die Anforderungen des Pflichtenhefts erfüllt; und die Anwendungsbeurteilung, die einschätzt, ob das Produkt im realen Einsatz taugt.

Definition

Schutz- und Nutzungsrechte

Ein Schutzrecht gibt dem Inhaber das alleinige Recht, ein geistiges Erzeugnis zu nutzen. Andere brauchen seine Erlaubnis. Die Angaben gelten für Deutschland, die Fristen sind Höchstdauern.

RechtSchütztVoraussetzungHöchstdauer
Patenttechnische Erfindung (Erzeugnis, Verfahren)neu, erfinderisch, gewerblich anwendbar; Anmeldung mit Prüfung20 Jahre ab Anmeldung
Gebrauchsmustertechnische Erfindung (nur Erzeugnisse)wie Patent, aber Eintragung ohne Prüfung auf Neuheit10 Jahre
Designäußere Gestaltung (Form, Farbe, Muster)neu und eigenartig; Eintragung25 Jahre
Urheberrechtpersönliche geistige Schöpfung (Text, Bild, Software, Zeichnung)entsteht mit der Schöpfungbis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers

Eine Lizenz erlaubt, ein Werk oder eine Erfindung unter festgelegten Bedingungen zu nutzen, etwa gegen Gebühr oder mit Namensnennung. Freie Lizenzen wie Creative Commons erlauben Nutzung und Weitergabe unter Bedingungen.

Häufige Fehler

Gleiche Messwerte und eine geschützte Idee

„Bei jeder Wiederholung kam derselbe Wert heraus, also stimmt die Messung.“ Und: „Ich habe die Halterung erfunden, also gehört sie nur mir.“

Richtig ist

Gleiche Werte zeigen Reliabilität, nicht Validität: Ein unbemerkter Fehler im Verfahren gibt bei jeder Wiederholung denselben falschen Wert. Ein Patent oder Gebrauchsmuster entsteht nicht von selbst, man muss es anmelden. Das Urheberrecht entsteht automatisch, schützt aber die Gestaltung, etwa die Zeichnung, nicht die technische Idee.

Zusammenfassung

  • Eine Hypothese ist eine überprüfbare Vermutung. Das Versuchsdesign legt Variablen, Störgrößen und Wiederholungen fest.

  • Objektivität, Reliabilität und Validität sind die Gütekriterien. Reliabilität reicht für Validität nicht aus.

  • Die Machbarkeit wird vorab geprüft. Das Pflichtenheft legt Muss-, Soll- und Kann-Anforderungen fest.

  • Die Kalkulation addiert Material-, Fertigungs- und Gemeinkosten zu den Selbstkosten.

  • Projektmanagement hat vier Phasen. Der kritische Pfad bestimmt die Dauer.

  • Produktdokumentation und Plansatz halten den Aufbau fest. Eine wissenschaftliche Arbeit belegt ihre Quellen.

  • Patent, Gebrauchsmuster, Design und Urheberrecht schützen Verschiedenes. Eine Lizenz erlaubt die Nutzung unter Bedingungen.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Zur Prüfung der Dämmwirkung zweier Wandaufbauten wird jedes Mal die Lufttemperatur im Raum gemessen, und die Werte wiederholen sich. Welche Aussage trifft zu?

Aufgabe 2Numerisch

Fünf gefertigte Bolzen haben die Durchmesser 12,0 mm, 12,4 mm, 11,8 mm, 12,2 mm und 12,6 mm. Wie groß ist der Mittelwert in Millimetern?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Projekt hat die Vorgänge A (2 Tage), B (5 Tage, nach A), C (3 Tage, nach A), D (4 Tage, nach B und C) und E (1 Tag, nach D). B und C laufen gleichzeitig. Wie viele Tage dauert das Projekt?

Aufgabe 4Freitext

Du willst prüfen, ob eine dickere Dämmschicht ein Haus-Modell länger warm hält. Formuliere eine Hypothese und nenne unabhängige Variable, abhängige Variable und zwei Störgrößen.