Lektion 1.2

Planung, Entwicklung und Dokumentation technischer Produkte

15 min Lesezeit

In eurer Klasse liegen die Tablets beim Arbeiten flach auf dem Tisch und blenden. Jemand sagt: "Wir bauen Ständer!" Zwei Mitschüler greifen sofort zur Säge. Nach einer Stunde passt der Ständer nur zu einem Tablet, kippt nach hinten, und von der Holzplatte ist mehr als die Hälfte im Abfall.

Gute technische Produkte entstehen anders. Man klärt zuerst, was gebraucht wird, plant, vergleicht Lösungen, baut, testet und hält alles fest. Du lernst diesen Weg und wie du dabei Material sparst.

Definition

Bedarfsanalyse und Anforderungsliste

Die Bedarfsanalyse klärt, welches Problem gelöst werden soll, für wen und unter welchen Bedingungen. Du fragst: Wer nutzt das Produkt, wofür, wo, und was gibt es schon? Quellen sind Befragung der Nutzer, Beobachtung und der Vergleich mit vorhandenen Produkten.

Das Ergebnis ist die Anforderungsliste. Sie nennt, was das Produkt leisten soll. Jede Anforderung muss messbar sein, damit du später prüfen kannst, ob sie erfüllt ist. Forderungen müssen erfüllt sein, Wünsche werden nach Möglichkeit erfüllt.

Nr.AnforderungArtPrüfung
1Trägt ein Tablet bis 600 g, ohne zu kippenForderung600 g auflegen
2Passt für Tablets bis 12 mm DickeForderungDicke nachmessen
3Neigung des Tablets etwa 60° zur TischflächeForderungWinkel messen
4Sperrholz, 8 mm dick, aus der WerkstattWunschMaterialliste
5Material kostet höchstens 3 EuroWunschPreise addieren

"Soll stabil sein" wäre keine brauchbare Anforderung, denn man kann nicht prüfen, wann sie erfüllt ist.

Definition

Lösungskonzept

Das Lösungskonzept beschreibt, wie das Produkt grundsätzlich funktionieren soll, bevor Maße festgelegt werden.

Zuerst teilst du die Aufgabe in Teilfunktionen (zum Beispiel: Tablet halten, Neigung sichern). Für jede sammelst du mehrere Ideen, etwa durch Brainstorming oder den Blick auf vorhandene Produkte. Eine Tabelle mit allen Ideen je Teilfunktion heißt morphologischer Kasten. Wählst du aus jeder Zeile eine Idee, entsteht eine Variante.

TeilfunktionIdee 1Idee 2Idee 3
Tablet haltenAnschlagleisteNut in der BodenplatteGummiband
Neigung sichernfeste StützeKlappstützeAuflage mit Stufen
Teile verbindenLeimenSteckenSchrauben

Dann vergleichst du die Varianten in einer Bewertungstabelle (Nutzwertanalyse). Jedes Kriterium bekommt ein Gewicht, jede Variante Punkte von 1 (schlecht) bis 5 (sehr gut). Gewicht mal Punkte ergibt den Teilwert, die Summe ist der Nutzwert. Die Variante mit dem höchsten Nutzwert wird gewählt.

Beispiel

Drei Varianten bewerten

Für den Tablet-Ständer gibt es drei Varianten: A (Leisten, geleimt), B (gesteckte Platten) und C (Klappständer, geschraubt). Gewichte: Stabilität 3, Materialverbrauch 2, Bauaufwand 1. Punkte: A bekommt 4, 2 und 5, B bekommt 3, 5 und 3, C bekommt 5, 1 und 2. Welche Variante gewinnt?

KriteriumGewichtABC
Stabilität33 · 4 = 123 · 3 = 93 · 5 = 15
Materialverbrauch22 · 2 = 42 · 5 = 102 · 1 = 2
Bauaufwand11 · 5 = 51 · 3 = 31 · 2 = 2
Nutzwert (Summe)-212219

Variante B hat mit 22 den höchsten Nutzwert, obwohl C am stabilsten ist. Die Gewichte entscheiden: Hier zählt der Materialverbrauch stärker als der Bauaufwand. Halte die Entscheidung mit Begründung fest.

Definition

Produkt entwickeln und konstruieren

Steht das Konzept, wird das Produkt konstruiert: Du legst Form, Maße, Werkstoffe und Verbindungen fest und hältst sie in Skizzen und Zeichnungen fest. Die Maße ergeben sich aus der Anforderungsliste. Darf das Tablet 12 mm dick sein, muss die Aufnahme etwas breiter sein, zum Beispiel 14 mm, damit es nicht klemmt.

Aus der Konstruktion entsteht ein Prototyp, ein erstes Muster zum Testen. Er darf aus billigem Material sein, zum Beispiel Karton oder Restholz, denn Fehler sind hier günstig. Am Prototyp prüfst du die Anforderungen.

Definition

Ressourcenschonende Auswahl und Verschnitt

Ressourcen sind Rohstoffe, Energie und Zeit. Ressourcenschonend planen heißt: nur so viel Material einsetzen wie nötig, Reste nutzen, haltbar bauen und Werkstoffe wählen, die sich später trennen und wiederverwerten lassen. Schrauben lassen sich lösen, Leim nicht.

Beim Zuschnitt aus einer Platte entsteht Verschnitt: der Teil des Ausgangsmaterials, der nicht im Produkt landet. Mit einem Zuschnittplan, einer maßstäblichen Zeichnung der Platte mit allen Teilen, hältst du ihn klein. Den Anteil berechnest du so:

Verschnitt=APlatte−ATeileAPlatte⋅100 %\text{Verschnitt} = \frac{A_{\text{Platte}} - A_{\text{Teile}}}{A_{\text{Platte}}} \cdot 100\,\%
Beispiel

Zuschnittplan für den Ständer

Der Ständer besteht aus einer Rückwand (200 mm × 150 mm), einer Bodenplatte (200 mm × 100 mm), zwei Stützen (je 100 mm × 100 mm) und einer Leiste (200 mm × 50 mm). Du hast eine Sperrholzplatte von 400 mm × 250 mm. Passen alle Teile, und wie groß ist der Verschnitt?

Obere Reihe, 150 mm hoch: Rückwand (200 mm breit) und daneben die zwei Stützen (je 100 mm breit). Breite: 200 + 100 + 100 = 400 mm.

Untere Reihe, 100 mm hoch: Bodenplatte (200 mm breit) und daneben die Leiste (200 mm breit, nur 50 mm hoch). Breite: 200 + 200 = 400 mm. Höhe insgesamt: 150 + 100 = 250 mm. Alle Teile passen.

Flächen: 200 · 150 = 30 000 mm², 200 · 100 = 20 000 mm², 2 · 100 · 100 = 20 000 mm², 200 · 50 = 10 000 mm². Zusammen 80 000 mm². Die Platte hat 400 · 250 = 100 000 mm².

Verschnitt: (100 000 − 80 000) : 100 000 = 0,2, also 20 %. Weil jeder Sägeschnitt etwa 2 mm Material wegnimmt, planst du in der Praxis eine etwas größere Platte oder minimal kleinere Teile ein.

Definition

Dokumentation

Die Dokumentation hält fest, was geplant, entschieden und gebaut wurde. Sie hilft anderen beim Nachbauen, dir selbst später bei der Frage "Warum haben wir das so gemacht?" und Kunden oder Prüfern als Nachweis. Eine Entwicklungsdokumentation enthält:

  • Titel, Namen und Datum
  • Bedarfsanalyse und Anforderungsliste
  • Lösungsideen, Bewertungstabelle und die begründete Entscheidung
  • Skizzen, Zeichnungen, Stückliste und Zuschnittplan
  • Arbeitsablaufplan
  • Prüfprotokoll mit den Testergebnissen
  • Änderungen mit Datum und Grund
  • verwendete Quellen

Halte auch Fehlversuche fest, denn aus ihnen entsteht die Verbesserung. Schreibe laufend mit und nicht erst am Ende aus dem Gedächtnis.

Definition

Bewerten und Optimieren

Beim Bewerten prüfst du das Ergebnis an der Anforderungsliste: Pro Anforderung vergleichst du den Sollwert mit dem gemessenen Istwert und notierst, ob sie erfüllt ist. Dazu kommen Aufwand, Kosten, Materialverbrauch und Sicherheit.

Beim Optimieren verbesserst du das Produkt gezielt: Du benennst die Schwachstelle, wählst eine Änderung, setzt sie um und testest erneut. Ändere nur eine Sache auf einmal, sonst weißt du nicht, welche Änderung gewirkt hat. Ziele widersprechen sich oft: Mehr Stabilität braucht meist mehr Material. Darum wägst du ab, zum Beispiel mit der Bewertungstabelle, und dokumentierst die Entscheidung.

Häufige Fehler

Erst bauen, Anforderungen später

„Wir fangen schon mal an. Was der Ständer können muss, sehen wir unterwegs.“

Richtig ist

Ohne Anforderungsliste kannst du am Ende nicht beurteilen, ob das Produkt gut ist. Änderungen am fertigen Bauteil sind teuer und kosten Material. Die Bedarfsanalyse steht deshalb am Anfang.

Häufige Fehler

Die erste brauchbare Idee nehmen

„Die erste Idee, die funktioniert, ist die beste.“

Richtig ist

Wer nur eine Lösung kennt, kann sie nicht mit anderen vergleichen. Erst mehrere Varianten und eine Bewertung zeigen, welche die Anforderungen am besten erfüllt und am wenigsten Material braucht.

Zusammenfassung

  • Die Bedarfsanalyse klärt Nutzer, Zweck und Bedingungen. Sie endet in einer Anforderungsliste mit messbaren Forderungen und Wünschen.

  • Das Lösungskonzept entsteht aus Teilfunktionen, mehreren Ideen und Varianten. Eine Bewertungstabelle mit Gewichten bestimmt den höchsten Nutzwert.

  • Konstruieren legt Form, Maße, Werkstoffe und Verbindungen fest. Der Prototyp wird an den Anforderungen getestet.

  • Ressourcenschonend heißt: wenig Material, Reste nutzen, haltbar und trennbar bauen. Ein Zuschnittplan hält den Verschnitt klein.

  • Die Dokumentation hält Entscheidungen, Zeichnungen, Prüfergebnisse und Änderungen mit Begründung fest, laufend und nicht erst am Ende.

  • Beim Bewerten vergleichst du Soll und Ist. Beim Optimieren änderst du gezielt eine Sache und testest erneut.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welche Anforderung ist messbar formuliert?

Aufgabe 2Numerisch

Aus einer Platte von 300 mm × 200 mm werden drei gleiche Teile von je 100 mm × 150 mm geschnitten. Wie groß ist der Verschnitt in Prozent?

Aufgabe 3Multiple Choice

Du hast drei Lösungsvarianten entworfen. Was tust du als Nächstes?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Variante wird nach Kosten (Gewicht 2) und Haltbarkeit (Gewicht 3) bewertet. Sie bekommt 4 Punkte für Kosten und 3 Punkte für Haltbarkeit. Wie groß ist ihr Nutzwert?

Aufgabe 5Freitext

Dein Prototyp kippt nach hinten, sobald ein Tablet aufliegt. Beschreibe, wie du optimierst, und begründe, warum du nur eine Sache auf einmal änderst.