Vererbung und Genetik menschlicher Erkrankungen
In den Nachkommen der britischen Königin Victoria erkrankten fast nur Söhne an der Bluterkrankheit, übertragen von gesunden Töchtern. Eine junge Frau, deren Bruder an Mukoviszidose leidet, fragt in einer genetischen Beratung, wie wahrscheinlich ein krankes Kind bei ihr wäre.
Wie sagt man ein solches Risiko voraus? Welche Arten von Veränderungen des Erbguts gibt es? Und was darf man testen, behandeln und verändern? Mendelsche Regeln, Mutationen und Stammbäume kennst du aus der Mittelstufe. Hier gehst du weiter und bewertest auch die Verfahren der Humangenetik.
Mendelsche Regeln und Testkreuzung
Ein Gen liegt in zwei Kopien (Allelen) vor. Gleiche Allele heißen homozygot, verschiedene heterozygot. Beim dominant-rezessiven Erbgang prägt das dominante Allel den Phänotyp auch heterozygot aus, beim intermediären ergibt sich eine Mischform (rote und weiße Wunderblume geben rosa Blüten), bei Kodominanz zeigen sich beide Allele (Blutgruppe AB).
- Uniformitätsregel: Kreuzt man reinerbige Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden, sind alle Nachkommen (F1) einheitlich.
- Spaltungsregel: In der F2 spalten die Merkmale auf, dominant-rezessiv im Verhältnis 3 : 1 (Genotypen 1 : 2 : 1).
- Unabhängigkeitsregel: Gene auf verschiedenen Chromosomen werden unabhängig kombiniert. Bei zwei Merkmalen spaltet die F2 im Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1.
Eine Testkreuzung mit einer reinerbig rezessiven Form zeigt den Genotyp: Sind alle Nachkommen dominant, war die Form reinerbig, tritt etwa zur Hälfte das rezessive Merkmal auf, war sie mischerbig.
Genkopplung und Crossing-over
Liegen zwei Gene auf demselben Chromosom, werden sie meist gemeinsam vererbt (Kopplung), die Unabhängigkeitsregel gilt dann nicht. Beim Crossing-over in der Meiose I tauschen homologe Chromosomen Stücke aus, und es entstehen neue Kombinationen, die Rekombinanten. Je weiter zwei Gene auseinanderliegen, desto häufiger ist das. Man setzt 1 % Rekombinanten mit 1 cM (Centimorgan) Abstand gleich. So erstellten Morgan und seine Schüler Genkarten der Fruchtfliege.
Abstand zweier gekoppelter Gene
Abstand zweier gekoppelter Gene
Eine Testkreuzung bei der Fruchtfliege liefert 1000 Nachkommen: 420 und 420 mit den Elternkombinationen, 80 und 80 mit neuen Kombinationen. Wie groß ist der Genabstand?
Die Rekombinanten machen 80 + 80 = 160 von 1000 aus, das sind 16 %. Der Abstand beträgt 16 cM. Bei freier Kombination (Gene auf verschiedenen Chromosomen) wären es je 25 % pro Typ, also 50 % Rekombinanten.
Stammbaumanalyse
Ein Stammbaum zeigt Verwandte, Männer als Quadrat, Frauen als Kreis, Betroffene ausgefüllt. Typische Schlüsse:
- autosomal-rezessiv: Gesunde Eltern (Überträger) bekommen ein krankes Kind, Töchter und Söhne gleich häufig (Mukoviszidose).
- autosomal-dominant: Jeder Betroffene hat einen betroffenen Elternteil, das Merkmal tritt in jeder Generation auf (Huntington-Krankheit).
- X-chromosomal-rezessiv: Meist sind Söhne betroffen, da sie nur ein X haben. Gesunde Mütter (Konduktorinnen) vererben es. Ein betroffener Vater gibt sein X nur den Töchtern (Rot-Grün-Schwäche, Bluterkrankheit).
Welcher Erbgang?
Welcher Erbgang?
(a) Zwei gesunde Eltern haben eine kranke Tochter. Welcher Erbgang liegt vor, wie groß ist das Risiko für ein weiteres Kind? (b) Eine Konduktorin der Bluterkrankheit hat ein Kind mit einem gesunden Mann. Wie wahrscheinlich ist ein kranker Sohn?
(a) Dominant scheidet aus, denn die Eltern sind gesund. X-chromosomal-rezessiv scheidet aus, denn dafür müsste der Vater krank sein. Es ist autosomal-rezessiv, beide Eltern sind Aa. Aa × Aa ergibt AA, Aa, Aa, aa, also ein Viertel (25 %) kranke Kinder.
(b) Die Mutter ist , der Vater (h ist das Allel der Bluterkrankheit). Mögliche Kinder, je ein Viertel: , , und . Ein Viertel der Kinder sind kranke Söhne, die Hälfte aller Söhne ist krank, keine Tochter ist krank, aber die Hälfte der Töchter ist Konduktorin.
Mutationen und Modifikation
Eine Genmutation ändert die Basenfolge eines Gens (Mukoviszidose, Sichelzellanämie). Eine Chromosomenmutation ändert die Struktur eines Chromosoms: Deletion (Stück fehlt, etwa beim Cri-du-chat-Syndrom), Duplikation, Inversion (Stück umgedreht) oder Translokation (Stück an einem anderen Chromosom). Eine Genommutation ändert die Chromosomenzahl, meist durch Fehlverteilung in der Meiose: Trisomie 21 (drei Chromosomen 21), Turner-Syndrom (nur ein X) und Klinefelter-Syndrom (XXY). Das Risiko für eine Trisomie steigt mit dem Alter der Mutter.
Eine Modifikation ist eine Veränderung des Phänotyps durch Umwelteinflüsse innerhalb der Reaktionsnorm, dem vom Erbgut festgelegten Spielraum. Sie ist nicht erblich. Beim Himalaya-Kaninchen ist das Fell an den kühlen Körperenden dunkel, weil das Enzym für den Farbstoff nur bei niedriger Temperatur arbeitet. Kühlt man eine rasierte Stelle, wächst dort dunkles Fell nach.
Gentest, genetische Beratung, Pränataldiagnostik und PID
Ein Gentest untersucht die DNA. Er kann diagnostisch sein (bei Symptomen), prädiktiv (Vorhersage vor Symptomen, etwa bei Huntington) oder ein Test auf Anlageträger. Das Ergebnis ist oft nur eine Wahrscheinlichkeit. Die genetische Beratung erklärt Erbgang, Risiko und Möglichkeiten, ohne zu einer Entscheidung zu drängen. Zum Recht auf Selbstbestimmung gehört das Recht auf Nichtwissen. In Deutschland regelt das Gendiagnostikgesetz die Tests.
Die Pränataldiagnostik untersucht das Kind vor der Geburt. Ultraschall und ein Bluttest auf fetale DNA im mütterlichen Blut geben Hinweise ohne Eingriff. Bei Chorionzottenbiopsie (Gewebe der Plazenta) und Fruchtwasseruntersuchung entnimmt man Zellen für eine Chromosomenanalyse, mit einem kleinen Risiko einer Fehlgeburt. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) untersucht man nach künstlicher Befruchtung einzelne Zellen des Embryos, bevor er eingesetzt wird. In Deutschland ist das nur nach Prüfung durch eine Ethikkommission bei hohem Risiko für eine schwere Erbkrankheit erlaubt. Ethische Fragen sind die Selbstbestimmung der Eltern, der Schutz des Embryos und das Bild von Menschen mit Behinderung.
Gentherapie
Bei der somatischen Gentherapie bringt man in Körperzellen eines Patienten ein funktionsfähiges Gen ein (oft mit einem Virus als Genfähre) oder korrigiert ein defektes. Die Änderung betrifft nur den Patienten und wird nicht vererbt. Risiken sind Immunreaktionen und der Einbau des Gens an der falschen Stelle, der Krebs auslösen kann. Bei der Keimbahntherapie verändert man Keimzellen oder Embryonen, die Änderung ginge an alle Nachkommen. Sie ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten, denn Folgen für künftige Generationen sind nicht absehbar und diese können nicht einwilligen.
Dominant heißt häufig
Dominant heißt häufig
„Ein dominantes Allel ist stärker und kommt deshalb häufiger vor.“
Dominant sagt nur, dass sich das Allel im Phänotyp durchsetzt, nicht, wie häufig es ist. Die Huntington-Krankheit ist dominant und selten, die Blutgruppe 0 ist rezessiv und häufig.
Ein Gentest sagt die Zukunft voraus
Ein Gentest sagt die Zukunft voraus
„Wer eine Risikovariante trägt, erkrankt sicher.“
Bei Huntington erkranken Träger praktisch immer, wenn sie alt genug werden. Bei vielen Varianten, etwa BRCA1, erhöht sie nur das Risiko. Umwelt und andere Gene wirken mit, ein Teil der Träger bleibt gesund.
Zusammenfassung
Mendels Regeln: Uniformität, Spaltung (3 : 1) und Unabhängigkeit (9 : 3 : 3 : 1) bei Genen auf verschiedenen Chromosomen. Die Testkreuzung zeigt den Genotyp.
Gekoppelte Gene liegen auf einem Chromosom. Die Rekombinationshäufigkeit durch Crossing-over ist ein Maß für ihren Abstand (1 % entspricht 1 cM).
Stammbäume lassen autosomal-rezessive, autosomal-dominante und X-chromosomal-rezessive Erbgänge unterscheiden.
Gen-, Chromosomen- und Genommutationen sind erbliche Veränderungen, Modifikationen sind umweltbedingt und nicht erblich.
Gentests, Pränataldiagnostik und PID liefern Informationen, die Beratung und eine ethische Abwägung erfordern.
Somatische Gentherapie wirkt nur im Patienten, Eingriffe in die Keimbahn sind in Deutschland verboten.
Übungen
Zwei Pflanzen mit dem Genotyp AaBb (Gene auf verschiedenen Chromosomen, A und B dominant) werden gekreuzt. Von 1600 Nachkommen: Wie viele zeigen beide dominanten Merkmale?
In einer Testkreuzung mit zwei gekoppelten Genen sind von 600 Nachkommen 54 Rekombinanten. Wie groß ist der Abstand der Gene in cM?
Zwei gesunde Eltern haben ein krankes Mädchen. Welcher Erbgang kommt in Frage?
Das Down-Syndrom beruht auf drei Chromosomen 21. Um welche Art von Veränderung handelt es sich?
Eine Konduktorin für die Bluterkrankheit hat Kinder mit einem gesunden Mann. Wie viel Prozent der Söhne sind erkrankt?
Ein Himalaya-Kaninchen wächst bei 30 °C auf und bleibt fast weiß. Erkläre mit den Begriffen Modifikation und Reaktionsnorm, ob sich sein Erbgut von dem eines normal gefärbten Tiers unterscheidet.