Lektion 1.1

Atombau, Orbitalmodell und Periodensystem

22 min Lesezeit

Eine Natriumdampflampe an der Landstraße leuchtet gelb, eine Leuchtreklame mit Neon rotorange. Streut man Kochsalz in eine Gasflamme, färbt sie sich gelb, Kupfersalze färben sie grün. Jedes Element sendet offenbar nur ganz bestimmte Farben aus.

Das Energiestufenmodell der Mittelstufe erklärt das nur zum Teil. Es kennt Hauptenergiestufen mit den Unterstufen s, p und d, sagt aber nicht, wie die Elektronen im Raum verteilt sind. Es erklärt auch nicht, warum die Perioden des Periodensystems 2, 8, 8, 18, 18, 32 und 32 Elemente lang sind.

In dieser Lektion erklärst du Spektren mit dem Bohr'schen Modell. Dann baust du mit dem Orbitalmodell die Elektronenhülle aller Elemente auf und liest daraus das Periodensystem ab.

Definition

Linienspektrum und Bohr'sches Modell

Zerlegt man das Licht einer glühenden Lampe mit einem Prisma, entsteht ein durchgehendes Farbband. Das Licht eines leuchtenden Gases besteht dagegen nur aus einzelnen Farblinien, einem Linienspektrum. Jedes Element hat sein eigenes Linienspektrum und lässt sich daran erkennen (Spektralanalyse).

Niels Bohr erklärte das 1913 für das Wasserstoffatom. Das Elektron hat nur bestimmte Energien EnE_n mit n=1,2,3,…n = 1, 2, 3, \dots und läuft ohne Energieverlust auf der zugehörigen Kreisbahn. Springt es von einer höheren Stufe n2n_2 auf eine tiefere Stufe n1n_1, sendet das Atom ein Lichtteilchen (Photon) mit genau der Energiedifferenz aus. Je größer der Sprung, desto kürzer die Wellenlänge λ\lambda. Für Wasserstoff gilt, mit Energien in Elektronenvolt (eV) und h⋅c≈1240 eV⋅nmh \cdot c \approx 1240\ \mathrm{eV \cdot nm} (Planck-Konstante mal Lichtgeschwindigkeit):

En=−13,6 eVn2ΔE=En2−En1=h⋅cλE_n = -\frac{13{,}6\ \mathrm{eV}}{n^2} \qquad \Delta E = E_{n_2} - E_{n_1} = \frac{h \cdot c}{\lambda}
Beispiel

Die rote Wasserstofflinie

Angeregter Wasserstoff sendet beim Übergang von n=3n = 3 nach n=2n = 2 eine Linie aus. Berechne ihre Wellenlänge.

E3=−13,6/9=−1,51 eVE_3 = -13{,}6 / 9 = -1{,}51\ \mathrm{eV} und E2=−13,6/4=−3,40 eVE_2 = -13{,}6 / 4 = -3{,}40\ \mathrm{eV}. Das Minus bedeutet: Das Elektron ist an den Kern gebunden, 0 eV0\ \mathrm{eV} ist das freie Elektron. Die Differenz ist ΔE=−1,51−(−3,40)=1,89 eV\Delta E = -1{,}51 - (-3{,}40) = 1{,}89\ \mathrm{eV}. Damit ist λ=1240 eV⋅nm/1,89 eV≈656 nm\lambda = 1240\ \mathrm{eV \cdot nm} / 1{,}89\ \mathrm{eV} \approx 656\ \mathrm{nm}. Das ist rotes Licht. Aus dem Grundzustand n=1n = 1 braucht man 13,6 eV13{,}6\ \mathrm{eV}, um das Elektron ganz zu lösen: die Ionisierungsenergie von Wasserstoff.

Definition

Orbital

Das Bohr'sche Modell gilt nur für Atome mit einem Elektron. Auch Bahnen gibt es streng genommen nicht: Nach der Quantenmechanik lassen sich Ort und Geschwindigkeit eines Elektrons nicht zugleich beliebig genau angeben. Das Orbitalmodell beschreibt deshalb nur, wo sich ein Elektron mit welcher Wahrscheinlichkeit aufhält.

Ein Orbital ist der Raumbereich um den Kern, in dem sich ein Elektron mit hoher Wahrscheinlichkeit aufhält (üblich gezeichnet: 90 %). Ein Orbital fasst höchstens zwei Elektronen. s-Orbitale sind kugelförmig. Die drei p-Orbitale sind hantelförmig und zeigen entlang der drei Raumachsen (pxp_x, pyp_y, pzp_z). Die fünf d-Orbitale und die sieben f-Orbitale haben Formen mit mehreren Keulen. Bei gleicher Form wird das Orbital mit wachsendem nn größer.

Definition

Quantenzahlen

Jedes Orbital und jedes Elektron wird durch Quantenzahlen beschrieben:

QuantenzahlNameWerteBedeutung
nnHauptquantenzahl1,2,3,…1, 2, 3, \dotsEnergiestufe (Schale), Größe
llNebenquantenzahl0,1,…,n−10, 1, \dots, n-1Unterstufe: s, p, d, f für l=0,1,2,3l = 0, 1, 2, 3
mlm_lMagnetquantenzahl−l,…,+l-l, \dots, +lAusrichtung im Raum
msm_sSpinquantenzahl+12+\frac{1}{2} oder −12-\frac{1}{2}Eigendrehung (Spin) des Elektrons

Zu einer Unterstufe gehören 2l+12l + 1 Orbitale (s: 1, p: 3, d: 5, f: 7), also Platz für 2, 6, 10 und 14 Elektronen. Auf der Stufe nn gibt es nn Unterstufen, n2n^2 Orbitale und 2n22n^2 Elektronen.

Beispiel

Die dritte Stufe

Gib für n=3n = 3 die Unterstufen, die Zahl der Orbitale und der Elektronen an. Gibt es ein 2d-Orbital?

Für n=3n = 3 gilt l=0,1,2l = 0, 1, 2: Die Unterstufen sind 3s, 3p und 3d. Orbitale: 1+3+5=9=321 + 3 + 5 = 9 = 3^2. Elektronen: 2⋅9=18=2⋅322 \cdot 9 = 18 = 2 \cdot 3^2. Für n=2n = 2 ist höchstens l=1l = 1, ein 2d-Orbital gibt es daher nicht.

Definition

Aufbauprinzip, Pauli-Prinzip und Hund'sche Regel

Im Grundzustand, dem Zustand niedrigster Energie, entsteht die Elektronenhülle nach drei Regeln.

  • Aufbauprinzip: Die Orbitale werden von der niedrigsten Energie an besetzt: 1s, 2s, 2p, 3s, 3p, 4s, 3d, 4p, 5s, 4d, 5p, 6s, 4f, 5d, 6p, 7s, 5f, 6d, 7p. Merkhilfe: nach wachsender Summe n+ln + l ordnen, bei gleicher Summe zuerst das kleinere nn.
  • Pauli-Prinzip: In einem Atom stimmen keine zwei Elektronen in allen vier Quantenzahlen überein. Ein Orbital enthält also höchstens zwei Elektronen, und sie haben entgegengesetzten Spin (↑↓\uparrow\downarrow).
  • Hund'sche Regel: Orbitale gleicher Energie, etwa die drei 2p-Orbitale, werden zuerst einzeln mit Elektronen gleichen Spins besetzt. Erst danach bilden sich Paare, denn zwei Elektronen im selben Orbital stoßen sich stärker ab.

Die Konfiguration schreibt man wie in der Mittelstufe, zum Beispiel 1s2 2s2 2p31s^2\,2s^2\,2p^3. Elektronen ohne Partner im Orbital heißen ungepaart.

Beispiel

Stickstoff und Eisen

Gib die Konfiguration von Stickstoff (Z=7Z = 7) und von Eisen (Z=26Z = 26) an. Wie viele ungepaarte Elektronen haben die Atome? Wie sind die Ionen Fe2+\mathrm{Fe^{2+}} und Fe3+\mathrm{Fe^{3+}} aufgebaut?

Stickstoff: 1s2 2s2 2p31s^2\,2s^2\,2p^3 (2 + 2 + 3 = 7). Die drei 2p-Elektronen besetzen nach Hund 2px2p_x, 2py2p_y und 2pz2p_z einzeln, alle mit gleichem Spin: drei ungepaarte Elektronen. Darum bildet Stickstoff drei Bindungen, zum Beispiel in NH3\mathrm{NH_3}.

Eisen: Bis Argon sind es 18 Elektronen, die man kurz als [Ar][\mathrm{Ar}] schreibt. Die übrigen 8 füllen zuerst 4s (2), dann 3d (6): [Ar] 3d6 4s2[\mathrm{Ar}]\,3d^6\,4s^2. In 3d sitzt ein Paar, die anderen vier Elektronen sind einzeln: vier ungepaarte Elektronen. Bei der Ionenbildung gehen zuerst die 4s-Elektronen: Fe2+\mathrm{Fe^{2+}} ist [Ar] 3d6[\mathrm{Ar}]\,3d^6 und Fe3+\mathrm{Fe^{3+}} ist [Ar] 3d5[\mathrm{Ar}]\,3d^5. Beim Fe3+\mathrm{Fe^{3+}} ist jedes der fünf d-Orbitale einfach besetzt, eine halb gefüllte Unterstufe ist besonders stabil.

Definition

Das vollständige Periodensystem: s-, p-, d- und f-Block

Das Periodensystem ordnet die Elemente nach der Ordnungszahl. Die Periode ist die Hauptquantenzahl der äußersten Schale (bei Palladium, [Kr] 4d10[\mathrm{Kr}]\,4d^{10}, weicht das ab: Periode 5, aber höchstes besetztes n=4n = 4). Der Block nennt die Unterstufe, die zuletzt aufgefüllt wird:

Blockzuletzt besetztGruppenPlätze je Periode
s-Blocks1 und 2 (und Helium)2
p-Blockp13 bis 186
d-Blockd3 bis 12 (Nebengruppen, Übergangsmetalle)10
f-BlockfLanthanoide, Actinoide14

Die Länge der Perioden folgt aus dem Aufbauprinzip. Periode 2 und 3: s und p, 2+6=82 + 6 = 8. Periode 4 und 5: s, d und p, 2+10+6=182 + 10 + 6 = 18 (4s, 3d, 4p). Periode 6 und 7: s, f, d und p, 2+14+10+6=322 + 14 + 10 + 6 = 32 (6s, 4f, 5d, 6p). Die Hauptgruppen sind s- und p-Block, ihre Valenzelektronen sind die s- und p-Elektronen der äußersten Stufe.

Beispiel

Ein Element im Periodensystem finden

Ein Atom hat die Konfiguration [Kr] 4d10 5s2 5p3[\mathrm{Kr}]\,4d^{10}\,5s^2\,5p^3. Bestimme Periode, Block, Gruppe und Ordnungszahl.

Die höchste besetzte Hauptquantenzahl ist 5: Periode 5. Zuletzt wird 5p besetzt: p-Block. Die Valenzelektronen sind 5s2 5p35s^2\,5p^3, also 5 Stück. Im p-Block heißt das Gruppe 15 (Gruppennummer minus 10 ergibt 5). Die Ordnungszahl ist 36+10+2+3=5136 + 10 + 2 + 3 = 51 (Krypton hat 36 Elektronen): Antimon.

Den d-Block erkunden

Die Übergangsmetalle sind hervorgehoben, Eisen ist gewählt. Klicke nacheinander Ca, Sc, Cr, Mn, Cu und Zn an und lies bei "Elektronen je Schale" die Zahlen ab. Die dritte Zahl wächst von 8 auf 18, weil die 3d-Unterstufe gefüllt wird, die letzte Zahl bleibt meist 2. Bei Chrom und Kupfer steht hinten eine 1: Das sind die Ausnahmen.

Häufige Fehler

Elektronen kreisen auf Bahnen

„Ein Orbital ist die Bahn, auf der ein Elektron um den Kern kreist.“

Richtig ist

Ein Orbital ist ein Raumbereich mit hoher Aufenthaltswahrscheinlichkeit, keine Bahn. Das Elektron hat keinen festen Weg. Auch das Bohr'sche Modell mit Bahnen reicht streng nur für Wasserstoff.

Häufige Fehler

Was zuletzt besetzt wurde, geht zuerst verloren

„Eisen füllt erst 4s und dann 3d. Bei der Ionenbildung verliert es daher zuerst die 3d-Elektronen.“

Richtig ist

Sobald 3d besetzt ist, liegt 4s energetisch höher. Die 4s-Elektronen werden zuerst abgegeben: Fe2+\mathrm{Fe^{2+}} ist [Ar] 3d6[\mathrm{Ar}]\,3d^6, nicht 3d4 4s23d^4\,4s^2.

Zusammenfassung

  • Elemente senden Linienspektren aus. Nach Bohr entsteht eine Linie, wenn ein Elektron von einer höheren auf eine tiefere Energiestufe springt: ΔE=h⋅c/λ\Delta E = h \cdot c / \lambda.

  • Ein Orbital ist ein Raumbereich hoher Aufenthaltswahrscheinlichkeit und fasst höchstens zwei Elektronen. Das Bohr'sche Modell gilt nur für Wasserstoff.

  • Die Quantenzahlen nn, ll, mlm_l und msm_s legen Größe, Form, Ausrichtung und Spin fest. Auf der Stufe nn gibt es n2n^2 Orbitale und 2n22n^2 Elektronen.

  • Aufbauprinzip (energieärmstes Orbital zuerst), Pauli-Prinzip (höchstens zwei Elektronen mit entgegengesetztem Spin) und Hund'sche Regel (erst einzeln besetzen) ergeben die Konfiguration.

  • Chrom und Kupfer weichen ab, weil eine halb oder ganz gefüllte d-Unterstufe günstig ist. Ionen verlieren zuerst die s-Elektronen der äußersten Stufe.

  • Periode und Block lassen sich aus der Konfiguration ablesen. Die Perioden sind 2, 8, 8, 18, 18, 32, 32 Elemente lang.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie viele Orbitale gibt es insgesamt auf der Hauptenergiestufe n=4n = 4?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Konfiguration hat Mangan (Z=25Z = 25) im Grundzustand?

Aufgabe 3Numerisch

Wasserstoff sendet beim Übergang von n=4n = 4 nach n=2n = 2 Licht aus. Berechne die Wellenlänge in Nanometern. Verwende En=−13,6 eV/n2E_n = -13{,}6\ \mathrm{eV} / n^2 und h⋅c=1240 eV⋅nmh \cdot c = 1240\ \mathrm{eV \cdot nm}.

Aufgabe 4Numerisch

Wie viele ungepaarte Elektronen hat ein Chromatom im Grundzustand?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre mit dem Aufbauprinzip, warum die 4. Periode des Periodensystems 18 Elemente enthält.