Chemische Bindung und intermolekulare Wechselwirkungen
Kochsalz schmilzt erst bei etwa 800 °C, Wasser schon bei 0 °C. Kupfer lässt sich hämmern, ein Salzkristall zerspringt. Ethanol und Dimethylether haben beide die Formel , doch Ethanol siedet bei 78 °C, Dimethylether bei etwa −24 °C.
Der Grund ist, wie die Teilchen zusammenhalten. Du vertiefst die Bindungsarten der Mittelstufe und leitest aus dem Bau eines Stoffes seine Eigenschaften ab.
Elektronenpaarbindung und Mehrfachbindung
Bei der Elektronenpaarbindung (Atombindung) teilen sich zwei Atome ein oder mehrere Elektronenpaare, und jedes Atom erreicht meist ein Elektronenoktett. In der Lewis-Formel steht ein Strich zwischen zwei Atomen für ein bindendes Paar, ein Strich an einem Atom für ein freies Paar.
Zwei Atome können sich ein, zwei oder drei Paare teilen (Einfach-, Doppel-, Dreifachbindung). Mit der Zahl der Paare wird die Bindung kürzer und fester (C–C etwa 154 pm, C=C 134 pm, C≡C 120 pm).
Ionenbindung und Ionengitter
Die Ionenbindung ist die elektrostatische Anziehung zwischen positiven und negativen Ionen. Sie entsteht meist zwischen Metall- und Nichtmetallatomen. Die Anziehung wirkt in alle Richtungen, daher gibt es keine einzelnen Moleküle. Die Ionen bilden ein Ionengitter. Die Zahl der nächsten Nachbarn eines Ions heißt Koordinationszahl: Im Natriumchlorid ist jedes von 6 umgeben und umgekehrt, im Cäsiumchlorid sind es 8.
Ionenkristalle haben hohe Schmelztemperaturen (NaCl etwa 801 °C), sind hart und spröde und leiten Strom erst als Schmelze oder Lösung. Spröde sind sie, weil ein verschobener Gitterbereich gleichnamige Ionen nebeneinander bringt: Sie stoßen sich ab, der Kristall spaltet. Hohe Ladungen und kleine Ionen verstärken die Anziehung.
Metallbindung und Metallgitter
Metallatome geben Valenzelektronen leicht ab. Die positiven Atomrümpfe bilden das Metallgitter. Die abgegebenen Elektronen bewegen sich frei im ganzen Gitter (Elektronengas) und halten die Rümpfe zusammen: die Metallbindung.
Die freien Elektronen leiten Strom und Wärme. Metalle sind verformbar, weil sich Gitterschichten verschieben lassen, ohne dass die Bindung reißt: Das Elektronengas hält die Rümpfe in jeder Lage zusammen. Kupfer und Aluminium bilden dichteste Kugelpackungen mit Koordinationszahl 12, Natrium hat die Koordinationszahl 8.
Molekülgeometrie: Elektronenpaarabstoßungsmodell
Elektronenpaare stoßen sich ab und ordnen sich um das Zentralatom möglichst weit voneinander entfernt an. Gezählt werden die Bindungsbereiche: jedes freie Paar und jede Bindung zu einem Nachbaratom, wobei eine Doppel- oder Dreifachbindung nur als ein Bereich zählt. Freie Paare brauchen mehr Platz und drücken die Bindungspartner zusammen.
| Bereiche | freie Paare | Form | Winkel (etwa) | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| 2 | 0 | linear | 180° | |
| 3 | 0 | trigonal-planar | 120° | |
| 3 | 1 | gewinkelt | 119° | |
| 4 | 0 | tetraedrisch | 109,5° | |
| 4 | 1 | trigonal-pyramidal | 107° | |
| 4 | 2 | gewinkelt | 104,5° |
Mesomerie
Manche Teilchen lassen sich mit einer Lewis-Formel nicht richtig beschreiben. Im Carbonat-Ion würde eine Formel eine C=O-Doppelbindung und zwei C–O-Einfachbindungen zeigen. Gemessen sind aber alle drei C–O-Bindungen gleich lang (etwa 128 pm, zwischen 143 pm für C–O und 120 pm für C=O), und alle drei Sauerstoffatome tragen gleich viel Ladung.
Man zeichnet darum mehrere Grenzformeln, verbunden durch den Mesomeriepfeil . Sie unterscheiden sich nur in der Lage der Elektronen, nicht der Atome. Das Teilchen wechselt nicht zwischen den Formeln. Es hat einen einzigen Zustand, in dem die Elektronen auf mehrere Atome verteilt (delokalisiert) sind. Er ist energieärmer als jede Grenzformel; der Unterschied heißt Mesomerieenergie.
Das Carbonat-Ion
Das Carbonat-Ion
Wie viele Grenzformeln hat das Carbonat-Ion? Wie groß ist die mittlere Bindungsordnung der C–O-Bindung, und welche Ladung trägt jedes Sauerstoffatom im Mittel?
In jeder Grenzformel hat ein Sauerstoffatom eine Doppelbindung, die beiden anderen tragen je eine negative Ladung. Die Doppelbindung kann an jedem der drei Sauerstoffatome stehen: drei Grenzformeln. Die Bindungsordnung (1 für Einfach-, 2 für Doppelbindung) ist im Mittel . Die Ladung verteilt sich auf drei Atome: je Sauerstoffatom.
Intra- und intermolekulare Wechselwirkungen
Innerhalb eines Moleküls halten Atombindungen die Atome zusammen (einige hundert kJ/mol). Zwischen Molekülen wirken viel schwächere intermolekulare Wechselwirkungen (etwa 1 bis 40 kJ/mol). Beim Schmelzen und Sieden von Molekülstoffen werden nur sie überwunden.
- Van-der-Waals-Kräfte: Die Elektronenhülle schwankt, es entsteht kurz ein Dipol, der im Nachbarmolekül einen Dipol hervorruft. Sie wirken zwischen allen Teilchen, auch unpolaren, und wachsen mit Elektronenzahl und Oberfläche.
- Dipol-Dipol-Kräfte: Permanente Dipole ziehen sich an, zum Beispiel bei .
- Wasserstoffbrücken: Ein H-Atom, das an N, O oder F gebunden ist, wird vom freien Elektronenpaar eines N-, O- oder F-Atoms angezogen. Sie gibt es in Wasser, Alkoholen und Ammoniak.
- Ion-Dipol-Kräfte: Ein Ion zieht die Partialladungen eines Dipolmoleküls an. Beim Lösen von Salz in Wasser umgeben sich Kationen mit den O-Atomen, Anionen mit den H-Atomen der Wassermoleküle (Hydratation).
Intramolekular halten Wasserstoffbrücken auch Teile desselben großen Moleküls zusammen, etwa die Schraube (Helix) einer Eiweißkette.
Ethanol und Dimethylether
Ethanol und Dimethylether
Erkläre, warum Ethanol (78 °C) viel höher siedet als Dimethylether (etwa −24 °C).
Im Ethanol ist ein H-Atom an Sauerstoff gebunden, zwischen den Molekülen bilden sich Wasserstoffbrücken. Im Dimethylether sind alle H-Atome an Kohlenstoff gebunden, es gibt keine Brücken, nur Dipol-Dipol- und Van-der-Waals-Kräfte. Darum siedet er rund 100 °C tiefer.
Struktur-Eigenschafts-Beziehungen
Aus der Art der Teilchen und ihrer Bindung folgen die Eigenschaften. Ionenverbindungen (NaCl, 801 °C) und viele Metalle (Cu, 1085 °C) schmelzen hoch, Molekülstoffe wie Wasser (0 °C) niedrig, weil nur schwache intermolekulare Kräfte zu überwinden sind. Strom leiten Metalle über die freien Elektronen, Ionenverbindungen nur mit beweglichen Ionen, Molekülstoffe kaum. Ein Stoff löst sich meist in Lösemitteln mit ähnlichen Wechselwirkungen: Salze und polare Stoffe in Wasser, unpolare in Benzin.
Koordinative Bindung (nur Leistungskurs)
Bei der koordinativen Bindung stammen beide Elektronen des bindenden Paares von einem Partner. Der Donor liefert ein freies Elektronenpaar, der Akzeptor hat ein unbesetztes Orbital. Im Ammonium-Ion gibt sein freies Paar an ein mit leerem 1s-Orbital. Danach sind alle vier N–H-Bindungen gleichwertig. Ebenso entsteht aus und .
Hybridisierung (nur Leistungskurs)
In Methan bildet Kohlenstoff () vier gleichwertige Bindungen im Winkel 109,5°. Das Hybridisierungsmodell erklärt das: Ein s- und drei p-Orbitale mischen zu vier gleichwertigen sp³-Hybridorbitalen, die in die Ecken eines Tetraeders zeigen. Aus einem s- und zwei p-Orbitalen entstehen drei sp²-Orbitale in einer Ebene (120°), ein p-Orbital bleibt übrig. Bei sp bleiben zwei p-Orbitale übrig, die zwei Hybridorbitale liegen auf einer Geraden (180°).
Überlappen Orbitale entlang der Bindungsachse, entsteht eine σ-Bindung. Überlappen zwei parallele p-Orbitale seitlich, entsteht über und unter der Achse eine π-Bindung. Ethen (sp²) hat eine σ- und eine π-Bindung zwischen den C-Atomen, Ethin (sp) eine σ- und zwei π-Bindungen. Die π-Bindung verhindert die Drehung um die Doppelbindung.
Molekülorbitale (nur Leistungskurs)
Im Molekülorbital-Modell gehören die Elektronen dem ganzen Molekül. Aus zwei überlappenden Atomorbitalen entstehen zwei Molekülorbitale: ein bindendes, energieärmer als die Atomorbitale, und ein antibindendes, energiereicher. Sie werden nach Aufbauprinzip, Pauli-Prinzip und Hund'scher Regel besetzt. Ein Maß für die Bindung ist die Bindungsordnung. Beispiele: hat 2 bindende Elektronen, , eine stabile Bindung. hat 2 bindende und 2 antibindende, : Es gibt keine Bindung.
Mesomere Teilchen wechseln zwischen den Grenzformeln
Mesomere Teilchen wechseln zwischen den Grenzformeln
„Im Carbonat-Ion springt die Doppelbindung ständig von einem Sauerstoff zum anderen.“
Keine Grenzformel gibt das Teilchen richtig wieder. Es hat einen einzigen Zustand, in dem alle C–O-Bindungen gleich sind. Die Grenzformeln sind nur eine Hilfe zum Zeichnen.
Wasserstoffbrücken überall, wo Wasserstoff ist
Wasserstoffbrücken überall, wo Wasserstoff ist
„Methan hat Wasserstoffbrücken, denn es enthält Wasserstoff.“
Wasserstoffbrücken brauchen ein H-Atom an N, O oder F und ein freies Paar an einem N-, O- oder F-Atom. In Methan sind die H-Atome an Kohlenstoff gebunden, hier wirken nur Van-der-Waals-Kräfte.
Zusammenfassung
Atombindungen können einfach, doppelt oder dreifach sein. Mit der Zahl der Paare wird die Bindung kürzer und fester.
Ionenverbindungen bilden spröde Ionengitter, Metalle bestehen aus Atomrümpfen im Elektronengas und sind leitfähig und verformbar.
Das Elektronenpaarabstoßungsmodell sagt die Form aus der Zahl der Bindungsbereiche voraus. Freie Paare verkleinern die Winkel.
Mesomere Teilchen wie werden durch mehrere Grenzformeln beschrieben. Die Elektronen sind delokalisiert, das Teilchen ist energieärmer.
Zwischen Molekülen wirken Van-der-Waals-Kräfte, Dipol-Dipol-Kräfte und Wasserstoffbrücken, zwischen Ionen und Dipolen Ion-Dipol-Kräfte. Sie bestimmen Siedetemperatur und Löslichkeit.
Leistungskurs: koordinative Bindung, Hybridorbitale mit σ- und π-Bindung und Molekülorbitale mit Bindungsordnung.
Übungen
Wie viele Bindungsbereiche hat das Stickstoffatom im Ammoniakmolekül ?
Zwischen den Molekülen welches Stoffes bilden sich Wasserstoffbrücken?
Erkläre, warum ein Natriumchlorid-Kristall spröde ist, ein Kupferstück sich aber verformen lässt.
Leistungskurs: Welche Bindungsordnung hat das Ion mit drei Elektronen (zwei im bindenden, eines im antibindenden Orbital)?