Organische Reaktionsmechanismen: radikalische Substitution und elektrophile Addition
Mischt man Methan mit Chlor und lässt das Gemisch im Dunkeln stehen, passiert nichts. Fällt UV-Licht hinein, reagiert es. Ethen dagegen entfärbt Bromwasser auch im Dunkeln sofort. Beide Reaktionen lassen sich als Gleichung hinschreiben, aber die Gleichung sagt nicht, warum Licht in einem Fall nötig ist und im anderen nicht.
Die Antwort steht im Reaktionsmechanismus: der Folge einzelner Schritte, in denen Bindungen gespalten und gebildet werden. In dieser Lektion lernst du den Mechanismus der radikalischen Substitution an Alkanen und den der elektrophilen Addition an Alkene kennen. Dazu brauchst du den induktiven Effekt und einen Überblick über die Reaktionstypen.
Reaktionstypen
Organische Reaktionen lassen sich nach dem Ergebnis in vier Typen einteilen:
| Typ | Was geschieht | Beispiel |
|---|---|---|
| Substitution | Ein Atom oder eine Gruppe wird durch eine andere ersetzt. | |
| Addition | Ein Teilchen lagert sich an eine Mehrfachbindung an, aus zwei Molekülen wird eines. | |
| Eliminierung | Aus einem Molekül wird ein kleines Molekül abgespalten, es entsteht eine Mehrfachbindung. | |
| Kondensation | Zwei Moleküle verbinden sich und spalten ein kleines Molekül ab, meist Wasser. |
Die Eliminierung ist die Umkehrung der Addition. Ethanol wird dazu mit konzentrierter Schwefelsäure auf etwa 170 °C erhitzt.
Radikale und radikalische Substitution
Ein Radikal ist ein Teilchen mit einem ungepaarten Elektron. Es ist meist ungeladen und sehr reaktionsfreudig. Man schreibt das ungepaarte Elektron als Punkt: , . Radikale entstehen durch homolytische Spaltung: Eine Bindung bricht so, dass jedes Atom eines der beiden Bindungselektronen behält. Dafür braucht es Energie, etwa UV-Licht.
Alkane sind unpolar. Ionen und Dipole finden keinen Angriffspunkt, nur Radikale reagieren. Die radikalische Substitution ist eine Kettenreaktion mit drei Phasen, hier für Methan und Chlor:
- Kettenstart: Licht spaltet ein Chlormolekül in zwei Radikale:
- Kettenwachstum: und danach . Das Chlorradikal entsteht neu und beginnt den nächsten Zyklus.
- Kettenabbruch: Zwei Radikale treffen sich und verbrauchen einander: , , .
Ein einziges Startradikal löst viele Wachstumszyklen aus. Das Chlormethan reagiert weiter zu , und . Man erhält ein Produktgemisch.
Ethan und Brom
Ethan und Brom
Ethan reagiert im Licht mit Brom zu Bromethan. Gib die drei Phasen an. Warum entsteht auch ein wenig Butan?
Kettenstart: . Kettenwachstum: und . Kettenabbruch: Treffen zwei Ethylradikale aufeinander, bildet sich Butan: . Butan ist ein Nebenprodukt der Abbruchreaktion.
Elektrophile Addition an Alkene
Zwischen den C-Atomen einer Doppelbindung liegt ein festes Elektronenpaar (σ-Bindung) und ein beweglicheres (π-Bindung). Die π-Elektronen bilden eine Wolke ober- und unterhalb der Molekülebene. Dort ist die Elektronendichte hoch, und Teilchen mit Elektronenmangel können angreifen.
Ein Elektrophil ist ein Teilchen mit Elektronenmangel, das ein Elektronenpaar sucht, zum Beispiel . Ein Nucleophil hat ein freies Elektronenpaar und sucht einen positiven Ort, zum Beispiel . Die elektrophile Addition läuft in zwei Schritten ab, hier mit :
- Das π-Elektronenpaar bildet eine Bindung zum . Ein C-Atom bekommt eine positive Ladung, ein Carbenium-Ion mit nur 6 Elektronen am positiven Kohlenstoff. Das bleibt zurück.
- Das Nucleophil bindet mit einem freien Paar an das positive C-Atom.
Bei polarisieren die π-Elektronen das Molekül, ein Bromatom wird zum Elektrophil. Die Zwischenstufe ist dann ein ringförmiges Bromonium-Ion, das greift von der Gegenseite an.
Ethen und Brom
Ethen und Brom
Ethen wird in eine braune Lösung von Brom in einem unpolaren Lösemittel geleitet. Was beobachtest du, und welches Produkt entsteht?
Die braune Lösung wird entfärbt, denn ist verbraucht. Das Produkt ist 1,2-Dibromethan: . Die Doppelbindung ist verschwunden, aus zwei Molekülen wurde eines. Es entsteht kein , anders als bei der Substitution an Alkanen. In Bromwasser entsteht daneben auch 2-Bromethanol, weil Wassermoleküle als Nucleophil mitwirken. Die Entfärbung bleibt gleich, deshalb weist man mit Bromwasser Mehrfachbindungen nach.
Induktiver Effekt und Markownikow-Regel
Zieht ein elektronegativeres Atom die Bindungselektronen zu sich, verschiebt sich die Elektronendichte entlang der σ-Bindungen. Das nennt man induktiven Effekt. Atome und Gruppen, die Elektronen anziehen (, , ), haben einen −I-Effekt. Alkylgruppen geben dagegen Elektronendichte ab: +I-Effekt. Der Effekt wird mit jeder weiteren Bindung deutlich schwächer.
Der +I-Effekt stabilisiert ein Carbenium-Ion, denn die Alkylgruppen gleichen die positive Ladung teilweise aus. Je mehr Alkylgruppen am positiven C-Atom hängen, desto stabiler ist es: tertiär (drei Alkylgruppen) vor sekundär (zwei) vor primär (eine). Bei einem unsymmetrischen Alken ergeben sich so zwei mögliche Carbenium-Ionen. Das stabilere bildet sich schneller. Es folgt die Markownikow-Regel: Bei der Addition von geht das H-Atom an das C-Atom der Doppelbindung mit den meisten H-Atomen, das X-Atom an das andere.
HBr an But-1-en
HBr an But-1-en
addiert sich an . Welches Hauptprodukt entsteht?
Das H-Atom lagert sich an C1 an (zwei H-Atome). Es entsteht ein Carbenium-Ion am C2: . Es ist sekundär, zwei Alkylgruppen stabilisieren es. Läge die Ladung an C1, wäre das Ion primär mit nur einer Alkylgruppe. Das bindet an C2: Hauptprodukt ist 2-Brombutan. 1-Brombutan entsteht nur in kleiner Menge.
Radikale sind Ionen
Radikale sind Ionen
„Ein Chlorradikal ist ein geladenes Teilchen, wie ein Chlorid-Ion.“
Ein Chlorradikal ist ungeladen und hat ein ungepaartes Elektron. Ein Chlorid-Ion ist geladen und hat ein volles Oktett.
Alkane und Alkene reagieren mit Brom gleich
Alkane und Alkene reagieren mit Brom gleich
„Brom wird bei Alkanen und Alkenen auf dieselbe Weise entfärbt.“
Alkane reagieren nur bei Licht oder Wärme und substituieren nach einem radikalischen Mechanismus, dabei entsteht . Alkene addieren Brom elektrophil auch im Dunkeln, es entsteht kein .
Zusammenfassung
Die vier Reaktionstypen sind Substitution (ersetzen), Addition (anlagern), Eliminierung (abspalten, Mehrfachbindung entsteht) und Kondensation (Verbinden unter Abspaltung eines kleinen Moleküls).
Radikale haben ein ungepaartes Elektron. Sie entstehen durch homolytische Spaltung, zum Beispiel durch Licht.
Die radikalische Substitution an Alkanen ist eine Kettenreaktion: Kettenstart, Kettenwachstum und Kettenabbruch. Es entstehen Produktgemische.
Ein Elektrophil sucht ein Elektronenpaar, ein Nucleophil ein positives Zentrum. Die π-Bindung der Alkene wird von Elektrophilen angegriffen.
Die elektrophile Addition läuft über ein Carbenium-Ion (bei Brom über ein Bromonium-Ion) in zwei Schritten.
Der +I-Effekt der Alkylgruppen stabilisiert Carbenium-Ionen. Daraus folgt die Markownikow-Regel: H geht an das C-Atom mit den meisten H-Atomen.
Übungen
Wie viel Mol Chlor () braucht man mindestens, um 1 mol Methan vollständig zu Tetrachlormethan umzusetzen?
Welche Gleichung beschreibt einen Kettenwachstumsschritt der Chlorierung von Methan?
Propan-2-ol wird mit konzentrierter Schwefelsäure erhitzt, es entstehen Propen und Wasser. Welcher Reaktionstyp liegt vor?
addiert sich an 2-Methylpropen . Was ist das Hauptprodukt?
Erkläre, warum Ethen auch im Dunkeln Bromwasser entfärbt, Ethan aber nicht.