Lektion 2.2

Organische Reaktionsmechanismen: radikalische Substitution und elektrophile Addition

22 min Lesezeit

Mischt man Methan mit Chlor und lässt das Gemisch im Dunkeln stehen, passiert nichts. Fällt UV-Licht hinein, reagiert es. Ethen dagegen entfärbt Bromwasser auch im Dunkeln sofort. Beide Reaktionen lassen sich als Gleichung hinschreiben, aber die Gleichung sagt nicht, warum Licht in einem Fall nötig ist und im anderen nicht.

Die Antwort steht im Reaktionsmechanismus: der Folge einzelner Schritte, in denen Bindungen gespalten und gebildet werden. In dieser Lektion lernst du den Mechanismus der radikalischen Substitution an Alkanen und den der elektrophilen Addition an Alkene kennen. Dazu brauchst du den induktiven Effekt und einen Überblick über die Reaktionstypen.

Definition

Reaktionstypen

Organische Reaktionen lassen sich nach dem Ergebnis in vier Typen einteilen:

TypWas geschiehtBeispiel
SubstitutionEin Atom oder eine Gruppe wird durch eine andere ersetzt.CH4+Cl2→CH3Cl+HCl\mathrm{CH_4 + Cl_2 \rightarrow CH_3Cl + HCl}
AdditionEin Teilchen lagert sich an eine Mehrfachbindung an, aus zwei Molekülen wird eines.C2H4+Br2→C2H4Br2\mathrm{C_2H_4 + Br_2 \rightarrow C_2H_4Br_2}
EliminierungAus einem Molekül wird ein kleines Molekül abgespalten, es entsteht eine Mehrfachbindung.C2H5OH→C2H4+H2O\mathrm{C_2H_5OH \rightarrow C_2H_4 + H_2O}
KondensationZwei Moleküle verbinden sich und spalten ein kleines Molekül ab, meist Wasser.CH3COOH+C2H5OH→CH3COOC2H5+H2O\mathrm{CH_3COOH + C_2H_5OH \rightarrow CH_3COOC_2H_5 + H_2O}

Die Eliminierung ist die Umkehrung der Addition. Ethanol wird dazu mit konzentrierter Schwefelsäure auf etwa 170 °C erhitzt.

Definition

Radikale und radikalische Substitution

Ein Radikal ist ein Teilchen mit einem ungepaarten Elektron. Es ist meist ungeladen und sehr reaktionsfreudig. Man schreibt das ungepaarte Elektron als Punkt: Cl⋅\mathrm{Cl}\cdot, ⋅CH3\cdot\mathrm{CH_3}. Radikale entstehen durch homolytische Spaltung: Eine Bindung bricht so, dass jedes Atom eines der beiden Bindungselektronen behält. Dafür braucht es Energie, etwa UV-Licht.

Alkane sind unpolar. Ionen und Dipole finden keinen Angriffspunkt, nur Radikale reagieren. Die radikalische Substitution ist eine Kettenreaktion mit drei Phasen, hier für Methan und Chlor:

  • Kettenstart: Licht spaltet ein Chlormolekül in zwei Radikale: Cl2→Licht2 Cl⋅\mathrm{Cl_2} \xrightarrow{\text{Licht}} 2\ \mathrm{Cl}\cdot
  • Kettenwachstum: Cl⋅+CH4→HCl+⋅CH3\mathrm{Cl}\cdot + \mathrm{CH_4} \rightarrow \mathrm{HCl} + \cdot\mathrm{CH_3} und danach ⋅CH3+Cl2→CH3Cl+Cl⋅\cdot\mathrm{CH_3} + \mathrm{Cl_2} \rightarrow \mathrm{CH_3Cl} + \mathrm{Cl}\cdot. Das Chlorradikal entsteht neu und beginnt den nächsten Zyklus.
  • Kettenabbruch: Zwei Radikale treffen sich und verbrauchen einander: Cl⋅+Cl⋅→Cl2\mathrm{Cl}\cdot + \mathrm{Cl}\cdot \rightarrow \mathrm{Cl_2}, ⋅CH3+Cl⋅→CH3Cl\cdot\mathrm{CH_3} + \mathrm{Cl}\cdot \rightarrow \mathrm{CH_3Cl}, ⋅CH3+⋅CH3→C2H6\cdot\mathrm{CH_3} + \cdot\mathrm{CH_3} \rightarrow \mathrm{C_2H_6}.

Ein einziges Startradikal löst viele Wachstumszyklen aus. Das Chlormethan reagiert weiter zu CH2Cl2\mathrm{CH_2Cl_2}, CHCl3\mathrm{CHCl_3} und CCl4\mathrm{CCl_4}. Man erhält ein Produktgemisch.

Beispiel

Ethan und Brom

Ethan reagiert im Licht mit Brom zu Bromethan. Gib die drei Phasen an. Warum entsteht auch ein wenig Butan?

Kettenstart: Br2→Licht2 Br⋅\mathrm{Br_2} \xrightarrow{\text{Licht}} 2\ \mathrm{Br}\cdot. Kettenwachstum: Br⋅+C2H6→HBr+⋅C2H5\mathrm{Br}\cdot + \mathrm{C_2H_6} \rightarrow \mathrm{HBr} + \cdot\mathrm{C_2H_5} und ⋅C2H5+Br2→C2H5Br+Br⋅\cdot\mathrm{C_2H_5} + \mathrm{Br_2} \rightarrow \mathrm{C_2H_5Br} + \mathrm{Br}\cdot. Kettenabbruch: Treffen zwei Ethylradikale aufeinander, bildet sich Butan: ⋅C2H5+⋅C2H5→C4H10\cdot\mathrm{C_2H_5} + \cdot\mathrm{C_2H_5} \rightarrow \mathrm{C_4H_{10}}. Butan ist ein Nebenprodukt der Abbruchreaktion.

Definition

Elektrophile Addition an Alkene

Zwischen den C-Atomen einer Doppelbindung liegt ein festes Elektronenpaar (σ-Bindung) und ein beweglicheres (π-Bindung). Die π-Elektronen bilden eine Wolke ober- und unterhalb der Molekülebene. Dort ist die Elektronendichte hoch, und Teilchen mit Elektronenmangel können angreifen.

Ein Elektrophil ist ein Teilchen mit Elektronenmangel, das ein Elektronenpaar sucht, zum Beispiel H+\mathrm{H^+}. Ein Nucleophil hat ein freies Elektronenpaar und sucht einen positiven Ort, zum Beispiel Br−\mathrm{Br^-}. Die elektrophile Addition läuft in zwei Schritten ab, hier mit HBr\mathrm{HBr}:

  • Das π-Elektronenpaar bildet eine Bindung zum H+\mathrm{H^+}. Ein C-Atom bekommt eine positive Ladung, ein Carbenium-Ion mit nur 6 Elektronen am positiven Kohlenstoff. Das Br−\mathrm{Br^-} bleibt zurück.
  • Das Nucleophil Br−\mathrm{Br^-} bindet mit einem freien Paar an das positive C-Atom.

Bei Br2\mathrm{Br_2} polarisieren die π-Elektronen das Molekül, ein Bromatom wird zum Elektrophil. Die Zwischenstufe ist dann ein ringförmiges Bromonium-Ion, das Br−\mathrm{Br^-} greift von der Gegenseite an.

Beispiel

Ethen und Brom

Ethen wird in eine braune Lösung von Brom in einem unpolaren Lösemittel geleitet. Was beobachtest du, und welches Produkt entsteht?

Die braune Lösung wird entfärbt, denn Br2\mathrm{Br_2} ist verbraucht. Das Produkt ist 1,2-Dibromethan: CH2=CH2+Br2→CH2Br−CH2Br\mathrm{CH_2{=}CH_2 + Br_2 \rightarrow CH_2Br{-}CH_2Br}. Die Doppelbindung ist verschwunden, aus zwei Molekülen wurde eines. Es entsteht kein HBr\mathrm{HBr}, anders als bei der Substitution an Alkanen. In Bromwasser entsteht daneben auch 2-Bromethanol, weil Wassermoleküle als Nucleophil mitwirken. Die Entfärbung bleibt gleich, deshalb weist man mit Bromwasser Mehrfachbindungen nach.

Ethen von allen Seiten

Drehe das Molekül mit der Maus oder mit den Pfeiltasten. Alle sechs Atome liegen in einer Ebene. Das π-Elektronenpaar liegt ober- und unterhalb dieser Ebene, dort greift das Elektrophil an. Blende "Winkel" ein und lies im Steckbrief den Bindungswinkel ab.

Definition

Induktiver Effekt und Markownikow-Regel

Zieht ein elektronegativeres Atom die Bindungselektronen zu sich, verschiebt sich die Elektronendichte entlang der σ-Bindungen. Das nennt man induktiven Effekt. Atome und Gruppen, die Elektronen anziehen (−Cl-\mathrm{Cl}, −Br-\mathrm{Br}, −OH-\mathrm{OH}), haben einen −I-Effekt. Alkylgruppen geben dagegen Elektronendichte ab: +I-Effekt. Der Effekt wird mit jeder weiteren Bindung deutlich schwächer.

Der +I-Effekt stabilisiert ein Carbenium-Ion, denn die Alkylgruppen gleichen die positive Ladung teilweise aus. Je mehr Alkylgruppen am positiven C-Atom hängen, desto stabiler ist es: tertiär (drei Alkylgruppen) vor sekundär (zwei) vor primär (eine). Bei einem unsymmetrischen Alken ergeben sich so zwei mögliche Carbenium-Ionen. Das stabilere bildet sich schneller. Es folgt die Markownikow-Regel: Bei der Addition von HX\mathrm{HX} geht das H-Atom an das C-Atom der Doppelbindung mit den meisten H-Atomen, das X-Atom an das andere.

Beispiel

HBr an But-1-en

HBr\mathrm{HBr} addiert sich an CH2=CH−CH2−CH3\mathrm{CH_2{=}CH{-}CH_2{-}CH_3}. Welches Hauptprodukt entsteht?

Das H-Atom lagert sich an C1 an (zwei H-Atome). Es entsteht ein Carbenium-Ion am C2: CH3−CH+−CH2−CH3\mathrm{CH_3{-}CH^+{-}CH_2{-}CH_3}. Es ist sekundär, zwei Alkylgruppen stabilisieren es. Läge die Ladung an C1, wäre das Ion primär mit nur einer Alkylgruppe. Das Br−\mathrm{Br^-} bindet an C2: Hauptprodukt ist 2-Brombutan. 1-Brombutan entsteht nur in kleiner Menge.

Häufige Fehler

Radikale sind Ionen

„Ein Chlorradikal ist ein geladenes Teilchen, wie ein Chlorid-Ion.“

Richtig ist

Ein Chlorradikal ist ungeladen und hat ein ungepaartes Elektron. Ein Chlorid-Ion ist geladen und hat ein volles Oktett.

Häufige Fehler

Alkane und Alkene reagieren mit Brom gleich

„Brom wird bei Alkanen und Alkenen auf dieselbe Weise entfärbt.“

Richtig ist

Alkane reagieren nur bei Licht oder Wärme und substituieren nach einem radikalischen Mechanismus, dabei entsteht HBr\mathrm{HBr}. Alkene addieren Brom elektrophil auch im Dunkeln, es entsteht kein HBr\mathrm{HBr}.

Zusammenfassung

  • Die vier Reaktionstypen sind Substitution (ersetzen), Addition (anlagern), Eliminierung (abspalten, Mehrfachbindung entsteht) und Kondensation (Verbinden unter Abspaltung eines kleinen Moleküls).

  • Radikale haben ein ungepaartes Elektron. Sie entstehen durch homolytische Spaltung, zum Beispiel durch Licht.

  • Die radikalische Substitution an Alkanen ist eine Kettenreaktion: Kettenstart, Kettenwachstum und Kettenabbruch. Es entstehen Produktgemische.

  • Ein Elektrophil sucht ein Elektronenpaar, ein Nucleophil ein positives Zentrum. Die π-Bindung der Alkene wird von Elektrophilen angegriffen.

  • Die elektrophile Addition läuft über ein Carbenium-Ion (bei Brom über ein Bromonium-Ion) in zwei Schritten.

  • Der +I-Effekt der Alkylgruppen stabilisiert Carbenium-Ionen. Daraus folgt die Markownikow-Regel: H geht an das C-Atom mit den meisten H-Atomen.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie viel Mol Chlor (Cl2\mathrm{Cl_2}) braucht man mindestens, um 1 mol Methan vollständig zu Tetrachlormethan CCl4\mathrm{CCl_4} umzusetzen?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Gleichung beschreibt einen Kettenwachstumsschritt der Chlorierung von Methan?

Aufgabe 3Multiple Choice

Propan-2-ol wird mit konzentrierter Schwefelsäure erhitzt, es entstehen Propen und Wasser. Welcher Reaktionstyp liegt vor?

Aufgabe 4Multiple Choice

HCl\mathrm{HCl} addiert sich an 2-Methylpropen (CH3)2C=CH2(\mathrm{CH_3})_2\mathrm{C{=}CH_2}. Was ist das Hauptprodukt?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum Ethen auch im Dunkeln Bromwasser entfärbt, Ethan aber nicht.