Carbonylverbindungen, Carbonsäuren und Ester
Ein offener Wein wird mit der Zeit sauer. Aus dem Ethanol entsteht mithilfe von Essigsäurebakterien und Luftsauerstoff Ethansäure, Essig. Auf dem Weg dorthin entsteht kurz ein Zwischenprodukt: Ethanal. Gibt man Ethansäure und Ethanol mit etwas Säure zusammen, riecht das Gemisch bald fruchtig: Es entsteht ein Ester, der sich wieder spalten lässt.
In dieser Lektion verfolgst du den Weg vom Alkohol über Alkanal und Alkanon zur Carbonsäure, lernst Nachweise für Aldehyde kennen und erklärst, warum Carbonsäuren sauer sind und warum die Veresterung ein Gleichgewicht ist.
Oxidationsreihe der Alkanole
Alkanole werden nach der Zahl der C-Nachbarn des C-Atoms mit der OH-Gruppe eingeteilt: primär (ein C-Nachbar, am Kettenende), sekundär (zwei C-Nachbarn) und tertiär (drei C-Nachbarn). Oxidationsmittel sind zum Beispiel Kupfer(II)-oxid (glühender Kupferdraht) oder saure Kaliumdichromat-Lösung. Dabei verliert der Alkohol zwei H-Atome, eines von der OH-Gruppe und eines vom C-Atom daneben:
Drei Propanole oxidieren
Drei Propanole oxidieren
Was entsteht bei der Oxidation von Propan-1-ol, Propan-2-ol und 2-Methylpropan-2-ol? Gib die Oxidationszahl des C-Atoms mit der funktionellen Gruppe an.
Propan-1-ol ist primär. Sein C1 hat zwei H, ein C und ein O: . Es entsteht Propanal (C1 mit H, C und doppelt gebundenem O: ) und bei weiterer Oxidation Propansäure (C1: ). Propan-2-ol ist sekundär, C2 hat die Oxidationszahl 0 (ein H: , ein O: ). Es entsteht Propanon mit C2 bei . Mehr geht nicht, denn dann müsste eine C–C-Bindung brechen. 2-Methylpropan-2-ol ist tertiär: Das C-Atom mit der OH-Gruppe hat kein H-Atom, das abgespalten werden könnte. Es wird nicht oxidiert.
Aldehydgruppe, Ketogruppe und Nachweise
Beide Gruppen enthalten die polare Carbonylgruppe (C ist , O ist ). Bei der Aldehydgruppe trägt das C-Atom ein H-Atom, dieses kann leicht zur Carboxygruppe oxidiert werden. Alkanale sind daher Reduktionsmittel. Die Ketogruppe hat zwei C-Nachbarn und kein H-Atom, Alkanone werden von milden Oxidationsmitteln nicht angegriffen. Darauf beruhen drei Nachweise für Alkanale:
- Fehling-Probe: Die tiefblaue Fehling-Lösung (Kupfer(II)-Ionen in alkalischer Tartrat-Lösung) bildet beim Erwärmen mit einem Alkanal einen ziegelroten Niederschlag von Kupfer(I)-oxid .
- Benedict-Probe: wie Fehling, aber mit Citrat und Natriumcarbonat in einer Lösung. Der Niederschlag ist orangerot.
- Tollens-Probe: Die Lösung des Diamminsilber(I)-Ions bildet mit einem Alkanal einen glänzenden Silberspiegel an der Glaswand.
Die Fehling-Probe als Gleichung: . Kupfer wird von nach reduziert, der Aldehyd oxidiert. Alkanone reagieren nicht.
Propanal oder Propanon?
Propanal oder Propanon?
Zwei Reagenzgläser enthalten Propanal und Propanon. Wie unterscheidest du sie, und welche Beobachtung machst du?
Man gibt zu beiden Proben Fehling-Lösung und erwärmt. In der Probe mit Propanal fällt ein roter Niederschlag von aus, die Lösung wird entfärbt. Propanal wird dabei zum Propanoat-Ion oxidiert. Die Probe mit Propanon bleibt tiefblau.
Carboxygruppe und Acidität
Die Carboxygruppe verbindet eine C=O-Gruppe und eine OH-Gruppe an demselben C-Atom. Carbonsäuren geben ein Proton ab und sind schwache Säuren: . In einer Ethansäure-Lösung mit 0,1 mol/L ist nur etwa 1 % der Moleküle protolysiert.
Alkohole sind dagegen praktisch neutral. Es gibt zwei Gründe: Die C=O-Gruppe zieht Elektronen an (−I-Effekt) und macht die O–H-Bindung polarer. Und das entstehende Carboxylat-Ion ist mesomer: Die negative Ladung ist auf beide Sauerstoffatome verteilt, beide C–O-Bindungen sind gleich lang. Das Alkoholat-Ion hat diese Stabilisierung nicht.
Die Säurestärke folgt dem induktiven Effekt: Elektronenziehende Atome erhöhen sie, Chlorethansäure ist stärker als Ethansäure und Trichlorethansäure stärker als Chlorethansäure. Alkylgruppen (+I) senken sie leicht: Methansäure ist stärker als Ethansäure.
Veresterung und Estergleichgewicht
Carbonsäure und Alkohol bilden mit Säure als Katalysator (etwa konzentrierte Schwefelsäure) einen Ester und Wasser (Kondensation). Die Reaktion ist umkehrbar:
Lage des Gleichgewichts und Esterhydrolyse
Hin- und Rückreaktion laufen gleichzeitig. Im Gleichgewicht haben beide dieselbe Geschwindigkeit, und die Mengen aller Stoffe ändern sich nicht mehr. Der Katalysator beschleunigt beide Reaktionen gleich, er ändert die Lage des Gleichgewichts nicht. Bei 1 mol Ethansäure und 1 mol Ethanol sind im Gleichgewicht etwa zwei Drittel umgesetzt. Mehr Ester erhält man, wenn man einen Ausgangsstoff im Überschuss einsetzt oder Wasser entfernt. Bei 10 mol Ethanol auf 1 mol Säure werden etwa 97 % der Säure verestert.
Die Esterhydrolyse ist die Rückreaktion: Ester und Wasser ergeben Säure und Alkohol. In saurer Lösung bleibt sie ein Gleichgewicht, ein Überschuss Wasser verschiebt es zur Säure. In alkalischer Lösung (Verseifung) entsteht das Carboxylat-Ion: . Das Carboxylat-Ion kann nicht zurück zum Ester reagieren, deshalb verläuft die Verseifung vollständig.
Ester aus Ethansäure und Propan-1-ol
Ester aus Ethansäure und Propan-1-ol
Gib die Reaktionsgleichung für Ethansäure und Propan-1-ol an und benenne den Ester. Wie viel Ester entsteht im Gleichgewicht aus je 3 mol Säure und Alkohol, wenn bei gleichen Stoffmengen etwa zwei Drittel umgesetzt werden?
. Der Ester heißt Ethansäurepropylester. Zählprobe: Links gibt , rechts ebenso. Zwei Drittel von 3 mol sind 2 mol Ester (und 2 mol Wasser). 1 mol Säure und 1 mol Alkohol bleiben übrig.
Mechanismus der Veresterung (nur Leistungskurs)
Der Mechanismus ist eine Folge von fünf umkehrbaren Schritten mit als Katalysator:
- Das lagert sich an das O-Atom der C=O-Gruppe an. Das C-Atom wird stärker positiv und damit ein besseres Elektrophil.
- Das O-Atom des Alkohols greift als Nucleophil mit seinem freien Elektronenpaar das C-Atom an. Es entsteht ein Zwischenprodukt, in dem das C-Atom vier Bindungspartner hat.
- Ein wandert von der neuen O–H-Gruppe an eine der beiden OH-Gruppen am C-Atom.
- Dort kann Wasser als gute Abgangsgruppe abspalten. Die Doppelbindung bildet sich zurück.
- Das Teilchen gibt ein ab. Der Ester entsteht, der Katalysator ist zurück.
Das abgespaltene Wasser stammt aus der Säure, das O-Atom der Estergruppe aus dem Alkohol. Liest man die Schritte rückwärts, erhält man den Mechanismus der sauren Esterhydrolyse.
Der Katalysator erhöht die Ausbeute
Der Katalysator erhöht die Ausbeute
„Mit konzentrierter Schwefelsäure entsteht mehr Ester, denn der Katalysator schiebt das Gleichgewicht auf die Esterseite.“
Ein Katalysator beschleunigt Hin- und Rückreaktion gleich stark. Das Gleichgewicht stellt sich nur schneller ein. Mehr Ester erhält man durch einen Überschuss eines Ausgangsstoffes oder durch Entfernen des Wassers.
Alle Carbonylverbindungen reduzieren Fehling-Lösung
Alle Carbonylverbindungen reduzieren Fehling-Lösung
„Propanon hat eine C=O-Gruppe, also fällt es mit Fehling-Lösung rotes Kupfer(I)-oxid.“
Nur Alkanale reagieren. Das C-Atom der Aldehydgruppe trägt ein H-Atom und lässt sich leicht oxidieren. Im Alkanon fehlt dieses H-Atom, es bleibt unverändert.
Zusammenfassung
Primäre Alkanole werden zu Alkanalen und weiter zu Alkansäuren oxidiert, sekundäre zu Alkanonen, tertiäre nicht.
Die Oxidationszahl des C-Atoms der funktionellen Gruppe steigt entlang der Reihe, zum Beispiel , , bei Ethanol, Ethanal, Ethansäure.
Alkanale haben ein H-Atom an der C=O-Gruppe und reduzieren Fehling-, Benedict- und Tollens-Reagenz. Alkanone reagieren nicht.
Carbonsäuren sind schwache Säuren, weil die C=O-Gruppe Elektronen anzieht und das Carboxylat-Ion mesomer stabilisiert ist. Elektronenziehende Gruppen erhöhen die Säurestärke.
Die Veresterung ist eine umkehrbare Kondensation. Der Katalysator beschleunigt, ändert aber die Lage des Gleichgewichts nicht. Überschuss oder Entfernen von Wasser erhöhen die Esterausbeute.
Die saure Esterhydrolyse ist die Rückreaktion, die Verseifung in Lauge verläuft vollständig. Leistungskurs: Die Veresterung läuft über Protonierung, nucleophilen Angriff und Wasserabspaltung.
Übungen
Welche Oxidationszahl hat das C-Atom der Carboxygruppe in Ethansäure? Die Zahl ist positiv.
Welches Produkt entsteht bei der Oxidation von Propan-2-ol mit Kupfer(II)-oxid?
Welcher Stoff bildet mit Tollens-Reagenz einen Silberspiegel?
Aus 3 mol Ethansäure und 3 mol Ethanol stellt sich das Estergleichgewicht ein. Bei gleichen Stoffmengen sind etwa zwei Drittel umgesetzt. Wie viel Mol Ester liegen im Gleichgewicht vor?
Erkläre, warum Ethansäure eine stärkere Säure ist als Ethanol.
Leistungskurs: Was geschieht im ersten Schritt der säurekatalysierten Veresterung?