Lektion 5.2

pH-Berechnung bei unvollständiger Protolyse und Puffersysteme

18 min Lesezeit

Dein Blut hat einen pH-Wert von etwa 7,4. Schon eine Abweichung um 0,3 Einheiten kann lebensgefährlich sein. Trotzdem bildest du im Stoffwechsel Säuren, ohne dass sich der pH-Wert merklich ändert. Ein Tropfen Salzsäure in einem Glas Wasser dagegen senkt dessen pH-Wert um mehrere Einheiten.

Zwei Fragen stehen an. Wie berechnest du den pH-Wert von Säuren und Basen, die nicht vollständig protolysieren? Und wie hält ein Gemisch den pH-Wert so stabil? Du brauchst dafür die Säurekonstante und das Ionenprodukt des Wassers aus der vorigen Lektion.

Definition

pH-Wert schwacher Säuren und Basen

Bei einer schwachen Säure HA mit der Anfangskonzentration c0c_0 ist nur ein kleiner Teil protolysiert. Sei xx die Konzentration der gebildeten Oxonium-Ionen. Die Oxonium-Ionen aus der Autoprotolyse des Wassers sind dagegen so wenige, dass du sie vernachlässigst. Zu jedem H3O+\mathrm{H_3O^+} entsteht ein A−\mathrm{A^-}, also c(H3O+)=c(A−)=xc(\mathrm{H_3O^+}) = c(\mathrm{A^-}) = x, und von HA bleibt c0−xc_0 - x. Eingesetzt in KsK_\mathrm{s} ergibt das Ks=x2c0−xK_\mathrm{s} = \frac{x^2}{c_0 - x}.

Ist die Säure so schwach, dass nur ein kleiner Teil protolysiert ist, gilt c0−x≈c0c_0 - x \approx c_0. Faustregel: c0>100⋅Ksc_0 > 100 \cdot K_\mathrm{s}. Dann ist der Fehler in xx höchstens etwa 5 %, im pH-Wert also etwa 0,02. Es bleibt x2=Ks⋅c0x^2 = K_\mathrm{s} \cdot c_0. Logarithmieren und Umstellen liefert die Formel unten. Gilt die Faustregel nicht, löst du Ks=x2c0−xK_\mathrm{s} = \frac{x^2}{c_0 - x} als quadratische Gleichung. Bei schwachen Basen läuft alles gleich mit KbK_\mathrm{b}, c(OH−)c(\mathrm{OH^-}) und pOH.

pH=12 (pKs−lg⁡c0)pOH=12 (pKb−lg⁡c0)\mathrm{pH} = \tfrac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{s} - \lg c_0) \qquad \mathrm{pOH} = \tfrac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{b} - \lg c_0)
Beispiel

Essigsäure und Ammoniak

Berechne den pH-Wert a) einer Essigsäure-Lösung mit c0=0,10c_0 = 0{,}10 mol/L (pKs=4,76\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76) und b) einer Ammoniak-Lösung mit c0=0,10c_0 = 0{,}10 mol/L (pKb=4,75\mathrm{p}K_\mathrm{b} = 4{,}75).

a) Ks=10−4,76=1,7⋅10−5K_\mathrm{s} = 10^{-4{,}76} = 1{,}7 \cdot 10^{-5} mol/L, und 100⋅Ks=1,7⋅10−3100 \cdot K_\mathrm{s} = 1{,}7 \cdot 10^{-3} mol/L ist viel kleiner als c0c_0. Die Näherung gilt. pH=12 (4,76−lg⁡0,10)=12 (4,76+1)=2,88\mathrm{pH} = \frac{1}{2}\,(4{,}76 - \lg 0{,}10) = \frac{1}{2}\,(4{,}76 + 1) = 2{,}88. Das ist der Messwert aus der vorigen Lektion.

b) Auch hier gilt die Näherung. pOH=12 (4,75+1)=2,875\mathrm{pOH} = \frac{1}{2}\,(4{,}75 + 1) = 2{,}875, also pH=14−2,875=11,125≈11,1\mathrm{pH} = 14 - 2{,}875 = 11{,}125 \approx 11{,}1.

Definition

Mehrprotonige Säuren und Basen

Eine mehrprotonige Säure gibt ihre Protonen stufenweise ab, jede Stufe mit eigenem pKs-Wert. Kohlensäure (genauer: im Wasser gelöstes CO2\mathrm{CO_2} samt H2CO3\mathrm{H_2CO_3}) hat pKs1=6,35\mathrm{p}K_{\mathrm{s}1} = 6{,}35 für H2CO3→HCO3−\mathrm{H_2CO_3 \to HCO_3^-} und pKs2=10,33\mathrm{p}K_{\mathrm{s}2} = 10{,}33 für HCO3−→CO32−\mathrm{HCO_3^- \to CO_3^{2-}}. Phosphorsäure hat 2,16, 7,21 und 12,32. Jede weitere Stufe ist viel schwächer, denn ein Proton löst sich von einem negativ geladenen Teilchen schwerer.

Liegen die Stufen mehrere pKs-Einheiten auseinander, entstehen fast alle Oxonium-Ionen in der ersten Stufe. Du rechnest dann wie bei einer einprotonigen Säure mit pKs1\mathrm{p}K_{\mathrm{s}1}. Bei Phosphorsäure (pKs1=2,16\mathrm{p}K_{\mathrm{s}1} = 2{,}16) ist die erste Stufe zu stark für die Näherung, dort brauchst du die quadratische Gleichung. Mehrprotonige Basen behandelst du entsprechend: Das Carbonat-Ion CO32−\mathrm{CO_3^{2-}} nimmt zuerst ein Proton auf, mit pKb1=14−10,33=3,67\mathrm{p}K_{\mathrm{b}1} = 14 - 10{,}33 = 3{,}67.

Beispiel

Kohlensäure in Wasser

Wasser ist bei 25 °C mit Kohlenstoffdioxid von 1 bar gesättigt. Angenommen, es enthält dann c0=0,033c_0 = 0{,}033 mol/L gelöstes CO2\mathrm{CO_2}. Welchen pH-Wert hat es?

Nur die erste Stufe zählt. Ks1=10−6,35K_{\mathrm{s}1} = 10^{-6{,}35} mol/L ist winzig gegen c0c_0, die Näherung gilt. pH=12 (6,35−lg⁡0,033)=12 (6,35+1,48)=3,92\mathrm{pH} = \frac{1}{2}\,(6{,}35 - \lg 0{,}033) = \frac{1}{2}\,(6{,}35 + 1{,}48) = 3{,}92.

Die zweite Stufe trägt nichts bei: Aus Ks2K_{\mathrm{s}2} folgt c(CO32−)=Ks2=10−10,33c(\mathrm{CO_3^{2-}}) = K_{\mathrm{s}2} = 10^{-10{,}33} mol/L.

Definition

pH-Wert von Salzlösungen

Löst du ein Salz, kann eines seiner Ionen als Säure oder Base reagieren. Du prüfst jedes Ion einzeln:

  • Ionen starker Säuren oder Basen (Na+\mathrm{Na^+}, K+\mathrm{K^+}, Cl−\mathrm{Cl^-}, NO3−\mathrm{NO_3^-}) reagieren praktisch nicht mit Wasser.
  • Das Anion einer schwachen Säure ist eine Base, zum Beispiel CH3COO−\mathrm{CH_3COO^-} oder CO32−\mathrm{CO_3^{2-}}. Die Lösung ist alkalisch.
  • Das Kation einer schwachen Base ist eine Säure, zum Beispiel NH4+\mathrm{NH_4^+}. Die Lösung ist sauer.

Das reagierende Ion rechnest du wie eine schwache Base oder Säure. Für das Anion A−\mathrm{A^-} nutzt du pKb=14−pKs\mathrm{p}K_\mathrm{b} = 14 - \mathrm{p}K_\mathrm{s} der Säure HA. Daraus folgt die Formel unten (links pKs\mathrm{p}K_\mathrm{s} von HA, rechts pKs\mathrm{p}K_\mathrm{s} des Kations).

pH=7+12 (pKs+lg⁡c0)pH=12 (pKs−lg⁡c0)\mathrm{pH} = 7 + \tfrac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{s} + \lg c_0) \qquad \mathrm{pH} = \tfrac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{s} - \lg c_0)
Beispiel

Natriumacetat und Ammoniumchlorid

Berechne den pH-Wert von a) Natriumacetat-Lösung (CH3COONa\mathrm{CH_3COONa}) und b) Ammoniumchlorid-Lösung (NH4Cl\mathrm{NH_4Cl}), jeweils c0=0,10c_0 = 0{,}10 mol/L.

a) Na+\mathrm{Na^+} reagiert nicht, das Acetat-Ion ist die Base der Essigsäure (pKs=4,76\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76). pH=7+12 (4,76+lg⁡0,10)=7+12 (4,76−1)=8,88\mathrm{pH} = 7 + \frac{1}{2}\,(4{,}76 + \lg 0{,}10) = 7 + \frac{1}{2}\,(4{,}76 - 1) = 8{,}88.

b) Cl−\mathrm{Cl^-} reagiert nicht, das Ammonium-Ion ist eine Säure mit pKs=9,25\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 9{,}25. pH=12 (9,25+1)=5,125≈5,1\mathrm{pH} = \frac{1}{2}\,(9{,}25 + 1) = 5{,}125 \approx 5{,}1.

Definition

Puffersystem

Ein Puffer ist eine Lösung, deren pH-Wert sich bei Zugabe kleiner Mengen Säure oder Lauge und beim Verdünnen nur wenig ändert. Er enthält eine schwache Säure HA und ihre korrespondierende Base A−\mathrm{A^-} in vergleichbaren Mengen, zum Beispiel Essigsäure und Natriumacetat oder NH4+\mathrm{NH_4^+} und NH3\mathrm{NH_3}.

Kommt Oxonium dazu, nimmt die Base es auf: A−+H3O+→HA+H2O\mathrm{A^- + H_3O^+ \rightarrow HA + H_2O}. Kommt Hydroxid dazu, gibt die Säure ein Proton ab: HA+OH−→A−+H2O\mathrm{HA + OH^- \rightarrow A^- + H_2O}. Das zugesetzte Teilchen wird so in ein schwach wirkendes umgewandelt, und es verschiebt sich nur das Verhältnis der beiden Komponenten.

Definition

Henderson-Hasselbalch-Gleichung

Löse die Säurekonstante nach c(H3O+)c(\mathrm{H_3O^+}) auf: c(H3O+)=Ks⋅c(HA)c(A−)c(\mathrm{H_3O^+}) = K_\mathrm{s} \cdot \frac{c(\mathrm{HA})}{c(\mathrm{A^-})}. Beide Seiten mit −lg⁡-\lg ergeben die Henderson-Hasselbalch-Gleichung. Im Puffer drängt das viele A−\mathrm{A^-} die Protolyse von HA zurück, und A−\mathrm{A^-} reagiert kaum mit Wasser. Darum darfst du für c(HA)c(\mathrm{HA}) und c(A−)c(\mathrm{A^-}) die eingesetzten Konzentrationen nehmen. Das Volumen kürzt sich, du kannst auch Stoffmengen einsetzen. Bei gleichen Mengen ist der Logarithmus 0, dann gilt pH=pKs\mathrm{pH} = \mathrm{p}K_\mathrm{s}.

pH=pKs+lg⁡c(A−)c(HA)=pKs+lg⁡n(A−)n(HA)\mathrm{pH} = \mathrm{p}K_\mathrm{s} + \lg \frac{c(\mathrm{A^-})}{c(\mathrm{HA})} = \mathrm{p}K_\mathrm{s} + \lg \frac{n(\mathrm{A^-})}{n(\mathrm{HA})}
Definition

Pufferbereich und Pufferkapazität

Der pH-Wert hängt nur vom Verhältnis c(A−)/c(HA)c(\mathrm{A^-})/c(\mathrm{HA}) ab. Liegt es zwischen 1 : 10 und 10 : 1, liegt der pH-Wert zwischen pKs−1\mathrm{p}K_\mathrm{s} - 1 und pKs+1\mathrm{p}K_\mathrm{s} + 1. Das ist der Pufferbereich. Außerhalb ist eine Komponente fast aufgebraucht, und der Puffer fängt eine Sorte nicht mehr gut ab. Die Pufferkapazität ist die Stoffmenge an Säure oder Lauge, die ein Puffer aufnehmen kann, bevor sich der pH-Wert deutlich ändert. Sie ist bei einem Verhältnis von 1 : 1 am größten und wächst mit der Gesamtkonzentration.

Beispiel

Acetatpuffer und Säurezugabe

Ein Liter Puffer enthält je 0,10 mol Essigsäure und Natriumacetat (pKs=4,76\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76). a) Welchen pH-Wert hat er? b) Du gibst 0,010 mol HCl zu, das Volumen bleibt gleich. Wie ändert sich der pH-Wert? Vergleiche mit 1 Liter Wasser (pH 7), dem du dieselbe Menge HCl zusetzt.

a) Gleiche Mengen, also pH=pKs=4,76\mathrm{pH} = \mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76.

b) Die 0,010 mol H3O+\mathrm{H_3O^+} reagieren mit Acetat. n(A−)n(\mathrm{A^-}) sinkt auf 0,090 mol, n(HA)n(\mathrm{HA}) steigt auf 0,110 mol. pH=4,76+lg⁡0,0900,110=4,76−0,09=4,67\mathrm{pH} = 4{,}76 + \lg \frac{0{,}090}{0{,}110} = 4{,}76 - 0{,}09 = 4{,}67. Der pH-Wert sinkt nur um 0,09.

Im Wasser entsteht c(H3O+)=0,010c(\mathrm{H_3O^+}) = 0{,}010 mol/L, also pH 2.

Häufige Fehler

Der pH-Wert einer schwachen Säure ist der negative Logarithmus von c0

„Essigsäure mit 0,10 mol/L hat den pH-Wert 1.“

Richtig ist

Die Formel pH=−lg⁡c0\mathrm{pH} = -\lg c_0 gilt nur bei vollständiger Protolyse. Bei einer schwachen Säure ist c(H3O+)c(\mathrm{H_3O^+}) viel kleiner als c0c_0. Für Essigsäure mit 0,10 mol/L rechnest du mit pKs\mathrm{p}K_\mathrm{s} und erhältst pH 2,88.

Häufige Fehler

Ein Puffer hält den pH-Wert unbegrenzt konstant

„Ein Puffer kann beliebig viel Säure abfangen, ohne dass sich der pH-Wert ändert.“

Richtig ist

Der pH-Wert ändert sich auch im Puffer, nur wenig. Und nur so lange, wie beide Komponenten vorhanden sind. Im Acetatpuffer aus dem Beispiel ist nach 0,10 mol zugesetzter HCl das gesamte Acetat verbraucht. Dann fällt der pH-Wert so stark wie in einer Lösung der Essigsäure allein.

Zusammenfassung

  • Bei schwachen Säuren gilt pH=12 (pKs−lg⁡c0)\mathrm{pH} = \frac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{s} - \lg c_0), wenn c0>100⋅Ksc_0 > 100 \cdot K_\mathrm{s} ist. Bei schwachen Basen gilt pOH=12 (pKb−lg⁡c0)\mathrm{pOH} = \frac{1}{2}\,(\mathrm{p}K_\mathrm{b} - \lg c_0).

  • Bei mehrprotonigen Säuren bestimmt meist die erste Stufe den pH-Wert.

  • Reagiert nur das Anion einer schwachen Säure (Acetat), ist die Salzlösung alkalisch. Reagiert nur das Kation einer schwachen Base (Ammonium), ist sie sauer.

  • Ein Puffer enthält eine schwache Säure und ihre korrespondierende Base. Die Base fängt zugesetzte Säure ab, die Säure zugesetzte Lauge.

  • Die Henderson-Hasselbalch-Gleichung lautet pH=pKs+lg⁡c(A−)c(HA)\mathrm{pH} = \mathrm{p}K_\mathrm{s} + \lg \frac{c(\mathrm{A^-})}{c(\mathrm{HA})}. Bei gleichen Mengen ist pH=pKs\mathrm{pH} = \mathrm{p}K_\mathrm{s}.

  • Der Pufferbereich ist pKs±1\mathrm{p}K_\mathrm{s} \pm 1. Die Pufferkapazität ist begrenzt und bei 1 : 1 am größten.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie groß ist der pH-Wert einer Essigsäure-Lösung mit c0=0,020c_0 = 0{,}020 mol/L (pKs=4,76\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76)?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche der Lösungen (jeweils 0,1 mol/L) reagiert sauer?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Puffer enthält 0,050 mol/L Essigsäure und 0,15 mol/L Natriumacetat (pKs=4,76\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}76). Wie groß ist sein pH-Wert?

Aufgabe 4Multiple Choice

Ein Puffer enthält eine Säure mit pKs=6,4\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 6{,}4. In welchem pH-Bereich puffert er gut?

Aufgabe 5Freitext

Beschreibe mit Reaktionsgleichung, was in einem Acetatpuffer geschieht, wenn du Natronlauge zugibst, und erkläre, warum sich der pH-Wert dabei nur wenig ändert.