Lektion 5.1

Säure-Base-Gleichgewichte: Brønsted, Säurekonstanten und pH-Berechnung

16 min Lesezeit

Du hast zwei Flaschen. In beiden steckt eine Säure mit der Konzentration 0,10 mol/L: in der einen Salzsäure, in der anderen Essigsäure. Ein pH-Messgerät zeigt trotzdem 1,00 für die Salzsäure und 2,88 für die Essigsäure. In der Essigsäure sind etwa 76-mal weniger Oxonium-Ionen als in der Salzsäure.

Aus der Mittelstufe weißt du, dass es starke und schwache Säuren gibt. Jetzt rechnest du damit: Eine Konstante beschreibt, wie weit eine Säure ihr Proton abgibt, und aus ihr folgt der pH-Wert. Dazu brauchst du das Massenwirkungsgesetz.

Definition

Säure-Base-Gleichgewicht nach Brønsted

Nach Brønsted ist eine Säure ein Teilchen, das ein Proton abgeben kann, und eine Base ein Teilchen, das ein Proton aufnehmen kann. Beides gibt es nur zusammen: Eine Säure HA gibt ihr Proton nur ab, wenn eine Base es aufnimmt. In Wasser ist das Wasser selbst die Base. Aus der Säure wird ihre korrespondierende Base A−\mathrm{A^-} (das Teilchen ohne Proton), aus dem Wasser seine korrespondierende Säure, das Oxonium-Ion H3O+\mathrm{H_3O^+}. Die beiden korrespondierenden Paare heißen HA/A−\mathrm{A^-} und H3O+\mathrm{H_3O^+}/H2O\mathrm{H_2O}. Protolyse nennt man die Abgabe oder Aufnahme eines Protons.

Die Reaktion ist umkehrbar, es stellt sich ein Gleichgewicht ein. Es liegt immer auf der Seite der schwächeren Säure und der schwächeren Base. Eine starke Säure protolysiert praktisch vollständig, eine schwache nur zu einem kleinen Teil.

HA+H2O⇌A−+H3O+\mathrm{HA + H_2O \rightleftharpoons A^- + H_3O^+}
Definition

Autoprotolyse und Ionenprodukt des Wassers

Wasser ist ein Ampholyt: Es kann Protonen abgeben und aufnehmen. Darum reagieren schon in reinem Wasser Moleküle miteinander, eines gibt ein Proton an ein anderes. Diese Reaktion heißt Autoprotolyse: 2 H2O⇌H3O++OH−\mathrm{2\,H_2O \rightleftharpoons H_3O^+ + OH^-}. Sie läuft kaum ab: In einem Liter reinem Wasser bei 25 °C sind nur 10−710^{-7} mol Oxonium-Ionen, aber etwa 55,5 mol Wassermoleküle.

Das Massenwirkungsgesetz liefert K=c(H3O+)⋅c(OH−)c(H2O)2K = \frac{c(\mathrm{H_3O^+}) \cdot c(\mathrm{OH^-})}{c(\mathrm{H_2O})^2}. Fast alle Wassermoleküle bleiben unverändert, deshalb ist c(H2O)c(\mathrm{H_2O}) praktisch konstant und wird in die Konstante einbezogen. Das Ergebnis ist das Ionenprodukt des Wassers KwK_\mathrm{w}. Es gilt in reinem Wasser und in jeder verdünnten wässrigen Lösung. Der Wert unten gilt bei 25 °C und hängt von der Temperatur ab.

Kw=c(H3O+)⋅c(OH−)=10−14 mol2/L2K_\mathrm{w} = c(\mathrm{H_3O^+}) \cdot c(\mathrm{OH^-}) = 10^{-14}\,\mathrm{mol^2/L^2}
Definition

pH-Wert und pOH-Wert

Die Konzentrationen sind sehr klein und umfassen viele Zehnerpotenzen. Deshalb nutzt man den Zehnerlogarithmus lg⁡\lg: Es gilt lg⁡10−3=−3\lg 10^{-3} = -3. Der pH-Wert ist der negative Zehnerlogarithmus der Oxonium-Konzentration, der pOH-Wert der von c(OH−)c(\mathrm{OH^-}). Ein Logarithmus ist nur für Zahlen ohne Einheit erklärt, darum teilt man cc durch 1 mol/L. Im Text lassen wir das Teilen ab jetzt weg.

Aus Kw=10−14K_\mathrm{w} = 10^{-14} folgt durch Logarithmieren pH+pOH=14\mathrm{pH + pOH = 14} (bei 25 °C). Bei pH 7 ist die Lösung neutral, darunter sauer, darüber alkalisch. Umgekehrt gilt c(H3O+)=10−pHc(\mathrm{H_3O^+}) = 10^{-\mathrm{pH}} mol/L. Eine pH-Einheit bedeutet den Faktor 10: Bei pH 3 sind zehnmal so viele Oxonium-Ionen in der Lösung wie bei pH 4.

pH=−lg⁡c(H3O+)1 mol/LpOH=−lg⁡c(OH−)1 mol/LpH+pOH=14\mathrm{pH} = -\lg \frac{c(\mathrm{H_3O^+})}{1\,\mathrm{mol/L}} \qquad \mathrm{pOH} = -\lg \frac{c(\mathrm{OH^-})}{1\,\mathrm{mol/L}} \qquad \mathrm{pH} + \mathrm{pOH} = 14
Beispiel

Vom pH zur Konzentration und zurück

a) Eine Lösung hat c(H3O+)=0,010c(\mathrm{H_3O^+}) = 0{,}010 mol/L. Wie groß ist der pH-Wert? b) Eine andere Lösung hat pH 3,40. Wie groß sind c(H3O+)c(\mathrm{H_3O^+}) und c(OH−)c(\mathrm{OH^-})?

a) Es ist 0,010=10−20{,}010 = 10^{-2}, also pH=−lg⁡10−2=2\mathrm{pH} = -\lg 10^{-2} = 2.

b) c(H3O+)=10−3,40c(\mathrm{H_3O^+}) = 10^{-3{,}40} mol/L ≈4,0⋅10−4\approx 4{,}0 \cdot 10^{-4} mol/L. Für die Hydroxid-Ionen: pOH=14−3,40=10,60\mathrm{pOH} = 14 - 3{,}40 = 10{,}60, also c(OH−)=10−10,60c(\mathrm{OH^-}) = 10^{-10{,}60} mol/L ≈2,5⋅10−11\approx 2{,}5 \cdot 10^{-11} mol/L.

Definition

Säurekonstante und Basenkonstante, pKs und pKb

Auf die Protolyse einer Säure HA in Wasser wendest du das Massenwirkungsgesetz an. Wie beim Wasser bezieht man die praktisch konstante Wasserkonzentration in die Konstante ein. So entsteht die Säurekonstante KsK_\mathrm{s} (Einheit mol/L). Für eine Base B, die mit Wasser zu BH+\mathrm{BH^+} und OH−\mathrm{OH^-} reagiert, entsteht entsprechend die Basenkonstante Kb=c(BH+)⋅c(OH−)c(B)K_\mathrm{b} = \frac{c(\mathrm{BH^+}) \cdot c(\mathrm{OH^-})}{c(\mathrm{B})}.

Je größer KsK_\mathrm{s}, desto weiter liegt das Gleichgewicht rechts und desto stärker ist die Säure. Wie beim pH nimmt man den negativen Logarithmus: pKs=−lg⁡Ks\mathrm{p}K_\mathrm{s} = -\lg K_\mathrm{s} und pKb=−lg⁡Kb\mathrm{p}K_\mathrm{b} = -\lg K_\mathrm{b}. Je kleiner der pKs-Wert, desto stärker die Säure. Dasselbe gilt für Basen mit pKb.

Für ein korrespondierendes Paar gilt: Multiplizierst du KsK_\mathrm{s} der Säure HA mit KbK_\mathrm{b} ihrer Base A−\mathrm{A^-}, kürzen sich c(HA)c(\mathrm{HA}) und c(A−)c(\mathrm{A^-}) weg, und es bleibt c(H3O+)⋅c(OH−)=Kwc(\mathrm{H_3O^+}) \cdot c(\mathrm{OH^-}) = K_\mathrm{w}. Eine starke Säure hat also eine schwache korrespondierende Base, und umgekehrt.

Ks=c(A−)⋅c(H3O+)c(HA)Ks⋅Kb=KwpKs+pKb=14K_\mathrm{s} = \frac{c(\mathrm{A^-}) \cdot c(\mathrm{H_3O^+})}{c(\mathrm{HA})} \qquad K_\mathrm{s} \cdot K_\mathrm{b} = K_\mathrm{w} \qquad \mathrm{p}K_\mathrm{s} + \mathrm{p}K_\mathrm{b} = 14
Definition

Stärke von Säuren und Basen im Vergleich

Werte bei 25 °C:

Säurekorrespondierende BasepKspKb
HClCl−\mathrm{Cl^-}etwa −6etwa 20
HSO4−\mathrm{HSO_4^-}SO42−\mathrm{SO_4^{2-}}1,9212,08
HFF−\mathrm{F^-}3,1410,86
CH3COOH\mathrm{CH_3COOH}CH3COO−\mathrm{CH_3COO^-}4,769,24
HCNCN−\mathrm{CN^-}9,214,79
NH4+\mathrm{NH_4^+}NH3\mathrm{NH_3}9,254,75

Als Faustregel gilt: Säuren mit pKs unter 0 sind stark, sie protolysieren in Wasser praktisch vollständig. Zwischen 0 und etwa 4 nennt man sie mittelstark, darüber schwach. Die Grenzen sind Verabredung. Das Chlorid-Ion ist eine so schwache Base, dass es in Wasser kein Proton aufnimmt.

Beispiel

Säurekonstante aus einer pH-Messung

Eine Essigsäure-Lösung mit der Anfangskonzentration c0=0,10c_0 = 0{,}10 mol/L (so viel Säure wurde eingewogen) hat den pH-Wert 2,88. Berechne KsK_\mathrm{s} und pKs\mathrm{p}K_\mathrm{s} der Essigsäure und den pKb-Wert des Acetat-Ions.

Aus dem pH folgt c(H3O+)=10−2,88c(\mathrm{H_3O^+}) = 10^{-2{,}88} mol/L =1,32⋅10−3= 1{,}32 \cdot 10^{-3} mol/L. Zu jedem H3O+\mathrm{H_3O^+} entsteht genau ein Acetat-Ion (die Oxonium-Ionen aus dem Wasser sind vernachlässigbar), also c(CH3COO−)=1,32⋅10−3c(\mathrm{CH_3COO^-}) = 1{,}32 \cdot 10^{-3} mol/L. Dieselbe Menge Essigsäure ist verbraucht: c(CH3COOH)=0,10−0,00132=0,0987c(\mathrm{CH_3COOH}) = 0{,}10 - 0{,}00132 = 0{,}0987 mol/L.

Eingesetzt: Ks=(1,32⋅10−3)20,0987K_\mathrm{s} = \frac{(1{,}32 \cdot 10^{-3})^2}{0{,}0987} mol/L =1,76⋅10−5= 1{,}76 \cdot 10^{-5} mol/L, also pKs=4,75\mathrm{p}K_\mathrm{s} = 4{,}75 (Tabellenwert 4,76). Nur etwa 1,3 % der Moleküle sind protolysiert. Das erklärt den hohen pH-Wert aus der Einleitung. Mit dem Tabellenwert folgt für das Acetat-Ion pKb=14−4,76=9,24\mathrm{p}K_\mathrm{b} = 14 - 4{,}76 = 9{,}24.

Definition

pH-Wert bei vollständiger Protolyse

Bei einer starken Säure sind praktisch alle Moleküle protolysiert: Aus jedem Molekül HA wird ein H3O+\mathrm{H_3O^+}. Mit der Anfangskonzentration c0c_0 gilt für eine Säure, die ein Proton abgibt (HCl, HNO3\mathrm{HNO_3}), c(H3O+)=c0c(\mathrm{H_3O^+}) = c_0. Eine starke Base wie NaOH oder Ca(OH)2\mathrm{Ca(OH)_2} besteht schon als Feststoff aus Hydroxid-Ionen, sie gehen beim Lösen in die Lösung. Dann ist c(OH−)=z⋅c0c(\mathrm{OH^-}) = z \cdot c_0, wobei zz die Zahl der Hydroxid-Ionen je Formeleinheit ist (NaOH: 1, Ca(OH)2\mathrm{Ca(OH)_2}: 2). Aus dem pOH folgt der pH-Wert mit pH=14−pOH\mathrm{pH} = 14 - \mathrm{pOH}.

Die Rechnung gilt für Konzentrationen von etwa 10−610^{-6} bis 1 mol/L.

starke Sa¨ure: pH=−lg⁡c0starke Base: pOH=−lg⁡(z⋅c0)\text{starke Säure: } \mathrm{pH} = -\lg c_0 \qquad \text{starke Base: } \mathrm{pOH} = -\lg (z \cdot c_0)
Beispiel

pH-Wert von Laugen

Berechne den pH-Wert von a) Natronlauge mit c0=0,020c_0 = 0{,}020 mol/L und b) Calciumhydroxid-Lösung mit c0=0,0050c_0 = 0{,}0050 mol/L.

a) c(OH−)=0,020c(\mathrm{OH^-}) = 0{,}020 mol/L, also pOH=−lg⁡0,020=1,70\mathrm{pOH} = -\lg 0{,}020 = 1{,}70 und pH=14−1,70=12,30\mathrm{pH} = 14 - 1{,}70 = 12{,}30.

b) c(OH−)=2⋅0,0050=0,010c(\mathrm{OH^-}) = 2 \cdot 0{,}0050 = 0{,}010 mol/L, also pOH=2,00\mathrm{pOH} = 2{,}00 und pH=12,00\mathrm{pH} = 12{,}00.

Häufige Fehler

Eine sehr verdünnte Säure ist alkalisch

„Salzsäure mit c0=10−8c_0 = 10^{-8} mol/L hat den pH-Wert 8.“

Richtig ist

Verdünnen macht aus einer Säure keine Base. Bei so kleiner Konzentration stammen fast alle Oxonium-Ionen vom Wasser selbst (10−710^{-7} mol/L). Beides zusammen ergibt c(H3O+)≈1,05⋅10−7c(\mathrm{H_3O^+}) \approx 1{,}05 \cdot 10^{-7} mol/L, also pH 6,98. Die einfache Formel gilt nur, wenn die Säure deutlich mehr Oxonium-Ionen liefert als das Wasser.

Häufige Fehler

Neutral ist immer pH 7

„pH + pOH = 14, also ist reines Wasser immer bei pH 7.“

Richtig ist

Die 14 gelten nur bei 25 °C. KwK_\mathrm{w} wächst mit der Temperatur: Bei 37 °C hat reines Wasser etwa pH 6,8 und ist trotzdem neutral, denn neutral heißt c(H3O+)=c(OH−)c(\mathrm{H_3O^+}) = c(\mathrm{OH^-}).

Zusammenfassung

  • Eine Säure gibt ein Proton ab, eine Base nimmt es auf. In Wasser stellt sich ein Gleichgewicht ein, das auf der Seite der schwächeren Säure und Base liegt.

  • Das Ionenprodukt des Wassers ist Kw=c(H3O+)⋅c(OH−)=10−14 mol2/L2K_\mathrm{w} = c(\mathrm{H_3O^+}) \cdot c(\mathrm{OH^-}) = 10^{-14}\,\mathrm{mol^2/L^2} bei 25 °C.

  • Der pH-Wert ist −lg⁡c(H3O+)-\lg c(\mathrm{H_3O^+}), und bei 25 °C gilt pH+pOH=14\mathrm{pH + pOH = 14}. Eine pH-Einheit ist der Faktor 10.

  • Je kleiner der pKs-Wert, desto stärker die Säure. Für ein korrespondierendes Paar gilt Ks⋅Kb=KwK_\mathrm{s} \cdot K_\mathrm{b} = K_\mathrm{w} und pKs+pKb=14\mathrm{p}K_\mathrm{s} + \mathrm{p}K_\mathrm{b} = 14.

  • Bei vollständiger Protolyse gilt pH=−lg⁡c0\mathrm{pH} = -\lg c_0 für starke einprotonige Säuren. Bei starken Basen berechnest du zuerst pOH aus z⋅c0z \cdot c_0.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie groß ist der pH-Wert von Salpetersäure (HNO3\mathrm{HNO_3}, starke Säure) mit der Anfangskonzentration 0,0010 mol/L?

Aufgabe 2Multiple Choice

Säure A hat pKs = 3,2, Säure B hat pKs = 4,8. Was stimmt?

Aufgabe 3Numerisch

Bariumhydroxid, Ba(OH)2\mathrm{Ba(OH)_2}, liegt in Lösung vollständig als Ba2+\mathrm{Ba^{2+}} und OH−\mathrm{OH^-} vor. Wie groß ist der pH-Wert einer Lösung mit c0=0,050c_0 = 0{,}050 mol/L bei 25 °C?

Aufgabe 4Numerisch

In einer Lösung ist c(OH−)=2,0⋅10−3c(\mathrm{OH^-}) = 2{,}0 \cdot 10^{-3} mol/L. Wie groß ist der pH-Wert bei 25 °C?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre mit der Säurekonstante, warum Essigsäure mit c0=0,10c_0 = 0{,}10 mol/L einen höheren pH-Wert hat als Salzsäure derselben Konzentration.