Lektion 3.2

Technische Mechanik: Lager, Spannungen und Balkenbiegung

21 min Lesezeit

Ein Regalbrett mit Büchern biegt sich durch und geht zurück, wenn man die Bücher wegnimmt. Eine Büroklammer, die man zu weit aufbiegt, bleibt verbogen. Ein Kran darf an seinem Fuß weder umkippen noch wegrutschen.

Die technische Mechanik fragt: Wie ist ein Bauteil gelagert? Wie verhält sich der Werkstoff unter Last? Wie stark biegt sich ein Balken durch? Zug, Druck, Biegung und Zugfestigkeit kennst du aus Klasse 9-10. Jetzt rechnest du genauer.

Definition

Ebene statische Systeme: Lager und Gelenke

In einem ebenen System liegen Bauteil und alle Kräfte in einer Ebene. Ein starrer Körper hat dort drei Freiheitsgrade: waagerecht verschieben, senkrecht verschieben, drehen. Lager sperren Freiheitsgrade und üben dafür Kräfte aus, die Lagerreaktionen. Die Wertigkeit nennt, wie viele Freiheitsgrade ein Lager sperrt.

LagerSperrtLagerreaktionWertigkeit
Loslager (Rolle)eine Verschiebungeine Kraft senkrecht zur Gleitrichtung1
Festlagerbeide Verschiebungenzwei Kraftkomponenten2
Einspannungbeide Verschiebungen und die Drehungzwei Kraftkomponenten und ein Drehmoment3

Ein Gelenk verbindet zwei Körper. Es überträgt Kräfte, aber kein Drehmoment, denn die Körper dürfen sich gegeneinander verdrehen. Seine Wertigkeit ist 2.

Definition

Statische Bestimmtheit

Ein System ist statisch bestimmt, wenn die Lager genau so viele Freiheitsgrade sperren, wie nötig sind, um es festzuhalten. Besteht es aus nn starren Körpern, haben sie zusammen 3n3n Freiheitsgrade. Die Summe der Wertigkeiten aller Lager und Gelenke sei rr. Aus beiden bildet man die Kennzahl ff (Formel darunter). Bei f=0f = 0 ist das System statisch bestimmt, bei f<0f < 0 statisch unbestimmt (mehr Lagerreaktionen, als sich ohne Verformungsrechnung bestimmen lassen), bei f>0f > 0 beweglich. f=0f = 0 ist nur notwendig: Drei parallele Loslager halten einen Balken nicht waagerecht fest.

f=3n−rf = 3n - r
Beispiel

Vier Systeme prüfen

A) Balken mit Festlager links und Loslager rechts. B) Balken links eingespannt, rechts frei. C) Balken mit Festlagern an beiden Enden. D) Zwei Körper (Dreigelenkbogen) mit Festlager links, Festlager rechts und einem Gelenk dazwischen.

A) n=1n = 1, r=2+1=3r = 2 + 1 = 3, f=0f = 0: statisch bestimmt.
B) n=1n = 1, r=3r = 3, f=0f = 0: statisch bestimmt (ein einseitig eingespannter Träger heißt Kragträger).
C) n=1n = 1, r=2+2=4r = 2 + 2 = 4, f=−1f = -1: einfach statisch unbestimmt, denn wie sich die waagerechten Kräfte auf die Lager verteilen, hängt von der Verformung ab.
D) n=2n = 2, r=2+2+2=6r = 2 + 2 + 2 = 6, f=6−6=0f = 6 - 6 = 0: statisch bestimmt.

Definition

Spannung, Dehnung und Hooke'sches Gesetz

Im Zugversuch spannt man einen Stab mit Querschnittsfläche A0A_0 und Anfangslänge L0L_0 in eine Prüfmaschine und steigert die Kraft FF. Gemessen werden FF und die Verlängerung ΔL\Delta L. Daraus entstehen zwei Größen, die nicht von der Stabgröße abhängen: die Spannung σ=F/A0\sigma = F / A_0 in N/mm² und die Dehnung ε=ΔL/L0\varepsilon = \Delta L / L_0 (ohne Einheit). Anfangs sind beide proportional. Dieses Hooke'sche Gesetz gilt mit dem Elastizitätsmodul EE, einer Werkstoffkonstante in N/mm²:

σ=E⋅ε\sigma = E \cdot \varepsilon
Definition

Spannungs-Dehnungs-Diagramm

Trägt man σ\sigma über ε\varepsilon auf, entsteht das Spannungs-Dehnungs-Diagramm. Seine Anfangssteigung ist der E-Modul, ein Maß für die Steifigkeit: Stahl etwa 210000 N/mm², Aluminium etwa 70000 N/mm², Fichtenholz in Faserrichtung etwa 11000 N/mm². Bei Baustahl hat die Kurve diese Abschnitte:

  • Elastischer Bereich: eine Gerade. Nach dem Entlasten geht die Dehnung auf null zurück.
  • Streckgrenze ReR_e: Der Stahl beginnt zu fließen, die Dehnung wächst bei fast gleicher Spannung, danach bleibt eine Verformung zurück. Baustahl S235 hat ReR_e von etwa 235 N/mm².
  • Zugfestigkeit Rm=Fmax/A0R_m = F_{\text{max}} / A_0: die höchste Spannung. Danach schnürt sich der Stab ein und reißt.

Werkstoffe ohne ausgeprägte Streckgrenze, zum Beispiel Aluminium, haben eine Dehngrenze Rp0,2R_{\mathrm{p}0{,}2}: die Spannung, nach deren Entlasten 0,2 % Dehnung bleiben. Man bemisst Bauteile so, dass die Spannung deutlich unter Streck- oder Dehngrenze bleibt.

Beispiel

Wie lang wird der Stab?

Ein Flachstab aus Baustahl (E=210000E = 210000 N/mm², Re=235R_e = 235 N/mm²) hat den Querschnitt 10 mm · 20 mm und ist 3 m lang. Er trägt 30 kN Zugkraft. Berechne Spannung, Dehnung und Verlängerung. Bleibt er elastisch?

σ=30 000 N200 mm2=150 Nmm2ε=150210 000≈7,14⋅10−4\sigma = \frac{30\,000\ \text{N}}{200\ \text{mm}^2} = 150\ \frac{\text{N}}{\text{mm}^2} \qquad \varepsilon = \frac{150}{210\,000} \approx 7{,}14 \cdot 10^{-4}

Die Verlängerung ist ΔL=ε⋅L0=7,14⋅10−4⋅3000 mm≈2,14\Delta L = \varepsilon \cdot L_0 = 7{,}14 \cdot 10^{-4} \cdot 3000\ \text{mm} \approx 2{,}14 mm. Die Spannung 150 N/mm² liegt unter 235 N/mm², der Stab bleibt elastisch und ist nach dem Entlasten wieder 3 m lang.

Definition

Durchbiegung von Balken

Ein quer belasteter Balken biegt sich durch. Die größte Durchbiegung ww hängt von Kraft, Länge, Werkstoff und Querschnitt ab. Der Werkstoff geht über EE ein, der Querschnitt über das Flächenträgheitsmoment II in mm⁴. Für ein Rechteck mit Breite bb und Höhe hh (in Lastrichtung) ist I=bh3/12I = b h^3 / 12. Das ist die Formel hinter der Aussage aus Klasse 9-10, dass ein hochkant stehendes Brett viel steifer ist. Für kleine Verformungen im elastischen Bereich, ohne Eigengewicht, gilt:

  • Balken auf zwei Stützen, Einzelkraft FF in der Mitte, Abstand der Stützen LL: w=FL348 EIw = \dfrac{F L^3}{48\,E I}
  • Kragträger (einseitig eingespannt), Kraft FF am freien Ende, Länge LL: w=FL33 EIw = \dfrac{F L^3}{3\,E I}

Die Durchbiegung wächst mit L3L^3. Doppelte Höhe macht II achtmal so groß und die Durchbiegung achtmal kleiner, doppelte Breite halbiert sie nur.

Beispiel

Brett flach oder hochkant

Ein Fichtenbrett (E=11000E = 11000 N/mm²), 200 mm breit und 20 mm dick, liegt flach auf zwei Stützen im Abstand 1000 mm. In der Mitte steht eine Last von 100 N. Wie groß ist die Durchbiegung, und wie groß wäre sie hochkant (20 mm breit, 200 mm hoch)?

Flach: I=200⋅203/12≈133 333I = 200 \cdot 20^3 / 12 \approx 133\,333 mm⁴ und w=100⋅1000348⋅11000⋅133 333=10117,04⋅1010≈1,42w = \dfrac{100 \cdot 1000^3}{48 \cdot 11000 \cdot 133\,333} = \dfrac{10^{11}}{7{,}04 \cdot 10^{10}} \approx 1{,}42 mm.

Hochkant: I=20⋅2003/12≈13 333 333I = 20 \cdot 200^3 / 12 \approx 13\,333\,333 mm⁴, das 100-fache. Die Durchbiegung ist 100-mal kleiner, etwa 0,014 mm.

Definition

Lagerreaktionen: Schnittprinzip und Gleichgewicht

Beim Schnittprinzip denkst du dir den Körper aus der Umgebung herausgeschnitten und zeichnest an jeder Schnittstelle die Kraft ein, die die Umgebung ausübt, also die Lagerreaktionen. Ruht der Körper, heben sich alle Wirkungen auf. In der Ebene gibt es drei Gleichgewichtsbedingungen: Die Summe der Kräfte in xx-Richtung ist null, die in yy-Richtung ist null, und die Summe der Momente (Drehmomente) um einen beliebigen Punkt ist null. Drei Gleichungen reichen für drei Unbekannte, darum ist f=0f = 0 der bestimmte Fall.

∑Fx=0∑Fy=0∑M=0\sum F_x = 0 \qquad \sum F_y = 0 \qquad \sum M = 0
Beispiel

Lagerkräfte eines Balkens

Ein Balken der Länge 4 m liegt links auf einem Festlager A und rechts auf einem Loslager B. Eine Last von 12 kN greift 1 m rechts von A an. Berechne die Lagerkräfte.

Am Festlager wirken AxA_x und AyA_y, am Loslager nur BB. Momente um A: B⋅4 m−12 kN⋅1 m=0B \cdot 4\ \text{m} - 12\ \text{kN} \cdot 1\ \text{m} = 0, also B=3B = 3 kN. Senkrechte Kräfte: Ay+B−12 kN=0A_y + B - 12\ \text{kN} = 0, also Ay=9A_y = 9 kN. Waagerecht wirkt nichts, Ax=0A_x = 0. Probe mit Momenten um B: 9 · 4 - 12 · 3 = 0.

Definition

Euler'sche Knickstäbe

Ein schlanker Stab unter Druck kann seitlich ausweichen, lange bevor der Werkstoff fließt. Das heißt Knicken. Die kleinste Druckkraft, bei der ein gerader Stab ausknickt, ist die Euler'sche Knicklast FK=π2EIsK2F_K = \dfrac{\pi^2 E I}{s_K^2}. Darin ist II das kleinste Flächenträgheitsmoment und sK=β⋅Ls_K = \beta \cdot L die Knicklänge mit der Stablänge LL.

Lagerung des Stabsβ\beta
ein Ende eingespannt, das andere frei2
beide Enden gelenkig1
ein Ende eingespannt, das andere gelenkigetwa 0,7
beide Enden eingespannt0,5

Die Knicklast hängt vom E-Modul ab, nicht von der Festigkeit. Doppelte Länge ergibt ein Viertel. Die Formel gilt nur für schlanke Stäbe, gedrungene versagen vorher durch Fließen.

Beispiel

Knicken oder Fließen?

Ein Rundstab aus Stahl (E=210000E = 210000 N/mm², Re=235R_e = 235 N/mm²) hat 20 mm Durchmesser und 1000 mm Länge, beide Enden gelenkig. Wann knickt er, wann würde er fließen?

I=πd4/64≈7854I = \pi d^4 / 64 \approx 7854 mm⁴, sK=1000s_K = 1000 mm. FK=π2⋅210000⋅7854/10002≈16 300F_K = \pi^2 \cdot 210000 \cdot 7854 / 1000^2 \approx 16\,300 N, also etwa 16,3 kN. Fließen würde bei Re⋅A=235⋅314≈73 800R_e \cdot A = 235 \cdot 314 \approx 73\,800 N. Der Stab knickt lange vor dem Fließen.

Häufige Fehler

Hohe Festigkeit heißt hohe Steifigkeit

„Hochfester Stahl dehnt sich unter Last weniger als normaler Baustahl.“

Richtig ist

Der E-Modul ist bei Stählen ähnlich, etwa 210000 N/mm², auch wenn die Festigkeit sehr verschieden ist. Hochfester Stahl verträgt mehr Spannung, dehnt sich bei derselben Spannung aber genauso.

Häufige Fehler

Doppelte Höhe heißt halbe Durchbiegung

„Ich mache den Balken doppelt so hoch, dann biegt er sich nur halb so stark durch.“

Richtig ist

Die Höhe geht mit der dritten Potenz ein: Die Durchbiegung sinkt auf ein Achtel.

Zusammenfassung

  • Loslager sperren eine Bewegung, Festlager zwei, Einspannungen drei. Ein Gelenk hat Wertigkeit 2 und überträgt kein Drehmoment.

  • Mit f=3n−rf = 3n - r prüft man die statische Bestimmtheit: f=0f = 0 bestimmt, f<0f < 0 unbestimmt, f>0f > 0 beweglich.

  • Im elastischen Bereich gilt σ=E⋅ε\sigma = E \cdot \varepsilon. Das Diagramm zeigt Streck- oder Dehngrenze und Zugfestigkeit. Man bemisst unter der Streck- oder Dehngrenze.

  • Die Durchbiegung eines Balkens ist umgekehrt proportional zu E⋅IE \cdot I, mit I=bh3/12I = b h^3 / 12 beim Rechteck, und wächst mit L3L^3.

  • Leistungskurs: Lagerkräfte folgen aus Freischneiden und den drei Gleichgewichtsbedingungen. Schlanke Druckstäbe knicken bei FK=π2EI/sK2F_K = \pi^2 E I / s_K^2.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Rahmen besteht aus zwei Körpern (n = 2). Er hat ein Festlager, ein Loslager und ein Gelenk zwischen den Körpern. Wie groß ist f = 3n - r?

Aufgabe 2Numerisch

Ein Aluminiumstab (E = 70000 N/mm²) mit 100 mm² Querschnitt und 1400 mm Länge trägt 5000 N Zugkraft. Wie groß ist die Verlängerung, in Millimetern?

Aufgabe 3Multiple Choice

Was bedeutet die Dehngrenze Rp0,2 eines Werkstoffs?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Balken auf zwei Stützen biegt sich unter einer Last in der Mitte um 4,0 mm durch. Er wird bei gleicher Breite, Länge und Last doppelt so hoch gemacht. Wie groß ist die Durchbiegung dann, in Millimetern?

Aufgabe 5Numerisch

Leistungskurs: Ein Balken von 5 m Länge liegt links auf einem Festlager A und rechts auf einem Loslager B. Eine Last von 10 kN greift 2 m rechts von A an. Wie groß ist die senkrechte Lagerkraft in A, in Kilonewton?