Lektion 1.5

Homomorphismen von Gruppen

30 min Lesezeit

Bisher haben wir einzelne Gruppen betrachtet und ihre innere Struktur untersucht: Untergruppen, Erzeugendensysteme, zyklische Gruppen. Jetzt erweitern wir unseren Blick und fragen: Wie hängen verschiedene Gruppen zusammen?

In der modernen Mathematik ist es ein fundamentales Prinzip, nicht nur Objekte zu studieren, sondern vor allem die Abbildungen zwischen ihnen. Diese Sichtweise – das Studium von "Morphismen" – durchzieht die gesamte Algebra und darüber hinaus.

Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben zwei Gruppen (G,∗)(G, *) und (H,∘)(H, \circ). Eine beliebige Abbildung f:G→Hf: G \to H würde die Gruppenstruktur komplett ignorieren. Aber was wäre, wenn die Abbildung die Struktur "respektiert"?

Die Grundidee:

Eine "gute" Abbildung zwischen Gruppen sollte die Verknüpfung respektieren. Was bedeutet das konkret?

Wenn wir zwei Elemente a,b∈Ga, b \in G haben, können wir sie auf zwei Arten nach HH bringen:

Weg 1: Erst verknüpfen, dann abbilden: a∗b↦f(a∗b)a * b \mapsto f(a * b)

Weg 2: Erst abbilden, dann verknüpfen: a↦f(a),  b↦f(b),  a \mapsto f(a), \; b \mapsto f(b), \; dann f(a)∘f(b)f(a) \circ f(b)

Eine strukturerhaltende Abbildung ist eine, bei der beide Wege zum gleichen Ergebnis führen. Diese Idee führt uns zur zentralen Definition dieses Abschnitts.

Definition

Gruppenhomomorphismus

Es seien (G,∗)(G, *) und (H,∘)(H, \circ) zwei Gruppen. Eine Abbildung f:G→Hf: G \to H heißt (Gruppen-)Homomorphismus, wenn für alle x,y∈Gx, y \in G gilt:

f(x∗y)=f(x)∘f(y)f(x * y) = f(x) \circ f(y)

Die Abbildung "übersetzt" also die Verknüpfung in GG in die Verknüpfung in HH. Links steht: "erst verknüpfen, dann abbilden". Rechts steht: "erst abbilden, dann verknüpfen". Die Homomorphismus-Eigenschaft fordert, dass beides dasselbe ergibt.

Die Menge aller Homomorphismen von GG nach HH wird mit Hom(G,H)\text{Hom}(G, H) bezeichnet.

f:G→H ist Homomorphismus  ⇔  ∀x,y∈G:f(x∗y)=f(x)∘f(y)f: G \to H \text{ ist Homomorphismus} \;\Leftrightarrow\; \forall x, y \in G: f(x * y) = f(x) \circ f(y)
Beispiel

Der triviale Homomorphismus

Für je zwei Gruppen GG und HH gibt es immer mindestens einen Homomorphismus: den trivialen Homomorphismus, der jedes Element auf das neutrale Element abbildet.

Sei f:G→Hf: G \to H definiert durch f(x):=eHf(x) := e_H für alle x∈Gx \in G.

Ist das wirklich ein Homomorphismus? Wir prüfen:
f(x∗y)=eH=eH∘eH=f(x)∘f(y)f(x * y) = e_H = e_H \circ e_H = f(x) \circ f(y)

Ja! Der triviale Homomorphismus ist nicht sehr interessant, aber er zeigt, dass Hom(G,H)\text{Hom}(G, H) nie leer ist.

Beispiel

Die Exponentialfunktion

Ein wunderschönes Beispiel: Die Abbildung exp⁡:(R,+)→(R>0,⋅)\exp: (\mathbb{R}, +) \to (\mathbb{R}_{>0}, \cdot) ist ein Homomorphismus.

Wir erinnern uns an die fundamentale Eigenschaft der e-Funktion aus der Analysis:
ea+b=ea⋅ebe^{a + b} = e^a \cdot e^b

In unserer Sprache: exp⁡(a+b)=exp⁡(a)⋅exp⁡(b)\exp(a + b) = \exp(a) \cdot \exp(b)

Links steht die Gruppenverknüpfung in (R,+)(\mathbb{R}, +) – die Addition.
Rechts steht die Gruppenverknüpfung in (R>0,⋅)(\mathbb{R}_{>0}, \cdot) – die Multiplikation.

Die Exponentialfunktion "übersetzt" Addition in Multiplikation! Dies ist kein Zufall, sondern der tiefere Grund, warum Logarithmenrechnen funktioniert.

Historisch wurden Logarithmentafeln genau aus diesem Grund erfunden: Um Multiplikationen (aufwendig) durch Additionen (einfach) zu ersetzen.

Beispiel

Potenzen eines festen Elements

Sei HH eine beliebige Gruppe und h∈Hh \in H ein festes Element. Dann ist die Abbildung

f:(Z,+)→H,f(n):=hnf: (\mathbb{Z}, +) \to H, \quad f(n) := h^n

ein Homomorphismus. Dabei ist hnh^n die nn-te Potenz von hh (für negative nn entsprechend hn=(h−1)∣n∣h^n = (h^{-1})^{|n|}).

Warum ist das ein Homomorphismus?
f(m+n)=hm+n=hm⋅hn=f(m)⋅f(n)f(m + n) = h^{m+n} = h^m \cdot h^n = f(m) \cdot f(n)

Das Bild dieses Homomorphismus ist genau die von hh erzeugte Untergruppe ⟨h⟩\langle h \rangle.

Satz

Eigenschaften von Homomorphismen

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Dann gelten:

a) f(eG)=eHf(e_G) = e_H (Das neutrale Element wird auf das neutrale Element abgebildet)

b) Für alle g∈Gg \in G: f(g−1)=f(g)−1f(g^{-1}) = f(g)^{-1} (Inverse werden auf Inverse abgebildet)

Diese Eigenschaften folgen zwingend aus der Homomorphismus-Eigenschaft – wir müssen sie nicht extra fordern!

Definition

Spezielle Typen von Homomorphismen

Je nach Eigenschaften der Abbildung hat ein Homomorphismus verschiedene Namen:

Monomorphismus: Ein injektiver Homomorphismus.
(Verschiedene Elemente werden auf verschiedene Elemente abgebildet. "Mono" = einzeln, allein)

Epimorphismus: Ein surjektiver Homomorphismus.
(Jedes Element in HH wird getroffen. "Epi" = auf, über)

Isomorphismus: Ein bijektiver Homomorphismus.
(Injektiv und surjektiv. Dies ist der wichtigste Begriff!)

Endomorphismus: Ein Homomorphismus von GG in sich selbst, also f:G→Gf: G \to G.
("Endo" = innen)

Automorphismus: Ein bijektiver Endomorphismus, also ein Isomorphismus von GG nach GG.
("Auto" = selbst)

Aut(G):={f:G→G∣f ist Automorphismus}\text{Aut}(G) := \{f: G \to G \mid f \text{ ist Automorphismus}\}

Warum sind Isomorphismen so wichtig?

Wenn es einen Isomorphismus f:G→Hf: G \to H gibt, dann sind GG und HH aus algebraischer Sicht identisch. Sie unterscheiden sich nur durch die "Namen" ihrer Elemente.

Die Bijektion ff stellt eine vollständige Korrespondenz her:

  • Jedes g∈Gg \in G entspricht genau einem f(g)∈Hf(g) \in H
  • Die Verknüpfungen entsprechen einander: g1∗g2g_1 * g_2 in GG entspricht f(g1)∘f(g2)f(g_1) \circ f(g_2) in HH

Wenn G≅HG \cong H (sprich: "GG ist isomorph zu HH"), dann hat jede algebraische Aussage über GG eine entsprechende Aussage über HH – und umgekehrt.

Beispiel

Isomorphie konkreter Gruppen

Die Gruppen (Z,+)(\mathbb{Z}, +) und (2Z,+)(2\mathbb{Z}, +) sind isomorph.

Der Isomorphismus ist f:Z→2Zf: \mathbb{Z} \to 2\mathbb{Z}, f(n):=2nf(n) := 2n (Verdopplung).

Injektiv? Wenn 2m=2n2m = 2n, dann m=nm = n. Ja!
Surjektiv? Jede gerade Zahl 2k2k ist das Bild von kk. Ja!
Homomorphismus? f(m+n)=2(m+n)=2m+2n=f(m)+f(n)f(m + n) = 2(m + n) = 2m + 2n = f(m) + f(n). Ja!

Obwohl 2Z2\mathbb{Z} eine echte Teilmenge von Z\mathbb{Z} ist, sind die beiden Gruppen strukturell gleich!

Definition

Kern eines Homomorphismus

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Der Kern von ff ist die Menge aller Elemente, die auf das neutrale Element abgebildet werden:

Kern(f):={g∈G∣f(g)=eH}=f−1({eH})\text{Kern}(f) := \{g \in G \mid f(g) = e_H\} = f^{-1}(\{e_H\})

Der Kern misst, wie "weit weg" der Homomorphismus von der Injektivität ist.

Kern(f)={g∈G∣f(g)=eH}\text{Kern}(f) = \{g \in G \mid f(g) = e_H\}
Satz

Zusammenhang: Kern und Injektivität

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Dann gilt:

ff ist injektiv ⇔\Leftrightarrow Kern(f)={eG}\text{Kern}(f) = \{e_G\}

Der Kern besteht also genau dann nur aus dem neutralen Element, wenn ff injektiv ist.

Definition

Bild eines Homomorphismus

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Das Bild von ff ist die Menge aller Elemente in HH, die von ff getroffen werden:

Bild(f):={f(g)∣g∈G}=f(G)⊆H\text{Bild}(f) := \{f(g) \mid g \in G\} = f(G) \subseteq H

Offensichtlich gilt: ff ist surjektiv ⇔\Leftrightarrow Bild(f)=H\text{Bild}(f) = H.

Bild(f)={f(g)∣g∈G}\text{Bild}(f) = \{f(g) \mid g \in G\}
Satz

Kern und Bild sind Untergruppen

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Dann gilt:

a) Kern(f)\text{Kern}(f) ist eine Untergruppe von GG.

b) Bild(f)\text{Bild}(f) ist eine Untergruppe von HH.

Homomorphismen liefern uns also automatisch Untergruppen!

Beispiel

Kern der Exponentialfunktion

Betrachten wir nochmals exp⁡:(R,+)→(R>0,⋅)\exp: (\mathbb{R}, +) \to (\mathbb{R}_{>0}, \cdot).

Kern: Welche reellen Zahlen xx erfüllen ex=1e^x = 1? Nur x=0x = 0!
Also: Kern(exp⁡)={0}\text{Kern}(\exp) = \{0\}

Da der Kern nur aus dem neutralen Element besteht, ist exp⁡\exp injektiv.

Bild: Jede positive reelle Zahl y>0y > 0 kann als y=eln⁡yy = e^{\ln y} geschrieben werden.
Also: Bild(exp⁡)=R>0\text{Bild}(\exp) = \mathbb{R}_{>0}

Da das Bild ganz R>0\mathbb{R}_{>0} ist, ist exp⁡\exp surjektiv.

Zusammen: exp⁡\exp ist ein Isomorphismus zwischen (R,+)(\mathbb{R}, +) und (R>0,⋅)(\mathbb{R}_{>0}, \cdot)!

Beispiel

Der Signum-Homomorphismus

Die Abbildung φ:(Z,+)→({1,−1},⋅)\varphi: (\mathbb{Z}, +) \to (\{1, -1\}, \cdot), definiert durch φ(n):=(−1)n\varphi(n) := (-1)^n, ist ein Homomorphismus.

Prüfung: φ(m+n)=(−1)m+n=(−1)m⋅(−1)n=φ(m)⋅φ(n)\varphi(m + n) = (-1)^{m+n} = (-1)^m \cdot (-1)^n = \varphi(m) \cdot \varphi(n)

Kern: Wann ist (−1)n=1(-1)^n = 1? Genau dann, wenn nn gerade ist.
Also: Kern(φ)=2Z\text{Kern}(\varphi) = 2\mathbb{Z} (die geraden Zahlen)

Bild: Da φ(0)=1\varphi(0) = 1 und φ(1)=−1\varphi(1) = -1, ist Bild(φ)={1,−1}\text{Bild}(\varphi) = \{1, -1\}.

Der Homomorphismus ist surjektiv, aber nicht injektiv (da der Kern mehr als nur {0}\{0\} enthält).

Satz

Komposition von Homomorphismen

Seien f:G→Hf: G \to H und g:H→Kg: H \to K Gruppenhomomorphismen. Dann ist auch die Komposition g∘f:G→Kg \circ f: G \to K ein Gruppenhomomorphismus.

Ausserdem: Das Inverse eines Isomorphismus ist wieder ein Isomorphismus.

Zusammenfassung

  • Ein Homomorphismus f:G→Hf: G \to H erfüllt f(xy)=f(x)f(y)f(xy) = f(x)f(y) – er respektiert die Gruppenstruktur

  • Homomorphismen bilden eGe_G auf eHe_H und Inverse auf Inverse ab

  • Monomorphismus = injektiv, Epimorphismus = surjektiv, Isomorphismus = bijektiv

  • Der Kern Kern(f)=f−1({eH})\text{Kern}(f) = f^{-1}(\{e_H\}) ist eine Untergruppe von GG

  • Das Bild Bild(f)=f(G)\text{Bild}(f) = f(G) ist eine Untergruppe von HH

  • ff ist injektiv ⇔\Leftrightarrow Kern(f)={eG}\text{Kern}(f) = \{e_G\}

  • Isomorphe Gruppen (G≅HG \cong H) sind algebraisch identisch

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Was ist ein Automorphismus?

Aufgabe 2Freitext

Bestimme den Kern des Homomorphismus φ:(Z,+)→({1,−1},⋅)\varphi: (\mathbb{Z}, +) \to (\{1, -1\}, \cdot), definiert durch φ(n)=(−1)n\varphi(n) = (-1)^n.

Aufgabe 3Multiple Choice

Sei f:G→Hf: G \to H ein Gruppenhomomorphismus. Welche Aussage ist äquivalent zu "ff ist injektiv"?