Lektion 2.3

Trägheit, Wechselwirkung und Kräftegleichgewicht

16 min Lesezeit

Der Bus bremst plötzlich. Alle Stehenden kippen nach vorn, obwohl sie niemand schiebt. Eine Münze liegt auf einer Karte, die auf einem Glas liegt. Du schnippst die Karte weg, und die Münze fällt ins Glas. Du stößt dich mit der Hand von einer Wand ab, und dein Rollbrett rollt nach hinten.

Drei Fragen stecken darin: Warum ändern Körper ihre Geschwindigkeit nicht von selbst? Was geschieht, wenn du auf einen Körper drückst, der auch auf dich zurückdrückt? Und wann bewegt sich ein Körper trotz vieler Kräfte gar nicht? Das klärst du hier.

Definition

Trägheitsprinzip

Ein Körper ändert seine Geschwindigkeit nicht von selbst. Ruht er, bleibt er in Ruhe. Bewegt er sich, bleibt er geradlinig und gleich schnell, solange keine Kraft auf ihn wirkt (oder alle Kräfte zusammen wirken wie keine, das erklären die nächsten Abschnitte). Das ist das Trägheitsprinzip. Die Eigenschaft der Körper, ihre Geschwindigkeit beizubehalten, heißt Trägheit.

Im Bus bremst nur der Bus, nicht du. Dein Körper behält seine Geschwindigkeit bei, und du bewegst dich im Bus nach vorn. Deshalb schnallt man sich an: Der Gurt liefert die Kraft, die dich mit dem Auto bremst. Bei der Münze bleibt die Münze durch ihre Trägheit zurück, wenn die Karte wegfliegt, und fällt nach unten.

Im Alltag scheint ein Körper ohne Antrieb von selbst langsamer zu werden. Der Grund ist die Reibung, die du in der letzten Lektion kennengelernt hast. Eine Raumsonde ohne Antrieb fliegt im leeren Weltraum geradlinig mit gleicher Geschwindigkeit weiter.

Definition

Masse als Trägheit

Ein leerer Einkaufswagen lässt sich leicht anschieben und leicht stoppen. Ein voller Wagen ist bei beidem schwer. Je größer die Masse eines Körpers ist, desto stärker wehrt er sich gegen eine Änderung seiner Geschwindigkeit. Masse ist also nicht nur das, was die Waage misst. Sie bestimmt auch die Trägheit.

Darum braucht ein Lkw mehr Kraft zum Bremsen als ein Fahrrad und ein Zug lange zum Anfahren. Die Trägheit hängt nicht vom Ort ab: Auch im Weltall, wo die Gewichtskraft klein ist, lässt sich ein Körper mit großer Masse nur schwer anschieben.

Definition

Wechselwirkungsprinzip

Kräfte treten immer paarweise auf. Drückt Körper A mit einer Kraft auf Körper B, dann drückt B mit einer gleich großen, entgegengesetzt gerichteten Kraft auf A. Man nennt das Kraft und Gegenkraft, das Wechselwirkungsprinzip. Wichtig: Die beiden Kräfte greifen an verschiedenen Körpern an.

Beispiele: Du drückst mit der Hand auf die Wand, und die Wand drückt gleich stark auf deine Hand zurück. Darum rollst du auf dem Rollbrett weg. Ein Magnet zieht ein Eisenstück mit 3 N an, und das Eisenstück zieht den Magneten ebenfalls mit 3 N an. Die Erde zieht dich mit deiner Gewichtskraft an, und du ziehst die Erde mit derselben Kraft an. Dass sich nur du bewegst, liegt an der riesigen Masse der Erde: Sie ist sehr träge.

Definition

Kräftegleichgewicht

Ein Buch (Masse 0,5 kg) liegt auf dem Tisch und bewegt sich nicht. Auf das Buch wirken zwei Kräfte: seine Gewichtskraft von etwa 5 N nach unten und die Kraft des Tisches von 5 N nach oben (Stützkraft). Beide greifen am selben Körper an, sind gleich groß und zeigen in entgegengesetzte Richtungen. Ihre Wirkungen heben sich auf. Das nennt man Kräftegleichgewicht. Der Körper ändert dann seine Geschwindigkeit nicht: Er ruht oder bewegt sich gleichmäßig geradlinig weiter.

Verwechsle das nicht mit Kraft und Gegenkraft:

KräftegleichgewichtKraft und Gegenkraft
Angriffam selben Körperan zwei verschiedenen Körpern
Größe und Richtunggleich groß, entgegengesetztgleich groß, entgegengesetzt
BeispielGewichtskraft des Buchs und Kraft des Tisches auf das BuchKraft des Tisches auf das Buch und Kraft des Buchs auf den Tisch
Wirkungheben sich aufheben sich nicht auf, denn sie greifen an verschiedenen Körpern an
Definition

Kräfte zusammensetzen und resultierende Kraft

Wirken mehrere Kräfte auf denselben Körper, kann man sie durch eine einzige Kraft ersetzen, die dieselbe Wirkung hat: die resultierende Kraft FresF_{\text{res}}. Wir betrachten nur Kräfte, die auf einer Geraden liegen.

  • Gleiche Richtung: Die Beträge werden addiert. Zwei Kinder ziehen einen Wagen mit 30 N und 20 N nach rechts. Dann ist Fres=30 N+20 N=50 NF_{\text{res}} = 30\ \text{N} + 20\ \text{N} = 50\ \text{N} nach rechts.
  • Entgegengesetzte Richtung: Der kleinere Betrag wird vom größeren abgezogen, und die resultierende Kraft zeigt in Richtung der größeren. Beim Tauziehen zieht Team A mit 80 N nach links und Team B mit 60 N nach rechts: Fres=80 N−60 N=20 NF_{\text{res}} = 80\ \text{N} - 60\ \text{N} = 20\ \text{N} nach links.
  • Gleich groß und entgegengesetzt: Dann ist Fres=0 NF_{\text{res}} = 0\ \text{N}. Das ist das Kräftegleichgewicht.

Zeichnerisch setzt du die Pfeile zusammen, indem du den Anfang des zweiten Pfeils an die Spitze des ersten legst. Bei entgegengesetzten Kräften läuft der zweite Pfeil zurück. Der Pfeil vom Anfang des ersten bis zur Spitze des zweiten ist die resultierende Kraft.

Jetzt kannst du das Trägheitsprinzip genau sagen: Ist die resultierende Kraft null, ändert sich die Geschwindigkeit nicht. Umgekehrt gilt: Wird ein Körper schneller, langsamer oder ändert er seine Richtung, wirkt eine resultierende Kraft, die nicht null ist.

Beispiel

Der gezogene Schlitten

Du ziehst einen Schlitten mit 25 N nach rechts. Die Reibung wirkt mit 10 N nach links. a) Wie groß ist die resultierende Kraft? b) Wie ändert sich die Geschwindigkeit? c) Bei welcher Zugkraft bleibt die Geschwindigkeit gleich?

a) Die Kräfte zeigen in entgegengesetzte Richtungen. Also gilt 25 N − 10 N = 15 N nach rechts. Im Maßstab 1 cm für 5 N ist der Zugpfeil 5 cm lang, der Reibungspfeil 2 cm. Der zurücklaufende Pfeil lässt 3 cm übrig, das sind 15 N.

b) Die resultierende Kraft ist nicht null und zeigt nach rechts. Der Schlitten wird schneller.

c) Die Geschwindigkeit bleibt gleich, wenn die resultierende Kraft null ist. Das ist bei einer Zugkraft von 10 N der Fall, denn dann sind Zugkraft und Reibung gleich groß.

Beispiel

Zwei Kinder auf Rollbrettern

Nina (Masse 40 kg) und Tim (Masse 60 kg) stehen auf Rollbrettern voreinander. Nina drückt Tim mit 30 N von sich weg. Mit welcher Kraft drückt Tim auf Nina? Wer rollt danach schneller weg?

Nach dem Wechselwirkungsprinzip drückt Tim mit 30 N auf Nina zurück. Die Kräfte sind gleich groß, aber entgegengesetzt, und sie greifen an verschiedenen Körpern an. Darum rollen beide in entgegengesetzte Richtungen weg.

Beide Kinder werden von einer gleich großen Kraft angeschoben. Tim hat die größere Masse, ist also träger. Er wird weniger schnell als Nina. Nina rollt schneller weg.

Häufige Fehler

Kraft und Gegenkraft heben sich auf

„Kraft und Gegenkraft sind gleich groß und entgegengesetzt, also heben sie sich auf. Dann kann sich nie etwas bewegen.“

Richtig ist

Kraft und Gegenkraft greifen an zwei verschiedenen Körpern an. Nur Kräfte, die am selben Körper angreifen, können sich aufheben. Beim Abstoßen von der Wand wirkt die Gegenkraft auf dich, und sie bringt dich zum Rollen.

Häufige Fehler

Ein bewegter Körper braucht immer eine Kraft

„Ohne Kraft bleibt jeder Körper stehen. Wer sich bewegt, braucht dauernd eine Kraft.“

Richtig ist

Eine resultierende Kraft braucht man nur, um die Geschwindigkeit zu ändern. Auf der Erde bremsen Reibung und Luft jede Bewegung. Fährst du mit gleichbleibender Geschwindigkeit, gleicht deine Antriebskraft diese Bremskräfte genau aus. Dann ist die resultierende Kraft null.

Zusammenfassung

  • Trägheitsprinzip: Ohne resultierende Kraft bleibt ein Körper in Ruhe oder bewegt sich geradlinig mit gleicher Geschwindigkeit weiter.

  • Je größer die Masse, desto träger ist ein Körper, desto schwerer ändert man seine Geschwindigkeit.

  • Wechselwirkungsprinzip: Zu jeder Kraft gibt es eine gleich große, entgegengesetzte Gegenkraft. Beide greifen an verschiedenen Körpern an.

  • Kräftegleichgewicht: Kräfte, die am selben Körper angreifen und sich aufheben, ändern seine Geschwindigkeit nicht.

  • Die resultierende Kraft ersetzt mehrere Kräfte auf einer Geraden. Bei gleicher Richtung addiert man die Beträge, bei entgegengesetzter zieht man sie voneinander ab.

  • Zeichnerisch hängt man die Kraftpfeile aneinander. Der Pfeil vom Anfang des ersten zur Spitze des letzten ist die resultierende Kraft.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Ein Bus bremst plötzlich, und die stehenden Fahrgäste kippen nach vorn. Wie erklärst du das?

Aufgabe 2Numerisch

Beim Tauziehen zieht Team A mit 450 N nach links und Team B mit 380 N nach rechts. Wie groß ist die resultierende Kraft, in Newton?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Magnet zieht ein Eisenstück mit 3 N an. Mit welcher Kraft zieht das Eisenstück den Magneten an, in Newton?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Kasten mit der Masse 12 kg steht ruhig auf dem Boden. Wie groß ist die Kraft, mit der der Boden den Kasten nach oben drückt, in Newton? Rechne mit 10 N/kg.

Aufgabe 5Multiple Choice

Ein Lkw fährt gegen einen stehenden Pkw. Was gilt für die Kräfte, die dabei zwischen den beiden wirken?

Aufgabe 6Freitext

Du rollst auf dem Fahrrad ohne zu treten über eine ebene Straße und wirst langsamer. Widerspricht das dem Trägheitsprinzip? Begründe.