Lektion 3.1

Evolution: Theorien, Selektion, Artbildung und Belege

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Ein Antibiotikum wirkt zuerst gegen eine Bakterienart. Nach einigen Behandlungen überleben einzelne Bakterien und vermehren sich, und das Mittel hilft nicht mehr. Das kennst du aus Klasse 7 und 8 als Resistenz.

Über viel längere Zeit sind alle Arten entstanden. Ein Delfin hat in der Flosse dieselben Knochen wie dein Arm, und im Gestein liegen Skelette von Tieren, die es nicht mehr gibt. Wie lässt sich das erklären?

Definition

Variabilität, Mutation und Rekombination

Die Individuen einer Art unterscheiden sich: Variabilität. Für die Evolution zählen nur erbliche Unterschiede. Eine Sonnenbräune oder ein trainierter Muskel verändern die Gene der Keimzellen nicht.

Erbliche Variabilität entsteht auf zwei Wegen. Eine Mutation ist eine zufällige Veränderung der DNA. Sie entsteht ungerichtet, nicht weil sie nützlich wäre. Die meisten sind neutral oder schädlich, selten ist eine von Vorteil. Bei der Rekombination werden vorhandene Genvarianten bei Meiose und Befruchtung neu gemischt.

Definition

Selektion und Fortpflanzungserfolg

Lebewesen bekommen meist mehr Nachkommen, als überleben können, denn Nahrung, Platz und Partner sind begrenzt. Wer besser zu den Bedingungen passt, überlebt eher und hat mehr Nachkommen. Diese Auslese heißt Selektion. Entscheidend ist der Fortpflanzungserfolg: Wer viele Nachkommen großzieht, gibt seine Gene stärker weiter, auch wenn er nicht der Stärkste ist. Auslesende Bedingungen heißen Selektionsfaktoren, zum Beispiel Räuber, Kälte, Antibiotika oder Partnerwahl.

Verändert wird dabei die Population, eine Gruppe von Artgenossen am selben Ort: Die vorteilhafte Genvariante wird von Generation zu Generation häufiger. Diese Veränderung heißt Evolution. Ein einzelnes Individuum passt sich nicht selbst an.

Beispiel

Selektion beim Birkenspanner

Der Birkenspanner ist ein Nachtfalter, der tagsüber auf Baumrinde sitzt. Seine Farbe, hell oder dunkel, ist erblich. An rußgeschwärzten Bäumen sehen Vögel helle Falter leichter. Angenommen, es leben 80 helle und 20 dunkle Falter, und die Vögel fressen 80 Prozent der hellen und 20 Prozent der dunklen. Wie groß ist danach der Anteil der dunklen unter den Überlebenden?

Helle: 20 Prozent von 80 überleben, das sind 16. Dunkle: 80 Prozent von 20 überleben, das sind 16. Es überleben 32 Falter, davon 16 dunkle: 50 Prozent. Vorher waren es 20 Prozent.

Die Farbe ist erblich, also ist die dunkle Form in der nächsten Generation häufiger. Das wurde im 19. Jahrhundert in englischen Industriegebieten beobachtet.

Definition

Evolutionstheorien: Lamarck, Darwin und die synthetische Theorie

Eine Evolutionstheorie erklärt, wie sich Arten verändern. Zwei frühe Erklärungen am Beispiel der Giraffe:

Lamarck (1809)Darwin (1859)
UrsacheGebrauch: Die Giraffe streckt den Hals, er wird länger.Variabilität: Giraffen haben von Geburt an verschieden lange Hälse.
VererbungErworbene Eigenschaften werden vererbt.Nur erbliche Unterschiede werden vererbt.
AuslesekeineLanghalsige erreichen mehr Nahrung und haben mehr Nachkommen.

Lamarcks Annahme ist widerlegt: Erworbene Eigenschaften verändern die Keimzellen nicht. Darwin erklärte mit Variabilität und natürlicher Selektion, kannte aber weder Gene noch Mutationen.

Die synthetische Evolutionstheorie (ab etwa 1930) verbindet Darwin mit der Genetik: Mutation und Rekombination erzeugen Variabilität, Selektion wirkt auf sie, und Isolation (siehe unten) trennt Populationen. Das sind die Evolutionsfaktoren.

Definition

Art, Isolation und Artbildung

Eine Art ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft: Ihre Individuen können sich untereinander fortpflanzen und haben fruchtbare Nachkommen. Pferd und Esel bekommen das Maultier, doch es ist unfruchtbar. Es sind also zwei Arten.

Neue Arten entstehen durch Isolation, wenn sich Populationen nicht mehr vermischen. Häufig geschieht das durch räumliche Trennung:

SchrittWas geschieht
1Meer, Gebirge oder Fluss trennen eine Population (geografische Isolation).
2Die Teilpopulationen tauschen keine Gene mehr aus.
3Jede hat eigene Mutationen und andere Selektionsfaktoren.
4Die Genpools (alle Genvarianten einer Population) entwickeln sich so weit auseinander, dass sich die Gruppen auch ohne Trennung nicht mehr fortpflanzen können (fortpflanzungsbiologische Isolation). Es sind neue Arten.

Beispiel: Von einer Finkenart vom Festland stammen auf den Galápagosinseln mehr als ein Dutzend Arten ab (Darwinfinken).

Definition

Belege: Fossilien und Erdzeitalter

Fossilien sind Reste oder Spuren früherer Lebewesen im Gestein. Ungestörte untere Schichten sind meist älter als obere, und das Alter lässt sich aus dem Zerfall radioaktiver Stoffe berechnen. Die Erde ist etwa 4,6 Milliarden Jahre alt. Ihre Geschichte teilt man in Erdzeitalter ein:

ErdzeitalterBeginn vor etwaTypische Lebewesen
Erdfrühzeit4,6 Milliarden JahrenBakterien, später einfache Vielzeller
Erdaltertum540 Millionen JahrenMeerestiere, Fische, erste Landwirbeltiere
Erdmittelalter250 Millionen JahrenDinosaurier, erste Säugetiere und Vögel
Erdneuzeit66 Millionen JahrenSäugetiere und Vögel, später der Mensch
Definition

Belege: Mosaikformen, Homologie, Analogie und Moleküle

Eine Mosaikform vereint Merkmale zweier Gruppen. Der Urvogel Archaeopteryx (vor etwa 150 Millionen Jahren) hatte Federn und Flügel wie ein Vogel, aber wie Kriechtiere Zähne, Krallen an den Flügeln und einen langen Schwanz mit Wirbeln.

Organe sind homolog, wenn sie aus demselben Grundbauplan stammen, auch bei verschiedener Aufgabe: Arm des Menschen, Flügel der Fledermaus, Flosse des Delfins und Vorderbein des Pferdes haben dieselben Knochen (Oberarm, Elle, Speiche, Hand- und Fingerknochen). Das weist auf gemeinsame Vorfahren hin. Organe sind analog, wenn sie dieselbe Aufgabe erfüllen, aber verschieden gebaut und unabhängig entstanden sind, etwa die Flügel von Vogel und Schmetterling. Analogie zeigt keine Verwandtschaft.

Molekularbiologische Homologien sind Ähnlichkeiten in DNA und Proteinen. Fast alle Lebewesen nutzen denselben genetischen Code, und je ähnlicher die DNA zweier Arten ist, desto näher sind sie verwandt.

Definition

Stammbäume der Wirbeltiere

Ein Stammbaum zeigt Verwandtschaft als Verzweigungen. Jede Verzweigung ist ein gemeinsamer Vorfahre. Je jünger er ist, desto näher sind zwei Gruppen verwandt. Man baut Stammbäume aus neuen, vererbten Merkmalen auf:

Neues MerkmalHaben es
WirbelsäuleFische, Lurche, Kriechtiere, Vögel, Säugetiere
Beine mit Fingern oder ZehenLurche, Kriechtiere, Vögel, Säugetiere
Embryo in FruchtwasserKriechtiere, Vögel, Säugetiere
FedernVögel
Haare und MilchdrüsenSäugetiere

Daraus folgt die Reihe Fische, Lurche, Kriechtiere. Vögel stammen von Dinosauriern ab, die zu den Kriechtieren gehören. Die Säugetiere trennten sich früh von den Vorfahren der heutigen Kriechtiere.

Definition

Entstehung des Lebens

Die erste Lufthülle der Erde enthielt kaum freien Sauerstoff, und Blitze, UV-Strahlung und Vulkane lieferten Energie. Aus einfachen Stoffen bildeten sich organische Moleküle wie Aminosäuren. Im Versuch von Miller und Urey (1953) entstanden so mit Funken tatsächlich Aminosäuren. Größere Moleküle lagerten sich zu Tröpfchen mit Hülle zusammen, und die ersten Zellen entstanden. Die ältesten Fossilien sind Bakterienzellen, etwa 3,5 Milliarden Jahre alt. Später setzten Bakterien mit Fotosynthese Sauerstoff frei, der Zellatmung und größere Lebewesen ermöglichte. Wie genau die erste Zelle entstand, ist nicht geklärt.

Definition

Proximate und ultimate Ursachen von Verhalten

Proximate Ursachen fragen: Wie kommt das Verhalten zustande? Dazu gehören Auslöser, Nervensystem, Hormone und Lernen. Ultimate Ursachen fragen: Wozu hat sich das Verhalten entwickelt, welchen Vorteil hatte es?

VerhaltenProximate UrsacheUltimate Ursache
Vogelmännchen singen im FrühjahrLängere Tage steigern Hormone, die den Gesang auslösen.Gesang lockt Weibchen an: mehr Nachkommen.
Menschen mögen SüßesSüßsinneszellen melden es, das Belohnungssystem gibt Dopamin ab.Süße Früchte lieferten Energie, wer sie suchte, überlebte leichter.
Definition

Naturwissenschaft und andere Vorstellungen

Die Evolutionstheorie ist eine naturwissenschaftliche Theorie. Naturwissenschaft erklärt mit natürlichen Ursachen, stützt sich auf überprüfbare Belege, und ihre Aussagen müssen widerlegbar sein. „Theorie“ heißt hier ein gut belegtes Erklärungssystem, keine bloße Vermutung („Evolution ist nur eine Theorie“ ist also kein Gegenargument).

Glaubensvorstellungen wie der Schöpfungsglaube beantworten andere Fragen, etwa nach Sinn und Ursprung der Welt, und sind naturwissenschaftlich nicht prüfbar. Der Kreationismus (die Arten seien unverändert erschaffen worden) und Intelligent Design (bestimmte Strukturen müssten von einem Planer stammen) sind nicht prüfbar und keine Konkurrenz zur Evolutionstheorie.

Häufige Fehler

Tiere entwickeln sich, weil sie etwas brauchen

„Die Giraffe hat einen langen Hals, weil sie sich immer gestreckt hat und Blätter brauchte.“

Richtig ist

Evolution hat kein Ziel. Mutationen entstehen zufällig, und Selektion lässt Vorteilhaftes häufiger werden. Erworbene Merkmale werden nicht vererbt.

Zusammenfassung

  • Erbliche Variabilität entsteht durch Mutation und Rekombination. Selektion lässt Individuen mit größerem Fortpflanzungserfolg ihre Gene häufiger weitergeben.

  • Evolution ist die Veränderung der Merkmalshäufigkeit in einer Population. Lamarcks Vererbung erworbener Eigenschaften ist widerlegt.

  • Eine Art ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft. Isolation, etwa durch räumliche Trennung, führt zur Artbildung.

  • Belege sind Fossilien, Erdzeitalter, Mosaikformen, Homologien und DNA-Vergleiche. Analoge Organe zeigen keine Verwandtschaft.

  • Proximate Ursachen fragen nach dem Wie, ultimate nach dem Wozu.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

In einem Wald leben 100 grüne und 100 braune Käfer. Vögel fressen 70 Prozent der grünen und 10 Prozent der braunen Käfer. Wie viel Prozent der Überlebenden sind braun?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche beiden Organe sind analog?

Aufgabe 3Multiple Choice

Ein Reh flieht vor einem Wolf. Welche Aussage nennt eine ultimate Ursache?

Aufgabe 4Freitext

Erkläre mit Variabilität und Selektion, warum Bakterien gegen ein Antibiotikum resistent werden können.