Sucht und Suchtprävention
Manche Menschen greifen morgens zuerst zur Zigarette oder zum Handy, noch bevor sie richtig wach sind. Andere sagen: „Ich kann jederzeit aufhören.“ Und trotzdem gelingt es vielen nicht, obwohl sie wissen, dass es ihnen schadet.
Ab wann ist aus einer Gewohnheit eine Sucht geworden? Was passiert dabei im Gehirn? Und was hilft, gar nicht erst abhängig zu werden? Die Lektion erklärt es sachlich und verurteilt niemanden, denn Sucht ist eine Krankheit und keine Charakterschwäche.
Gewöhnung, Missbrauch und Abhängigkeit
Zwischen gelegentlichem Konsum und Sucht liegen mehrere Stufen:
| Stufe | Merkmal | Beispiel |
|---|---|---|
| Gebrauch | gelegentlich, ohne erkennbaren Schaden | eine Tasse Kaffee am Morgen |
| Gewöhnung | Der Körper stellt sich ein. Dieselbe Menge wirkt schwächer, die Dosis steigt (Toleranz). | Wer regelmäßig Alkohol trinkt, braucht mehr für dieselbe Wirkung. |
| Missbrauch | Konsum, der der Gesundheit schadet oder nicht zur Situation passt | Alkohol vor dem Radfahren, ein Medikament ohne Anlass |
| Abhängigkeit (Sucht) | starkes Verlangen, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Konsum trotz Schäden | Der Konsum bestimmt den Tagesablauf. |
Von Abhängigkeit spricht man, wenn mehrere Merkmale zusammenkommen: starkes Verlangen (Craving), Kontrollverlust (man konsumiert mehr oder länger als geplant), Entzugserscheinungen (Zittern, Schwitzen, Unruhe, wenn der Stoff fehlt), Dosissteigerung und Vernachlässigung von Schule, Freunden und Hobbys.
Suchtentstehung: Sie hat nie nur eine Ursache. Drei Bereiche wirken zusammen: die Person (Veranlagung, Selbstwertgefühl, Stress), die Substanz oder das Verhalten (wie schnell und stark es belohnt) und das Umfeld (Freunde, Familie, Vorbilder, Gruppendruck).
Das Belohnungssystem
Im Gehirn gibt es ein Belohnungssystem, ein Netz von Nervenzellen, das Verhalten verstärkt, das für das Überleben nützlich ist: essen, Zuwendung, Erfolg. Nach so einer Erfahrung geben Nervenzellen im Mittelhirn den Transmitter Dopamin an Zellen im Vorderhirn ab. Du fühlst dich gut und willst es wiederholen. Dopamin ist vor allem ein „Mehr davon“-Signal und nicht einfach ein Glücksstoff.
Suchtstoffe nutzen dieses System aus. Sie lösen viel mehr Dopaminabgabe aus als natürliche Belohnungen. Das Gehirn gleicht das aus: Es bildet weniger Dopamin oder weniger Rezeptoren und wird unempfindlicher. Das ist die Gewöhnung. Ohne den Stoff fühlt sich der Mensch leer und unlustig, normale Freuden reichen nicht mehr. Außerdem lernt das Gehirn, Orte, Personen und Situationen mit der Belohnung zu verknüpfen. Dann genügt schon ein Anblick für starkes Verlangen, ähnlich wie bei einem bedingten Reflex.
Stoffgebundene und stoffungebundene Sucht
Bei der stoffgebundenen Sucht greift ein Stoff in die Signalübertragung ein: zum Beispiel Nikotin, Alkohol, Cannabis, Heroin, Kokain, Amphetamine und manche Medikamente. Auch die erlaubten Stoffe Alkohol und Nikotin gehören dazu: Sie sind Drogen, machen abhängig und verursachen sehr viele Krankheits- und Todesfälle.
Bei der stoffungebundenen Sucht (Verhaltenssucht) löst das Verhalten selbst die Belohnung aus, etwa Glücksspiel, Computerspiele oder Kaufen. Besonders wirksam sind unvorhersehbare Belohnungen: Beim Glücksspiel oder bei Beutekisten in Spielen weiß man nie, wann der nächste Gewinn kommt, und das hält die Spannung. Glücksspiel- und Computerspielsucht gelten als Krankheiten. Viel Zeit am Handy ist noch keine Sucht. Warnzeichen sind Kontrollverlust, steigende Zeit und steigendes Geld, Unruhe ohne das Spiel und Folgen für Schule, Schlaf und Freundschaften.
Wirkung von Alkohol, Drogen und Medikamenten
Eine Droge ist ein Stoff, der Wahrnehmung, Stimmung oder Bewusstsein verändert. Die meisten greifen an Synapsen ein: Sie ahmen Transmitter nach, verstärken oder blockieren deren Wirkung oder verhindern ihre Rücknahme.
| Stoff | Wirkung am Nervensystem | Folgen (Beispiele) |
|---|---|---|
| Alkohol | verstärkt den hemmenden Transmitter GABA und schwächt den erregenden Transmitter Glutamat: dämpfend | Reaktion und Koordination gestört, Gedächtnislücken |
| Nikotin | dockt an Acetylcholin-Rezeptoren an und erhöht die Dopaminabgabe | sehr schnell abhängig, Lunge und Gefäße |
| Cannabis | der Wirkstoff THC dockt an Rezeptoren für körpereigene Botenstoffe an | Konzentration und Lernen leiden |
| Opioide (Heroin, starke Schmerzmittel) | docken an Rezeptoren für körpereigene Schmerzhemmer an: dämpfend | Atemstillstand, sehr schnell abhängig |
| Kokain, Amphetamine | hemmen die Rücknahme von Dopamin oder fördern seine Abgabe: anregend | Herzbelastung, Erschöpfung, starke Abhängigkeit |
| Schlaf- und Beruhigungsmittel | verstärken die Wirkung von GABA | bei längerer Einnahme abhängig |
Alkohol gelangt schnell ins Gehirn. In kleinen Mengen enthemmt er, weil im Stirnhirn Hemmungen nachlassen. Mehr Alkohol verlängert die Reaktionszeit, stört Sehen, Gleichgewicht (Kleinhirn) und Sprache und verschlechtert das Urteilsvermögen. Sehr viel führt zu Gedächtnislücken und Bewusstlosigkeit und kann das Atemzentrum im Hirnstamm lähmen: Lebensgefahr. Das Gehirn Jugendlicher entwickelt sich noch, deshalb schadet Alkohol ihnen besonders.
Medikamente helfen, wenn man sie wie verordnet nimmt. Manche, vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel und Aufputschmittel, können abhängig machen, auch wenn sie verschrieben wurden. Missbrauch ist: ohne Anlass, höher dosiert oder länger als verordnet oder um Stress zu bekämpfen und besser zu lernen.
Wie viel Alkohol steckt im Getränk?
Wie viel Alkohol steckt im Getränk?
Auf einer Flasche steht „5 % vol“. Das heißt: 5 von 100 Millilitern sind reiner Alkohol. Reiner Alkohol wiegt 0,8 Gramm je Milliliter. Wie viel Gramm reiner Alkohol stecken in einem halben Liter Bier mit 5 % vol? Vergleiche mit 0,2 Litern Wein mit 12 % vol.
Bier: 0,5 Liter sind 500 Milliliter. 5 Prozent von 500 Millilitern sind 25 Milliliter reiner Alkohol. 25 ml mal 0,8 g/ml sind 20 Gramm.
Wein: 0,2 Liter sind 200 Milliliter. 12 Prozent von 200 Millilitern sind 24 Milliliter. 24 ml mal 0,8 g/ml sind 19,2 Gramm.
Das Bier und das Glas Wein enthalten fast gleich viel Alkohol. Bier ist also nicht harmloser als Wein oder Schnaps. Entscheidend ist die Menge des reinen Alkohols.
Wie Nikotin ein Verlangen aufbaut
Wie Nikotin ein Verlangen aufbaut
Eine Jugendliche raucht und kann bald nicht mehr darauf verzichten. Erkläre die Schritte.
Nikotin gelangt über die Lunge schnell ins Gehirn, dockt an Rezeptoren für Acetylcholin an und löst die Abgabe von Dopamin aus. Das Belohnungssystem meldet: „Das war gut.“ Nach einiger Zeit sinkt der Nikotinspiegel, und es entstehen Unruhe und Gereiztheit: Entzugserscheinungen. Die nächste Zigarette beseitigt sie, und das Gehirn lernt: „Rauchen macht das Unwohlsein weg.“ Es verknüpft auch Orte und Situationen mit dem Rauchen. So entsteht ein Kreislauf aus Verlangen, Konsum und kurzer Erleichterung, und die Menge steigt durch die Gewöhnung.
Prävention und Lebenskompetenz
Prävention heißt Vorbeugen. Sie setzt an drei Stellen an: vor dem Konsum (Aufklärung, Jugendschutz, Werbeverbote, Freizeitangebote), bei riskantem Konsum früh (Gespräche, Beratung) und bei Abhängigkeit (Entzug, Therapie, Selbsthilfegruppen, Rückfallvermeidung). Das Jugendschutzgesetz regelt, ab welchem Alter Alkohol und Tabak verkauft werden.
Mehr als Warnungen wirkt es, Lebenskompetenz zu stärken. Das sind Fähigkeiten, mit Belastungen umzugehen, ohne zu Suchtmitteln zu greifen:
- Gefühle und Stress wahrnehmen und bewältigen.
- Ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen.
- Kritisch denken, zum Beispiel Werbung durchschauen.
- Nein sagen und Gruppendruck standhalten.
- Entscheidungen treffen und Folgen bedenken.
- Über Probleme sprechen und Hilfe annehmen.
Schutzfaktoren sind tragende Beziehungen, Hobbys und Erfolgserlebnisse. Risikofaktoren sind Dauerstress, Gruppendruck und ein früher Beginn des Konsums. Hilfe geben Suchtberatungsstellen, Hausärzte, die Schulsozialarbeit und die Nummer gegen Kummer, 116 111. Die Beratung ist vertraulich.
Sucht ist Willensschwäche
Sucht ist Willensschwäche
„Wer wirklich will, kann jederzeit aufhören.“
Abhängigkeit verändert das Belohnungssystem und das Lernen im Gehirn. Verlangen und Entzug lassen sich nicht einfach wegwollen. Sucht ist eine Krankheit, und wer abhängig ist, braucht meist Hilfe von außen.
Zusammenfassung
Gewöhnung bedeutet: Dieselbe Menge wirkt schwächer. Missbrauch schadet oder passt nicht zur Situation. Abhängigkeit zeigt sich durch Verlangen, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen.
Sucht entsteht aus dem Zusammenspiel von Person, Substanz oder Verhalten und Umfeld.
Das Belohnungssystem verstärkt Verhalten über Dopamin. Suchtstoffe lösen viel mehr Dopaminabgabe aus, das Gehirn wird unempfindlicher und lernt Auslöser zu verknüpfen.
Stoffgebundene Sucht beruht auf einem Stoff, stoffungebundene auf einem Verhalten wie Glücksspiel.
Alkohol, Nikotin, Cannabis, Opioide, Kokain und Medikamente greifen an Synapsen ein. Alkohol dämpft, Kokain regt an.
Prävention beugt vor, erkennt früh und hilft bei Abhängigkeit. Lebenskompetenz wie Nein sagen und Stress bewältigen schützt.
Übungen
Angenommen, eine Packung Zigaretten kostet 8 Euro. Jemand raucht jeden Tag eine Packung. Wie viel Euro gibt er in 365 Tagen dafür aus? Schreibe die Zahl ohne Punkt.
Was geschieht im Belohnungssystem, wenn jemand einen Suchtstoff nimmt?
Welche Sucht ist eine stoffungebundene Sucht?
Welche Aussage über Abhängigkeit stimmt?
Eine Freundin drängt dich, bei einer Feier etwas zu probieren, das du nicht willst. Nenne zwei Fähigkeiten der Lebenskompetenz, die dir hier helfen, und erkläre, wie.