Gefahrstoffe und Nutzen-Risiko-Bewertung
Auf dem Rohrreiniger klebt ein Warnzeichen mit einer Hand und einem Tropfen. Auf der Tablettenschachtel steht im Beipackzettel, wie viele Tabletten du höchstens nehmen darfst. Beim Feuerwerk sperrt man ab, und trotzdem freuen sich alle über die Raketen.
Fast alle Stoffe können schaden, wenn man zu viel davon aufnimmt oder falsch damit umgeht. Trotzdem brauchen wir viele davon. Wie erkennt man, wie gefährlich ein Stoff ist? Und wie entscheidet man, ob sein Nutzen die Gefahr wert ist? Diese Lektion gibt dir das Werkzeug dafür.
Gefahrstoff und Kennzeichnung
Ein Gefahrstoff ist ein Stoff mit Eigenschaften, die Mensch oder Umwelt schädigen können, zum Beispiel giftig, ätzend, brennbar oder explosiv. Er wird mit einem Gefahrenpiktogramm gekennzeichnet: eine auf der Spitze stehende Raute mit rotem Rand und schwarzem Symbol. Dazu kommen ein Signalwort („Gefahr“ für schwere, „Achtung“ für weniger schwere Gefahren) und Sätze mit Hinweisen auf die Gefahr und auf Schutzmaßnahmen.
| Symbol | Bedeutung |
|---|---|
| Flamme | entzündbar |
| Flamme über einem Kreis | brandfördernd |
| explodierende Bombe | explosiv |
| Totenkopf mit gekreuzten Knochen | akut giftig |
| Ätzwirkung (Hand und Metall mit Tropfen) | ätzend |
| Ausrufezeichen | reizend, gesundheitsschädlich |
| Gesundheitsgefahr (Oberkörper mit Stern) | schwere, oft langfristige Schäden |
| Gasflasche | Gas unter Druck |
| toter Baum und Fisch | umweltgefährlich |
Toxizität, Dosis und Konzentration
Toxizität heißt Giftigkeit: die Fähigkeit eines Stoffes, Lebewesen zu schädigen. Eine akute Vergiftung kommt von einer einmaligen größeren Menge, eine chronische von kleinen Mengen über lange Zeit.
Schon Paracelsus (16. Jahrhundert) sagte, dass erst die Menge ein Gift macht. Zwei Größen sind wichtig:
- Die Dosis ist die Menge, die ein Körper aufnimmt, zum Beispiel in Milligramm (mg) je Kilogramm Körpermasse.
- Die Konzentration sagt, wie viel Stoff in einem Gemisch steckt, zum Beispiel in mg je Liter Wasser oder Luft.
Die Dosis folgt aus der Konzentration und der aufgenommenen Menge. Ein Getränk mit wenig Ethanol schadet kaum, mit viel Ethanol sehr. Die letale Dosis ist die Dosis, die tödlich wirkt. Die LD50 ist die Dosis, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt, geschluckt in mg je kg Körpermasse. Je kleiner der LD50-Wert, desto giftiger der Stoff. Beispiele für Ratten (etwa): Kochsalz 3000, Koffein 200, Nikotin 50. Tierwerte lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen.
Grenzwerte nennen Höchstmengen, die nach heutigem Wissen unbedenklich sind. Sie liegen mit großem Sicherheitsabstand unter der Menge, bei der Schäden sichtbar werden. Beispiele sind der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser (50 mg je Liter) und Grenzwerte für Stoffe in der Luft am Arbeitsplatz.
Dosis aus der LD50 und Konzentration gegen Grenzwert
Dosis aus der LD50 und Konzentration gegen Grenzwert
a) Ein Stoff hat eine LD50 von 200 mg/kg. Bei welcher Dosis stirbt die Hälfte der Ratten mit 250 g Körpermasse?
b) In einer Wasserprobe sind 0,2 mg eines Stoffes in 4 Litern. Der Grenzwert beträgt 0,1 mg/L. Wird er eingehalten? Wie viel nimmt auf, wer 2 Liter davon trinkt?
a) 250 g = 0,25 kg. Dosis: 200 mg/kg mal 0,25 kg = 50 mg. Bei einer Aufnahme von etwa 50 mg stirbt die Hälfte dieser Ratten.
b) Konzentration: 0,2 mg : 4 L = 0,05 mg/L. Das ist weniger als der Grenzwert 0,1 mg/L, er wird eingehalten. Die Dosis aus 2 Litern ist Konzentration mal Menge: 0,05 mg/L mal 2 L = 0,1 mg.
Brennbarkeit
Ein Stoff brennt, wenn drei Dinge zusammenkommen: Brennstoff, Sauerstoff und eine Temperatur über der Zündtemperatur. Fehlt eines, erlischt das Feuer. Bei Flüssigkeiten kommt es auf den Flammpunkt an: die niedrigste Temperatur, bei der sich über der Flüssigkeit so viel Dampf bildet, dass eine Zündquelle ihn entzündet. Benzin hat einen Flammpunkt weit unter 0 °C und kann auch im Winter Feuer fangen, Diesel dagegen erst ab etwa 55 °C. Entflammen kann also nicht die Flüssigkeit selbst, sondern ihr Dampf.
Explosivität und Explosivstoffe
Eine Explosion ist eine sehr schnelle Reaktion, bei der in kürzester Zeit viel heißes Gas entsteht. Das Gas braucht plötzlich viel mehr Platz und treibt eine Druckwelle nach außen. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist hier entscheidend. Gase und feiner Staub explodieren mit Luft, wenn die Konzentration in einem bestimmten Bereich liegt (bei Methan etwa 5 bis 15 Prozent). Bei Staub spielt der Zerteilungsgrad die Hauptrolle: Mehlstaub hat eine riesige Oberfläche.
Explosivstoffe tragen den Sauerstoff, den sie brauchen, schon in sich, im Molekül oder in einem Salz wie Nitrat. Sie brauchen keine Luft und reagieren auf einen Schlag. Schwarzpulver ist ein Gemisch aus Kaliumnitrat, Holzkohle und Schwefel. Nitroglycerin ist ein Ester des Glycerins mit Salpetersäure: . Aus 4 flüssigen Molekülen werden 29 Gasmoleküle, bei der Hitze auch das Wasser als Dampf. Nitroglycerin ist schon bei einem Stoß gefährlich. Alfred Nobel erfand das Dynamit, in dem es von Kieselgur aufgesaugt wird und leichter zu handhaben ist. Sprengstoffe dienen im Bergbau und Tunnelbau, im Feuerwerk, aber auch als Waffen.
Nutzen-Risiko-Analyse
Ein Stoff ist nie nur nützlich oder nur schädlich. Die Gefahr ist eine Eigenschaft des Stoffes, zum Beispiel „giftig“. Das Risiko hängt davon ab, wie wahrscheinlich ein Schaden ist, also auch von Menge, Konzentration und davon, ob man überhaupt mit dem Stoff in Kontakt kommt. Eine Nutzen-Risiko-Analyse wägt beides ab:
- Welchen Nutzen hat der Stoff oder das Verfahren, und für wen?
- Welche Gefahren gibt es, und wie wahrscheinlich ist ein Schaden?
- Gibt es weniger riskante Alternativen?
- Welche Maßnahmen senken das Risiko (Grenzwerte, Schutzkleidung, Lüftung, Ersatzstoffe)?
- Daraus ergibt sich die Entscheidung. Sie kann „einsetzen“, „nur mit Auflagen“ oder „verbieten“ lauten.
Chlor zur Wasseraufbereitung
Chlor zur Wasseraufbereitung
Schwimmbäder desinfizieren ihr Wasser oft mit Chlor, das giftig ist. Führe eine Nutzen-Risiko-Analyse durch.
Nutzen: Chlor tötet Krankheitserreger im Wasser. Ohne Desinfektion könnten sich viele Badegäste anstecken.
Risiko: Chlor reizt Augen und Atemwege und kann mit Stoffen im Wasser, etwa von der Haut, unerwünschte Verbindungen bilden. Das Risiko hängt von der Konzentration ab.
Alternativen: UV-Licht oder Ozon, sie wirken aber nur an der Stelle der Anlage. Chlor wirkt dagegen im ganzen Becken.
Entscheidung: Man setzt Chlor in kleiner, geregelter Konzentration ein, hält Grenzwerte ein und lüftet die Halle. Der Nutzen überwiegt das kleine Restrisiko.
Natürlich heißt ungefährlich
Natürlich heißt ungefährlich
„Naturstoffe sind harmlos, nur Stoffe aus dem Labor sind gefährlich.“
Ob ein Stoff schadet, hängt vom Stoff und von der Menge ab, nicht von der Herkunft. Der Knollenblätterpilz ist ein Naturprodukt und tödlich giftig. Dagegen ist im Labor hergestelltes Vitamin C derselbe Stoff wie das in der Zitrone und unbedenklich.
Entweder giftig oder harmlos
Entweder giftig oder harmlos
„Ein Stoff ist entweder giftig oder nicht. Wenn er giftig ist, schadet jede Menge.“
Die Dosis entscheidet. Eine winzige Menge eines giftigen Stoffes kann ohne Folgen bleiben, und auch Kochsalz schadet in sehr großer Menge. Darum geben Grenzwerte und die LD50 Zahlen an, statt nur „giftig“ oder „ungiftig“ zu sagen.
Zusammenfassung
Gefahrstoffe haben Eigenschaften, die schaden können. Sie werden mit Gefahrenpiktogrammen und einem Signalwort gekennzeichnet.
Die Toxizität sagt, wie giftig ein Stoff ist. Die Dosis ist die aufgenommene Menge, die Konzentration der Anteil im Gemisch.
Die LD50 ist die Dosis, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt. Je kleiner sie ist, desto giftiger ist der Stoff.
Grenzwerte geben Höchstmengen an, die mit Sicherheitsabstand als unbedenklich gelten.
Brennbarkeit hängt von Brennstoff, Sauerstoff und Zündtemperatur ab, bei Flüssigkeiten vom Flammpunkt.
Explosionen sind sehr schnelle Reaktionen mit viel heißem Gas. Explosivstoffe tragen ihren Sauerstoff schon in sich.
Die Nutzen-Risiko-Analyse wägt Nutzen, Gefahr, Wahrscheinlichkeit und Alternativen ab und führt zu Schutzmaßnahmen und einer Entscheidung.
Übungen
Ein Stoff hat eine LD50 von 40 mg/kg. Bei welcher Dosis stirbt die Hälfte der Ratten mit 300 g Körpermasse, in Milligramm?
Stoff X hat eine LD50 von 50 mg/kg, Stoff Y von 3000 mg/kg. Was stimmt?
In 6 Litern Wasser sind 3 mg eines Stoffes gelöst. Wie groß ist die Konzentration, in mg je Liter? Der Grenzwert liegt bei 0,4 mg/L.
Warum kann feiner Mehlstaub in der Luft explodieren, ein ganzer Sack Mehl aber nicht?
Ein Wasser enthält 0,4 mg eines Stoffes je Liter. Wie viele Milligramm nimmt auf, wer 2,5 Liter davon trinkt?
Führe eine kurze Nutzen-Risiko-Abwägung für Feuerwerk durch. Nenne mindestens einen Nutzen, ein Risiko und eine Maßnahme.