Reaktionsgeschwindigkeit und technische Verfahren
Milch wird im Warmen schnell sauer, im Kühlschrank hält sie Tage. Ein Holzscheit brennt lange, Sägemehl flammt in Sekunden auf, und feiner Mehlstaub kann sogar explodieren. Eine Brausetablette sprudelt im heißen Wasser schneller als im kalten.
In allen Fällen läuft dieselbe Reaktion ab, nur unterschiedlich schnell. Wer Stoffe im Betrieb herstellt, muss das steuern. Eisen aus Erz oder Ammoniak für Dünger sollen schnell und in guter Menge entstehen. Du lernst, wovon die Geschwindigkeit abhängt und wie die Industrie das nutzt.
Reaktionsgeschwindigkeit
Die Reaktionsgeschwindigkeit gibt an, wie schnell sich bei einer Reaktion Stoffe umwandeln. Man misst, wie sich die Menge oder Konzentration eines Stoffes in einer Zeit ändert. steht für „Änderung“, für die Konzentration, für die Zeit. Man kann auch das Volumen eines entstehenden Gases oder die Masseänderung je Zeit messen.
Erklärt wird sie mit dem Teilchenmodell. Eine Reaktion findet nur statt, wenn Teilchen zusammenstoßen und dabei genug Energie haben. Diese Mindestenergie heißt Aktivierungsenergie. Je mehr erfolgreiche Zusammenstöße pro Sekunde, desto höher die Geschwindigkeit.
Die Geschwindigkeit aus Messwerten
Die Geschwindigkeit aus Messwerten
Magnesium reagiert mit Salzsäure: . Angenommene Messung: In den ersten 2 Minuten entstehen 40 mL Wasserstoff, in den nächsten 2 Minuten 20 mL, in den dritten 2 Minuten 10 mL. Berechne die Geschwindigkeit in mL je Minute für jeden Abschnitt.
Abschnitt 1: 40 mL : 2 min = 20 mL/min. Abschnitt 2: 20 mL : 2 min = 10 mL/min. Abschnitt 3: 10 mL : 2 min = 5 mL/min.
Die Geschwindigkeit nimmt ab. Die Säure wird verbraucht, ihre Konzentration sinkt, und es gibt weniger erfolgreiche Zusammenstöße.
Einflüsse auf die Reaktionsgeschwindigkeit
Aus dem Stoßmodell folgt, was die Reaktion schneller macht:
| Einfluss | Wirkung | Erklärung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Konzentration höher | schneller | mehr Teilchen je Volumen, mehr Zusammenstöße | Glimmspan flammt in reinem Sauerstoff auf |
| Temperatur höher | schneller | Teilchen bewegen sich schneller, mehr Stöße und mehr mit genug Energie | Milch im Kühlschrank hält länger |
| Zerteilungsgrad höher | schneller | Feststoffe reagieren nur an der Oberfläche, fein verteilt ist sie größer | Sägemehl brennt schneller als ein Scheit |
| Katalysator | schneller | senkt die nötige Aktivierungsenergie | Abgaskatalysator im Auto |
Eine Faustregel: Bei vielen Reaktionen wird die Reaktion bei 10 Grad mehr zwei- bis dreimal so schnell.
Ein Katalysator beschleunigt eine Reaktion, ohne verbraucht zu werden. Er nimmt an der Reaktion teil, liegt aber am Ende unverändert wieder vor. Beispiele sind Platin im Auto-Katalysator, Eisen bei der Ammoniaksynthese und Enzyme in Lebewesen. Bei umkehrbaren Reaktionen stellt er das Gleichgewicht nur schneller ein, er ändert nicht, wie viel Produkt am Ende entsteht.
Die Faustregel anwenden
Die Faustregel anwenden
Angenommen, eine Reaktion wird bei jeweils 10 Grad mehr doppelt so schnell. Bei 20 °C braucht sie 64 Minuten. Wie lange braucht sie bei 50 °C?
Von 20 °C auf 50 °C sind es 30 Grad, also drei Schritte von je 10 Grad. Bei jedem Schritt halbiert sich die Zeit: 64 min, 32 min, 16 min, 8 min. Bei 50 °C braucht die Reaktion 8 Minuten. Rechnerisch: mal so schnell, und 64 min : 8 = 8 min.
Ausbeute und Steuerung der Reaktionsbedingungen
Für die Industrie zählt, wie viel Produkt entsteht. Die Ausbeute vergleicht die tatsächlich erhaltene Menge mit der Menge, die nach der Reaktionsgleichung höchstens möglich wäre. Die Ausbeute ist oft kleiner als 100 Prozent, zum Beispiel weil die Reaktion umkehrbar ist und ein Gleichgewicht erreicht.
Die Industrie wählt Reaktionsbedingungen (Temperatur, Druck, Konzentration, Katalysator) so, dass die Reaktion schnell genug läuft und die Ausbeute hoch ist. Geschwindigkeit und Ausbeute sind verschiedene Dinge. Zusätzlich zählen Kosten, Energieverbrauch und Sicherheit.
Ausbeute bei der Ammoniaksynthese
Ausbeute bei der Ammoniaksynthese
Aus 56 g Stickstoff und genug Wasserstoff entstehen nach theoretisch Ammoniak. In einem Versuch werden 13,6 g erhalten ( g/mol, g/mol). Wie groß ist die Ausbeute?
Stoffmenge Stickstoff: 56 g : 28 g/mol = 2 mol. Nach der Gleichung entstehen aus 1 mol zwei mol , also 4 mol. Theoretisch sind das 4 mol mal 17 g/mol = 68 g.
Ausbeute: 13,6 g : 68 g = 0,2, das sind 20 Prozent.
Hochofenprozess
Im Hochofen gewinnt man Eisen aus Eisenerz, vor allem Eisen(III)-oxid . Von oben füllt man Erz, Koks (fast reiner Kohlenstoff) und Kalk ein. Von unten bläst man heiße Luft, den Heißwind. Das Gas steigt auf, die Feststoffe sinken ab. Drei wichtige Reaktionen laufen ab:
- Der Koks verbrennt und liefert Wärme: .
- Mit weiterem Koks entsteht Kohlenstoffmonooxid: .
- Das Kohlenstoffmonooxid reduziert das Erz: .
Das ist eine Redoxreaktion. Eisen(III)-oxid wird zu Eisen reduziert, Kohlenstoffmonooxid zu Kohlenstoffdioxid oxidiert. Das flüssige Eisen, das Roheisen, sammelt sich unten. Es enthält etwa 4 Prozent Kohlenstoff und ist spröde. Der Kalk bindet das Gestein des Erzes als Schlacke, die auf dem Eisen schwimmt. Das Erz wird zerkleinert (Zerteilungsgrad), und der Heißwind sorgt für hohe Temperatur.
Ammoniaksynthese
Ammoniak ist Grundstoff für Düngemittel. Das Haber-Bosch-Verfahren stellt ihn aus Stickstoff der Luft und Wasserstoff her. Die Reaktion ist umkehrbar und exotherm: .
Die Bedingungen sind ein Abwägen:
- Druck: Aus vier Teilchen links werden zwei rechts. Hoher Druck begünstigt die Seite mit weniger Teilchen, also Ammoniak. Man arbeitet bei etwa 200 bar.
- Temperatur: Eine niedrige Temperatur gäbe mehr Ammoniak, aber die Reaktion wäre zu langsam. Eine hohe Temperatur macht sie schnell, aber die Ausbeute sinkt. Als Kompromiss wählt man etwa 400 bis 500 °C.
- Katalysator: Eisen macht die Reaktion bei dieser Temperatur schnell genug.
Pro Durchgang wandeln sich nur etwa 10 bis 20 Prozent in Ammoniak um. Das Gemisch wird abgekühlt, der flüssige Ammoniak abgetrennt, und das übrige Gas fließt zurück in den Reaktor.
Ein Katalysator liefert mehr Produkt
Ein Katalysator liefert mehr Produkt
„Ein Katalysator wird bei der Reaktion verbraucht und macht mehr Produkt.“
Ein Katalysator wird nicht verbraucht, er liegt am Ende wieder vor. Er macht die Reaktion nur schneller. Wie viel Produkt maximal entsteht, ändert er nicht.
Je heißer, desto besser
Je heißer, desto besser
„Wenn ich die Temperatur erhöhe, bekomme ich immer mehr Produkt.“
Die Reaktion wird schneller, aber die Ausbeute kann sinken. Bei der Ammoniaksynthese, einer umkehrbaren exothermen Reaktion, liegt bei hoher Temperatur weniger Ammoniak im Gleichgewicht vor. Schnell und ergiebig sind verschiedene Eigenschaften.
Zusammenfassung
Die Reaktionsgeschwindigkeit ist die Änderung der Menge oder Konzentration je Zeit. Sie hängt von erfolgreichen Zusammenstößen der Teilchen ab.
Höhere Konzentration, höhere Temperatur und größerer Zerteilungsgrad machen die Reaktion schneller. Als Faustregel wird sie bei 10 Grad mehr etwa zwei- bis dreimal so schnell.
Ein Katalysator senkt die Aktivierungsenergie und wird nicht verbraucht. Er ändert nicht die Ausbeute im Gleichgewicht.
Die Ausbeute ist tatsächliche Menge geteilt durch theoretisch mögliche Menge. Geschwindigkeit und Ausbeute sind verschiedene Eigenschaften.
Im Hochofen reduziert Kohlenstoffmonooxid Eisenoxid zu Roheisen.
Bei der Ammoniaksynthese sind etwa 200 bar, 400 bis 500 °C und ein Eisenkatalysator ein Kompromiss aus Geschwindigkeit und Ausbeute.
Übungen
Angenommen, eine Reaktion wird bei jeweils 10 Grad mehr doppelt so schnell. Bei 20 °C braucht sie 80 Minuten. Wie lange braucht sie bei 40 °C, in Minuten?
Warum verbrennt Sägemehl schneller als ein Holzscheit?
Theoretisch könnten 50 g eines Produkts entstehen. Im Versuch werden 35 g erhalten. Wie groß ist die Ausbeute, in Prozent?
Welche Aussage über einen Katalysator stimmt?
Welcher Stoff reduziert im Hochofen das Eisen(III)-oxid zu Eisen?
Warum wählt man bei der Ammoniaksynthese nicht einfach die höchstmögliche Temperatur?