Lektion 6.3

Reaktionsgeschwindigkeit und technische Verfahren

17 min Lesezeit

Milch wird im Warmen schnell sauer, im Kühlschrank hält sie Tage. Ein Holzscheit brennt lange, Sägemehl flammt in Sekunden auf, und feiner Mehlstaub kann sogar explodieren. Eine Brausetablette sprudelt im heißen Wasser schneller als im kalten.

In allen Fällen läuft dieselbe Reaktion ab, nur unterschiedlich schnell. Wer Stoffe im Betrieb herstellt, muss das steuern. Eisen aus Erz oder Ammoniak für Dünger sollen schnell und in guter Menge entstehen. Du lernst, wovon die Geschwindigkeit abhängt und wie die Industrie das nutzt.

Definition

Reaktionsgeschwindigkeit

Die Reaktionsgeschwindigkeit gibt an, wie schnell sich bei einer Reaktion Stoffe umwandeln. Man misst, wie sich die Menge oder Konzentration eines Stoffes in einer Zeit ändert. Δ\Delta steht für „Änderung“, cc für die Konzentration, tt für die Zeit. Man kann auch das Volumen eines entstehenden Gases oder die Masseänderung je Zeit messen.

Erklärt wird sie mit dem Teilchenmodell. Eine Reaktion findet nur statt, wenn Teilchen zusammenstoßen und dabei genug Energie haben. Diese Mindestenergie heißt Aktivierungsenergie. Je mehr erfolgreiche Zusammenstöße pro Sekunde, desto höher die Geschwindigkeit.

v=ΔcΔtv = \frac{\Delta c}{\Delta t}
Beispiel

Die Geschwindigkeit aus Messwerten

Magnesium reagiert mit Salzsäure: Mg+2 HCl⟶MgCl2+H2\mathrm{Mg + 2\,HCl \longrightarrow MgCl_2 + H_2}. Angenommene Messung: In den ersten 2 Minuten entstehen 40 mL Wasserstoff, in den nächsten 2 Minuten 20 mL, in den dritten 2 Minuten 10 mL. Berechne die Geschwindigkeit in mL je Minute für jeden Abschnitt.

Abschnitt 1: 40 mL : 2 min = 20 mL/min. Abschnitt 2: 20 mL : 2 min = 10 mL/min. Abschnitt 3: 10 mL : 2 min = 5 mL/min.

Die Geschwindigkeit nimmt ab. Die Säure wird verbraucht, ihre Konzentration sinkt, und es gibt weniger erfolgreiche Zusammenstöße.

Definition

Einflüsse auf die Reaktionsgeschwindigkeit

Aus dem Stoßmodell folgt, was die Reaktion schneller macht:

EinflussWirkungErklärungBeispiel
Konzentration höherschnellermehr Teilchen je Volumen, mehr ZusammenstößeGlimmspan flammt in reinem Sauerstoff auf
Temperatur höherschnellerTeilchen bewegen sich schneller, mehr Stöße und mehr mit genug EnergieMilch im Kühlschrank hält länger
Zerteilungsgrad höherschnellerFeststoffe reagieren nur an der Oberfläche, fein verteilt ist sie größerSägemehl brennt schneller als ein Scheit
Katalysatorschnellersenkt die nötige AktivierungsenergieAbgaskatalysator im Auto

Eine Faustregel: Bei vielen Reaktionen wird die Reaktion bei 10 Grad mehr zwei- bis dreimal so schnell.

Ein Katalysator beschleunigt eine Reaktion, ohne verbraucht zu werden. Er nimmt an der Reaktion teil, liegt aber am Ende unverändert wieder vor. Beispiele sind Platin im Auto-Katalysator, Eisen bei der Ammoniaksynthese und Enzyme in Lebewesen. Bei umkehrbaren Reaktionen stellt er das Gleichgewicht nur schneller ein, er ändert nicht, wie viel Produkt am Ende entsteht.

Beispiel

Die Faustregel anwenden

Angenommen, eine Reaktion wird bei jeweils 10 Grad mehr doppelt so schnell. Bei 20 °C braucht sie 64 Minuten. Wie lange braucht sie bei 50 °C?

Von 20 °C auf 50 °C sind es 30 Grad, also drei Schritte von je 10 Grad. Bei jedem Schritt halbiert sich die Zeit: 64 min, 32 min, 16 min, 8 min. Bei 50 °C braucht die Reaktion 8 Minuten. Rechnerisch: 2⋅2⋅2=82 \cdot 2 \cdot 2 = 8 mal so schnell, und 64 min : 8 = 8 min.

Definition

Ausbeute und Steuerung der Reaktionsbedingungen

Für die Industrie zählt, wie viel Produkt entsteht. Die Ausbeute vergleicht die tatsächlich erhaltene Menge mit der Menge, die nach der Reaktionsgleichung höchstens möglich wäre. Die Ausbeute ist oft kleiner als 100 Prozent, zum Beispiel weil die Reaktion umkehrbar ist und ein Gleichgewicht erreicht.

Die Industrie wählt Reaktionsbedingungen (Temperatur, Druck, Konzentration, Katalysator) so, dass die Reaktion schnell genug läuft und die Ausbeute hoch ist. Geschwindigkeit und Ausbeute sind verschiedene Dinge. Zusätzlich zählen Kosten, Energieverbrauch und Sicherheit.

Ausbeute=tatsa¨chliche Mengetheoretisch mo¨gliche Menge⋅100 %\text{Ausbeute} = \frac{\text{tatsächliche Menge}}{\text{theoretisch mögliche Menge}} \cdot 100\,\%
Beispiel

Ausbeute bei der Ammoniaksynthese

Aus 56 g Stickstoff und genug Wasserstoff entstehen nach N2+3 H2⟶2 NH3\mathrm{N_2 + 3\,H_2 \longrightarrow 2\,NH_3} theoretisch Ammoniak. In einem Versuch werden 13,6 g erhalten (M(N2)=28M(\mathrm{N_2}) = 28 g/mol, M(NH3)=17M(\mathrm{NH_3}) = 17 g/mol). Wie groß ist die Ausbeute?

Stoffmenge Stickstoff: 56 g : 28 g/mol = 2 mol. Nach der Gleichung entstehen aus 1 mol N2\mathrm{N_2} zwei mol NH3\mathrm{NH_3}, also 4 mol. Theoretisch sind das 4 mol mal 17 g/mol = 68 g.

Ausbeute: 13,6 g : 68 g = 0,2, das sind 20 Prozent.

Definition

Hochofenprozess

Im Hochofen gewinnt man Eisen aus Eisenerz, vor allem Eisen(III)-oxid Fe2O3\mathrm{Fe_2O_3}. Von oben füllt man Erz, Koks (fast reiner Kohlenstoff) und Kalk ein. Von unten bläst man heiße Luft, den Heißwind. Das Gas steigt auf, die Feststoffe sinken ab. Drei wichtige Reaktionen laufen ab:

  • Der Koks verbrennt und liefert Wärme: C+O2⟶CO2\mathrm{C + O_2 \longrightarrow CO_2}.
  • Mit weiterem Koks entsteht Kohlenstoffmonooxid: CO2+C⟶2 CO\mathrm{CO_2 + C \longrightarrow 2\,CO}.
  • Das Kohlenstoffmonooxid reduziert das Erz: Fe2O3+3 CO⟶2 Fe+3 CO2\mathrm{Fe_2O_3 + 3\,CO \longrightarrow 2\,Fe + 3\,CO_2}.

Das ist eine Redoxreaktion. Eisen(III)-oxid wird zu Eisen reduziert, Kohlenstoffmonooxid zu Kohlenstoffdioxid oxidiert. Das flüssige Eisen, das Roheisen, sammelt sich unten. Es enthält etwa 4 Prozent Kohlenstoff und ist spröde. Der Kalk bindet das Gestein des Erzes als Schlacke, die auf dem Eisen schwimmt. Das Erz wird zerkleinert (Zerteilungsgrad), und der Heißwind sorgt für hohe Temperatur.

Definition

Ammoniaksynthese

Ammoniak ist Grundstoff für Düngemittel. Das Haber-Bosch-Verfahren stellt ihn aus Stickstoff der Luft und Wasserstoff her. Die Reaktion ist umkehrbar und exotherm: N2+3 H2⇌2 NH3\mathrm{N_2 + 3\,H_2 \rightleftharpoons 2\,NH_3}.

Die Bedingungen sind ein Abwägen:

  • Druck: Aus vier Teilchen links werden zwei rechts. Hoher Druck begünstigt die Seite mit weniger Teilchen, also Ammoniak. Man arbeitet bei etwa 200 bar.
  • Temperatur: Eine niedrige Temperatur gäbe mehr Ammoniak, aber die Reaktion wäre zu langsam. Eine hohe Temperatur macht sie schnell, aber die Ausbeute sinkt. Als Kompromiss wählt man etwa 400 bis 500 °C.
  • Katalysator: Eisen macht die Reaktion bei dieser Temperatur schnell genug.

Pro Durchgang wandeln sich nur etwa 10 bis 20 Prozent in Ammoniak um. Das Gemisch wird abgekühlt, der flüssige Ammoniak abgetrennt, und das übrige Gas fließt zurück in den Reaktor.

Häufige Fehler

Ein Katalysator liefert mehr Produkt

„Ein Katalysator wird bei der Reaktion verbraucht und macht mehr Produkt.“

Richtig ist

Ein Katalysator wird nicht verbraucht, er liegt am Ende wieder vor. Er macht die Reaktion nur schneller. Wie viel Produkt maximal entsteht, ändert er nicht.

Häufige Fehler

Je heißer, desto besser

„Wenn ich die Temperatur erhöhe, bekomme ich immer mehr Produkt.“

Richtig ist

Die Reaktion wird schneller, aber die Ausbeute kann sinken. Bei der Ammoniaksynthese, einer umkehrbaren exothermen Reaktion, liegt bei hoher Temperatur weniger Ammoniak im Gleichgewicht vor. Schnell und ergiebig sind verschiedene Eigenschaften.

Zusammenfassung

  • Die Reaktionsgeschwindigkeit ist die Änderung der Menge oder Konzentration je Zeit. Sie hängt von erfolgreichen Zusammenstößen der Teilchen ab.

  • Höhere Konzentration, höhere Temperatur und größerer Zerteilungsgrad machen die Reaktion schneller. Als Faustregel wird sie bei 10 Grad mehr etwa zwei- bis dreimal so schnell.

  • Ein Katalysator senkt die Aktivierungsenergie und wird nicht verbraucht. Er ändert nicht die Ausbeute im Gleichgewicht.

  • Die Ausbeute ist tatsächliche Menge geteilt durch theoretisch mögliche Menge. Geschwindigkeit und Ausbeute sind verschiedene Eigenschaften.

  • Im Hochofen reduziert Kohlenstoffmonooxid Eisenoxid zu Roheisen.

  • Bei der Ammoniaksynthese sind etwa 200 bar, 400 bis 500 °C und ein Eisenkatalysator ein Kompromiss aus Geschwindigkeit und Ausbeute.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Angenommen, eine Reaktion wird bei jeweils 10 Grad mehr doppelt so schnell. Bei 20 °C braucht sie 80 Minuten. Wie lange braucht sie bei 40 °C, in Minuten?

Aufgabe 2Multiple Choice

Warum verbrennt Sägemehl schneller als ein Holzscheit?

Aufgabe 3Numerisch

Theoretisch könnten 50 g eines Produkts entstehen. Im Versuch werden 35 g erhalten. Wie groß ist die Ausbeute, in Prozent?

Aufgabe 4Multiple Choice

Welche Aussage über einen Katalysator stimmt?

Aufgabe 5Multiple Choice

Welcher Stoff reduziert im Hochofen das Eisen(III)-oxid zu Eisen?

Aufgabe 6Freitext

Warum wählt man bei der Ammoniaksynthese nicht einfach die höchstmögliche Temperatur?