Lektion 2.1

Elektronegativität, Polarität, Molekülbau und zwischenmolekulare Wechselwirkungen

18 min Lesezeit

Wasser wiegt pro Molekül 18 u und siedet bei 100 °C. Methan wiegt 16 u, ist also fast gleich schwer, und siedet schon bei minus 162 °C. Bei Zimmertemperatur ist es ein Gas. Zucker löst sich in Wasser, Speiseöl nicht. Und Eis schwimmt, obwohl bei den meisten Stoffen der Feststoff in der eigenen Flüssigkeit untergeht.

Das liegt nicht an den Atomen allein, sondern daran, wie die Bindungselektronen verteilt sind, wie die Moleküle gebaut sind und wie stark sie aneinander haften.

Definition

Elektronegativität

Die Elektronegativität (EN) ist ein Maß dafür, wie stark ein Atom in einer Bindung die Bindungselektronen zu sich zieht. Fluor hat den größten Wert (4,0). Die EN steigt in einer Periode von links nach rechts und sinkt in einer Gruppe von oben nach unten. Für die Edelgase gibt die Skala meist keine Werte an.

ElementNaHCClNOF
EN (gerundet)0,92,22,53,23,03,54,0
Definition

Polare und unpolare Bindung, Partialladung

Zwei gleiche Atome ziehen gleich stark am gemeinsamen Elektronenpaar, zum Beispiel in Cl2\mathrm{Cl_2}. Die Bindung ist unpolar. Zieht ein Atom stärker, rückt das Paar zu ihm. Die Bindung ist polar. Das stärkere Atom trägt eine kleine negative Ladung, das andere eine kleine positive. Diese Teilladungen heißen Partialladungen, geschrieben δ−\delta^- und δ+\delta^+. Sie sind kleiner als eine ganze Ladung, es ist also kein Ion entstanden.

Die Differenz Δ\DeltaEN der beiden EN-Werte sagt, wie polar die Bindung ist. Als Faustregel gilt: unter 0,4 unpolar, zwischen 0,4 und 1,7 polar, darüber Ionenbindung. Die Übergänge sind fließend. In HCl ist Δ\DeltaEN = 3,2 − 2,2 = 1,0, also Hδ+−Clδ−\overset{\delta+}{\mathrm{H}}-\overset{\delta-}{\mathrm{Cl}}.

Beispiel

Bindungen einordnen

Bestimme Δ\DeltaEN und die Art der Bindung für C–H, N–H, O–H und Na–Cl. Welches Atom trägt jeweils δ−\delta^-?

C–H: 2,5 − 2,2 = 0,3, unpolar (schwach polar, meist als unpolar behandelt).

N–H: 3,0 − 2,2 = 0,8, polar, N trägt δ−\delta^-.

O–H: 3,5 − 2,2 = 1,3, polar, O trägt δ−\delta^-.

Na–Cl: 3,2 − 0,9 = 2,3, mehr als 1,7: Ionenbindung. Das Elektron ist praktisch ganz zum Chlor gewandert, es entsteht Na+\mathrm{Na^+} und Cl−\mathrm{Cl^-}.

Definition

Elektronenpaarabstoßungsmodell

Das Elektronenpaarabstoßungsmodell erklärt die Form von Molekülen. Elektronenpaare sind negativ und stoßen sich ab. Die Paare am Zentralatom (bindende und freie) ordnen sich so an, dass sie möglichst weit voneinander entfernt sind. Eine Doppelbindung zählt dabei wie ein Bereich. Zwei Bereiche liegen auf einer Linie (180°), drei in einer Ebene (120°), vier zeigen in die Ecken eines Tetraeders (109,5°). Freie Paare brauchen mehr Platz als bindende und drücken die Bindungen zusammen. Den Namen der Form bestimmen nur die Atome.

MolekülBindungspartnerfreie PaareFormWinkel
CO2\mathrm{CO_2}20linear180°
CH4\mathrm{CH_4}40tetraedrisch109,5°
NH3\mathrm{NH_3}31trigonal-pyramidaletwa 107°
H2O\mathrm{H_2O}22gewinkeltetwa 104,5°
Definition

Dipolmoleküle

Ein Dipolmolekül hat ein positives und ein negatives Ende: Die Schwerpunkte der positiven und der negativen Teilladungen fallen nicht zusammen. Dafür braucht es polare Bindungen und einen Bau, in dem sich ihre Wirkung nicht aufhebt. Ein Molekül mit polaren Bindungen kann also unpolar sein, wenn es symmetrisch gebaut ist.

Beispiel

Sind CO2, NH3 und CH4 Dipole?

Entscheide mit Bindungspolarität und Form.

CO2\mathrm{CO_2}: Die C=O-Bindungen sind polar (O trägt δ−\delta^-), das Molekül ist aber linear. Die beiden gleich starken Wirkungen zeigen in entgegengesetzte Richtungen und heben sich auf. Kein Dipol.

NH3\mathrm{NH_3}: Die N–H-Bindungen sind polar (Δ\DeltaEN = 0,8). Das Molekül ist pyramidal, die Wirkungen heben sich nicht auf. N-Seite δ−\delta^-, H-Seite δ+\delta^+. Dipol.

CH4\mathrm{CH_4}: Die C–H-Bindungen sind kaum polar, und das Molekül ist tetraedrisch symmetrisch. Kein Dipol.

Ammoniak drehen

Drehe das Molekül mit der Maus. Schalte im Kugel-Stab-Modell die Knöpfe "Elektronenpaare" und "Winkel" ein: Du siehst drei Bindungen und ein freies Paar. Unter dem Bild stehen Polarität, Molekülform und Bindungswinkel (106,7°). Wähle dann "Lewis-Formel" und vergleiche.

Definition

Zwischenmolekulare Wechselwirkungen

Zwischen Molekülen wirken Anziehungskräfte, die zwischenmolekularen Wechselwirkungen. Sie sind viel schwächer als die Atombindungen innerhalb der Moleküle. Es gibt drei Arten, geordnet nach der Stärke:

  • Van-der-Waals-Kräfte wirken zwischen allen Molekülen, auch unpolaren. Die Elektronen schwanken kurz hin und her und erzeugen kurzzeitige Dipole, die sich gegenseitig beeinflussen. Sie sind umso stärker, je mehr Elektronen ein Molekül hat, also je größer es ist.
  • Dipol-Dipol-Kräfte wirken zwischen dauerhaften Dipolmolekülen: Das δ+\delta^+-Ende des einen zieht das δ−\delta^--Ende des anderen an.
  • Wasserstoffbrücken sind besonders starke Dipol-Dipol-Kräfte. Sie entstehen, wenn ein H-Atom, das an N, O oder F gebunden ist, ein freies Elektronenpaar eines N, O oder F im Nachbarmolekül anzieht.
Definition

Siedetemperatur und Löslichkeit

Beim Sieden trennen sich Moleküle voneinander, die Atombindungen bleiben ganz. Je stärker die Wechselwirkungen, desto höher die Siedetemperatur.

Stoffmolare Masse in g/molstärkste WechselwirkungSiedetemperatur in °C
Methan16Van-der-Waals−162
Ammoniak17Wasserstoffbrücken−33
Wasser18Wasserstoffbrücken100
Fluor38Van-der-Waals−188
Chlor71Van-der-Waals−34
Brom160Van-der-Waals59
Iod254Van-der-Waals184

Bei den Halogenen steigt die Siedetemperatur mit der Molekülgröße.

Für die Löslichkeit gilt: Gleiches löst sich in Gleichem. Polare Stoffe und viele Salze lösen sich in polaren Lösemitteln wie Wasser, unpolare Stoffe in unpolaren wie Benzin. Zucker löst sich in Wasser, Speiseöl in Benzin, aber Öl nicht in Wasser.

Beispiel

Warum siedet Wasser so hoch?

Wasser und Methan haben fast die gleiche molare Masse. Erkläre den Unterschied der Siedetemperaturen (100 °C gegen −162 °C).

Methanmoleküle sind unpolar und halten nur durch schwache Van-der-Waals-Kräfte zusammen. Schon bei −162 °C reicht die Wärmebewegung, um sie zu trennen.

Wassermoleküle sind Dipole und bilden Wasserstoffbrücken. Man muss viel mehr Energie zuführen, um sie voneinander zu lösen. Darum siedet Wasser erst bei 100 °C.

Definition

Wasser: Dichteanomalie und Hydratation

Ein Wassermolekül hat zwei H-Atome und zwei freie Paare am O-Atom und kann so bis zu vier Wasserstoffbrücken bilden. Im Eis ist jedes Molekül mit vier Nachbarn verbunden. Das Gitter hat Hohlräume, Eis hat eine Dichte von etwa 0,92 g/cm³. Beim Schmelzen brechen viele Brücken, die Moleküle rücken enger zusammen. Flüssiges Wasser hat bei 4 °C die größte Dichte (etwa 1,00 g/cm³). Dass Wasser unter 4 °C wieder leichter wird und als Eis noch leichter ist, heißt Dichteanomalie. Deshalb schwimmt Eis, Seen frieren von oben zu, und Wasser in Rohren sprengt sie beim Gefrieren.

Wasser löst Salze durch Hydratation. Die Dipole lagern sich mit dem δ−\delta^--Ende (Sauerstoff) an positive Ionen und mit dem δ+\delta^+-Ende (Wasserstoff) an negative Ionen. Die Ionen lösen sich aus dem Gitter und sind von einer Hülle aus Wassermolekülen umgeben.

Häufige Fehler

Beim Sieden brechen Atombindungen

„Beim Sieden von Wasser werden die O–H-Bindungen gebrochen.“

Richtig ist

Beim Sieden trennen sich nur die Moleküle voneinander, die Wasserstoffbrücken lösen sich. Das Wassermolekül bleibt ganz.

Häufige Fehler

Polare Bindungen machen immer ein Dipolmolekül

„CO2\mathrm{CO_2} hat polare Bindungen, also ist es ein Dipol.“

Richtig ist

Auf die Form kommt es an. Im linearen CO2\mathrm{CO_2} heben sich die Wirkungen der beiden Bindungen auf. Das Molekül ist unpolar.

Zusammenfassung

  • Die Elektronegativität sagt, wie stark ein Atom Bindungselektronen anzieht. Sie steigt in einer Periode nach rechts und sinkt in einer Gruppe nach unten.

  • Bei einer polaren Bindung tragen die Atome Partialladungen δ+\delta^+ und δ−\delta^-. Faustregel: Δ\DeltaEN unter 0,4 unpolar, bis etwa 1,7 polar, darüber Ionenbindung.

  • Das Elektronenpaarabstoßungsmodell leitet die Form aus der Abstoßung der Elektronenpaare ab. Freie Paare drücken die Winkel zusammen.

  • Ein Molekül ist nur dann ein Dipol, wenn es polare Bindungen hat und sich ihre Wirkungen wegen der Form nicht aufheben.

  • Zwischen Molekülen wirken Van-der-Waals-Kräfte, Dipol-Dipol-Kräfte und Wasserstoffbrücken. Je stärker, desto höher die Siedetemperatur.

  • Gleiches löst sich in Gleichem: Polares und viele Salze lösen sich in Wasser, Unpolares in Benzin.

  • Wasser hat durch Wasserstoffbrücken eine Dichteanomalie und löst Salze durch Hydratation.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Stickstoff hat die Elektronegativität 3,0, Wasserstoff 2,2. Wie groß ist die Differenz?

Aufgabe 2Multiple Choice

Tetrachlormethan CCl4\mathrm{CCl_4} hat vier polare C–Cl-Bindungen (Δ\DeltaEN = 0,7) und ist tetraedrisch gebaut. Was gilt?

Aufgabe 3Multiple Choice

Warum siedet Iod (I2\mathrm{I_2}) höher als Chlor (Cl2\mathrm{Cl_2})?

Aufgabe 4Numerisch

Stickstoff hat 5 Valenzelektronen. Im Ammoniak NH3\mathrm{NH_3} bildet er drei Bindungen mit je einem Elektron. Wie viele freie Elektronenpaare hat das Stickstoffatom?

Aufgabe 5Multiple Choice

Benzin besteht aus unpolaren Molekülen. Welcher Stoff löst sich darin am besten?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum Eis auf flüssigem Wasser schwimmt.