Radioaktivität: Strahlungsarten, Zerfall und Halbwertszeit
Du hältst ein Geiger-Müller-Zählrohr in die Luft, ohne dass irgendwo eine radioaktive Quelle liegt. Trotzdem knackt es ab und zu. Die Strahlung kommt aus dem Boden, aus Gestein, aus der Luft und aus dem Weltall.
Nähert sich ein Präparat, knackt es viel häufiger. Legst du es neben das Zählrohr und kommst nach Wochen oder Jahren wieder, knackt es immer noch. Bei manchen Präparaten wird es aber schon nach Minuten deutlich leiser.
Du klärst, was dort strahlt, was dabei im Kern passiert und warum jedes Präparat seine eigene "Uhr" hat, die man nicht anhalten kann. Du kannst auch nicht vorhersagen, welcher Kern als Nächster zerfällt.
Radioaktivität, Spontanzerfall und Kernumwandlung
Instabile Kerne (letzte Lektion) wandeln sich von selbst um und senden dabei Strahlung aus. Das nennt man Radioaktivität, den Vorgang radioaktiven Zerfall oder Spontanzerfall, weil er ohne äußeren Anlass geschieht. Hitze, Druck oder eine chemische Verbindung ändern daran praktisch nichts.
Der Kern vor dem Zerfall heißt Mutterkern, der Kern danach Tochterkern. Meist hat der Tochterkern eine andere Protonenzahl, ist also ein anderes Element. Man spricht von Kernumwandlung. Es gelten zwei Erhaltungsregeln: Die Summe der Massenzahlen und die Summe der Kernladungszahlen (Ladungen) sind links und rechts des Pfeils gleich.
Alpha-, Beta- und Gammastrahlung
Es gibt drei Arten von Strahlung:
| Strahlung | besteht aus | Ladung | Änderung des Kerns |
|---|---|---|---|
| Alpha () | Heliumkernen (2 Protonen, 2 Neutronen) | 2+ | sinkt um 2, um 4 |
| Beta () | Elektronen aus dem Kern | 1− | steigt um 1, bleibt |
| Gamma () | energiereicher elektromagnetischer Strahlung | 0 | und bleiben |
Alpha: Der Kern stößt ein Paket aus zwei Protonen und zwei Neutronen ab, einen Heliumkern.
Beta: Im Kern wandelt sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron um. Das Elektron verlässt den Kern, die Protonenzahl steigt um 1. Außerdem entsteht ein sehr leichtes Teilchen, das Antineutrino. Wir schreiben es in den Gleichungen nicht mit, es ändert nichts an den Erhaltungsregeln. Das Elektron stammt aus dem Kern, nicht aus der Hülle. Es gibt auch Kerne mit Protonenüberschuss. Sie senden ein Positron aus (ein positiv geladenes Elektron, ). Hier betrachten wir nur .
Gamma: Nach einem Alpha- oder Beta-Zerfall ist der Tochterkern oft angeregt, hat also überschüssige Energie. Er gibt sie als Gammastrahlung ab. Sie liegt im Spektrum der elektromagnetischen Strahlung bei den kürzesten Wellenlängen. Der Kern behält und .
Im Magnetfeld werden Alpha- und Beta-Strahlen in entgegengesetzte Richtungen abgelenkt, Gammastrahlung gar nicht. Daran erkennt man ihre Ladung. Wie weit die Strahlungsarten durch Stoffe kommen, folgt in der nächsten Lektion.
Zerfallsgleichungen aufstellen
Zerfallsgleichungen aufstellen
Americium-241 (, in vielen Rauchmeldern) zerfällt durch Alpha-Zerfall. Cäsium-137 () zerfällt durch Beta-Zerfall. Gib beide Gleichungen an. Das Element mit heißt Neptunium (Np), das mit Barium (Ba).
Alpha: Die Massenzahl sinkt um 4 (241 − 4 = 237), die Kernladungszahl um 2 (95 − 2 = 93). Das ist Neptunium-237. Probe: 237 + 4 = 241 und 93 + 2 = 95.
Beta: Die Massenzahl bleibt bei 137, die Kernladungszahl steigt um 1 (55 + 1 = 56). Das Elektron schreibt man mit Massenzahl 0 und Ladung −1. Probe der Ladung: 56 + (−1) = 55. Das entstehende Barium-137 ist meist zunächst angeregt und sendet danach Gammastrahlung aus.
Aktivität, Zählrate und Nullrate
Die Aktivität gibt an, wie viele Kerne in einer Probe pro Sekunde zerfallen. Ihre Einheit ist Becquerel (Bq): 1 Bq ist ein Zerfall pro Sekunde. Der menschliche Körper hat durch sein Kalium und seinen Kohlenstoff eine Aktivität von einigen tausend Bq.
Ein Zählrohr registriert nicht alle Zerfälle der Probe, denn die Strahlung geht in alle Richtungen und nur ein Teil trifft das Rohr. Die Zählrate ist die Zahl der gezählten Impulse pro Zeit, zum Beispiel pro Minute. Sie ist proportional zur Aktivität, aber nicht gleich ihr.
Auch ohne Präparat zeigt das Zählrohr Impulse an, weil es immer natürliche Strahlung gibt. Diese Zählrate heißt Nullrate. Sie muss von jeder Messung abgezogen werden: Zählrate des Präparats = gemessene Zählrate − Nullrate. Weil Zerfälle zufällig geschehen, schwankt die Zahl der Impulse. Zählst du etwa 100 Impulse, ist mit einer Schwankung von etwa 10 zu rechnen. Darum misst man lange genug.
Halbwertszeit und Zerfallsgesetz
Die Halbwertszeit ist die Zeit, in der von einer großen Zahl gleicher radioaktiver Kerne die Hälfte zerfallen ist. In derselben Zeit sinkt die Aktivität auf die Hälfte. Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte da, nach zwei ein Viertel, nach drei ein Achtel, nach Halbwertszeiten der Bruchteil .
Zerfall als Zufallsprozess
Die Halbwertszeiten sind sehr verschieden:
| Nuklid | Halbwertszeit |
|---|---|
| Barium-137m (angeregter Kern) | etwa 2,6 Minuten |
| Radon-222 | etwa 3,8 Tage |
| Iod-131 | etwa 8 Tage |
| Cäsium-137 | etwa 30 Jahre |
| Kohlenstoff-14 | etwa 5730 Jahre |
| Uran-238 | etwa 4,5 Milliarden Jahre |
Der Zerfall eines einzelnen Kerns ist reiner Zufall. Man kann nicht sagen, wann er zerfällt. Für jeden Kern gibt es nur eine feste Wahrscheinlichkeit pro Zeit, und sie ändert sich nicht: Ein Kern, der schon Jahre überlebt hat, ist nicht "näher" am Zerfall. Man nennt so etwas einen stochastischen Prozess. Bei sehr vielen Kernen folgt aus den Zufällen eine sichere Regel, wie beim Münzwurf: Eine einzelne Münze kann Kopf oder Zahl zeigen. Bei 100 Münzen sind es etwa 50 Köpfe. Wirfst du 100 Münzen und nimmst die Köpfe heraus, bleiben etwa 50. Nach dem nächsten Wurf etwa 25. Jede Runde entspricht einer Halbwertszeit. Bei wenigen Kernen weicht der Verlauf deutlich von der Regel ab. Bei Billionen Kernen stimmt sie fast genau.
Aktivität einer Iod-Probe
Aktivität einer Iod-Probe
Eine Probe Iod-131 ( Tage) hat zu Beginn eine Aktivität von 16 000 Bq. Wie groß ist die Aktivität nach 24 Tagen? Nach welcher Zeit sind es nur noch 1000 Bq?
24 Tage sind 24 : 8 = 3 Halbwertszeiten. Die Aktivität halbiert sich dreimal: 16 000 → 8000 → 4000 → 2000 Bq. Nach 24 Tagen sind es 2000 Bq.
Von 16 000 auf 1000 ist ein Sechzehntel. Es gilt 16 = 2 · 2 · 2 · 2, also vier Halbierungen: 16 000 → 8000 → 4000 → 2000 → 1000. Das dauert 4 · 8 Tage = 32 Tage.
Halbwertszeit aus einer Messreihe bestimmen
Halbwertszeit aus einer Messreihe bestimmen
Bei einem Versuch (ausgedachte Zahlen) zählt ein Zählrohr bei einem Präparat mit kurzer Halbwertszeit diese Impulse pro Minute. Die Nullrate beträgt 20 Impulse pro Minute.
| Zeit in Minuten | 0 | 3 | 6 | 9 |
|---|---|---|---|---|
| gemessene Zählrate in 1/min | 420 | 220 | 120 | 70 |
Zuerst ziehst du die Nullrate ab: 400, 200, 100 und 50 Impulse pro Minute. Die Zählrate halbiert sich alle 3 Minuten (400 → 200 → 100 → 50). Die Halbwertszeit ist 3 Minuten. Würdest du die Nullrate nicht abziehen, hieße es 420, 220, 120, 70, und die Werte würden nicht genau halbiert. Echte Messwerte schwanken, darum bestimmt man die Halbwertszeit aus mehreren Wertepaaren.
Nach zwei Halbwertszeiten ist alles zerfallen
Nach zwei Halbwertszeiten ist alles zerfallen
„Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte weg, nach der zweiten die andere Hälfte, dann ist nichts mehr da.“
In jeder Halbwertszeit zerfällt die Hälfte dessen, was dann noch da ist. Nach zwei Halbwertszeiten bleibt ein Viertel, nach drei ein Achtel, nach zehn noch etwa ein Tausendstel. Ganz weg ist es rechnerisch nie.
Jeder Kern zerfällt nach einer Halbwertszeit
Jeder Kern zerfällt nach einer Halbwertszeit
„Ein Iod-131-Kern zerfällt nach genau 8 Tagen.“
Die Halbwertszeit sagt nur: Von sehr vielen Kernen ist nach 8 Tagen etwa die Hälfte zerfallen. Ein einzelner Kern kann nach einer Sekunde oder nach einem Jahr zerfallen. Man kann es nicht vorhersagen.
Zusammenfassung
Instabile Kerne zerfallen spontan und senden Strahlung aus. Dabei wandelt sich der Mutterkern in einen Tochterkern um.
Alpha-Strahlung besteht aus Heliumkernen, Beta-Strahlung aus Elektronen aus dem Kern, Gammastrahlung aus energiereicher elektromagnetischer Strahlung.
Bei Zerfallsgleichungen bleiben die Summe der Massenzahlen und die Summe der Kernladungen gleich.
Die Aktivität in Becquerel zählt die Zerfälle pro Sekunde. Die Zählrate ist die Zahl der gezählten Impulse pro Zeit. Die Nullrate zieht man von der Messung ab.
Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte der Kerne und der Aktivität übrig, nach Halbwertszeiten der Bruchteil .
Wann ein einzelner Kern zerfällt, ist Zufall. Bei sehr vielen Kernen ergibt sich daraus eine sichere Regel.
Übungen
Radon-222 (86 Protonen) zerfällt durch Alpha-Zerfall. Wie viele Neutronen hat der Tochterkern?
Was ändert sich bei einem Beta-Zerfall (Beta minus) im Kern?
Ein Zählrohr registriert bei einem Präparat in 2 Minuten 700 Impulse. Die Nullrate beträgt 40 Impulse pro Minute. Wie groß ist die Zählrate des Präparats allein, in Impulsen pro Minute?
Eine Probe hat eine Aktivität von 800 Bq. Die Halbwertszeit beträgt 5 Tage. Wie groß ist die Aktivität nach 20 Tagen, in Becquerel?
Eine Schülerin sagt: "Nach zwei Halbwertszeiten ist die Probe vollständig zerfallen." Erkläre, was stimmt und was nicht, und gib an, wie viel nach zwei Halbwertszeiten übrig ist.