Lektion 5.2

Radioaktivität: Strahlungsarten, Zerfall und Halbwertszeit

15 min Lesezeit

Du hältst ein Geiger-Müller-Zählrohr in die Luft, ohne dass irgendwo eine radioaktive Quelle liegt. Trotzdem knackt es ab und zu. Die Strahlung kommt aus dem Boden, aus Gestein, aus der Luft und aus dem Weltall.

Nähert sich ein Präparat, knackt es viel häufiger. Legst du es neben das Zählrohr und kommst nach Wochen oder Jahren wieder, knackt es immer noch. Bei manchen Präparaten wird es aber schon nach Minuten deutlich leiser.

Du klärst, was dort strahlt, was dabei im Kern passiert und warum jedes Präparat seine eigene "Uhr" hat, die man nicht anhalten kann. Du kannst auch nicht vorhersagen, welcher Kern als Nächster zerfällt.

Definition

Radioaktivität, Spontanzerfall und Kernumwandlung

Instabile Kerne (letzte Lektion) wandeln sich von selbst um und senden dabei Strahlung aus. Das nennt man Radioaktivität, den Vorgang radioaktiven Zerfall oder Spontanzerfall, weil er ohne äußeren Anlass geschieht. Hitze, Druck oder eine chemische Verbindung ändern daran praktisch nichts.

Der Kern vor dem Zerfall heißt Mutterkern, der Kern danach Tochterkern. Meist hat der Tochterkern eine andere Protonenzahl, ist also ein anderes Element. Man spricht von Kernumwandlung. Es gelten zwei Erhaltungsregeln: Die Summe der Massenzahlen und die Summe der Kernladungszahlen (Ladungen) sind links und rechts des Pfeils gleich.

Definition

Alpha-, Beta- und Gammastrahlung

Es gibt drei Arten von Strahlung:

Strahlungbesteht ausLadungÄnderung des Kerns
Alpha (α\alpha)Heliumkernen (2 Protonen, 2 Neutronen)2+ZZ sinkt um 2, AA um 4
Beta (β−\beta^-)Elektronen aus dem Kern1−ZZ steigt um 1, AA bleibt
Gamma (γ\gamma)energiereicher elektromagnetischer Strahlung0ZZ und AA bleiben

Alpha: Der Kern stößt ein Paket aus zwei Protonen und zwei Neutronen ab, einen Heliumkern.

Beta: Im Kern wandelt sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron um. Das Elektron verlässt den Kern, die Protonenzahl steigt um 1. Außerdem entsteht ein sehr leichtes Teilchen, das Antineutrino. Wir schreiben es in den Gleichungen nicht mit, es ändert nichts an den Erhaltungsregeln. Das Elektron stammt aus dem Kern, nicht aus der Hülle. Es gibt auch Kerne mit Protonenüberschuss. Sie senden ein Positron aus (ein positiv geladenes Elektron, β+\beta^+). Hier betrachten wir nur β−\beta^-.

Gamma: Nach einem Alpha- oder Beta-Zerfall ist der Tochterkern oft angeregt, hat also überschüssige Energie. Er gibt sie als Gammastrahlung ab. Sie liegt im Spektrum der elektromagnetischen Strahlung bei den kürzesten Wellenlängen. Der Kern behält ZZ und AA.

Im Magnetfeld werden Alpha- und Beta-Strahlen in entgegengesetzte Richtungen abgelenkt, Gammastrahlung gar nicht. Daran erkennt man ihre Ladung. Wie weit die Strahlungsarten durch Stoffe kommen, folgt in der nächsten Lektion.

Beispiel

Zerfallsgleichungen aufstellen

Americium-241 (Z=95Z = 95, in vielen Rauchmeldern) zerfällt durch Alpha-Zerfall. Cäsium-137 (Z=55Z = 55) zerfällt durch Beta-Zerfall. Gib beide Gleichungen an. Das Element mit Z=93Z = 93 heißt Neptunium (Np), das mit Z=56Z = 56 Barium (Ba).

95241Am→93237Np+24He55137Cs→56137Ba+−10e{}^{241}_{95}\text{Am} \rightarrow {}^{237}_{93}\text{Np} + {}^{4}_{2}\text{He} \qquad\qquad {}^{137}_{55}\text{Cs} \rightarrow {}^{137}_{56}\text{Ba} + {}^{0}_{-1}\text{e}

Alpha: Die Massenzahl sinkt um 4 (241 − 4 = 237), die Kernladungszahl um 2 (95 − 2 = 93). Das ist Neptunium-237. Probe: 237 + 4 = 241 und 93 + 2 = 95.

Beta: Die Massenzahl bleibt bei 137, die Kernladungszahl steigt um 1 (55 + 1 = 56). Das Elektron schreibt man mit Massenzahl 0 und Ladung −1. Probe der Ladung: 56 + (−1) = 55. Das entstehende Barium-137 ist meist zunächst angeregt und sendet danach Gammastrahlung aus.

Definition

Aktivität, Zählrate und Nullrate

Die Aktivität gibt an, wie viele Kerne in einer Probe pro Sekunde zerfallen. Ihre Einheit ist Becquerel (Bq): 1 Bq ist ein Zerfall pro Sekunde. Der menschliche Körper hat durch sein Kalium und seinen Kohlenstoff eine Aktivität von einigen tausend Bq.

Ein Zählrohr registriert nicht alle Zerfälle der Probe, denn die Strahlung geht in alle Richtungen und nur ein Teil trifft das Rohr. Die Zählrate ist die Zahl der gezählten Impulse pro Zeit, zum Beispiel pro Minute. Sie ist proportional zur Aktivität, aber nicht gleich ihr.

Auch ohne Präparat zeigt das Zählrohr Impulse an, weil es immer natürliche Strahlung gibt. Diese Zählrate heißt Nullrate. Sie muss von jeder Messung abgezogen werden: Zählrate des Präparats = gemessene Zählrate − Nullrate. Weil Zerfälle zufällig geschehen, schwankt die Zahl der Impulse. Zählst du etwa 100 Impulse, ist mit einer Schwankung von etwa 10 zu rechnen. Darum misst man lange genug.

Definition

Halbwertszeit und Zerfallsgesetz

Die Halbwertszeit T1/2T_{1/2} ist die Zeit, in der von einer großen Zahl gleicher radioaktiver Kerne die Hälfte zerfallen ist. In derselben Zeit sinkt die Aktivität auf die Hälfte. Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte da, nach zwei ein Viertel, nach drei ein Achtel, nach nn Halbwertszeiten der Bruchteil (1/2)n(1/2)^n.

N(t)=N0⋅(12)t/T1/2N(t) = N_0 \cdot \left(\tfrac{1}{2}\right)^{t / T_{1/2}}
Definition

Zerfall als Zufallsprozess

Die Halbwertszeiten sind sehr verschieden:

NuklidHalbwertszeit
Barium-137m (angeregter Kern)etwa 2,6 Minuten
Radon-222etwa 3,8 Tage
Iod-131etwa 8 Tage
Cäsium-137etwa 30 Jahre
Kohlenstoff-14etwa 5730 Jahre
Uran-238etwa 4,5 Milliarden Jahre

Der Zerfall eines einzelnen Kerns ist reiner Zufall. Man kann nicht sagen, wann er zerfällt. Für jeden Kern gibt es nur eine feste Wahrscheinlichkeit pro Zeit, und sie ändert sich nicht: Ein Kern, der schon Jahre überlebt hat, ist nicht "näher" am Zerfall. Man nennt so etwas einen stochastischen Prozess. Bei sehr vielen Kernen folgt aus den Zufällen eine sichere Regel, wie beim Münzwurf: Eine einzelne Münze kann Kopf oder Zahl zeigen. Bei 100 Münzen sind es etwa 50 Köpfe. Wirfst du 100 Münzen und nimmst die Köpfe heraus, bleiben etwa 50. Nach dem nächsten Wurf etwa 25. Jede Runde entspricht einer Halbwertszeit. Bei wenigen Kernen weicht der Verlauf deutlich von der Regel ab. Bei Billionen Kernen stimmt sie fast genau.

Beispiel

Aktivität einer Iod-Probe

Eine Probe Iod-131 (T1/2=8T_{1/2} = 8 Tage) hat zu Beginn eine Aktivität von 16 000 Bq. Wie groß ist die Aktivität nach 24 Tagen? Nach welcher Zeit sind es nur noch 1000 Bq?

24 Tage sind 24 : 8 = 3 Halbwertszeiten. Die Aktivität halbiert sich dreimal: 16 000 → 8000 → 4000 → 2000 Bq. Nach 24 Tagen sind es 2000 Bq.

Von 16 000 auf 1000 ist ein Sechzehntel. Es gilt 16 = 2 · 2 · 2 · 2, also vier Halbierungen: 16 000 → 8000 → 4000 → 2000 → 1000. Das dauert 4 · 8 Tage = 32 Tage.

Beispiel

Halbwertszeit aus einer Messreihe bestimmen

Bei einem Versuch (ausgedachte Zahlen) zählt ein Zählrohr bei einem Präparat mit kurzer Halbwertszeit diese Impulse pro Minute. Die Nullrate beträgt 20 Impulse pro Minute.

Zeit in Minuten0369
gemessene Zählrate in 1/min42022012070

Zuerst ziehst du die Nullrate ab: 400, 200, 100 und 50 Impulse pro Minute. Die Zählrate halbiert sich alle 3 Minuten (400 → 200 → 100 → 50). Die Halbwertszeit ist 3 Minuten. Würdest du die Nullrate nicht abziehen, hieße es 420, 220, 120, 70, und die Werte würden nicht genau halbiert. Echte Messwerte schwanken, darum bestimmt man die Halbwertszeit aus mehreren Wertepaaren.

Häufige Fehler

Nach zwei Halbwertszeiten ist alles zerfallen

„Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte weg, nach der zweiten die andere Hälfte, dann ist nichts mehr da.“

Richtig ist

In jeder Halbwertszeit zerfällt die Hälfte dessen, was dann noch da ist. Nach zwei Halbwertszeiten bleibt ein Viertel, nach drei ein Achtel, nach zehn noch etwa ein Tausendstel. Ganz weg ist es rechnerisch nie.

Häufige Fehler

Jeder Kern zerfällt nach einer Halbwertszeit

„Ein Iod-131-Kern zerfällt nach genau 8 Tagen.“

Richtig ist

Die Halbwertszeit sagt nur: Von sehr vielen Kernen ist nach 8 Tagen etwa die Hälfte zerfallen. Ein einzelner Kern kann nach einer Sekunde oder nach einem Jahr zerfallen. Man kann es nicht vorhersagen.

Zusammenfassung

  • Instabile Kerne zerfallen spontan und senden Strahlung aus. Dabei wandelt sich der Mutterkern in einen Tochterkern um.

  • Alpha-Strahlung besteht aus Heliumkernen, Beta-Strahlung aus Elektronen aus dem Kern, Gammastrahlung aus energiereicher elektromagnetischer Strahlung.

  • Bei Zerfallsgleichungen bleiben die Summe der Massenzahlen und die Summe der Kernladungen gleich.

  • Die Aktivität in Becquerel zählt die Zerfälle pro Sekunde. Die Zählrate ist die Zahl der gezählten Impulse pro Zeit. Die Nullrate zieht man von der Messung ab.

  • Nach einer Halbwertszeit ist die Hälfte der Kerne und der Aktivität übrig, nach nn Halbwertszeiten der Bruchteil (1/2)n(1/2)^n.

  • Wann ein einzelner Kern zerfällt, ist Zufall. Bei sehr vielen Kernen ergibt sich daraus eine sichere Regel.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Radon-222 (86 Protonen) zerfällt durch Alpha-Zerfall. Wie viele Neutronen hat der Tochterkern?

Aufgabe 2Multiple Choice

Was ändert sich bei einem Beta-Zerfall (Beta minus) im Kern?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Zählrohr registriert bei einem Präparat in 2 Minuten 700 Impulse. Die Nullrate beträgt 40 Impulse pro Minute. Wie groß ist die Zählrate des Präparats allein, in Impulsen pro Minute?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Probe hat eine Aktivität von 800 Bq. Die Halbwertszeit beträgt 5 Tage. Wie groß ist die Aktivität nach 20 Tagen, in Becquerel?

Aufgabe 5Freitext

Eine Schülerin sagt: "Nach zwei Halbwertszeiten ist die Probe vollständig zerfallen." Erkläre, was stimmt und was nicht, und gib an, wie viel nach zwei Halbwertszeiten übrig ist.