Wirkung ionisierender Strahlung, Strahlenschutz und medizinische Nutzung
Beim Zahnarzt legt die Assistentin dir eine Bleischürze um, bevor sie das Röntgenbild macht. Sie selbst geht hinter eine Wand. Ein einzelnes Röntgenbild bringt nur eine kleine Dosis, und ohne Röntgen könnte man viele Brüche und Krankheiten nicht erkennen.
Dieselbe Strahlung kann Krebs auslösen, und sie kann Krebs heilen. Außerdem bekommt jeder Mensch jedes Jahr eine Strahlendosis, ohne je geröntgt zu werden.
Du lernst, was Strahlung im Körper bewirkt, wie man ihre Wirkung in Zahlen fasst und wie man sich schützt. Du erfährst auch, warum Medizin sie trotz des Risikos nutzt.
Ionisierende Strahlung
Ein Atom ist neutral. Trifft aber energiereiche Strahlung darauf, kann sie ein Elektron aus der Hülle herausschlagen. Zurück bleiben ein positives Ion und ein freies Elektron. Diesen Vorgang nennt man Ionisierung. Strahlung, die dazu genug Energie hat, heißt ionisierende Strahlung. Dazu gehören Alpha-, Beta- und Gammastrahlung sowie Röntgenstrahlung. Sichtbares Licht, Wärmestrahlung und Mobilfunk gehören nicht dazu. Für die Grenze zählt die Energie jedes einzelnen Teilchens, nicht die Gesamtmenge: Eine sehr helle Lampe ionisiert nichts.
Beim Ionisieren gibt die Strahlung Energie ab und wird dadurch gebremst. Das ist die Absorption.
Absorption und Reichweite
Die Reichweite ist die Strecke, die Strahlung in einem Stoff zurücklegt, bevor sie ihre Energie abgegeben hat.
| Strahlung | Reichweite in Luft | Abschirmung | Ionisierung |
|---|---|---|---|
| Alpha | wenige Zentimeter | Blatt Papier, obere Hautschicht | sehr stark |
| Beta | bis zu einige Meter | wenige Millimeter Aluminium | mittel |
| Gamma, Röntgen | sehr groß | dicke Platten aus Blei oder Beton | schwach |
Alpha-Teilchen ionisieren auf kurzem Weg sehr oft. Sie verlieren ihre Energie dadurch schnell und bleiben schon in wenigen Zentimetern Luft stecken. Gamma- und Röntgenstrahlung wird nicht "aufgebraucht", sondern schrittweise geschwächt. Eine Schicht der Halbwertsdicke halbiert ihre Stärke, ähnlich wie die Halbwertszeit. Ganz stoppen kann man sie nie, nur sehr stark vermindern.
Biologische Wirkung
Im Körper löst Ionisierung chemische Veränderungen aus. Besonders folgenreich sind Schäden an der DNA, dem Erbgut der Zelle. Meist repariert die Zelle sie. Sonst stirbt die Zelle, oder sie verändert sich (Mutation) und kann später zu Krebs werden.
Bei sehr hoher Dosis in kurzer Zeit sterben so viele Zellen, dass die Strahlenkrankheit entsteht (Übelkeit, Blutbildveränderungen, bei mehreren Sievert ohne Behandlung oft Tod). Bei kleiner Dosis treten keine sofortigen Schäden auf, aber das Risiko für Spätfolgen wie Krebs steigt ein wenig. Für den Strahlenschutz nimmt man vorsichtshalber an, dass auch eine kleine zusätzliche Dosis das Risiko ein wenig erhöht.
Dosis
Die Energiedosis ist die absorbierte Energie je Masse des bestrahlten Körpers. Ihre Einheit ist das Gray (Gy): 1 Gy = 1 J/kg.
Gleiche Energiedosis wirkt je nach Strahlungsart verschieden stark. Alpha-Teilchen schädigen auf kleinem Raum viel stärker. Darum bewertet man die Energiedosis mit einem Wichtungsfaktor und erhält die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Für Beta, Gamma und Röntgen ist , für Alpha . Üblich sind Millisievert (mSv, ein Tausendstel) und Mikrosievert (µSv, ein Millionstel). Berücksichtigt man zusätzlich, wie empfindlich die bestrahlten Organe sind, erhält man die effektive Dosis. Auf sie beziehen sich die Grenzwerte. Die Dosisleistung ist die Dosis pro Zeit, zum Beispiel in µSv/h.
Von der absorbierten Energie zur Äquivalentdosis
Von der absorbierten Energie zur Äquivalentdosis
Ein Gewebestück mit 0,5 kg absorbiert 0,002 J Energie. Berechne die Energiedosis in Milligray. Welche Äquivalentdosis ergibt sich bei Beta-Strahlung, welche bei Alpha-Strahlung?
Energiedosis: .
Bei Beta-Strahlung () ist mSv. Bei Alpha-Strahlung () ist mSv. Dieselbe Energie bewirkt bei Alpha etwa 20-mal so viel Schaden.
Natürliche und künstliche Strahlungsquellen, Grenzwerte
Strahlung gibt es immer. Im Durchschnitt erhält eine Person in Deutschland etwa diese Dosis pro Jahr (die Werte sind gerundet und schwanken je nach Wohnort stark):
| Quelle | Art | etwa in mSv pro Jahr |
|---|---|---|
| Kosmische Strahlung aus dem Weltall | natürlich | 0,3 |
| Gestein und Boden | natürlich | 0,4 |
| Radon, ein radioaktives Gas aus dem Boden, in Häusern eingeatmet | natürlich | 1,1 |
| Kalium-40 und andere Stoffe in Nahrung und Körper | natürlich | 0,3 |
| Medizin (Röntgen, CT) | künstlich | etwa 1,5 |
| Kernkraftwerke, Reste von Kernwaffentests und Tschernobyl zusammen | künstlich | weit unter 0,1 |
Die natürliche Dosis beträgt zusammen etwa 2 mSv. Die Medizin ist die größte künstliche Quelle. Ein Röntgenbild der Lunge bringt etwa 0,02 mSv, eine Computertomografie (CT) einige mSv bis über 10 mSv.
Grenzwerte gibt es für zusätzliche Dosen: In Deutschland dürfen Anlagen und Tätigkeiten der Bevölkerung nicht mehr als 1 mSv pro Jahr zumuten, beruflich Strahlenexponierten höchstens 20 mSv pro Jahr. Für Patienten gibt es keinen Grenzwert. Dafür muss der Arzt prüfen, ob der Nutzen das Risiko überwiegt.
Strahlenschutz
Der Strahlenschutz hat vier Regeln:
- Abstand halten. Eine kleine Quelle strahlt nach allen Seiten, die Strahlung verteilt sich auf eine Kugelfläche, die mit dem Quadrat des Abstands wächst. Bei doppeltem Abstand ist die Dosisleistung ein Viertel, bei dreifachem ein Neuntel.
- Kurz aufhalten. Die Dosis ist Dosisleistung mal Zeit.
- Abschirmen. Je nach Strahlung mit Papier, Aluminium, Blei oder Beton (Bleischürze beim Röntgen).
- Aufnahme verhindern. Radioaktive Stoffe dürfen nicht auf die Haut, in die Atemluft oder in die Nahrung gelangen (Handschuhe, kein Essen und Trinken am Arbeitsplatz).
Wer mit Strahlung arbeitet, trägt ein Dosimeter, das die Dosis aufzeichnet. In der Schule dürfen nur Lehrkräfte mit sehr schwachen Präparaten arbeiten. Fasse nie ein Präparat an.
Abstand und Abschirmung
Abstand und Abschirmung
Eine kleine Gammaquelle erzeugt in 1 m Abstand eine Dosisleistung von 80 µSv/h. Wie groß ist sie in 4 m Abstand, und welche Dosis erhältst du dort in 3 Stunden? Danach stellst du zwischen dich und eine Quelle mit 160 µSv/h eine Bleiplatte von 4 cm Dicke. Angenommen, 1 cm Blei halbiert die Strahlung.
4 m ist das Vierfache von 1 m. Die Dosisleistung sinkt auf : 80 : 16 = 5 µSv/h. In 3 Stunden ergibt das 3 · 5 = 15 µSv.
Vier Zentimeter Blei bedeuten vier Halbierungen: 160 → 80 → 40 → 20 → 10 µSv/h. Das ist ein Sechzehntel.
Röntgenstrahlung und medizinische Anwendung
Röntgenstrahlung ist eine elektromagnetische Strahlung mit sehr kurzer Wellenlänge, etwa m. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte sie 1895. Sie entsteht in der Röntgenröhre: Eine Glühkathode sendet Elektronen aus. Eine Hochspannung von einigen zehn Kilovolt beschleunigt sie, und sie schlagen in eine Metallanode ein, zum Beispiel aus Wolfram. Dort werden sie abgebremst und senden Röntgenstrahlung aus, aber nur einen kleinen Teil ihrer Energie. Der Rest wird Wärme. Gammastrahlung entsteht im Kern, Röntgenstrahlung bei der Abbremsung von Elektronen und in der Hülle.
Auf einem Röntgenbild sieht man den Schatten des Körpers: Knochen absorbieren die Strahlung stark, Weichteile deutlich weniger. Bei einer Computertomografie nimmt ein Gerät viele Röntgenbilder aus allen Richtungen auf und rechnet daraus Schnittbilder.
In der Nuklearmedizin spritzt man schwach strahlende Stoffe mit kurzer Halbwertszeit (zum Beispiel Technetium-99m, etwa 6 Stunden), und eine Kamera erfasst die Gammastrahlung aus dem Körper. In der Strahlentherapie richtet man Strahlen aus mehreren Richtungen auf einen Tumor, damit er eine hohe Dosis erhält und das gesunde Gewebe wenig. Auch Iod-131 gegen Schilddrüsentumoren und das Sterilisieren von Instrumenten nutzen die Strahlung.
Wer bestrahlt wird, wird selbst radioaktiv
Wer bestrahlt wird, wird selbst radioaktiv
„Nach dem Röntgen strahlt man selbst, weil man Strahlung abbekommen hat.“
Röntgen- oder Gammastrahlung üblicher Quellen macht einen Körper nicht radioaktiv. Die Strahlung gibt ihre Energie ab und ist weg. Radioaktiv wird man nur durch Kontamination: wenn radioaktive Stoffe auf die Haut oder in den Körper gelangen. Dann strahlen diese Stoffe weiter.
Alpha-Strahlung ist harmlos, weil Papier sie stoppt
Alpha-Strahlung ist harmlos, weil Papier sie stoppt
„Alpha-Strahlung dringt nicht einmal durch Papier und ist darum ungefährlich.“
Von außen stimmt das: Sie erreicht die lebenden Zellen unter der Haut nicht. Gelangt ein Alpha-Strahler aber in den Körper, etwa als Staub in die Lunge, gibt er seine ganze Energie direkt an Zellen ab. Wegen ist das besonders gefährlich.
Zusammenfassung
Ionisierende Strahlung löst Elektronen aus Atomen. Alpha, Beta, Gamma und Röntgen gehören dazu, sichtbares Licht nicht.
Alpha hat nur wenige Zentimeter Reichweite in Luft, Beta bis zu einige Meter, Gamma und Röntgen werden nur geschwächt (Halbwertsdicke).
Die Schäden entstehen vor allem an der DNA. Hohe Dosen machen krank, kleine erhöhen das Krebsrisiko etwas.
Energiedosis in Gray. Äquivalentdosis in Sievert, mit für Alpha und für Beta, Gamma und Röntgen.
Natürliche Strahlung (Radon, Boden, Weltall, Nahrung) liefert etwa 2 mSv pro Jahr. Die Medizin ist die größte künstliche Quelle.
Strahlenschutz: Abstand halten, kurz aufhalten, abschirmen, Aufnahme verhindern.
Röntgenstrahlung entsteht beim Abbremsen schneller Elektronen und macht Knochen als Schatten sichtbar. Strahlentherapie zerstört Tumorzellen.
Übungen
Ein Körperteil von 2 kg absorbiert 0,004 J Energie aus Alpha-Strahlung (Wichtungsfaktor 20). Wie groß ist die Äquivalentdosis in Millisievert?
Wann ist ein Alpha-Strahler besonders gefährlich?
Eine kleine Quelle erzeugt in 1 m Abstand eine Dosisleistung von 90 µSv/h. Wie groß ist sie in 3 m Abstand, in µSv/h? (Die Strahlung wird in der Luft nicht geschwächt.)
Welche Quelle trägt in Deutschland im Durchschnitt am meisten zur natürlichen Strahlendosis bei?
Warum heben sich Knochen auf einem Röntgenbild vom übrigen Gewebe ab, und warum trägt man bei der Aufnahme eine Bleischürze?