Lektion 6.2

Verhaltensökologie: adaptiver Wert von Verhalten

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Ein Erdhörnchen sieht einen Greifvogel und ruft laut. Die anderen laufen in ihre Baue, der Rufer lenkt aber Aufmerksamkeit auf sich. Ein Pfau trägt Schwanzfedern, die ihn beim Fliehen behindern. Zwei Hirsche brüllen einander an und verletzen sich dabei selten.

Selektion bevorzugt, wer mehr Nachkommen hinterlässt. Warum gibt es dann Verhalten, das zu schaden scheint? Die Verhaltensökologie fragt bei jedem Verhalten nach Kosten und Nutzen für den Fortpflanzungserfolg.

Definition

Adaptiver Wert und reproduktive Fitness

Verhalten ist wie der Körperbau ein Merkmal, das sich in der Evolution verändert, soweit es erblich mitbestimmt ist. Ein Verhalten hat adaptiven Wert, wenn es die reproduktive Fitness erhöht, also die Zahl der Nachkommen, die selbst fortpflanzungsfähig werden und die Gene des Tieres weitergeben. Selektion bewertet Verhalten nur an diesem Maß, nicht an Wohlbefinden, Lebensdauer oder Nutzen für die Art. Auch Lernfähigkeit ist genetisch mitbestimmt: Angeborene Anteile und Lernen wirken zusammen.

Definition

Proximate und ultimate Erklärungen

Zu jedem Verhalten gibt es zwei Arten von Erklärungen. Proximate Erklärungen fragen nach der unmittelbaren Verursachung: Welcher Reiz löst es aus, welche Nerven, Hormone und Lernvorgänge sind beteiligt? Ultimate Erklärungen fragen nach dem evolutionären Grund: Welchen Fitnessvorteil hatte es? Beide ergänzen sich.

VerhaltenProximate ErklärungUltimate Erklärung
Stichlingsmännchen greifen im Frühjahr rotbäuchige Attrappen anDer rote Bauch ist ein Schlüsselreiz, der angeborenes Angriffsverhalten auslöst; Hormone erhöhen die BereitschaftWer Rivalen aus dem Revier vertreibt, schützt seine Brut und hat mehr Nachkommen
Rauchschwalben ziehen im Herbst nach SüdenAbnehmende Tageslänge und innere Uhr lösen die Zugunruhe ausIm Winter fehlt im Norden Nahrung, wer zieht, überlebt eher und pflanzt sich fort
Definition

Kosten-Nutzen-Analyse

Ein Verhalten wird gefördert, wenn sein Nutzen die Kosten im Mittel übersteigt. Kosten sind Energieverbrauch, Zeitaufwand, Verletzungs- und Todesrisiko sowie entgangene Gelegenheiten, Nutzen sind Nahrung, Revier, Partner, Schutz und Nachkommen. Da sich Fitness schwer messen lässt, vergleicht man Ersatzgrößen, etwa den Energiegewinn je Zeit bei der Nahrungssuche. Oft ergibt sich ein Optimum: Ein größeres Revier liefert mehr Nahrung, aber der Zuwachs wird immer kleiner, die Kosten der Verteidigung steigen dagegen weiter. Den größten Nettonutzen hat deshalb eine mittlere Reviergröße.

Definition

Kooperation und Altruismus

Kooperation ist gemeinsames Handeln, das allen Beteiligten nützt, etwa die Jagd im Löwenrudel. Altruismus senkt die Fitness des Handelnden und erhöht die eines anderen, zum Beispiel Alarmruf oder Futterabgabe. Er widerspricht der Selektion nicht, wenn der Verlust anders ausgeglichen wird:

  • Verwandtenselektion: Verwandte tragen mit der Wahrscheinlichkeit rr dasselbe Allel (Verwandtschaftsgrad rr: Eltern und Kinder 0,5, Geschwister im Mittel 0,5, Halbgeschwister 0,25, Cousins 0,125). Wer Verwandten hilft, fördert auch eigene Allele. Nach der Hamilton-Regel setzt sich Hilfe durch, wenn r⋅B>Cr \cdot B > C gilt (BB Nutzen des Empfängers, CC Kosten des Helfers, beide in Nachkommen). Die eigene (direkte) und die über Verwandte gewonnene (indirekte) Fitness zusammen heißen Gesamtfitness.
  • Reziproker Altruismus: Hilfe wird später erwidert. Das funktioniert, wenn sich die Tiere wiedererkennen, oft begegnen und Betrüger, die nur nehmen, erkannt und gemieden werden. Vampirfledermäuse teilen Blut mit hungrigen Gruppenmitgliedern, meist mit Verwandten oder früheren Helfern.
Beispiel

Lohnt sich die Hilfe?

Ein Weibchen kann einem anderen Tier im Kampf helfen. Die Hilfe kostet es angenommen C=0,2C = 0{,}2 Nachkommen und bringt dem Empfänger B=0,5B = 0{,}5 Nachkommen. Prüfe mit der Hamilton-Regel, ob sie sich für eine Schwester (r=0,5r = 0{,}5), eine Halbschwester (r=0,25r = 0{,}25) und eine Cousine (r=0,125r = 0{,}125) lohnt.

Schwester: 0,5⋅0,5=0,25>0,20{,}5 \cdot 0{,}5 = 0{,}25 > 0{,}2, die Hilfe lohnt sich. Halbschwester: 0,25⋅0,5=0,125<0,20{,}25 \cdot 0{,}5 = 0{,}125 < 0{,}2, sie lohnt sich nicht. Cousine: 0,125⋅0,5=0,0625<0,20{,}125 \cdot 0{,}5 = 0{,}0625 < 0{,}2, ebenfalls nicht. Die Grenze liegt bei r=C:B=0,4r = C : B = 0{,}4: Erst ab diesem Verwandtschaftsgrad lohnt sich die Hilfe.

Definition

Kommunikation und Aggression

Kommunikation ist die Übertragung von Information durch Signale (Laute, Gesten, Düfte, Farben) von einem Sender zu einem Empfänger. Ein Signal setzt sich durch, wenn es im Mittel beiden nützt, etwa Alarmrufe, Balzsignale oder der Schwänzeltanz der Honigbiene, der Richtung und Entfernung einer Futterquelle anzeigt.

Aggression gegen Artgenossen entsteht bei Konkurrenz um Nahrung, Revier, Rang und Partner. Sie kostet Energie und riskiert Verletzung. Kämpfe sind deshalb oft ritualisiert: Drohen, Imponieren und Kräftemessen ohne Beschädigung, etwa das Brüllen der Hirsche. Der Schwächere gibt oft auf, bevor der Kampf eskaliert.

Definition

Partnerwahl und sexuelle Selektion

Bei vielen Arten können Weibchen wegen großer Eizellen, Schwangerschaft und Brutpflege nur wenige Nachkommen aufziehen. Ein Männchen steigert seine Nachkommenzahl mit jeder zusätzlichen Partnerin. Meist konkurrieren daher Männchen um Weibchen, und Weibchen wählen aus. Den Fortpflanzungserfolg durch Zugang zu Geschlechtspartnern nennt man sexuelle Selektion. Bei der intrasexuellen Selektion kämpfen Männchen gegeneinander, das fördert Körpergröße und Waffen wie Geweihe. Bei der intersexuellen Selektion wählen Weibchen, das fördert Schmuck und Gesang, etwa den Pfauenschwanz.

Solche Merkmale können das Überleben verschlechtern. Das Handicap-Prinzip erklärt sie: Ein aufwendiges Merkmal ist ein ehrliches Signal, denn nur ein gesundes Männchen kann die Kosten tragen. Rauchschwalben-Männchen mit künstlich verlängerten Schwanzfedern fanden schneller Partnerinnen. Das Merkmal wird übertrieben, bis die Überlebenskosten den Paarungsvorteil aufwiegen.

Definition

Evolutionsstabile Strategie

Der Erfolg einer Strategie hängt oft davon ab, was die anderen tun. Eine evolutionsstabile Strategie (ESS) ist eine Strategie, die, wenn fast alle sie verfolgen, von keiner anderen verdrängt werden kann. „Strategie“ ist hier eine erblich festgelegte Verhaltensregel, kein Plan.

Falken-Tauben-Modell: Zwei Tiere streiten um eine Ressource vom Wert VV (Fitnessgewinn). Der Falke kämpft bis zur Entscheidung oder Verletzung, eine Verletzung kostet CC. Die Taube droht nur und weicht aus, wenn der Gegner kämpft. Auszahlung für das erste Tier bei gleicher Stärke:

Das erste Tiergegen Falkegegen Taube
FalkeV−C2\frac{V - C}{2}VV
Taube00V2\frac{V}{2}

Ist V>CV > C, ist Falke die ESS. Ist V<CV < C, ist keine reine Strategie stabil: In einer Taubenpopulation setzt sich der Falke durch (V>V2V > \frac{V}{2}), in einer Falkenpopulation die Taube (0>V−C20 > \frac{V - C}{2}). Es stellt sich ein Gleichgewicht mit dem Falkenanteil p=VCp = \frac{V}{C} ein (gemischte ESS).

Beispiel

Gleichgewicht im Falken-Tauben-Modell

Es gelte V=50V = 50 und C=100C = 100. Berechne die vier Auszahlungen und den Falkenanteil im Gleichgewicht. Zeige, dass Falke und Taube dort gleich viel erhalten.

Falke gegen Falke: (50−100):2=−25(50 - 100) : 2 = -25. Falke gegen Taube: 50. Taube gegen Falke: 0. Taube gegen Taube: 50:2=2550 : 2 = 25. Wegen V<CV < C ist p=V:C=50:100=0,5p = V : C = 50 : 100 = 0{,}5.

Prüfung bei p=0,5p = 0{,}5: Falke: 0,5⋅(−25)+0,5⋅50=12,50{,}5 \cdot (-25) + 0{,}5 \cdot 50 = 12{,}5. Taube: 0,5⋅0+0,5⋅25=12,50{,}5 \cdot 0 + 0{,}5 \cdot 25 = 12{,}5. Beide erhalten gleich viel, keine Strategie ist im Vorteil.

Häufige Fehler

Das Tier handelt zum Wohl der Art

„Das Erdhörnchen ruft, damit die Art überlebt.“

Richtig ist

Selektion wirkt auf Individuen und ihre Allele, nicht auf die Art. Altruismus erklärt sich über Verwandtenselektion oder Gegenseitigkeit.

Häufige Fehler

Ultimate Erklärung als Absicht

„Die Schwalbe zieht nach Süden, weil sie weiß, dass sie im Norden verhungert.“

Richtig ist

Die ultimate Erklärung nennt den Selektionsvorteil in der Stammesgeschichte, nicht die Absicht des Tieres. Das Tier reagiert proximat auf Reize wie die Tageslänge.

Zusammenfassung

  • Verhalten unterliegt der Selektion, soweit es erblich mitbestimmt ist. Adaptiv ist, was die reproduktive Fitness erhöht.

  • Proximate Erklärungen fragen nach Auslöser und Mechanismus, ultimate nach dem Fitnessvorteil. Die Kosten-Nutzen-Analyse vergleicht Nutzen und Kosten, oft mit einem Optimum.

  • Altruismus erklärt sich durch Verwandtenselektion (Hamilton-Regel r⋅B>Cr \cdot B > C) und durch reziproken Altruismus.

  • Signale setzen sich durch, wenn sie Sender und Empfänger nützen, Kämpfe sind oft ritualisiert. Sexuelle Selektion fördert Waffen und Schmuck, das Handicap-Prinzip erklärt ehrliche Signale.

  • Eine evolutionsstabile Strategie wird von keiner anderen verdrängt. Im Falken-Tauben-Modell ist bei V<CV < C der Falkenanteil V:CV : C stabil.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Krabbe braucht je Muschel 5 s zum Finden. Angenommen liefert eine kleine Muschel 10 J und braucht 5 s zum Öffnen, eine mittlere 30 J und 10 s, eine große 40 J und 40 s. Wie hoch ist der größte Energiegewinn je Sekunde, in Joule je Sekunde?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Aussage ist eine ultimate Erklärung für den Gesang eines Vogelmännchens?

Aufgabe 3Numerisch

Die Hilfe für einen Verwandten kostet den Helfer 0,3 Nachkommen und bringt dem Empfänger 1,2 Nachkommen. Ab welchem Verwandtschaftsgrad r lohnt sich die Hilfe gerade noch, das heißt r mal B = C?

Aufgabe 4Numerisch

Im Falken-Tauben-Modell ist V = 30 und C = 120. Wie viel Prozent der Population sind im Gleichgewicht Falken?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum ein Pfauenhahn mit besonders langem Schwanz trotz höherer Überlebenskosten viele Nachkommen haben kann.