Lektion 6.3

Chromatografie und instrumentelle Analyse

17 min Lesezeit

Ein schwarzer Filzstift sieht einfarbig aus. Setzt du aber einen Punkt davon auf Filterpapier und stellst den unteren Rand in Wasser, steigt das Wasser auf und nimmt die Tinte mit. Der Punkt zieht sich zu Streifen in Blau, Gelb und Rot auseinander. Die Tinte war ein Gemisch, und die Farbstoffe wandern verschieden schnell.

Dasselbe Prinzip nutzen Labore, um Gemische zu trennen und Stoffe zu erkennen: in Lebensmitteln, in Dopingproben, im Abwasser. Dazu kommen Messgeräte, die aus Licht, Spannung oder Leitfähigkeit eine Konzentration bestimmen. Du lernst die wichtigsten Verfahren und ihre Auswertung kennen.

Definition

Chromatografie, Dünnschichtchromatografie und Retentionsfaktor

Jede Chromatografie nutzt zwei Phasen: eine stationäre Phase, die ruht (Kieselgel, Papier), und eine mobile Phase, die durch sie strömt (Lösungsmittel oder Gas). Die mobile Phase nimmt das Gemisch mit. Jeder Stoff verteilt sich anders zwischen den Phasen. Haftet er stark an der stationären Phase (durch Wechselwirkungen wie Dipol-Dipol oder Wasserstoffbrücken), wandert er langsam. Löst er sich gut in der mobilen Phase, wandert er schnell. So trennt sich das Gemisch.

Bei der Dünnschichtchromatografie (DC) ist die stationäre Phase eine dünne Kieselgelschicht auf einer Platte. Du trägst die Probe als Punkt auf die Startlinie auf und stellst die Platte in eine Kammer mit wenig Laufmittel, das durch Kapillarkräfte aufsteigt. Bei der Papierchromatografie ist die stationäre Phase Filterpapier mit gebundenem Wasser. Kurz vor dem oberen Rand nimmst du die Platte heraus und markierst die Front. Farblose Flecken werden mit UV-Licht oder einem Sprühreagenz sichtbar gemacht. Laufmittel sind oft brennbar und gesundheitsschädlich: Arbeite am Abzug, ohne Flamme und mit Schutzbrille, und sieh nie ungeschützt in das UV-Licht.

Der Retentionsfaktor RfR_f ist die Strecke aa von der Startlinie bis zur Fleckmitte, geteilt durch die Strecke bb von der Startlinie bis zur Front. Er liegt zwischen 0 (der Stoff bleibt am Start) und 1 (der Stoff läuft mit der Front). Kieselgel ist polar, polare Stoffe haften stärker und haben kleinere RfR_f-Werte. Zur Identifizierung trägst du Vergleichssubstanzen auf derselben Platte mit auf.

Rf=ab=Strecke des StoffesStrecke der LaufmittelfrontR_f = \frac{a}{b} = \frac{\text{Strecke des Stoffes}}{\text{Strecke der Laufmittelfront}}
Beispiel

Farbstoffe auf einer DC-Platte

Ein Farbstoffgemisch trennt sich auf einer Kieselgel-Platte in zwei Flecken, 3,6 cm und 5,4 cm von der Startlinie entfernt. Die Front ist 7,2 cm gewandert. Auf derselben Platte läuft die Vergleichssubstanz A mit einem Fleck bei 3,6 cm. Berechne die RfR_f-Werte. Stimmt einer der Flecken mit A überein? Welcher Farbstoff ist polarer?

Rf(1)=3,67,2=0,50R_f(1) = \frac{3{,}6}{7{,}2} = 0{,}50 und Rf(2)=5,47,2=0,75R_f(2) = \frac{5{,}4}{7{,}2} = 0{,}75. Fleck 1 liegt auf gleicher Höhe wie A, also kann er A sein. Das beweist es nicht, denn andere Stoffe könnten gleich weit laufen. Fleck 2 passt nicht zu A. Fleck 1 hat den kleineren RfR_f-Wert, haftet also stärker am polaren Kieselgel und ist der polarere Farbstoff.

Definition

Gaschromatografie

Bei der Gaschromatografie (GC) ist die mobile Phase ein Trägergas wie Helium. Die stationäre Phase ist ein Film an der Innenwand einer langen, dünnen Säule im beheizten Ofen. Die Probe wird eingespritzt und verdampft, und das Trägergas schiebt sie durch die Säule. Stoffe mit niedriger Siedetemperatur und schwacher Wechselwirkung mit dem Film kommen früh heraus, die anderen später. Am Ende misst ein Detektor, was ankommt.

Das Ergebnis ist ein Chromatogramm: Jeder Stoff erscheint als Peak. Die Zeit vom Einspritzen bis zum Peak ist die Retentionszeit. Sie ist bei gleichen Bedingungen kennzeichnend für den Stoff. Die Fläche unter dem Peak ist ein Maß für die Menge, mit Vergleichsproben bekannter Konzentration eicht man sie. GC taugt nur für Stoffe, die sich unzersetzt verdampfen lassen.

Definition

Fotometrie

Ein farbiger Stoff absorbiert Licht bestimmter Wellenlängen. Ein Fotometer schickt Licht einer gewählten Wellenlänge durch eine Küvette (Messgefäß der Schichtdicke dd) mit der Lösung und misst, wie viel ankommt. Die Extinktion EE vergleicht die einfallende Intensität I0I_0 mit der austretenden II. Bei E=1E = 1 kommen 10 % des Lichts durch, bei E=2E = 2 noch 1 %.

Nach dem Lambert-Beer-Gesetz ist EE proportional zur Konzentration cc und zur Schichtdicke. Der Extinktionskoeffizient ε\varepsilon (Einheit L/(mol⋅\cdotcm)) hängt vom Stoff und von der Wellenlänge ab. Das Gesetz gilt nur für verdünnte Lösungen, grob bis E≈1E \approx 1. Man misst bei der Wellenlänge, bei der der Stoff am stärksten absorbiert. Praktisch erstellst du eine Eichreihe: Du misst Lösungen bekannter Konzentration, trägst EE gegen cc auf (eine Gerade) und liest die Konzentration der Probe ab.

E=lg⁡I0I=ε⋅c⋅dE = \lg \frac{I_0}{I} = \varepsilon \cdot c \cdot d
Beispiel

Eichreihe und Probe

Für eine blaue Kupferkomplex-Lösung (Messwerte angenommen) misst du bei d=1,00d = 1{,}00 cm: c=0,0050c = 0{,}0050 mol/L gibt E=0,125E = 0{,}125, c=0,0100c = 0{,}0100 mol/L gibt E=0,250E = 0{,}250, c=0,0200c = 0{,}0200 mol/L gibt E=0,500E = 0{,}500. Eine Probe zeigt E=0,350E = 0{,}350. Wie groß ist ihre Konzentration?

Das Verhältnis E:cE : c ist immer gleich, die Messwerte liegen auf einer Geraden. Also gilt Lambert-Beer. ε=Ec⋅d=0,2500,0100⋅1,00=25\varepsilon = \frac{E}{c \cdot d} = \frac{0{,}250}{0{,}0100 \cdot 1{,}00} = 25 L/(mol⋅\cdotcm). Für die Probe: c=Eε⋅d=0,35025⋅1,00=0,0140c = \frac{E}{\varepsilon \cdot d} = \frac{0{,}350}{25 \cdot 1{,}00} = 0{,}0140 mol/L.

Definition

Konduktometrie und potentiometrische pH-Messung

Die Konduktometrie misst die elektrische Leitfähigkeit einer Lösung mit zwei Elektroden und Wechselspannung. Der Wert (zum Beispiel in µS/cm) steigt mit der Zahl der Ionen und hängt von ihrer Beweglichkeit und von der Temperatur ab (etwa 2 % je Kelvin). Anwendungen sind der Salzgehalt von Wasser, die Reinheit von entmineralisiertem Wasser und der Endpunkt von Titrationen. Grenze: Sie sagt nicht, welche Ionen vorliegen.

Eine pH-Elektrode (Glaselektrode mit einer Bezugselektrode) liefert eine Spannung, die vom pH-Wert abhängt, bei 25 °C etwa 59 mV je pH-Einheit. Das ist die potentiometrische pH-Messung. Weil jede Elektrode leicht abweicht und altert, wird sie vor der Messung mit Pufferlösungen bekannten pH-Werts kalibriert, zum Beispiel mit pH 4, 7 und 10. Das Gerät legt daraus die Umrechnung von Spannung in pH fest. Danach spülst du die Elektrode mit destilliertem Wasser und hältst sie feucht.

Definition

Polarimetrie

Manche Stoffe drehen die Schwingungsebene von linear polarisiertem Licht und heißen optisch aktiv. Warum, klärt die Lektion zur Chiralität. Hier nutzt du nur den Effekt. Ein Polarimeter schickt polarisiertes Licht durch ein Rohr der Länge ll mit der Lösung und misst den Drehwinkel α\alpha. Er ist proportional zur Massenkonzentration β\beta (in g/mL) und zur Rohrlänge ll (in dm, 1 dm = 10 cm). Der spezifische Drehwinkel [α][\alpha] ist eine Stoffkonstante bei fester Temperatur und Wellenlänge (meist 20 °C und gelbes Natriumlicht). Seine Einheit ist ∘ mL g−1 dm−1\mathrm{^\circ\,mL\,g^{-1}\,dm^{-1}}. Für Rohrzucker (Saccharose) ist er etwa +66,5+66{,}5. Das Plus heißt: rechtsdrehend, aus Sicht des Beobachters im Uhrzeigersinn. Das Verfahren dient zum Beispiel der Bestimmung des Zuckergehalts.

α=[α]⋅β⋅l\alpha = [\alpha] \cdot \beta \cdot l
Beispiel

Zuckerlösung im Polarimeter

a) Welchen Drehwinkel zeigt eine Saccharose-Lösung mit 0,20 g/mL im 2,0 dm langen Rohr? b) Eine unbekannte Saccharose-Lösung zeigt im 1,0 dm langen Rohr 13,3°. Wie groß ist β\beta? Rechne mit [α]=+66,5[\alpha] = +66{,}5.

a) α=66,5⋅0,20⋅2,0=26,6\alpha = 66{,}5 \cdot 0{,}20 \cdot 2{,}0 = 26{,}6°.

b) Umgestellt: β=α[α]⋅l=13,366,5⋅1,0=0,20\beta = \frac{\alpha}{[\alpha] \cdot l} = \frac{13{,}3}{66{,}5 \cdot 1{,}0} = 0{,}20 g/mL.

Häufige Fehler

Der Rf-Wert ist eine feste Stoffkonstante

„Ein Stoff hat immer denselben RfR_f-Wert.“

Richtig ist

Der RfR_f-Wert hängt von Laufmittel, Platte, Temperatur und Kammer ab. Er ist nur unter gleichen Bedingungen vergleichbar. Darum läuft eine Vergleichssubstanz auf derselben Platte mit.

Häufige Fehler

Lambert-Beer gilt für jede Konzentration

„Verdopple ich die Konzentration, verdoppelt sich die Extinktion immer.“

Richtig ist

Das gilt nur für verdünnte Lösungen. Bei hoher Konzentration wird die Kurve flacher, und die Konzentration wird zu klein bestimmt. Liegt EE über etwa 1, verdünnst du die Probe.

Häufige Fehler

Eine pH-Elektrode braucht keine Kalibrierung

„Die Elektrode zeigt einen pH-Wert an, also stimmt er.“

Richtig ist

Jede Elektrode weicht ab und altert. Ohne Kalibrierung mit Pufferlösungen, die den Messbereich einschließen, ist der angezeigte Wert nicht verlässlich.

Zusammenfassung

  • Chromatografie trennt Gemische, weil sich Stoffe unterschiedlich zwischen stationärer und mobiler Phase verteilen.

  • Der Retentionsfaktor ist Rf=a:bR_f = a : b. Er liegt zwischen 0 und 1 und hängt von den Bedingungen ab, deshalb braucht man Vergleichssubstanzen auf derselben Platte.

  • Bei der Gaschromatografie zeigt die Retentionszeit den Stoff an, die Peakfläche die Menge.

  • Fotometrie nutzt das Lambert-Beer-Gesetz E=ε⋅c⋅dE = \varepsilon \cdot c \cdot d bei verdünnten Lösungen. Die Konzentration liest man an einer Eichgeraden ab.

  • Die Konduktometrie misst Leitfähigkeit, die pH-Elektrode eine vom pH-Wert abhängige Spannung (Kalibrierung mit Pufferlösungen).

  • Die Polarimetrie bestimmt über den Drehwinkel α=[α]⋅β⋅l\alpha = [\alpha] \cdot \beta \cdot l die Konzentration optisch aktiver Stoffe.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Auf einer DC-Platte ist ein Fleck 4,2 cm von der Startlinie entfernt, die Laufmittelfront 6,0 cm. Wie groß ist der RfR_f-Wert?

Aufgabe 2Multiple Choice

Auf einer Kieselgel-Platte (polar) mit einem Laufmittel, das weniger polar ist als Kieselgel, hat Stoff A den RfR_f-Wert 0,8 und Stoff B den RfR_f-Wert 0,2. Was ist am wahrscheinlichsten?

Aufgabe 3Numerisch

Eine Lösung zeigt in einer Küvette mit d=1,0d = 1{,}0 cm die Extinktion E=0,60E = 0{,}60. Der Extinktionskoeffizient ist ε=40\varepsilon = 40 L/(mol⋅\cdotcm). Wie groß ist die Konzentration in mol/L?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Saccharose-Lösung dreht das Licht im 1,5 dm langen Rohr um 19,95°. Der spezifische Drehwinkel ist +66,5+66{,}5. Wie groß ist die Massenkonzentration in g/mL?

Aufgabe 5Freitext

Ein Gaschromatogramm zeigt zwei Peaks mit den Retentionszeiten 2,1 min und 5,4 min. Welcher Stoff hat vermutlich die niedrigere Siedetemperatur? Wie bestimmst du die Menge eines Stoffes?