Redoxreaktionen, Oxidationszahlen und Redoxgleichungen
Ein blanker Eisennagel liegt in blauer Kupfer(II)-sulfat-Lösung. Nach einigen Minuten ist er mit einem rotbraunen Belag überzogen, und die Lösung ist blassgrün geworden. Der Belag ist Kupfer, in der Lösung sind jetzt Eisen-Ionen. Sauerstoff spielt dabei keine Rolle.
Aus der Mittelstufe kennst du den Kern der Erklärung: Elektronen wechseln den Partner. Hier machst du daraus ein Werkzeug: Oxidationszahlen auch in mehratomigen Teilchen, die Redoxreihe der Metalle und vollständige Redoxgleichungen in saurer und alkalischer Lösung.
Redoxreaktion, Oxidation und Reduktion
Eine Redoxreaktion ist eine Reaktion mit Elektronenübergang. Oxidation ist die Abgabe von Elektronen, Reduktion ihre Aufnahme. Beides läuft immer gleichzeitig ab, denn Elektronen, die ein Teilchen abgibt, muss ein anderes aufnehmen (Donator-Akzeptor-Prinzip, wie beim Proton in Säure-Base-Reaktionen). Das Reduktionsmittel ist der Elektronendonator und wird dabei selbst oxidiert. Das Oxidationsmittel ist der Elektronenakzeptor und wird dabei selbst reduziert.
Im Nagelversuch geben Eisen-Atome je zwei Elektronen ab, Kupfer(II)-Ionen nehmen sie auf. Das schreibt man als zwei Teilgleichungen. Ihre Summe, in der sich die Elektronen kürzen, ist die Gesamtgleichung . Eisen ist das Reduktionsmittel, das Oxidationsmittel.
Korrespondierendes Redoxpaar
Ein Stoff und die Form, in die er durch Elektronenaufnahme oder -abgabe übergeht, bilden ein korrespondierendes Redoxpaar: die oxidierte Form (Ox) und die reduzierte Form (Red). Man schreibt das Paar als Ox/Red, zum Beispiel oder . Eine Redoxreaktion überträgt Elektronen von der reduzierten Form eines Paares auf die oxidierte Form eines anderen. Ein Teilchen kann zu zwei Paaren gehören: ist oxidierte Form im Paar und reduzierte Form im Paar . Allgemein gilt mit Elektronen:
Oxidationszahl
In Molekülen und mehratomigen Ionen sieht man den Elektronenübergang nicht direkt. Dafür dient die Oxidationszahl: die Ladung, die ein Atom hätte, wenn man alle Bindungselektronen dem elektronegativeren Partner zuteilte (zwischen gleichen Atomen je zur Hälfte). Sie ist eine Rechengröße, keine echte Ladung. Man schreibt sie als römische Zahl mit Vorzeichen, etwa , die Ladung eines Ions mit arabischer Zahl, etwa .
Regeln in dieser Rangfolge (bei Widerspruch gilt die obere):
- Atome in einem Element haben die Oxidationszahl 0 (, , ).
- Die Summe aller Oxidationszahlen ist die Gesamtladung des Teilchens, bei neutralen Teilchen also 0.
- Ein einatomiges Ion hat als Oxidationszahl seine Ladung.
- Fluor: −I. Alkalimetalle: +I. Erdalkalimetalle: +II.
- Wasserstoff: +I. Sauerstoff: −II.
Die bekannten Ausnahmen folgen aus der Rangfolge: In hat Natrium +I, also bleibt für Wasserstoff −I. In hat Wasserstoff +I, also bleibt für Sauerstoff −I.
Bei einer Oxidation steigt die Oxidationszahl, bei einer Reduktion sinkt sie. Die Änderung je Atom ist die Zahl der abgegebenen oder aufgenommenen Elektronen.
Oxidationszahlen bestimmen
Oxidationszahlen bestimmen
Bestimme die Oxidationszahl von S in , von Mn in und von Cr in .
Im Dichromat-Ion verteilt sich auf zwei Chrom-Atome, je Atom also +6. Die +7 beim Mangan ist Buchführung der Elektronen. Ein -Ion gibt es im Permanganat nicht.
Redoxreihe der Metalle
Legt man Metalle in Lösungen der Ionen anderer Metalle, beobachtet man:
| Metall | in Lösung von | Beobachtung |
|---|---|---|
| Zink | Zink löst sich, rotbrauner Kupferbelag | |
| Kupfer | keine Reaktion | |
| Zink | Zink löst sich, grauer Eisenbelag | |
| Eisen | Eisen löst sich, Kupferbelag | |
| Kupfer | Kupfer löst sich, Silber scheidet sich ab | |
| Silber | keine Reaktion |
Ein Metall gibt Elektronen an die Ionen eines Metalls ab, das weniger zur Elektronenabgabe neigt. Aus der Tabelle folgt die Reihenfolge Zink, Eisen, Kupfer, Silber. Mit vielen Metallen entsteht die Redoxreihe: Magnesium, Aluminium, Zink, Eisen, Blei, Wasserstoff, Kupfer, Silber, Gold. Links stehen die unedlen Metalle (starke Reduktionsmittel), rechts die edlen, deren Ionen starke Oxidationsmittel sind.
Metalle links vom Wasserstoff können sich in Säuren unter Wasserstoffbildung lösen, zum Beispiel . Kupfer tut das nicht. Aluminium und Blei bilden eine Schutzschicht und reagieren nur langsam. Zahlenwerte folgen in der nächsten Lektion.
Redoxgleichungen aufstellen
So gehst du für jede Teilgleichung vor, danach für die Gesamtgleichung. steht für das hydratisierte Proton, kurz auch .
- Schritt 1: Ox- und Red-Form notieren, Oxidationszahlen bestimmen, Elektronen ergänzen. Ihre Zahl ist die Änderung der Oxidationszahl mal die Zahl der betroffenen Atome.
- Schritt 2: Ladungen ausgleichen, in saurer Lösung mit , in alkalischer mit .
- Schritt 3: Die übrigen Atome (O und H) mit ausgleichen.
- Schritt 4: Beide Teilgleichungen auf gleich viele Elektronen erweitern, addieren, gemeinsame Teilchen streichen.
- Schritt 5: Probe mit Atomen und Ladung.
Saure Lösung: Permanganat und Eisen(II)
Saure Lösung: Permanganat und Eisen(II)
Permanganat-Ionen (violett) oxidieren in saurer Lösung Eisen(II)-Ionen zu Eisen(III)-Ionen und werden selbst zu (fast farblos) reduziert. Stelle die Gesamtgleichung auf.
Reduktion: Mangan geht von +VII auf +II und nimmt 5 Elektronen auf. Links ist die Ladung −1 − 5 = −6, rechts +2, also kommen 8 nach links. Die Atome stimmen mit 12 rechts (links 4 + 8 = 12 O und 24 H).
Oxidation: Eisen geht von +II auf +III und gibt 1 Elektron ab. Weil die Reduktion 5 Elektronen aufnimmt, nimmst du die Oxidation mal 5.
Probe: Ladung links −1 + 8 + 10 = +17, rechts +2 + 15 = +17.
Alkalische Lösung: Permanganat und Sulfit
Alkalische Lösung: Permanganat und Sulfit
In alkalischer Lösung wird von Sulfit-Ionen zu Braunstein reduziert, Sulfit wird zu Sulfat oxidiert. Stelle die Gesamtgleichung auf.
Mangan geht von +VII auf +IV (3 Elektronen), Schwefel von +IV auf +VI (2 Elektronen).
Reduktion: Links ist die Ladung −1 − 3 = −4, rechts 0, also kommen 4 nach rechts. Dort stehen dann 6 O und 4 H, links nur 4 O, also kommen 2 nach links. Oxidation: Links −2, rechts −2 − 2 = −4, also 2 nach links und 1 nach rechts.
Das kleinste gemeinsame Vielfache von 3 und 2 ist 6: Reduktion mal 2, Oxidation mal 3. Beim Addieren bleiben 4 − 3 = 1 links und 8 − 6 = 2 rechts. Probe: Ladung links und rechts −8.
Oxidation ist immer Reaktion mit Sauerstoff
Oxidation ist immer Reaktion mit Sauerstoff
„Oxidiert wird nur, wo Sauerstoff aufgenommen wird.“
Die Aufnahme von Sauerstoff ist nur ein Sonderfall der Elektronenabgabe. Im Nagelversuch wird Eisen ohne Sauerstoff oxidiert. Maßgeblich ist die Elektronenabgabe, also der Anstieg der Oxidationszahl.
Das Oxidationsmittel wird oxidiert
Das Oxidationsmittel wird oxidiert
„Das Oxidationsmittel ist der Stoff, der oxidiert wird.“
Das Oxidationsmittel oxidiert den Partner, indem es Elektronen aufnimmt. Dabei wird es selbst reduziert. Das Reduktionsmittel gibt Elektronen ab und wird selbst oxidiert.
Zusammenfassung
Oxidation ist Elektronenabgabe (Oxidationszahl steigt), Reduktion ist Elektronenaufnahme (Oxidationszahl sinkt). Beides läuft gleichzeitig ab.
Das Reduktionsmittel gibt Elektronen ab und wird oxidiert. Das Oxidationsmittel nimmt Elektronen auf und wird reduziert.
Ein korrespondierendes Redoxpaar Ox/Red erfüllt . Ein Teilchen kann zu zwei Paaren gehören.
Die Oxidationszahl ist eine Rechengröße. Du bestimmst sie mit der Rangfolge der Regeln und der Summe als Gesamtladung.
In der Redoxreihe reduziert ein unedleres Metall die Ionen eines edleren Metalls.
Redoxgleichung: Teilgleichungen mit Elektronen, Ladungsausgleich mit (sauer) oder (alkalisch), Atomausgleich mit , Elektronen angleichen, addieren.
Übungen
Welche Oxidationszahl hat Stickstoff im Nitrat-Ion ? Gib die Zahl an.
Die Neigung zur Elektronenabgabe nimmt in der Reihe Zink, Eisen, Kupfer, Silber ab. Bei welchem Versuch findet eine Reaktion statt?
In saurer Lösung wird zu reduziert. Wie viele -Ionen stehen in der Teilgleichung für ein Dichromat-Ion auf der linken Seite?
Schreibe für die beiden Teilgleichungen. Benenne Oxidationsmittel und Reduktionsmittel und gib die beiden Redoxpaare an.