Lektion 7.1

Redoxreaktionen, Oxidationszahlen und Redoxgleichungen

20 min Lesezeit

Ein blanker Eisennagel liegt in blauer Kupfer(II)-sulfat-Lösung. Nach einigen Minuten ist er mit einem rotbraunen Belag überzogen, und die Lösung ist blassgrün geworden. Der Belag ist Kupfer, in der Lösung sind jetzt Eisen-Ionen. Sauerstoff spielt dabei keine Rolle.

Aus der Mittelstufe kennst du den Kern der Erklärung: Elektronen wechseln den Partner. Hier machst du daraus ein Werkzeug: Oxidationszahlen auch in mehratomigen Teilchen, die Redoxreihe der Metalle und vollständige Redoxgleichungen in saurer und alkalischer Lösung.

Definition

Redoxreaktion, Oxidation und Reduktion

Eine Redoxreaktion ist eine Reaktion mit Elektronenübergang. Oxidation ist die Abgabe von Elektronen, Reduktion ihre Aufnahme. Beides läuft immer gleichzeitig ab, denn Elektronen, die ein Teilchen abgibt, muss ein anderes aufnehmen (Donator-Akzeptor-Prinzip, wie beim Proton in Säure-Base-Reaktionen). Das Reduktionsmittel ist der Elektronendonator und wird dabei selbst oxidiert. Das Oxidationsmittel ist der Elektronenakzeptor und wird dabei selbst reduziert.

Im Nagelversuch geben Eisen-Atome je zwei Elektronen ab, Kupfer(II)-Ionen nehmen sie auf. Das schreibt man als zwei Teilgleichungen. Ihre Summe, in der sich die Elektronen kürzen, ist die Gesamtgleichung Fe+Cu2+⟶Fe2++Cu\mathrm{Fe} + \mathrm{Cu^{2+}} \longrightarrow \mathrm{Fe^{2+}} + \mathrm{Cu}. Eisen ist das Reduktionsmittel, Cu2+\mathrm{Cu^{2+}} das Oxidationsmittel.

Fe⟶Fe2++2 e−⏟OxidationCu2++2 e−⟶Cu⏟Reduktion\underbrace{\mathrm{Fe} \longrightarrow \mathrm{Fe^{2+}} + 2\,e^-}_{\text{Oxidation}} \qquad \underbrace{\mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^- \longrightarrow \mathrm{Cu}}_{\text{Reduktion}}
Definition

Korrespondierendes Redoxpaar

Ein Stoff und die Form, in die er durch Elektronenaufnahme oder -abgabe übergeht, bilden ein korrespondierendes Redoxpaar: die oxidierte Form (Ox) und die reduzierte Form (Red). Man schreibt das Paar als Ox/Red, zum Beispiel Cu2+/Cu\mathrm{Cu^{2+}/Cu} oder Fe3+/Fe2+\mathrm{Fe^{3+}/Fe^{2+}}. Eine Redoxreaktion überträgt Elektronen von der reduzierten Form eines Paares auf die oxidierte Form eines anderen. Ein Teilchen kann zu zwei Paaren gehören: Fe2+\mathrm{Fe^{2+}} ist oxidierte Form im Paar Fe2+/Fe\mathrm{Fe^{2+}/Fe} und reduzierte Form im Paar Fe3+/Fe2+\mathrm{Fe^{3+}/Fe^{2+}}. Allgemein gilt mit zz Elektronen:

Ox+z e−⇌Red\text{Ox} + z\,e^- \rightleftharpoons \text{Red}
Definition

Oxidationszahl

In Molekülen und mehratomigen Ionen sieht man den Elektronenübergang nicht direkt. Dafür dient die Oxidationszahl: die Ladung, die ein Atom hätte, wenn man alle Bindungselektronen dem elektronegativeren Partner zuteilte (zwischen gleichen Atomen je zur Hälfte). Sie ist eine Rechengröße, keine echte Ladung. Man schreibt sie als römische Zahl mit Vorzeichen, etwa C+IVO2\overset{+\mathrm{IV}}{\mathrm{C}}\mathrm{O_2}, die Ladung eines Ions mit arabischer Zahl, etwa Fe2+\mathrm{Fe^{2+}}.

Regeln in dieser Rangfolge (bei Widerspruch gilt die obere):

  • Atome in einem Element haben die Oxidationszahl 0 (Fe\mathrm{Fe}, O2\mathrm{O_2}, H2\mathrm{H_2}).
  • Die Summe aller Oxidationszahlen ist die Gesamtladung des Teilchens, bei neutralen Teilchen also 0.
  • Ein einatomiges Ion hat als Oxidationszahl seine Ladung.
  • Fluor: −I. Alkalimetalle: +I. Erdalkalimetalle: +II.
  • Wasserstoff: +I. Sauerstoff: −II.

Die bekannten Ausnahmen folgen aus der Rangfolge: In NaH\mathrm{NaH} hat Natrium +I, also bleibt für Wasserstoff −I. In H2O2\mathrm{H_2O_2} hat Wasserstoff +I, also bleibt für Sauerstoff −I.

Bei einer Oxidation steigt die Oxidationszahl, bei einer Reduktion sinkt sie. Die Änderung je Atom ist die Zahl der abgegebenen oder aufgenommenen Elektronen.

Beispiel

Oxidationszahlen bestimmen

Bestimme die Oxidationszahl von S in H2SO4\mathrm{H_2SO_4}, von Mn in MnO4−\mathrm{MnO_4^-} und von Cr in Cr2O72−\mathrm{Cr_2O_7^{2-}}.

H2SO4:  2⋅(+1)+x+4⋅(−2)=0⇒x=+6MnO4−:  x+4⋅(−2)=−1⇒x=+7Cr2O72−:  2x+7⋅(−2)=−2⇒x=+6\begin{aligned} \mathrm{H_2SO_4}&:\; 2\cdot(+1) + x + 4\cdot(-2) = 0 \Rightarrow x = +6 \\ \mathrm{MnO_4^-}&:\; x + 4\cdot(-2) = -1 \Rightarrow x = +7 \\ \mathrm{Cr_2O_7^{2-}}&:\; 2x + 7\cdot(-2) = -2 \Rightarrow x = +6 \end{aligned}

Im Dichromat-Ion verteilt sich 2x=+122x = +12 auf zwei Chrom-Atome, je Atom also +6. Die +7 beim Mangan ist Buchführung der Elektronen. Ein Mn7+\mathrm{Mn^{7+}}-Ion gibt es im Permanganat nicht.

Definition

Redoxreihe der Metalle

Legt man Metalle in Lösungen der Ionen anderer Metalle, beobachtet man:

Metallin Lösung vonBeobachtung
ZinkCu2+\mathrm{Cu^{2+}}Zink löst sich, rotbrauner Kupferbelag
KupferZn2+\mathrm{Zn^{2+}}keine Reaktion
ZinkFe2+\mathrm{Fe^{2+}}Zink löst sich, grauer Eisenbelag
EisenCu2+\mathrm{Cu^{2+}}Eisen löst sich, Kupferbelag
KupferAg+\mathrm{Ag^+}Kupfer löst sich, Silber scheidet sich ab
SilberCu2+\mathrm{Cu^{2+}}keine Reaktion

Ein Metall gibt Elektronen an die Ionen eines Metalls ab, das weniger zur Elektronenabgabe neigt. Aus der Tabelle folgt die Reihenfolge Zink, Eisen, Kupfer, Silber. Mit vielen Metallen entsteht die Redoxreihe: Magnesium, Aluminium, Zink, Eisen, Blei, Wasserstoff, Kupfer, Silber, Gold. Links stehen die unedlen Metalle (starke Reduktionsmittel), rechts die edlen, deren Ionen starke Oxidationsmittel sind.

Metalle links vom Wasserstoff können sich in Säuren unter Wasserstoffbildung lösen, zum Beispiel Zn+2 H3O+⟶Zn2++H2+2 H2O\mathrm{Zn} + 2\,\mathrm{H_3O^+} \longrightarrow \mathrm{Zn^{2+}} + \mathrm{H_2} + 2\,\mathrm{H_2O}. Kupfer tut das nicht. Aluminium und Blei bilden eine Schutzschicht und reagieren nur langsam. Zahlenwerte folgen in der nächsten Lektion.

Definition

Redoxgleichungen aufstellen

So gehst du für jede Teilgleichung vor, danach für die Gesamtgleichung. H3O+\mathrm{H_3O^+} steht für das hydratisierte Proton, kurz auch H+\mathrm{H^+}.

  • Schritt 1: Ox- und Red-Form notieren, Oxidationszahlen bestimmen, Elektronen ergänzen. Ihre Zahl ist die Änderung der Oxidationszahl mal die Zahl der betroffenen Atome.
  • Schritt 2: Ladungen ausgleichen, in saurer Lösung mit H3O+\mathrm{H_3O^+}, in alkalischer mit OH−\mathrm{OH^-}.
  • Schritt 3: Die übrigen Atome (O und H) mit H2O\mathrm{H_2O} ausgleichen.
  • Schritt 4: Beide Teilgleichungen auf gleich viele Elektronen erweitern, addieren, gemeinsame Teilchen streichen.
  • Schritt 5: Probe mit Atomen und Ladung.
Beispiel

Saure Lösung: Permanganat und Eisen(II)

Permanganat-Ionen MnO4−\mathrm{MnO_4^-} (violett) oxidieren in saurer Lösung Eisen(II)-Ionen zu Eisen(III)-Ionen und werden selbst zu Mn2+\mathrm{Mn^{2+}} (fast farblos) reduziert. Stelle die Gesamtgleichung auf.

Red.: MnO4−+8 H3O++5 e−⟶Mn2++12 H2OOx.: 5 Fe2+⟶5 Fe3++5 e−Gesamt: MnO4−+8 H3O++5 Fe2+⟶Mn2++12 H2O+5 Fe3+\begin{aligned} \text{Red.:}\ & \mathrm{MnO_4^-} + 8\,\mathrm{H_3O^+} + 5\,e^- \longrightarrow \mathrm{Mn^{2+}} + 12\,\mathrm{H_2O} \\ \text{Ox.:}\ & 5\,\mathrm{Fe^{2+}} \longrightarrow 5\,\mathrm{Fe^{3+}} + 5\,e^- \\[4pt] \text{Gesamt:}\ & \mathrm{MnO_4^-} + 8\,\mathrm{H_3O^+} + 5\,\mathrm{Fe^{2+}} \longrightarrow \mathrm{Mn^{2+}} + 12\,\mathrm{H_2O} + 5\,\mathrm{Fe^{3+}} \end{aligned}

Reduktion: Mangan geht von +VII auf +II und nimmt 5 Elektronen auf. Links ist die Ladung −1 − 5 = −6, rechts +2, also kommen 8 H3O+\mathrm{H_3O^+} nach links. Die Atome stimmen mit 12 H2O\mathrm{H_2O} rechts (links 4 + 8 = 12 O und 24 H).

Oxidation: Eisen geht von +II auf +III und gibt 1 Elektron ab. Weil die Reduktion 5 Elektronen aufnimmt, nimmst du die Oxidation mal 5.

Probe: Ladung links −1 + 8 + 10 = +17, rechts +2 + 15 = +17.

Beispiel

Alkalische Lösung: Permanganat und Sulfit

In alkalischer Lösung wird MnO4−\mathrm{MnO_4^-} von Sulfit-Ionen SO32−\mathrm{SO_3^{2-}} zu Braunstein MnO2\mathrm{MnO_2} reduziert, Sulfit wird zu Sulfat SO42−\mathrm{SO_4^{2-}} oxidiert. Stelle die Gesamtgleichung auf.

Red.: MnO4−+2 H2O+3 e−⟶MnO2+4 OH−Ox.: SO32−+2 OH−⟶SO42−+H2O+2 e−Gesamt: 2 MnO4−+3 SO32−+H2O⟶2 MnO2+3 SO42−+2 OH−\begin{aligned} \text{Red.:}\ & \mathrm{MnO_4^-} + 2\,\mathrm{H_2O} + 3\,e^- \longrightarrow \mathrm{MnO_2} + 4\,\mathrm{OH^-} \\ \text{Ox.:}\ & \mathrm{SO_3^{2-}} + 2\,\mathrm{OH^-} \longrightarrow \mathrm{SO_4^{2-}} + \mathrm{H_2O} + 2\,e^- \\[4pt] \text{Gesamt:}\ & 2\,\mathrm{MnO_4^-} + 3\,\mathrm{SO_3^{2-}} + \mathrm{H_2O} \longrightarrow 2\,\mathrm{MnO_2} + 3\,\mathrm{SO_4^{2-}} + 2\,\mathrm{OH^-} \end{aligned}

Mangan geht von +VII auf +IV (3 Elektronen), Schwefel von +IV auf +VI (2 Elektronen).

Reduktion: Links ist die Ladung −1 − 3 = −4, rechts 0, also kommen 4 OH−\mathrm{OH^-} nach rechts. Dort stehen dann 6 O und 4 H, links nur 4 O, also kommen 2 H2O\mathrm{H_2O} nach links. Oxidation: Links −2, rechts −2 − 2 = −4, also 2 OH−\mathrm{OH^-} nach links und 1 H2O\mathrm{H_2O} nach rechts.

Das kleinste gemeinsame Vielfache von 3 und 2 ist 6: Reduktion mal 2, Oxidation mal 3. Beim Addieren bleiben 4 − 3 = 1 H2O\mathrm{H_2O} links und 8 − 6 = 2 OH−\mathrm{OH^-} rechts. Probe: Ladung links und rechts −8.

Häufige Fehler

Oxidation ist immer Reaktion mit Sauerstoff

„Oxidiert wird nur, wo Sauerstoff aufgenommen wird.“

Richtig ist

Die Aufnahme von Sauerstoff ist nur ein Sonderfall der Elektronenabgabe. Im Nagelversuch wird Eisen ohne Sauerstoff oxidiert. Maßgeblich ist die Elektronenabgabe, also der Anstieg der Oxidationszahl.

Häufige Fehler

Das Oxidationsmittel wird oxidiert

„Das Oxidationsmittel ist der Stoff, der oxidiert wird.“

Richtig ist

Das Oxidationsmittel oxidiert den Partner, indem es Elektronen aufnimmt. Dabei wird es selbst reduziert. Das Reduktionsmittel gibt Elektronen ab und wird selbst oxidiert.

Zusammenfassung

  • Oxidation ist Elektronenabgabe (Oxidationszahl steigt), Reduktion ist Elektronenaufnahme (Oxidationszahl sinkt). Beides läuft gleichzeitig ab.

  • Das Reduktionsmittel gibt Elektronen ab und wird oxidiert. Das Oxidationsmittel nimmt Elektronen auf und wird reduziert.

  • Ein korrespondierendes Redoxpaar Ox/Red erfüllt Ox+z e−⇌Red\text{Ox} + z\,e^- \rightleftharpoons \text{Red}. Ein Teilchen kann zu zwei Paaren gehören.

  • Die Oxidationszahl ist eine Rechengröße. Du bestimmst sie mit der Rangfolge der Regeln und der Summe als Gesamtladung.

  • In der Redoxreihe reduziert ein unedleres Metall die Ionen eines edleren Metalls.

  • Redoxgleichung: Teilgleichungen mit Elektronen, Ladungsausgleich mit H3O+\mathrm{H_3O^+} (sauer) oder OH−\mathrm{OH^-} (alkalisch), Atomausgleich mit H2O\mathrm{H_2O}, Elektronen angleichen, addieren.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Welche Oxidationszahl hat Stickstoff im Nitrat-Ion NO3−\mathrm{NO_3^-}? Gib die Zahl an.

Aufgabe 2Multiple Choice

Die Neigung zur Elektronenabgabe nimmt in der Reihe Zink, Eisen, Kupfer, Silber ab. Bei welchem Versuch findet eine Reaktion statt?

Aufgabe 3Numerisch

In saurer Lösung wird Cr2O72−\mathrm{Cr_2O_7^{2-}} zu Cr3+\mathrm{Cr^{3+}} reduziert. Wie viele H3O+\mathrm{H_3O^+}-Ionen stehen in der Teilgleichung für ein Dichromat-Ion auf der linken Seite?

Aufgabe 4Freitext

Schreibe für Cu+2 Ag+⟶Cu2++2 Ag\mathrm{Cu} + 2\,\mathrm{Ag^+} \longrightarrow \mathrm{Cu^{2+}} + 2\,\mathrm{Ag} die beiden Teilgleichungen. Benenne Oxidationsmittel und Reduktionsmittel und gib die beiden Redoxpaare an.