Entropie, zweiter Hauptsatz und freie Enthalpie
Eine Tasse heißen Tees kühlt auf Zimmertemperatur ab. Nie erwärmt sie sich von selbst auf Kosten der Luft, obwohl der erste Hauptsatz beides erlauben würde: Die Energie bleibt in beiden Fällen erhalten. Er sagt nichts über die Richtung.
In der Chemie reicht die Reaktionsenthalpie deshalb nicht aus. Eis schmilzt bei Zimmertemperatur, obwohl dafür Wärme nötig ist. Ammoniumnitrat löst sich in Wasser, und die Lösung wird kalt. Diese Lektion führt eine zweite Größe ein, die Entropie. Zusammen mit der Enthalpie ergibt sie die freie Enthalpie, die vorhersagt, in welche Richtung ein Vorgang freiwillig abläuft.
Entropie
Die Entropie misst, auf wie viele Weisen sich Teilchen und Energie eines Systems verteilen können, ohne dass sich der Zustand nach außen ändert. Je mehr solcher Möglichkeiten es gibt, desto größer ist ; nach Boltzmann gilt ( ist die Boltzmann-Konstante). „Unordnung“ ist nur eine Eselsbrücke. Molare Entropien gibt man in J/(mol·K) an. Anders als die Enthalpie haben sie einen Nullpunkt: Ein perfekter Kristall am absoluten Nullpunkt hat .
Faustregeln: . Höhere Temperatur, Mischen, Lösen und mehr Teilchen (vor allem mehr Gasteilchen) vergrößern . Standardentropien in J/(mol·K): 130,7; 205,1; 69,9; 188,8. Für Reaktionen gilt:
Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik
Bei jedem freiwillig ablaufenden Vorgang nimmt die Gesamtentropie von System und Umgebung zu; im Gleichgewicht bleibt sie konstant. Die Entropie des Systems allein darf sinken (Wasser gefriert, Kristalle wachsen), wenn die der Umgebung dafür stärker steigt. Gibt das System bei konstantem Druck die Wärme an die Umgebung der Temperatur ab, wächst deren Entropie um . Dieselbe Wärme bewirkt in einer kalten Umgebung mehr Entropiezuwachs als in einer warmen.
Freie Reaktionsenthalpie und Gibbs-Helmholtz-Gleichung
Multipliziert man mit , kehrt sich das Ungleichheitszeichen um. So entsteht die Gibbs-Helmholtz-Gleichung für die freie Reaktionsenthalpie . Sie fasst beide Beiträge zusammen, man muss nur das System betrachten. steht in Kelvin. Achte auf die Einheiten: in kJ/mol, in J/(mol·K), also vor dem Einsetzen umrechnen.
- : exergonisch, die Reaktion läuft freiwillig ab.
- : endergonisch, freiwillig läuft nur die Rückreaktion.
- : Gleichgewicht.
„Freiwillig“ heißt: ohne ständigen Eingriff von außen möglich. Über die Geschwindigkeit sagt nichts.
Vier Fälle
Je nach Vorzeichen von und hängt unterschiedlich von der Temperatur ab. Wo das Vorzeichen wechselt, gilt , also .
| Ergebnis | Beispiel | ||
|---|---|---|---|
| negativ | positiv | bei jeder Temperatur freiwillig | Zerfall von in Wasser und Sauerstoff |
| positiv | negativ | bei keiner Temperatur freiwillig | |
| negativ | negativ | nur unterhalb von | |
| positiv | positiv | nur oberhalb von | Kalkbrennen, Schmelzen von Eis |
Bildung von flüssigem Wasser
Bildung von flüssigem Wasser
Berechne für bei 298 K. Gegeben: kJ/mol und die Standardentropien oben.
Aus Gasen wird eine Flüssigkeit, die Entropie sinkt. Mit kJ/(mol·K) folgt kJ/mol. Die Reaktion ist exergonisch, obwohl die Entropie des Systems sinkt: Die frei werdende Wärme erhöht die Entropie der Umgebung stärker.
Wann zerfällt Kalk?
Wann zerfällt Kalk?
Kalkbrennen: mit kJ/mol und J/(mol·K) (gerundete Tabellenwerte, als temperaturunabhängig angenommen). Berechne bei 298 K und bei 1300 K sowie die Umschlagtemperatur.
Bei 298 K: kJ/mol. Kalkstein ist stabil. Bei 1300 K: kJ/mol. Der Zerfall läuft freiwillig.
Umschlagtemperatur aus : J/mol J/(mol·K) K, etwa 840 °C. Das entweichende Gas erhöht die Entropie stark, und bei hoher Temperatur gewinnt der Term gegen die aufzuwendende Wärme.
Die Entropie kann nie abnehmen
Die Entropie kann nie abnehmen
„Nach dem zweiten Hauptsatz nimmt die Entropie immer zu. Wenn Wasser gefriert, würde das dem Satz widersprechen.“
Der Satz gilt für die Gesamtentropie von System und Umgebung. Beim Gefrieren sinkt die Entropie des Wassers, die abgegebene Wärme erhöht aber die Entropie der Umgebung stärker. Insgesamt nimmt sie zu.
Exergonisch heißt schnell
Exergonisch heißt schnell
„Ist negativ, läuft die Reaktion sofort ab.“
sagt nur, ob ein Ablauf möglich ist. Diamant wandelt sich bei Raumtemperatur mit kJ/mol in Graphit um, tut das aber unmessbar langsam. Die Geschwindigkeit hängt von der Aktivierungsenergie ab.
Zusammenfassung
Die Entropie misst die Zahl der Verteilungsmöglichkeiten. Gase haben viel größere Entropie als Flüssigkeiten und Feststoffe; mehr Teilchen und höhere Temperatur erhöhen .
Zweiter Hauptsatz: Bei freiwilligen Vorgängen nimmt die Gesamtentropie von System und Umgebung zu. Die Entropie des Systems allein kann sinken.
Gibbs-Helmholtz-Gleichung: . Bei ist die Reaktion exergonisch, bei endergonisch, bei im Gleichgewicht.
Die Vorzeichen von und legen fest, ob eine Reaktion immer, nie oder nur bei tiefer oder hoher Temperatur freiwillig abläuft. Die Umschlagtemperatur ist .
Beim Rechnen von J/(mol·K) in kJ/(mol·K) umrechnen und in Kelvin einsetzen.
Freiwillig bedeutet nicht schnell: sagt nichts über die Geschwindigkeit.
Übungen
Bei welchem Vorgang sinkt die Entropie des Systems?
Für N2 + 3 H2 → 2 NH3 gilt ΔRH = −92 kJ/mol und ΔRS = −199 J/(mol·K). Berechne ΔRG bei 298 K in kJ/mol.
Für das Schmelzen von Eis gilt ΔH = +6,01 kJ/mol und ΔS = +22,0 J/(mol·K). Bei welcher Temperatur in Kelvin ist ΔG = 0?
Eine Reaktion hat ΔH > 0 und ΔS < 0. Was gilt?
Erkläre, warum sich Ammoniumnitrat in Wasser löst, obwohl der Vorgang Wärme aufnimmt (ΔH > 0).