Komplexchemie: Komplexe, Liganden und Nachweise
Du tropfst Ammoniaklösung in hellblaue Kupfersulfatlösung. Zuerst fällt ein hellblauer Niederschlag aus. Mit mehr Ammoniaklösung löst er sich wieder auf, und die Lösung wird tiefblau. Ein neues Teilchen ist entstanden.
Ein zweites Beispiel: Eine gelbliche Eisen(III)-Lösung wird mit Thiocyanat-Lösung blutrot.
In beiden Fällen bilden sich Komplexe. Du lernst, wie sie aufgebaut sind, wie ihre Bindung entsteht, wie man sie benennt und wie Nachweise für Eisen- und Kupfer-Ionen auf ihnen beruhen.
Komplex, Zentralteilchen, Ligand und Koordinationszahl
Ein Komplex besteht aus einem Zentralteilchen und mehreren Liganden. Das Zentralteilchen ist meist ein Metall-Ion, häufig ein Ion eines Nebengruppenelements wie oder . Liganden sind Moleküle oder Ionen, die direkt am Zentralteilchen gebunden sind, zum Beispiel , , , oder . In der Formel steht das Komplexteilchen in eckigen Klammern: hat das Zentralion und vier Liganden .
Die Koordinationszahl (KZ) ist die Zahl der Bindungen vom Zentralteilchen zu den Liganden. Im Beispiel ist KZ = 4. Häufig sind 2, 4 und 6.
Die Ladung des Komplexteilchens ist die Summe aus der Ladung des Zentralions und den Ladungen der Liganden. Ein Komplexion bleibt in Lösung als Ganzes bestehen und bildet mit Gegenionen Salze.
Ladung und Koordinationszahl bestimmen
Ladung und Koordinationszahl bestimmen
Bestimme für die Koordinationszahl und die Ladung des Zentralions.
Der Komplex hat sechs Liganden , die je einmal binden: KZ = 6. Die Liganden tragen zusammen . Mit der Ladung des Zentralions gilt , also . Das Zentralion ist .
Koordinative Bindung
Jeder Ligand bindet mit einem freien Elektronenpaar an das Zentralteilchen. Das Zentralion stellt leere Orbitale bereit, bei Übergangsmetall-Ionen s-, p- und d-Orbitale. Das Paar des Liganden besetzt ein solches Orbital. Eine Elektronenpaarbindung, bei der beide Elektronen vom selben Partner stammen, heißt koordinative Bindung (Donator-Akzeptor-Bindung). Der Ligand ist der Donator, das Zentralion der Akzeptor. Ein Ligand braucht darum ein freies Paar: , und haben eines, nicht. Dasselbe Prinzip kennst du vom Ammonium-Ion: bindet mit seinem freien Paar ein . Der Komplex aus der Motivation bildet sich so:
Nomenklatur der Komplexe
Der Name besteht aus der Zahl der gleichen Liganden (di, tri, tetra, penta, hexa), dem Ligandennamen und dem Zentralteilchen mit seiner Oxidationszahl in römischen Ziffern. Verschiedene Liganden stehen in alphabetischer Reihenfolge, die Zahlwörter zählen dabei nicht. Ist das Komplexteilchen ein Anion, erhält das Zentralteilchen die Endung -at und meist seinen lateinischen Stamm (Ferrat, Cuprat, Argentat). Bei Salzen steht zuerst der Name des Kations.
| Ligand | Formel | Name im Komplex |
|---|---|---|
| Wasser | aqua | |
| Ammoniak | ammin | |
| Chlorid-Ion | chlorido | |
| Cyanid-Ion | cyanido |
Komplexe benennen
Komplexe benennen
Benenne , und .
: vier Liganden Ammoniak (tetraammin), Zentralion mit der Oxidationszahl +II. Name: Tetraamminkupfer(II)-Ion.
: sechs Liganden Cyanid (hexacyanido). Der Komplex ist ein Anion, also Ferrat. Das Zentralion ist . Name: Hexacyanidoferrat(III)-Ion.
: Drei gleichen die Ladung aus. Name des Salzes: Kaliumhexacyanidoferrat(III), auch rotes Blutlaugensalz genannt.
Ligandenaustausch
Ein Ligand kann durch einen anderen ersetzt werden: Ligandenaustausch. Er ist ein Gleichgewicht. Ein Ligand verdrängt den anderen, wenn er den stabileren Komplex bildet oder im Überschuss vorliegt (Le Chatelier). In Wasser liegen Metall-Ionen als Aqua-Komplexe vor, zum Beispiel und . Genauer sind an noch zwei weitere Wassermoleküle schwächer gebunden, hier gilt wie üblich KZ = 4. Beim Austausch ändert sich meist die Farbe, weil sich die Lichtabsorption ändert. Beispiel aus der Motivation:
Der Niederschlag löst sich wieder auf
Der Niederschlag löst sich wieder auf
Warum fällt beim Zutropfen von Ammoniaklösung zu Kupfersulfatlösung zuerst ein Niederschlag aus, der sich bei Überschuss wieder löst?
Ammoniak bildet mit Wasser Hydroxid-Ionen: . Mit fällt hellblaues Kupfer(II)-hydroxid aus: .
Bei Überschuss ersetzt Ammoniak die Wasserliganden, es entsteht das tiefblaue . Die Konzentration der freien -Ionen sinkt stark, das Produkt liegt unter dem Löslichkeitsprodukt, und der Niederschlag löst sich auf.
Chelatkomplexe
Viele Liganden binden mit einem Atom, sie heißen einzähnig (, ). Ein mehrzähniger Ligand hat mehrere Atome mit freiem Elektronenpaar und bindet damit mehrfach an dasselbe Zentralteilchen. Ethylendiamin (en, ) ist zweizähnig. Das EDTA-Ion (Ethylendiamintetraacetat) ist sechszähnig, mit zwei Stickstoff- und vier Sauerstoffatomen. Der Ligand umgreift das Zentralion wie eine Krebsschere (griechisch chele). Solche Komplexe heißen Chelatkomplexe.
Die Koordinationszahl zählt die Bindungen, nicht die Liganden: hat zwei Liganden, aber KZ = 4. Ein einziges EDTA-Ion besetzt sechs Plätze. Chelatkomplexe sind meist stabiler als Komplexe mit einzähnigen Liganden (Chelateffekt). Die Häm-Gruppe im Blutfarbstoff (Eisen) und das Chlorophyll (Magnesium) sind Chelatkomplexe. EDTA bindet auch Calcium- und Magnesium-Ionen.
Warum der Chelateffekt auftritt
Warum der Chelateffekt auftritt
Ethylendiamin verdrängt Ammoniak aus dem Komplex, das Gleichgewicht liegt weit rechts. Warum, obwohl beide Komplexe vier Cu-N-Bindungen haben?
Die vier Cu-N-Bindungen sind auf beiden Seiten ähnlich stark. Der Unterschied liegt in der Teilchenzahl: Links stehen Teilchen, rechts . Die Entropie steigt, und nach wird negativer. Ein mehrzähniger Ligand setzt mehrere einzähnige frei. Dieser Entropiegewinn macht Chelatkomplexe stabil.
Nachweis von Eisen- und Kupfer-Ionen
Die Nachweise nutzen Komplexbildung und Farbänderung.
| Ion | Reagenz | Beobachtung |
|---|---|---|
| Thiocyanat-Lösung () | blutrote Lösung | |
| (gelbes Blutlaugensalz) | tiefblauer Niederschlag (Berliner Blau) | |
| (rotes Blutlaugensalz) | tiefblauer Niederschlag (Turnbulls Blau) | |
| Ammoniaklösung im Überschuss | tiefblaue Lösung |
Berliner Blau ist ein unlösliches Salz aus und dem Komplexanion. Bei der roten Färbung tauscht einen Wasserliganden aus:
Koordinationszahl gleich Zahl der Liganden
Koordinationszahl gleich Zahl der Liganden
„Die Koordinationszahl gibt an, wie viele Liganden ein Komplex hat.“
Die Koordinationszahl ist die Zahl der Bindungen zum Zentralteilchen. Nur bei einzähnigen Liganden stimmen beide Zahlen überein. hat zwei Liganden, aber KZ = 4.
Das Zentralion liegt im Komplex frei vor
Das Zentralion liegt im Komplex frei vor
„In einer Lösung von sind -Ionen enthalten. Mit Thiocyanat gibt sie deshalb die blutrote Färbung.“
Das Eisen steckt fest im Komplexion . Freie -Ionen liegen höchstens in Spuren vor, die rote Färbung bleibt aus.
Zusammenfassung
Ein Komplex besteht aus einem Zentralteilchen und Liganden. Die Koordinationszahl ist die Zahl der Bindungen zu den Liganden.
Die Bindung ist koordinativ: Der Ligand stellt ein freies Elektronenpaar bereit, das Zentralion ein leeres Orbital.
Die Ladung des Komplexes ist die Summe der Ladungen von Zentralion und Liganden. Im Namen stehen Zahl, Ligand und Zentralteilchen mit Oxidationszahl, Anionen enden auf -at.
Beim Ligandenaustausch verdrängt ein Ligand einen anderen, bevorzugt zum stabileren Komplex.
Chelatkomplexe haben mehrzähnige Liganden und sind meist stabiler, weil die Entropie steigt.
Nachweise: mit Thiocyanat (blutrot), und mit Blutlaugensalzen (blau), mit Ammoniak im Überschuss (tiefblau).
Übungen
Ethylendiamin (en) ist ein zweizähniger Ligand. Welche Koordinationszahl hat ?
Welche Ladungszahl hat das Zentralion in ? Gib die Zahl ohne Vorzeichen an.
Wie heißt ?
Warum ist ein Chelatkomplex meist stabiler als ein Komplex mit einzähnigen Liganden, die dieselben Bindungsatome haben?
Beschreibe den Aufbau von mit den Begriffen Zentralion, Ligand, Koordinationszahl und koordinative Bindung. Gib auch den Namen an.