Lektion 9.4

Nanomaterialien

13 min Lesezeit

Auf einem Lotosblatt perlen Regentropfen ab und nehmen den Schmutz mit. Eine Sonnencreme mit Zinkoxid schützt vor UV-Strahlung und bleibt trotzdem durchsichtig, obwohl Zinkoxid-Pulver weiß ist. Eine Lösung von Gold-Teilchen ist nicht golden, sondern rot.

In allen drei Fällen sind die Teilchen oder Strukturen sehr klein, nur einige zehn Nanometer. Was ändert sich, wenn ein Stoff so fein aufgeteilt ist? Und was folgt daraus für Nutzen und Risiko?

Definition

Nanomaterial und Partikelgröße

Ein Nanometer ist 1 nm=10−9 m1\ \mathrm{nm} = 10^{-9}\ \mathrm{m}, ein Milliardstel Meter. Zum Vergleich: Ein Atom ist etwa 0,1 bis 0,3 nm groß, die DNA-Doppelhelix hat etwa 2 nm Durchmesser, ein Haar etwa 50 000 bis 100 000 nm. Ein Nanometer verhält sich zu einem Meter etwa wie eine Murmel zur Erde.

Ein Nanomaterial hat mindestens eine Abmessung im Bereich von etwa 1 bis 100 nm. Nach einer Empfehlung der EU muss mindestens die Hälfte der Teilchen (nach Anzahl) diese Bedingung erfüllen. Nanomaterialien gibt es auch in der Natur, zum Beispiel in Rauch und Vulkanasche. Technisch unterscheidet man Nanostrukturen nach der Zahl der Abmessungen im Nanobereich:

Abmessungen im NanobereichFormBeispiele
dreiNanopartikelGold-Nanopartikel, Fullerene (C60_{60} hat etwa 0,7 nm Durchmesser), Quantenpunkte
zweiNanoröhren, NanodrähteKohlenstoffnanoröhren
eineNanoschichtenGraphen, dünne Beschichtungen
Definition

Oberflächeneigenschaften

Zerteilt man einen Stoff, bleibt das Volumen gleich, die Oberfläche aber wächst stark. Für einen Würfel mit der Kantenlänge aa gilt für das Verhältnis von Oberfläche OO zu Volumen VV:

OV=6a2a3=6a\frac{O}{V} = \frac{6a^2}{a^3} = \frac{6}{a}
Beispiel

Oberfläche beim Zerteilen

Ein Würfel mit 1 cm1\ \mathrm{cm} Kantenlänge wird in lauter Würfel mit 10 nm10\ \mathrm{nm} Kantenlänge zerteilt. Um welchen Faktor wächst die Gesamtoberfläche?

Es gilt 1 cm=107 nm1\ \mathrm{cm} = 10^{7}\ \mathrm{nm}. Wegen O/V=6/aO/V = 6/a ist das Verhältnis bei der Kantenlänge 10 nm10\ \mathrm{nm} um den Faktor 107:10=10610^{7} : 10 = 10^{6} größer als bei 1 cm1\ \mathrm{cm}. Das Volumen ist gleich geblieben, also wächst auch die Gesamtoberfläche um den Faktor 10610^{6}. Aus 6 cm26\ \mathrm{cm^2} werden 6⋅106 cm2=600 m26 \cdot 10^{6}\ \mathrm{cm^2} = 600\ \mathrm{m^2}.

Definition

Folgen der großen Oberfläche

Ein großer Teil der Atome liegt bei Nanoteilchen an der Oberfläche. Diese Atome haben weniger Nachbarn und sind reaktionsfreudiger. Deshalb reagieren und lösen sich Nanopulver schneller, und Katalysatoren aus Nanoteilchen sind wirksamer, weil mehr Atome mit den Reaktionspartnern in Kontakt kommen. Auch der Schmelzpunkt kann sinken.

Hinzu kommen Größeneffekte: Die Absorption hängt von der Teilchengröße ab. Gold-Nanopartikel absorbieren grünes Licht und erscheinen rot. Bei Quantenpunkten absorbieren und emittieren kleinere Teilchen Licht kürzerer Wellenlänge als größere, denn ihr Abstand zwischen HOMO und LUMO ist größer.

Definition

Superhydrophobe Oberflächen und Lotos-Effekt

Der Kontaktwinkel ist der Winkel zwischen Oberfläche und Tropfenrand. Unter 90° ist die Oberfläche hydrophil (Wasser benetzt), über 90° hydrophob. Ab etwa 150° heißt sie superhydrophob: Der Tropfen ist fast kugelig und rollt schon bei geringer Neigung ab.

Das Lotosblatt trägt Höcker von einigen Mikrometern Höhe, und darauf sitzen Wachskristalle im Nanobereich. Wachs ist unpolar, Wasser ist polar und hält durch Wasserstoffbrücken zusammen. In den Zwischenräumen bleibt Luft, und der Tropfen liegt nur auf den Spitzen. Die Kontaktfläche ist klein, der Tropfen rollt ab. Schmutzteilchen haften am Tropfen besser als am Blatt und werden mitgenommen. Das ist der Lotos-Effekt (Selbstreinigung). Glatt gestrichenes Wachs erreicht nur etwa 100 bis 110°. Erst die Mikro- und Nanostruktur macht das Blatt superhydrophob.

Technisch nutzt man Beschichtungen aus wasserabweisend behandelten Nanopartikeln, zum Beispiel für Fassadenfarben, Textilien und Glas. Sie nutzen sich jedoch mechanisch ab, und Fette oder Tenside machen sie wieder benetzbar.

Definition

Anwendungen

  • Sonnencreme: Zinkoxid- und Titandioxid-Teilchen absorbieren und streuen UV-Licht. Sie sind kleiner als die Wellenlänge des sichtbaren Lichts und streuen es kaum, deshalb bleibt die Creme durchsichtig.
  • Silber-Nanopartikel wirken antibakteriell, zum Beispiel in Wundauflagen und Textilien.
  • Nanoskalige Kieselsäure (Siliciumdioxid) verbessert Autoreifen. Kohlenstoffnanoröhren und -fasern machen Verbundwerkstoffe leicht und fest.
  • Edelmetall-Nanopartikel dienen als Katalysatoren, zum Beispiel im Abgaskatalysator.
  • In der Medizin transportieren Nanoträger Wirkstoffe zum Zielort, in Displays leuchten Quantenpunkte.
Definition

Potenziale und Risiken

Die Potenziale liegen in neuen Eigenschaften bei wenig Material, in Energietechnik (Solarzellen, Batterien) und in der Medizin. Die Risiken entstehen, weil Nanoteilchen Barrieren überwinden können, die größere Teilchen aufhalten. Eingeatmete Teilchen gelangen tief in die Lunge. Lange, starre Kohlenstoffnanoröhren zeigen in Tierstudien Hinweise auf asbestähnliche Wirkung. Silber-Nanopartikel gelangen mit dem Abwasser in Gewässer und schädigen dort Wasserorganismen. Für viele Stoffe fehlen Daten über Langzeitwirkungen.

Das Risiko hängt nicht allein von der Größe ab, sondern von Stoff, Form, Löslichkeit, Beschichtung, Dosis und Aufnahmeweg. Fest in einen Kunststoff eingebundene Teilchen setzen weniger frei als Teilchen in einem Spray. In der EU müssen Nanomaterialien in Kosmetika in der Zutatenliste mit dem Zusatz „nano“ gekennzeichnet werden. Eine Bewertung wägt Nutzen und Risiko für jede Anwendung einzeln ab.

Häufige Fehler

Nano ist immer künstlich und gefährlich

„Nanoteilchen sind eine Erfindung der Technik und giftig.“

Richtig ist

Nanoteilchen gibt es auch natürlich, zum Beispiel in Rauch und Vulkanasche. Ob ein Nanomaterial schädlich ist, hängt vom Stoff, der Form und der Dosis ab. Weder „nano“ noch „klein“ allein bedeutet harmlos oder gefährlich.

Häufige Fehler

Der Lotos-Effekt kommt nur vom Wachs

„Das Lotosblatt perlt ab, weil es mit Wachs überzogen ist.“

Richtig ist

Glattes Wachs weist Wasser nur mäßig ab (Kontaktwinkel etwa 100 bis 110°). Erst die Kombination aus Wachs und der Mikro- und Nanostruktur mit eingeschlossener Luft ergibt Kontaktwinkel über 150°.

Zusammenfassung

  • Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. Nanomaterialien haben mindestens eine Abmessung von etwa 1 bis 100 nm.

  • Nanostrukturen sind Nanopartikel, Nanoröhren oder Nanodrähte und Nanoschichten.

  • Je kleiner die Teilchen, desto größer das Verhältnis O/V=6/aO/V = 6/a. Viele Atome liegen an der Oberfläche, und der Stoff ist reaktiver.

  • Superhydrophobe Oberflächen haben Kontaktwinkel über etwa 150°. Der Lotos-Effekt braucht unpolares Wachs und eine Mikro- und Nanostruktur.

  • Anwendungen: Sonnencreme, antibakterielle Silberteilchen, Reifen, Verbundwerkstoffe, Katalysatoren, Medizin, Displays.

  • Das Risiko hängt von Stoff, Form, Dosis und Aufnahmeweg ab. Nutzen und Risiko werden für jede Anwendung abgewogen.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Würfel mit 1 cm Kantenlänge wird in Würfel mit 100 nm Kantenlänge zerteilt. Um welchen Faktor wächst die Gesamtoberfläche? Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 2Multiple Choice

Welches Material gilt als Nanomaterial?

Aufgabe 3Multiple Choice

Ein Wassertropfen bildet auf einer Oberfläche einen Kontaktwinkel von 160°. Was gilt?

Aufgabe 4Numerisch

Berechne das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen für einen Würfel mit 20 nm Kantenlänge, in 1/nm.

Aufgabe 5Freitext

Warum weist das Lotosblatt Wasser stärker ab als eine glatte Wachsfläche, und wie reinigt es sich?