Lektion 8.3

Aminosäuren und Proteine

15 min Lesezeit

Ein Spiegelei verändert sich in der Pfanne: Das klare Eiklar wird weiß und fest, und es wird nie wieder klar. Haare, Muskeln, das Hämoglobin im Blut und die Enzyme, die unsere Nahrung verdauen, sind Proteine. Sie bestehen aus nur 20 verschiedenen Bausteinen, den Aminosäuren, und erfüllen doch sehr verschiedene Aufgaben.

Die Lektion zeigt, wie aus den Bausteinen Ketten und Raumstrukturen werden, was beim Braten mit dem Eiweiß geschieht und wie man Proteine nachweist und trennt.

Definition

Proteinogene Aminosäuren

Eine α-Aminosäure trägt am Kohlenstoffatom neben der Carboxygruppe (dem α-C-Atom) eine Aminogruppe −NH2-\mathrm{NH_2}, ein Wasserstoffatom und einen Rest R, allgemein H2N−CH(R)−COOH\mathrm{H_2N{-}CH(R){-}COOH}. In Proteinen kommen 20 verschiedene Aminosäuren vor, die proteinogenen Aminosäuren. Sie unterscheiden sich nur im Rest R. Der Rest bestimmt, wie sich die Aminosäure in Wasser und im Protein verhält.

NameRest REigenschaft des Rests
GlycinH\mathrm{H}kleinster Rest
AlaninCH3\mathrm{CH_3}unpolar
SerinCH2OH\mathrm{CH_2OH}polar, bildet Wasserstoffbrücken
AsparaginsäureCH2COOH\mathrm{CH_2COOH}sauer
Lysin(CH2)4NH2\mathrm{(CH_2)_4NH_2}basisch
CysteinCH2SH\mathrm{CH_2SH}schwefelhaltig, bildet Disulfidbrücken
Beispiel

Glycin und Alanin im Vergleich

Schreibe die Strukturformeln von Glycin und Alanin, gib die Summenformeln an und vergleiche die Molaren Massen.

Glycin ist H2N−CH2−COOH\mathrm{H_2N{-}CH_2{-}COOH} (R = H), Summenformel C2H5NO2\mathrm{C_2H_5NO_2}, M=2⋅12+5+14+2⋅16=75 g/molM = 2 \cdot 12 + 5 + 14 + 2 \cdot 16 = 75\ \mathrm{g/mol}. Alanin ist H2N−CH(CH3)−COOH\mathrm{H_2N{-}CH(CH_3){-}COOH} (R = CH3\mathrm{CH_3}), Summenformel C3H7NO2\mathrm{C_3H_7NO_2}, M=3⋅12+7+14+2⋅16=89 g/molM = 3 \cdot 12 + 7 + 14 + 2 \cdot 16 = 89\ \mathrm{g/mol}.

Der Unterschied beträgt 89 − 75 = 14 g/mol, eine CH2\mathrm{CH_2}-Gruppe: Alanin trägt eine Methylgruppe statt eines H-Atoms.

Glycin im Raum

Drehe das Molekül durch Ziehen mit der Maus. Suche die Aminogruppe, die Carboxygruppe und die zwei Wasserstoffatome am α-C-Atom. Wechsle mit den Knöpfen "Kalotten" und "Lewis-Formel" die Darstellung. Gezeigt ist die ungeladene Form wie im Gas. In Wasser liegt Glycin als Zwitterion vor (nächster Abschnitt).

Definition

Zwitterion und isoelektrischer Punkt

In Wasser gibt die saure Carboxygruppe ein Proton an die basische Aminogruppe desselben Moleküls ab. Es entsteht ein Zwitterion (inneres Salz) mit einer positiven und einer negativen Ladung. Deshalb sind Aminosäuren kristalline Feststoffe mit hohen Schmelztemperaturen (Glycin zersetzt sich bei etwa 230 °C) und lösen sich gut in Wasser.

Die Ladung hängt vom pH-Wert ab:

pH-WertFormGesamtladung
klein (stark sauer)H3N+−CH(R)−COOH\mathrm{H_3N^+{-}CH(R){-}COOH}positiv
am isoelektrischen PunktH3N+−CH(R)−COO−\mathrm{H_3N^+{-}CH(R){-}COO^-}null
groß (stark basisch)H2N−CH(R)−COO−\mathrm{H_2N{-}CH(R){-}COO^-}negativ

Der pH-Wert, bei dem die Gesamtladung null ist, heißt isoelektrischer Punkt (pI). Bei Aminosäuren mit ungeladenem Rest liegt er in der Mitte der beiden pKs-Werte: pI=pK1+pK22\mathrm{pI} = \frac{pK_1 + pK_2}{2}. Für Glycin gilt mit pK1=2,3pK_1 = 2{,}3 und pK2=9,6pK_2 = 9{,}6 ein pI von 5,95, also etwa 6. Asparaginsäure hat einen zweiten sauren Rest, ihr pI liegt bei etwa 2,8. Lysin hat einen zweiten basischen Rest, sein pI liegt bei etwa 9,7.

Definition

Peptidbindung

Die Carboxygruppe einer Aminosäure reagiert mit der Aminogruppe einer zweiten unter Wasserabspaltung (Kondensation). Die Gruppe −CO−NH−-\mathrm{CO{-}NH}- heißt Peptidbindung. Zwei Aminosäuren ergeben ein Dipeptid, drei ein Tripeptid, viele ein Polypeptid. Proteine sind Polypeptide, meist mit mehr als 100 Aminosäuren. Das Kettenende mit freier Aminogruppe heißt N-Terminus, das mit freier Carboxygruppe C-Terminus, und man schreibt von N nach C. Gly-Ala und Ala-Gly sind deshalb verschiedene Dipeptide. Die Peptidbindung hat teilweise Doppelbindungscharakter. Sie ist daher eben und nicht frei drehbar.

H2N−CH2−COOH+H2N−CH(CH3)−COOH⟶H2N−CH2−CO−NH−CH(CH3)−COOH+H2O\mathrm{H_2N{-}CH_2{-}COOH + H_2N{-}CH(CH_3){-}COOH \longrightarrow H_2N{-}CH_2{-}CO{-}NH{-}CH(CH_3){-}COOH + H_2O}
Beispiel

Das Tripeptid Gly-Ala-Ser

Glycin (M=75 g/molM = 75\ \mathrm{g/mol}), Alanin (89) und Serin (105) bilden ein Tripeptid. Wie viele Wassermoleküle werden abgespalten, wie groß ist die Molare Masse, und wie viele verschiedene Tripeptide lassen sich aus diesen drei Aminosäuren bilden, wenn jede einmal vorkommt?

Drei Aminosäuren sind durch zwei Peptidbindungen verknüpft, also entstehen zwei Wassermoleküle. M=75+89+105−2⋅18=269−36=233 g/molM = 75 + 89 + 105 - 2 \cdot 18 = 269 - 36 = 233\ \mathrm{g/mol}.

Für die erste Stelle gibt es 3 Möglichkeiten, für die zweite 2, für die dritte 1: 3 · 2 · 1 = 6 Tripeptide, zum Beispiel Gly-Ala-Ser, Gly-Ser-Ala und Ala-Gly-Ser. Auf die Reihenfolge kommt es an.

Definition

Primär- bis Quartärstruktur

Ein Protein hat vier Strukturebenen:

EbeneWas sie beschreibtWas sie zusammenhält
PrimärstrukturReihenfolge der AminosäurenPeptidbindungen
Sekundärstrukturregelmäßige Faltung der Kette: α-Helix oder β-FaltblattWasserstoffbrücken zwischen C=O und N-H der Kette
TertiärstrukturRaumform der ganzen KetteWechselwirkungen der Reste: Disulfidbrücken, Ionenbindungen, Wasserstoffbrücken, hydrophobe Wechselwirkungen
QuartärstrukturZusammenlagerung mehrerer Kettendieselben Wechselwirkungen zwischen den Ketten

Hämoglobin besteht zum Beispiel aus vier Ketten und hat daher eine Quartärstruktur. Die Primärstruktur legt über die Reste fest, wie sich die Kette faltet.

Definition

Denaturierung und Enzyme

Bei der Denaturierung bricht die Raumstruktur (Sekundär-, Tertiär- und Quartärstruktur) zusammen. Die Primärstruktur bleibt erhalten, denn die Peptidbindungen werden nicht gespalten. Auslöser sind Hitze, starke Säuren und Laugen, Schwermetall-Ionen, Ethanol und Harnstoff. Das Protein verliert seine Funktion und wird unlöslich: Eiklar gerinnt. Meist ist das nicht umkehrbar.

Enzyme sind Proteine, die als Biokatalysatoren Reaktionen beschleunigen, indem sie die Aktivierungsenergie senken. Das Substrat bindet an das aktive Zentrum, eine Tasche, die zu Form und Ladung des Substrats passt. Darum wirkt ein Enzym meist nur auf wenige Stoffe und bewirkt nur eine Reaktion. Weil die Raumstruktur nötig ist, arbeiten Enzyme nur in einem engen Bereich von Temperatur und pH-Wert (Pepsin im Magen bei pH etwa 2, Trypsin im Dünndarm bei etwa 8). Bei zu hoher Temperatur denaturiert das Enzym.

Definition

Nachweise und Elektrophorese

NachweisReagenzPositiv beiFarbe
BiuretKupfer(II)-sulfat in NatronlaugePeptidbindungen (ab zwei, also Tripeptide und Proteine)violett
NinhydrinNinhydrin-Lösung, erwärmtAminosäuren, Peptide mit freier Aminogruppe, Proteineblauviolett (Prolin gelb)
Xanthoproteinkonzentrierte Salpetersäure, erwärmtAminosäuren mit aromatischem Rest (Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan)gelb, mit Lauge orange

Salpetersäure und Lauge ätzen. Du trägst eine Schutzbrille und arbeitest nur unter Aufsicht. Eine einzelne Aminosäure gibt keine Biuret-Reaktion, denn sie hat keine Peptidbindung.

Bei der Elektrophorese wandern geladene Teilchen in einem elektrischen Feld durch ein Trägermaterial (Gel oder Papier), das mit einer Pufferlösung getränkt ist. Der Puffer hält den pH-Wert fest. Ist der pH-Wert kleiner als der pI, ist die Aminosäure positiv und wandert zum Minuspol (Kathode). Ist er größer, ist sie negativ und wandert zum Pluspol (Anode). Beim pH-Wert gleich pI wandert sie nicht. Aminosäuren mit verschiedenem pI lassen sich so trennen und danach mit Ninhydrin sichtbar machen.

Beispiel

Elektrophorese von drei Aminosäuren

Glycin (pI 6,0), Asparaginsäure (pI 2,8) und Lysin (pI 9,7) werden bei pH 6,0 getrennt. Wohin wandert jede?

Glycin: pH = pI, die Gesamtladung ist null, es bleibt am Start. Asparaginsäure: pH 6,0 ist größer als pI 2,8, sie ist negativ und wandert zur Anode. Lysin: pH 6,0 ist kleiner als pI 9,7, es ist positiv und wandert zur Kathode. Die drei Stoffe trennen sich.

Häufige Fehler

Braten spaltet das Eiweiß

„Beim Braten wird das Eiweiß in seine Aminosäuren zerlegt.“

Richtig ist

Beim Braten denaturiert das Protein. Die Raumstruktur bricht zusammen, die Peptidbindungen und die Aminosäure-Reihenfolge bleiben erhalten. Eine Spaltung der Peptidbindungen (Hydrolyse) braucht Enzyme oder Säuren.

Häufige Fehler

Am isoelektrischen Punkt gibt es keine Ladungen

„Am isoelektrischen Punkt ist die Aminosäure ein ungeladenes Molekül mit -NH2 und -COOH.“

Richtig ist

Am pI liegt das Zwitterion vor. Es trägt eine positive und eine negative Ladung, nur die Gesamtladung ist null. Darum wandert es im elektrischen Feld nicht.

Zusammenfassung

  • Proteinogene α-Aminosäuren tragen am α-C-Atom eine Amino- und eine Carboxygruppe. Es gibt 20, sie unterscheiden sich im Rest R.

  • In Wasser liegen Aminosäuren als Zwitterionen vor. Am isoelektrischen Punkt ist die Gesamtladung null.

  • Die Peptidbindung -CO-NH- entsteht unter Wasserabspaltung und ist eben und nicht frei drehbar.

  • Primärstruktur: Sequenz. Sekundärstruktur: Helix und Faltblatt. Tertiärstruktur: Raumform einer Kette. Quartärstruktur: mehrere Ketten.

  • Denaturierung zerstört die Raumstruktur, nicht die Primärstruktur. Enzyme sind Protein-Katalysatoren mit aktivem Zentrum.

  • Biuret weist Peptidbindungen nach, Ninhydrin Aminosäuren, Xanthoprotein aromatische Reste.

  • Bei der Elektrophorese wandern Aminosäuren je nach Ladung (pH im Vergleich zum pI) zu Kathode oder Anode.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

In stark saurer Lösung (pH 1) liegt eine Aminosäure mit ungeladenem Rest vor als:

Aufgabe 2Numerisch

Alanin hat die pKs-Werte pK1 = 2,3 und pK2 = 9,7. Berechne den isoelektrischen Punkt.

Aufgabe 3Numerisch

Glycin hat die Molare Masse 75 g/mol, Wasser 18 g/mol. Wie groß ist die Molare Masse des Tripeptids Gly-Gly-Gly in g/mol?

Aufgabe 4Multiple Choice

Lysin (pI 9,7) wird bei pH 6,0 in einem elektrischen Feld getrennt. Was geschieht?

Aufgabe 5Numerisch

Wie viele verschiedene Tripeptide gibt es aus den 20 proteinogenen Aminosäuren, wenn jede Aminosäure an jeder Stelle stehen darf, auch mehrfach? Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 6Freitext

Ein Hühnerei wird gekocht, das Eiklar wird fest. Erkläre, was mit den Proteinen geschieht, und nenne die Strukturebene, die dabei erhalten bleibt.