Lektion 8.4

Chiralität und Stereoisomerie

15 min Lesezeit

Deine linke und deine rechte Hand sehen gleich aus, passen aber nicht in denselben Handschuh. Die eine ist das Spiegelbild der anderen, und doch lassen sie sich nicht zur Deckung bringen. Auch Moleküle können so gebaut sein. Carvon ist in der einen Form der Duftstoff der Krauseminze und in der spiegelbildlichen Form der des Kümmels. Gleiche Atome, gleiche Bindungen, anderer Geruch.

Wie beschreibt man solche Moleküle, wie benennt man sie, und wie unterscheidet man sie im Labor?

Definition

Chiralität und Chiralitätszentrum

Ein Gegenstand oder Molekül ist chiral, wenn sich sein Spiegelbild nicht mit ihm zur Deckung bringen lässt. Bei den meisten organischen Molekülen liegt die Ursache in einem Chiralitätszentrum (Stereozentrum): einem Kohlenstoffatom mit vier verschiedenen Substituenten. In Formeln markiert man es mit einem Stern, C∗\mathrm{C^*}.

Milchsäure (2-Hydroxypropansäure) CH3−C∗H(OH)−COOH\mathrm{CH_3{-}C^*H(OH){-}COOH} ist chiral, denn C2 trägt H, OH, CH3\mathrm{CH_3} und COOH. Propansäure ist nicht chiral, denn C2 trägt zwei H-Atome. Aus demselben Grund ist Alanin chiral, Glycin nicht.

Definition

Enantiomere und Diastereomere

Stereoisomere haben dieselbe Konstitution (gleiche Atome, gleiche Verknüpfung), aber eine verschiedene räumliche Anordnung.

  • Enantiomere verhalten sich wie Bild und Spiegelbild. Sie haben gleichen Schmelzpunkt, gleiche Löslichkeit und reagieren gleich mit achiralen Stoffen. Sie unterscheiden sich im Drehsinn von polarisiertem Licht und in der Wirkung auf chirale Partner wie Enzyme und Rezeptoren. Darum riechen oder wirken sie verschieden.
  • Diastereomere sind Stereoisomere, die keine Enantiomere sind, zum Beispiel cis-trans-Isomere oder Moleküle mit mehreren Zentren, bei denen nicht alle Zentren gespiegelt sind. Sie haben verschiedene Schmelzpunkte und Löslichkeiten und lassen sich trennen.

Mit nn unabhängigen Chiralitätszentren gibt es höchstens 2n2^n Stereoisomere. Ein 1:1-Gemisch zweier Enantiomere heißt Racemat und dreht das Licht nicht.

Beispiel

Chiralitätszentren erkennen

Welche Verbindungen sind chiral: Butan-2-ol, Pentan-3-ol, 2-Chlorbutan? Wie viele Chiralitätszentren hat die offenkettige Glucose, und wie viele Stereoisomere sind möglich?

Butan-2-ol: C2 trägt H, OH, CH3\mathrm{CH_3} und C2H5\mathrm{C_2H_5}, vier verschiedene Gruppen, also chiral. Pentan-3-ol: C3 trägt H, OH und zweimal C2H5\mathrm{C_2H_5}, nicht chiral. 2-Chlorbutan: C2 trägt H, Cl, CH3\mathrm{CH_3} und C2H5\mathrm{C_2H_5}, chiral.

Offenkettige Glucose: C2 bis C5 haben je vier verschiedene Gruppen, C1 (CHO) und C6 (CH2OH\mathrm{CH_2OH}) nicht. Es sind 4 Zentren, also höchstens 24=162^4 = 16 Stereoisomere, davon 8 D- und 8 L-Zucker. D-Glucose und L-Glucose sind Enantiomere. D-Glucose und D-Galactose unterscheiden sich nur an C4 und sind Diastereomere. Auch α- und β-Glucose sind Diastereomere, sie unterscheiden sich nur am anomeren C1.

Definition

Optische Aktivität und Polarimeter

Licht einer Wellenlänge, zum Beispiel das Natriumlicht (589 nm), wird durch einen Polarisator geschickt und schwingt danach nur in einer Ebene. Es durchläuft ein Rohr mit der Probenlösung. Chirale Stoffe drehen diese Ebene, sie sind optisch aktiv. Ein drehbarer Analysator zeigt den Drehwinkel α\alpha an: Man dreht ihn, bis das Bild so aussieht wie ohne Probe. Dreht der Stoff im Uhrzeigersinn (Blick zur Lichtquelle), ist er rechtsdrehend (+), sonst linksdrehend (−). Enantiomere drehen um denselben Betrag in entgegengesetzte Richtungen.

Der Winkel wächst mit der Konzentration cc (in g/mL) und der Rohrlänge ll (in dm). Die stoffspezifische Größe ist die spezifische Drehung. Beispiele: D-Glucose etwa +53°, Saccharose etwa +66,5°, D-Fructose etwa −92°.

[α]=αc⋅lEinheit: ∘⋅mL⋅g−1⋅dm−1[\alpha] = \frac{\alpha}{c \cdot l} \qquad \text{Einheit: } \mathrm{^\circ \cdot mL \cdot g^{-1} \cdot dm^{-1}}
Beispiel

Drehwinkel und Invertzucker

10 g Saccharose sind in 100 mL Lösung gelöst. Das Rohr ist 2 dm lang. Welchen Winkel zeigt das Polarimeter? Wie ändert er sich nach vollständiger Hydrolyse zu Glucose und Fructose? Rechne näherungsweise mit 5 g Glucose und 5 g Fructose in 100 mL.

Saccharose: c=0,10 g/mLc = 0{,}10\ \mathrm{g/mL}, α=66,5⋅0,10⋅2=+13,3∘\alpha = 66{,}5 \cdot 0{,}10 \cdot 2 = +13{,}3^\circ.

Nach der Hydrolyse: c=0,05 g/mLc = 0{,}05\ \mathrm{g/mL} für beide Zucker. Glucose: 53⋅0,05⋅2=+5,3∘53 \cdot 0{,}05 \cdot 2 = +5{,}3^\circ. Fructose: −92⋅0,05⋅2=−9,2∘-92 \cdot 0{,}05 \cdot 2 = -9{,}2^\circ. Summe: α≈−3,9∘\alpha \approx -3{,}9^\circ. Das Vorzeichen kehrt sich um, man sagt, die Drehung wird invertiert. Das Gemisch heißt deshalb Invertzucker.

Definition

Fischer-Projektion und D/L-Konfiguration

In der Fischer-Projektion liegt die Kohlenstoffkette senkrecht, die am höchsten oxidierte Gruppe steht oben. Waagerechte Bindungen zeigen zum Betrachter, senkrechte von ihm weg, das Zentrum liegt im Kreuzungspunkt. Eine Drehung um 180° in der Zeichenebene ändert nichts. Vertauscht man zwei Substituenten an einem Zentrum, entsteht das Spiegelbild.

Die D/L-Konfiguration bezieht sich auf Glycerinaldehyd: D-Glycerinaldehyd hat die OH-Gruppe am Zentrum rechts, L links. Bei Zuckern entscheidet das Zentrum, das am weitesten von C1 entfernt ist: OH rechts bedeutet D, links L. Bei Aminosäuren steht die COOH-Gruppe oben und der Rest unten, NH2 links bedeutet L, rechts D. Natürliche Proteine bestehen aus L-Aminosäuren, die meisten natürlichen Zucker gehören zur D-Reihe. D und L sagen nichts über die Drehrichtung.

Definition

R/S-Konfiguration (CIP-Regeln)

Die R/S-Nomenklatur beschreibt jedes Zentrum einzeln.
1. Ordne die vier Substituenten nach Priorität. Eine höhere Ordnungszahl des direkt gebundenen Atoms gibt die höhere Priorität (I, Br, Cl, S, O, N, C, H). Bei Gleichstand vergleicht man die Atome der nächsten Sphäre, beginnend mit dem höchsten. Eine Doppelbindung zählt, als wäre das Atom doppelt gebunden.
2. Schau so auf das Zentrum, dass der Substituent mit der niedrigsten Priorität (4) von dir wegzeigt.
3. Läuft 1 → 2 → 3 im Uhrzeigersinn, ist die Konfiguration R (rectus), gegen den Uhrzeigersinn S (sinister).

In der Fischer-Projektion zeigt ein waagerechter Substituent zum Betrachter. Steht die Gruppe 4 waagerecht, kehrt man das abgelesene Ergebnis um. Steht sie oben oder unten, liest man direkt.

Beispiel

R/S bei L-Milchsäure

In der Fischer-Projektion der L-Milchsäure steht COOH oben, CH3\mathrm{CH_3} unten, OH links und H rechts. Bestimme R oder S.

Prioritäten: OH (O) hat 1. COOH (C mit O, O, O) hat 2. CH3\mathrm{CH_3} (C mit H, H, H) hat 3. H hat 4.

Das H steht waagerecht. Lies 1 → 2 → 3: OH links, COOH oben, CH3\mathrm{CH_3} unten. Das ist der Uhrzeigersinn. Weil Gruppe 4 waagerecht steht, kehrst du um: gegen den Uhrzeigersinn, also S. L-Milchsäure ist (S)-Milchsäure.

Häufige Fehler

D bedeutet rechtsdrehend

„D-Zucker drehen nach rechts, L-Zucker nach links.“

Richtig ist

D und L beschreiben den räumlichen Bau, (+) und (−) die gemessene Drehrichtung. D-Fructose ist mit etwa −92° linksdrehend, L-Alanin ist rechtsdrehend. Die Drehrichtung lässt sich nur messen, nicht aus D oder L ablesen.

Häufige Fehler

Chiralitätszentren machen ein Molekül immer chiral

„Die Weinsäure hat zwei Chiralitätszentren, also ist jede Form chiral.“

Richtig ist

Weinsäure (2,3-Dihydroxybutandisäure) hat zwei gleich substituierte Zentren und höchstens vier, tatsächlich aber nur drei Stereoisomere: (R,R) und (S,S) sind Enantiomere. Die meso-Form (R,S) hat eine Spiegelebene, wirkt innerlich kompensiert und ist achiral. Sie ist zu beiden anderen Formen ein Diastereomer.

Häufige Fehler

L ist immer S

„Alle natürlichen L-Aminosäuren sind (S)-konfiguriert.“

Richtig ist

D/L und R/S sind verschiedene Systeme. Die meisten L-Aminosäuren sind (S). L-Cystein ist (R), denn der Rest CH2SH\mathrm{CH_2SH} enthält Schwefel und hat damit höhere Priorität als COOH.

Zusammenfassung

  • Ein Molekül ist chiral, wenn es sich nicht mit seinem Spiegelbild deckt. Meist liegt ein Chiralitätszentrum vor: ein C-Atom mit vier verschiedenen Substituenten.

  • Enantiomere sind Bild und Spiegelbild und unterscheiden sich nur im Drehsinn und gegenüber chiralen Partnern. Diastereomere sind Stereoisomere, die keine Enantiomere sind, und haben verschiedene Eigenschaften.

  • Mit n Zentren gibt es höchstens 2^n Stereoisomere. Meso-Formen sind trotz Zentren achiral.

  • Das Polarimeter misst den Drehwinkel. Die spezifische Drehung ist [α] = α / (c · l), ein Racemat dreht nicht.

  • Die Fischer-Projektion liefert die D/L-Konfiguration, die sich auf Glycerinaldehyd bezieht. Sie sagt nichts über die Drehrichtung.

  • Die R/S-Konfiguration folgt aus den CIP-Prioritäten und der Blickrichtung gegen die Gruppe niedrigster Priorität.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welche Verbindung ist chiral?

Aufgabe 2Numerisch

Eine Lösung mit 0,20 g/mL einer Substanz dreht das Licht in einem 1,0 dm langen Rohr um +9,0°. Wie groß ist die spezifische Drehung in ° · mL · g^-1 · dm^-1?

Aufgabe 3Multiple Choice

D-Glucose und D-Galactose unterscheiden sich nur in der Lage der OH-Gruppe an C4. In welcher Beziehung stehen sie?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Molekül hat 3 voneinander unabhängige Chiralitätszentren und keine Symmetrie. Wie viele Stereoisomere sind höchstens möglich?

Aufgabe 5Multiple Choice

In der Fischer-Projektion von L-Alanin steht COOH oben, CH3 unten, NH2 links und H rechts. Die Prioritäten sind NH2 vor COOH vor CH3 vor H. Welche Konfiguration hat das Zentrum?

Aufgabe 6Freitext

Ein Racemat aus (R)- und (S)-Carvon zeigt im Polarimeter den Drehwinkel 0°. Begründe das. Warum riechen die reinen Enantiomere trotzdem verschieden?