Lektion 1.1

Funktionsklassen und Eigenschaften von Funktionen

40 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • die geläufigen Funktionsklassen am Graphen und am Term unterscheiden,

  • Definitionsbereich, Nullstellen und yy-Achsenabschnitt einer Funktion bestimmen,

  • gerade und ungerade Funktionen an der Symmetrie des Graphen erkennen,

  • beschreiben, wie Streckung und Verschiebung den Graphen verändern.

In der Mittelstufe hast du schon viele Graphen gezeichnet: Geraden, Parabeln, die Hyperbel y=1/xy = 1/x. Jede dieser Kurven gehört zu einer Familie. Alle Geraden sehen im Grunde gleich aus, nur steiler oder flacher, höher oder tiefer. Alle nach oben geöffneten Parabeln haben denselben Bauplan, nur der Scheitel sitzt woanders.

In der Oberstufe brauchst du eine Sprache, mit der du jede Funktion beschreiben kannst, auch solche, die du noch nicht kennst. Die Sprache besteht aus ein paar Fragen, die man einem Graphen stellen kann:

  • Wo darf xx überhaupt stehen? (Definitionsbereich)
  • Wo schneidet der Graph die Achsen?
  • Ist er symmetrisch?
  • Wird er nach rechts hin immer steiler, oder flacht er ab?

Diese Lektion sammelt die Antworten. Danach kannst du einen unbekannten Graphen lesen, statt ihn nur anzuschauen.

Vermute zuerst

Drei Größen wachsen mit der Zeit tt: die Höhe einer Kerze nimmt gleichmäßig ab, die Fläche eines Quadrats wächst mit der Seitenlänge quadratisch, eine Bakterienkultur verdoppelt sich in gleichen Abständen. Welche der drei Beschreibungen passt zu einer Exponentialfunktion?

Die geläufigen Funktionsklassen

Unten stehen Definitionsbereich, yy-Achsenabschnitt f(0)f(0) und die Nullstellen im Fenster. Die Punkte auf den Achsen sind dieselben Zahlen.

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Definition

Funktionsklasse

Eine Funktionsklasse ist eine Familie von Funktionen, die denselben Bauplan haben. Der Bauplan ist ein Term mit Parametern; setzt man für die Parameter Zahlen ein, erhält man ein konkretes Mitglied der Familie.

Die Klassen, die in der Oberstufe ständig vorkommen:

KlasseBauplantypischer Graph
linearf(x)=ax+bf(x) = ax + bGerade
quadratischf(x)=a(x−d)2+ef(x) = a(x - d)^2 + eParabel
ganzrationalf(x)=anxn+⋯+a0f(x) = a_n x^n + \cdots + a_0glatte Kurve ohne Lücken
gebrochen-rationalf(x)=p(x)q(x)f(x) = \dfrac{p(x)}{q(x)}Hyperbeläste, Lücken
Wurzelfunktionf(x)=ax−d+ef(x) = a\sqrt{x - d} + ehalbe liegende Parabel
Exponentialfunktionf(x)=a ekxf(x) = a\,e^{kx}flach, dann steil (oder umgekehrt)
Logarithmusf(x)=aln⁡(x−d)+ef(x) = a\ln(x - d) + esteil, dann flach
trigonometrischf(x)=asin⁡(bx)f(x) = a\sin(bx)Welle

„Ganzrational“ heißt: nur Potenzen mit nichtnegativen ganzzahligen Exponenten, plus Zahlen. „Gebrochen-rational“ heißt: ein ganzrationaler Term geteilt durch einen anderen.

Definition

Definitionsbereich und Wertebereich

Der Definitionsbereich DfD_f einer Funktion ff ist die Menge aller xx, für die der Term einen reellen Wert hat. Der Wertebereich WfW_f ist die Menge aller Zahlen, die als Funktionswert wirklich vorkommen.

Drei Verbote legen DfD_f in der Schule fast immer fest:

1. Durch null teilen ist nicht definiert. Bei f(x)=1x−2f(x) = \frac{1}{x-2} fehlt x=2x = 2.
2. Die Wurzel aus einer negativen Zahl ist in den reellen Zahlen nicht definiert. Bei f(x)=x−1f(x) = \sqrt{x-1} gilt x≥1x \ge 1.
3. Der natürliche Logarithmus ist nur für positive Zahlen definiert. Bei f(x)=ln⁡(x)f(x) = \ln(x) gilt x>0x > 0.

Den Wertebereich liest man oft am Graphen ab: Welche yy-Höhen werden erreicht, welche nie? Die Gerade f(x)=2x+1f(x) = 2x + 1 erreicht jede Höhe, die Parabel f(x)=x2f(x) = x^2 nur y≥0y \ge 0.

Beispiel

Definitionsbereich von f(x)=x+2x−1f(x) = \dfrac{\sqrt{x+2}}{x-1}

Zwei Bedingungen müssen gleichzeitig gelten: Der Radikand darf nicht negativ sein, und der Nenner darf nicht null sein.

x+2≥0undx≠1x + 2 \ge 0 \quad\text{und}\quad x \neq 1

Aus der ersten Bedingung folgt x≥−2x \ge -2. Die zweite streicht den Punkt x=1x = 1 (der sowieso rechts von −2-2 liegt). Also ist Df=[−2, 1)∪(1, ∞)D_f = [-2,\,1) \cup (1,\,\infty). An x=1x = 1 hat der Graph eine Lücke, bei x=−2x = -2 beginnt er, weil dort die Wurzel null wird.

Kurz geprüft

Welcher Definitionsbereich gehört zu f(x)=ln⁡(x−3)f(x) = \ln(x-3)?

Definition

Nullstelle und yy-Achsenabschnitt

Eine Zahl x0x_0 heißt Nullstelle von ff, wenn f(x0)=0f(x_0) = 0 ist. Im Graphen ist das ein Schnittpunkt mit der xx-Achse.

Der yy-Achsenabschnitt ist der Wert f(0)f(0), falls 00 im Definitionsbereich liegt. Im Graphen ist das der Schnittpunkt mit der yy-Achse.

Beides sind Antworten auf dieselbe Frage, nur an verschiedenen Achsen: Wo ist y=0y = 0? Wo ist x=0x = 0?

Beispiel

Nullstellen von f(x)=(x−2)(x+1)f(x) = (x-2)(x+1)

Ein Produkt ist null, wenn einer der Faktoren null ist. Also x−2=0x-2 = 0 oder x+1=0x+1 = 0, das heißt x=2x = 2 oder x=−1x = -1. Der yy-Achsenabschnitt ist f(0)=(−2)⋅(1)=−2f(0) = (-2)\cdot(1) = -2.

Probe: f(2)=0f(2) = 0 und f(−1)=0f(-1) = 0. Zwischen den Nullstellen, etwa bei x=0x = 0, liegt der Graph unter der Achse. Links von −1-1 und rechts von 22 liegt er darüber. Dieses Vorzeichenwechsel-Bild brauchst du später bei der Kurvendiskussion ständig.

Kurz geprüft

Die Parabel f(x)=(x−1)2+2f(x) = (x-1)^2 + 2 hat wie viele Nullstellen?

Falten und drehen. Manche Graphen sehen links von der yy-Achse genauso aus wie rechts. Andere sehen aus, als hätte man sie um den Ursprung um 180∘180^\circ gedreht. Diese beiden Symmetrien haben Namen, und man erkennt sie am Term, ohne zu zeichnen.

Definition

Gerade und ungerade Funktionen

Eine Funktion ff heißt gerade, wenn für alle xx im Definitionsbereich auch −x-x darin liegt und f(−x)=f(x)f(-x) = f(x) gilt. Der Graph ist dann achsensymmetrisch zur yy-Achse. Beispiele: x2x^2, cos⁡x\cos x, ∣x∣|x|.

Eine Funktion ff heißt ungerade, wenn f(−x)=−f(x)f(-x) = -f(x) gilt. Der Graph ist punktsymmetrisch zum Ursprung: Stellt man ihn auf den Kopf und spiegelt ihn an der yy-Achse, sieht er gleich aus. Beispiele: x3x^3, sin⁡x\sin x, 1/x1/x.

Die Namen kommen von den Potenzen: xnx^n ist gerade, wenn nn gerade ist, und ungerade, wenn nn ungerade ist. Die meisten Funktionen sind weder das eine noch das andere, etwa f(x)=x2+xf(x) = x^2 + x.

Schritt für Schritt

Symmetrie am Term prüfen

Man ersetzt xx durch −x-x und vergleicht mit f(x)f(x) und mit −f(x)-f(x).

  1. Gegeben f(x)=x4−3x2+1f(x) = x^4 - 3x^2 + 1. Bilde f(−x)f(-x):

    f(−x)=(−x)4−3(−x)2+1=x4−3x2+1=f(x)f(-x) = (-x)^4 - 3(-x)^2 + 1 = x^4 - 3x^2 + 1 = f(x)
Schritt 1 von 3
Kurz geprüft

Welche Aussage über f(x)=x2+1f(x) = x^2 + 1 ist richtig?

Bauen durch Verschieben. Hat man den Graphen von x2x^2 im Kopf, braucht man für (x−3)2+1(x-3)^2 + 1 kein neues Bild: Die Parabel ist um 33 nach rechts und um 11 nach oben geschoben. Dieselbe Idee gilt für jede Funktion.

Streckung und Verschiebung einer Parabel

Der Punkt SS ist der Scheitel (b∣c)(b \mid c). Seine Bahn beim Bewegen eines Parameters ist die Ortskurve, dazu später mehr.

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Definition

Verschiebung und Streckung

Sei ff eine beliebige Funktion. Aus ihrem Graphen entstehen neue Graphen durch vier Grundbewegungen:

  • f(x)+cf(x) + c schiebt um cc nach oben (negatives cc: nach unten),
  • f(x−d)f(x - d) schiebt um dd nach rechts (negatives dd: nach links),
  • a f(x)a\,f(x) mit a>0a > 0 streckt senkrecht; a<0a < 0 streckt und spiegelt an der xx-Achse,
  • f(bx)f(bx) mit b>1b > 1 staucht waagerecht (der Graph wird schmaler), 0<b<10 < b < 1 streckt waagerecht.

Die Reihenfolge ist nicht egal. Üblich ist, von innen nach außen zu lesen: zuerst die innere Verschiebung x−dx - d, dann die Streckung, zuletzt die äußere Verschiebung.

Beispiel

Von x\sqrt{x} zu g(x)=−2x+1+3g(x) = -2\sqrt{x + 1} + 3

Man baut gg in drei Schritten aus x\sqrt{x}:

1. x+1\sqrt{x + 1} schiebt den Graphen um 11 nach links (weil x+1=x−(−1)x + 1 = x - (-1)). Der Startpunkt wandert von (0∣0)(0 \mid 0) nach (−1∣0)(-1 \mid 0).
2. −2x+1-2\sqrt{x + 1} streckt mit Faktor 22 und spiegelt an der xx-Achse. Der Graph zeigt nach unten.
3. +3+3 schiebt um 33 nach oben. Der Startpunkt liegt bei (−1∣3)(-1 \mid 3).

Der Definitionsbereich bleibt x≥−1x \ge -1, nur verschoben.

Häufige Fehler

f(x−2)f(x - 2) nach links schieben

Häufig wird f(x−2)f(x - 2) um 22 nach links geschoben, „weil da ein Minus steht“. Das Minus gehört zum xx: Damit dasselbe Argument wie vorher entsteht, muss xx um 22 größer sein. Der Graph wandert nach rechts.

Probe mit einer Nullstelle. Hat ff eine Nullstelle bei 00, so hat f(x−2)f(x-2) eine Nullstelle bei 22, denn f(2−2)=f(0)=0f(2-2) = f(0) = 0. Die Nullstelle ist nach rechts gewandert.

Richtig ist

f(x−d)f(x - d) liegt um dd weiter rechts als f(x)f(x). f(x)+cf(x) + c liegt um cc weiter oben.

Zusammenfassung

  • Eine Funktionsklasse ist ein Bauplan mit Parametern. Geraden, Parabeln, Hyperbeln, Wurzeln, Exponential- und Logarithmusfunktionen und Wellen sind die Klassen der Oberstufe.

  • Der Definitionsbereich ist die Menge der erlaubten xx: nicht durch null teilen, unter der Wurzel nicht negativ, im Logarithmus echt positiv.

  • Nullstellen sind die xx mit f(x)=0f(x) = 0. Der yy-Achsenabschnitt ist f(0)f(0).

  • Gerade Funktionen sind achsensymmetrisch zur yy-Achse (f(−x)=f(x)f(-x) = f(x)), ungerade punktsymmetrisch zum Ursprung (f(−x)=−f(x)f(-x) = -f(x)).

  • f(x−d)+cf(x-d)+c verschiebt um dd nach rechts und um cc nach oben. Der Faktor aa in a f(x)a\,f(x) streckt senkrecht und spiegelt für a<0a < 0.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Zu welcher Klasse gehört f(x)=3⋅2xf(x) = 3 \cdot 2^{x}?

Aufgabe 2Term eingeben

Gib den Definitionsbereich von f(x)=2x−6f(x) = \sqrt{2x-6} als Ungleichung für xx an.

Potenzen mit ^, Wurzel als sqrt(x), Brüche mit / und Klammern.

Aufgabe 3Numerisch

Wie viele Nullstellen hat f(x)=x2−9f(x) = x^2 - 9?

Aufgabe 4Multiple Choice

Die Funktion f(x)=x3+xf(x) = x^3 + x ist

Aufgabe 5Term eingeben

Der Graph von f(x)=x2f(x) = x^2 wird um 44 nach rechts und um 11 nach unten geschoben. Wie lautet der neue Term?

Potenzen mit ^, Wurzel als sqrt(x), Brüche mit / und Klammern.

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum f(x)=1xf(x) = \frac{1}{x} ungerade ist, und was das für den Graphen heißt.