Grenzwerte und Stetigkeit
Nach dieser Lektion kannst du
untersuchen, welchem Wert sich nähert, wenn einer Stelle immer näher kommt, von links und von rechts
Grenzwerte an Definitionslücken durch Kürzen berechnen und das Verhalten für bestimmen
Sprungstellen, hebbare Lücken und Polstellen am Graphen und am Term unterscheiden
erklären, was Stetigkeit bedeutet, und den Zwischenwertsatz anwenden
Glatt oder mit Sprung? Viele Größen ändern sich ohne Sprünge. Die Temperatur draußen steigt am Vormittag von auf , und dazwischen nimmt sie jeden Wert einmal an: Es gibt keinen Moment, in dem sie von direkt auf springt. Andere Größen springen sehr wohl. In einem Parkhaus kostet jede angefangene Stunde Euro. Wer Minuten parkt, zahlt Euro, wer Minuten parkt, zahlt Euro. Bei genau einer Stunde macht der Preis einen Sprung.
Den Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Funktionen kann man präzise fassen. Man fragt dazu: Wenn einer Stelle immer näher kommt, kommen dann auch die Funktionswerte einem bestimmten Wert immer näher? Diese Frage führt zum Begriff des Grenzwerts. Er ist das Fundament der ganzen Analysis, denn auch die Ableitung ist ein Grenzwert: die Sekantensteigung, wenn gegen geht.
Die Funktion ist an der Stelle nicht definiert, denn dort würde man durch teilen. Was passiert mit , wenn ganz nahe an heranrückt?
Probier es aus
Grenzwert einer Funktion an einer Stelle
Eine Funktion hat an der Stelle den Grenzwert , wenn sich die Funktionswerte der Zahl beliebig nähern, sobald nahe genug bei liegt, und zwar egal, ob man sich von links oder von rechts nähert. Man schreibt
und liest: „Der Limes von für gegen ist .“ (Lateinisch *limes* heißt Grenze.)
Zwei Dinge sind dabei wichtig:
- Der Wert selbst spielt keine Rolle. Er darf fehlen (wie im Beispiel oben) oder sogar etwas ganz anderes sein. Es geht nur um die Werte in der Nähe von .
- Beide Seiten müssen zum selben Wert führen. Nähert man sich nur von links, spricht man vom linksseitigen Grenzwert , von rechts entsprechend vom rechtsseitigen Grenzwert . Der Grenzwert existiert genau dann, wenn beide einseitigen Grenzwerte existieren und gleich sind.
Einen Grenzwert an einer Lücke berechnen
Einen Grenzwert an einer Lücke berechnen
Gesucht ist . Setzt man ein, erhält man . Das ist keine Zahl, sondern ein Zeichen, dass man weiterrechnen muss.
Der Zähler wird bei null. Also lässt sich der Linearfaktor abspalten:
Berechne .
Wenn die Seiten nicht zusammenpassen. Nicht jede Funktion hat an jeder Stelle einen Grenzwert. Die Funktion ist für positive gleich und für negative gleich . Ihr Graph besteht aus zwei waagerechten Halbgeraden, und bei springt er. Im nächsten Versuch siehst du, was das für die Annäherung bedeutet.
Probier es aus
Polstelle und uneigentlicher Grenzwert
Bei wird der Nenner in der Nähe von winzig, der Zähler bleibt aber . Dann werden die Funktionswerte riesig: , , . Sie nähern sich keiner Zahl, sondern wachsen über jede Schranke hinaus. Man schreibt dafür
und spricht von einem uneigentlichen Grenzwert: ist keine Zahl, das Zeichen fasst nur zusammen, dass die Werte unbegrenzt wachsen. Die Stelle heißt Polstelle, die senkrechte Gerade ist eine senkrechte Asymptote: Der Graph schmiegt sich an sie an, ohne sie zu erreichen.
Bei hängt das Vorzeichen von der Seite ab: Rechts von sind die Werte positiv und wachsen gegen , links sind sie negativ und fallen gegen . Man nennt das eine Polstelle mit Vorzeichenwechsel.
Probier es aus
Wie verhält sich , wenn immer größer wird, also für ?
Grenzwert für x gegen Unendlich
Die Funktion hat für den Grenzwert , wenn sich der Zahl beliebig nähert, sobald groß genug ist. Man schreibt . Für gilt das entsprechend.
Geometrisch heißt das: Der Graph nähert sich für große der waagerechten Geraden . Sie heißt waagerechte Asymptote.
Für gebrochen-rationale Funktionen entscheidet der Vergleich der Grade von Zähler und Nenner:
- Grad des Zählers kleiner als Grad des Nenners: , die -Achse ist Asymptote.
- Grade gleich: strebt gegen den Quotienten der Leitkoeffizienten (der Zahlen vor den höchsten Potenzen).
- Grad des Zählers größer: Es gibt keine waagerechte Asymptote, wächst über alle Grenzen oder fällt unter alle Grenzen.
Verhalten im Unendlichen berechnen
Verhalten im Unendlichen berechnen
Gesucht ist .
Zähler und Nenner durch die höchste Potenz des Nenners teilen, hier :
Bestimme .
Stetigkeit
Eine Funktion heißt stetig an der Stelle , wenn drei Dinge zusammenkommen:
1. ist definiert,
2. der Grenzwert existiert,
3. beide stimmen überein: .
In Worten: Wenn nahe bei liegt, liegt auch nahe bei . Kleine Änderungen von bewirken nur kleine Änderungen von , es gibt keinen Sprung. Ist an jeder Stelle seines Definitionsbereichs stetig, nennt man einfach stetig.
Die bekannte Faustregel „Man kann den Graphen zeichnen, ohne den Stift abzusetzen“ trifft den Kern, gilt aber nur auf Intervallen. ist stetig, denn die Stelle gehört gar nicht zum Definitionsbereich, obwohl man den Stift dort absetzen muss.
Drei Arten, nicht stetig zu sein
Drei Arten, nicht stetig zu sein
Wo eine Funktion nicht stetig ist oder eine Lücke hat, liegt fast immer einer dieser drei Fälle vor:
- Hebbare Lücke: Der Grenzwert existiert, aber fehlt (oder passt nicht). Beispiel bei . Setzt man , ist die Lücke „behoben“: Man nennt das die stetige Fortsetzung.
- Sprungstelle: Beide einseitigen Grenzwerte existieren, sind aber verschieden. Beispiel bei , oder der Parkhauspreis bei jeder vollen Stunde.
- Polstelle: Mindestens ein einseitiger Grenzwert ist . Beispiel bei . Hier hilft keine Festlegung von .
Bei gebrochen-rationalen Funktionen erkennt man den Fall am Term: Wird an einer Nullstelle des Nenners auch der Zähler null, so kürzt man den gemeinsamen Faktor. Bleibt danach der Nenner an der Stelle von null verschieden, ist die Lücke hebbar. Wird er weiterhin null, ist es eine Polstelle.
Die Funktion hat bei eine Lücke. Welchen Wert muss man für festlegen, damit dort stetig wird?
Rechnen mit stetigen Funktionen
Sind und an der Stelle stetig, so sind dort auch stetig:
Auch die Verkettung stetiger Funktionen ist stetig. Daraus folgt: Alle ganzrationalen Funktionen sind überall stetig, gebrochen-rationale Funktionen sind überall dort stetig, wo der Nenner nicht null ist. Ebenso sind , , und auf ihren Definitionsbereichen stetig.
Zwischenwertsatz
Ist auf dem Intervall stetig und liegt die Zahl zwischen und , dann gibt es mindestens eine Stelle in mit .
Besonders wichtig ist der Fall : Hat eine stetige Funktion an den Rändern eines Intervalls verschiedene Vorzeichen, dann hat sie dazwischen mindestens eine Nullstelle.
Das ist die Temperatur vom Anfang: Wer am Vormittag von auf kommt, war irgendwann genau bei . Beim Parkhauspreis gilt der Satz nicht: Er springt von auf Euro und nimmt Euro nie an, denn er ist nicht stetig.
Eine Nullstelle einschließen
Eine Nullstelle einschließen
Hat eine Nullstelle zwischen und ?
Als Polynom ist stetig, und die Vorzeichen an den Rändern sind verschieden. Nach dem Zwischenwertsatz gibt es also eine Nullstelle in , obwohl wir sie gar nicht ausrechnen können. Halbieren hilft weiter: , also liegt sie in . , also in . Nach einigen weiteren Schritten erhält man . Schneller geht es mit dem Newton-Verfahren.
ist nicht und nicht
ist nicht und nicht
Beim Einsetzen kommt heraus, und man schließt daraus, der Grenzwert sei , oder existiere nicht.
ist ein unbestimmter Ausdruck: Er sagt nur, dass Einsetzen nicht weiterhilft. Je nach Funktion kann jeder Grenzwert herauskommen. Bei ist es , bei ist es . Man muss erst umformen, meistens kürzen.
Grenzwert und Funktionswert verwechseln
Grenzwert und Funktionswert verwechseln
Man bestimmt , indem man immer einfach ausrechnet.
Das ist nur bei stetigen Funktionen erlaubt, denn genau das besagt die Stetigkeit. Bei einer Lücke gibt es nicht, bei einer abschnittsweise definierten Funktion kann vom Grenzwert abweichen. Der Grenzwert fragt nach den Werten neben .
Nur eine Seite prüfen
Nur eine Seite prüfen
Man setzt und ein, sieht eine Annäherung und schließt auf den Grenzwert.
Man muss von beiden Seiten prüfen. Bei zeigen die Werte rechts von klar gegen , links aber gegen . Ein Grenzwert existiert nur, wenn beide Seiten übereinstimmen.
Zusammenfassung
heißt: Für nahe bei (aber ) liegt beliebig nahe bei , und zwar von beiden Seiten.
Der Wert spielt für den Grenzwert keine Rolle.
Ergibt Einsetzen , so kürzt man den gemeinsamen Linearfaktor und bestimmt dann den Grenzwert.
Für teilt man durch die höchste Potenz des Nenners. Der Gradvergleich sagt sofort, ob es eine waagerechte Asymptote gibt.
Unstetigkeiten: hebbare Lücke (Grenzwert existiert), Sprung (einseitige Grenzwerte verschieden), Polstelle (Werte wachsen unbeschränkt).
ist stetig in , wenn . Summen, Produkte, Quotienten und Verkettungen stetiger Funktionen sind stetig.
Zwischenwertsatz: Eine stetige Funktion mit Vorzeichenwechsel auf hat dort eine Nullstelle.
Übungen
Berechne .
Berechne .
Bestimme .
Welche Art von Stelle hat bei ?
Die Funktion hat bei eine hebbare Lücke. Welcher Wert macht stetig?
Die Funktion ist abschnittsweise definiert: für und für . Für welches ist an der Stelle stetig?
Zeige mit dem Zwischenwertsatz, dass die Gleichung eine Lösung zwischen und hat. Begründe jeden Schritt.