Lektion 10.3

Spezielle Relativitätstheorie

21 min Lesezeit

Wenn kosmische Strahlung auf die obere Atmosphäre trifft, entstehen in mehr als 10 km Höhe Myonen. Sie zerfallen mit einer mittleren Lebensdauer von 2,2 µs. Selbst mit fast Lichtgeschwindigkeit kommen sie in dieser Zeit nur etwa 660 m weit. Trotzdem misst man sie am Erdboden in großer Zahl. Die Mechanik Newtons erklärt das nicht. Du lernst die Annahmen der speziellen Relativitätstheorie kennen und rechnest damit Zeit, Länge, Impuls und Energie neu.

Definition

Inertialsysteme und Relativitätsprinzip

Ein Inertialsystem ist ein Bezugssystem, in dem ein Körper ohne äußere Kraft in Ruhe oder in geradlinig gleichförmiger Bewegung bleibt. Jedes System, das sich relativ dazu mit konstanter Geschwindigkeit bewegt, ist wieder eines. Das Relativitätsprinzip (Galilei) sagt: Die Gesetze der Mechanik haben in allen Inertialsystemen dieselbe Form. In einem gleichförmig fahrenden Zug lässt sich durch mechanische Versuche nicht feststellen, ob er fährt. Beim Systemwechsel gilt x′=x−vtx' = x - vt, t′=tt' = t und für Geschwindigkeiten u′=u−vu' = u - v. Die Maxwellschen Gleichungen liefern für Licht im Vakuum aber den festen Wert c=1/ε0μ0c = 1/\sqrt{\varepsilon_0 \mu_0}. Gilt er nur in einem besonderen System, dem „Äther“?

Definition

Michelson-Experiment

Läge der Äther in Ruhe, bewegte sich die Erde mit etwa v=30v = 30 km/s durch ihn, und die Lichtlaufzeit hinge von der Richtung ab. Michelson und Morley (1887) prüften das mit einem Interferometer: Ein halbdurchlässiger Spiegel teilt Licht in zwei Bündel, die in zwei senkrechten Armen der Länge LL zu Spiegeln und zurück laufen und dann interferieren. Mit β=v/c\beta = v/c braucht das Licht hin und zurück längs des Ätherwinds t∥t_\parallel und quer dazu t⊥t_\perp (quer muss es schräg gegen den Wind laufen, die Querkomponente ist c2−v2\sqrt{c^2 - v^2}):

t∥=Lc+v+Lc−v=2L/c1−β2,t⊥=2Lc2−v2=2L/c1−β2t_\parallel = \frac{L}{c+v} + \frac{L}{c-v} = \frac{2L/c}{1-\beta^2}, \qquad t_\perp = \frac{2L}{\sqrt{c^2-v^2}} = \frac{2L/c}{\sqrt{1-\beta^2}}
Beispiel

Was Michelson erwartete

Der Gangunterschied ist c (t∥−t⊥)≈Lβ2c\,(t_\parallel - t_\perp) \approx L\beta^2. Dreht man die Apparatur um 90∘90^\circ, ändert er sich um 2Lβ22L\beta^2, und das Interferenzbild verschiebt sich um N=2Lβ2/λN = 2L\beta^2/\lambda Streifen. Berechne NN für L=11L = 11 m (durch Mehrfachreflexion), λ=550\lambda = 550 nm und v=30v = 30 km/s.

β=3⋅104:3⋅108=10−4\beta = 3 \cdot 10^{4} : 3 \cdot 10^{8} = 10^{-4}, also β2=10−8\beta^2 = 10^{-8}. N=2⋅11 m⋅10−85,5⋅10−7 m=0,4N = \frac{2 \cdot 11\ \text{m} \cdot 10^{-8}}{5{,}5 \cdot 10^{-7}\ \text{m}} = 0{,}4. Gemessen wurde weniger als 0,01 Streifen: Ein Ätherwind ist nicht nachweisbar, die Lichtgeschwindigkeit ist in allen Richtungen gleich.

Definition

Einsteinsche Postulate

Einstein (1905) ersetzte den Äther durch zwei Postulate:

  • Relativitätsprinzip: Alle Naturgesetze, auch die der Elektrodynamik, haben in allen Inertialsystemen dieselbe Form.
  • Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Licht breitet sich im Vakuum in jedem Inertialsystem mit demselben Wert c≈3,00⋅108c \approx 3{,}00 \cdot 10^{8} m/s aus, unabhängig von der Bewegung der Quelle und des Beobachters.

Das zweite Postulat widerspricht der Galilei-Addition der Geschwindigkeiten. Beide zusammen zwingen dazu, die absolute Zeit aufzugeben.

Definition

Relativität der Gleichzeitigkeit

In der Mitte eines fahrenden Wagens blitzt eine Lampe, das Licht läuft zum vorderen und zum hinteren Ende. Für die Fahrgäste kommt es an beiden Enden gleichzeitig an: gleiche Strecken, gleiche Geschwindigkeit cc. Für einen Beobachter am Bahnsteig läuft das hintere Ende dem Licht entgegen und das vordere davon. Das Licht hat auch für ihn die Geschwindigkeit cc, erreicht also das hintere Ende zuerst. Zwei Ereignisse an verschiedenen Orten, die in einem Inertialsystem gleichzeitig sind, sind es in einem dazu bewegten System im Allgemeinen nicht. Das ist keine Täuschung durch Signallaufzeiten, die sind herausgerechnet. Jedes Inertialsystem hat seine eigene Zeit.

Definition

Zeitdilatation

Eine Lichtuhr lässt einen Lichtimpuls zwischen zwei Spiegeln im Abstand dd hin und her laufen. Im Ruhesystem der Uhr dauert ein Takt t0=2d/ct_0 = 2d/c (Eigenzeit: Zeit zwischen zwei Ereignissen am selben Ort, gemessen mit einer dort ruhenden Uhr). Bewegt sich die Uhr mit vv quer zur Spiegelverbindung, läuft der Impuls für den Beobachter schräg. Mit der Taktdauer tt gilt nach Pythagoras (ct/2)2=d2+(vt/2)2(ct/2)^2 = d^2 + (vt/2)^2, also t=2d/c2−v2t = 2d/\sqrt{c^2 - v^2}. Mit t0=2d/ct_0 = 2d/c folgt:

t=γ t0,γ=11−v2/c2≥1t = \gamma\,t_0, \qquad \gamma = \frac{1}{\sqrt{1 - v^2/c^2}} \ge 1
Beispiel

Myonen am Erdboden

Myonen mit der Eigenlebensdauer t0=2,2t_0 = 2{,}2 µs entstehen angenommen in 10 km Höhe und fliegen mit v=0,999 cv = 0{,}999\,c nach unten. Welcher Anteil erreicht den Boden? Nach der Eigenzeit τ\tau sind noch N/N0=e−τ/t0N/N_0 = e^{-\tau/t_0} übrig.

γ=1/1−0,9992=22,4\gamma = 1/\sqrt{1 - 0{,}999^2} = 22{,}4. Flugzeit im Erdsystem: t=10 km:(0,999⋅3,00⋅108 m/s)=33,4t = 10\ \text{km} : (0{,}999 \cdot 3{,}00 \cdot 10^{8}\ \text{m/s}) = 33{,}4 µs.

Ohne Zeitdilatation wäre τ=t\tau = t: e−33,4/2,2=e−15,2≈2,6⋅10−7e^{-33{,}4/2{,}2} = e^{-15{,}2} \approx 2{,}6 \cdot 10^{-7}.

Mit Zeitdilatation vergeht für das Myon nur τ=t/γ=1,49\tau = t/\gamma = 1{,}49 µs: e−1,49/2,2=e−0,68=0,51e^{-1{,}49/2{,}2} = e^{-0{,}68} = 0{,}51. Etwa die Hälfte erreicht den Boden.

Definition

Längenkontraktion

Die Eigenlänge L0L_0 ist die Länge eines Körpers in seinem Ruhesystem. In einem System, in dem er sich mit vv in Längsrichtung bewegt, misst man L=L0/γL = L_0/\gamma. Längen in Bewegungsrichtung sind verkürzt, Querlängen bleiben gleich. Herleitung: Eine Uhr fliegt mit vv an einer Strecke der Eigenlänge L0L_0 vorbei. Im Ruhesystem der Strecke dauert das t=L0/vt = L_0/v, die Uhr zeigt die Eigenzeit t0=t/γt_0 = t/\gamma. Im Ruhesystem der Uhr zieht die Strecke in dieser Zeit mit vv vorbei, ihre Länge ist L=v t0=L0/γL = v\,t_0 = L_0/\gamma.

Für das Myon im Beispiel ist die Atmosphäre nur 10 km/22,4=0,44610\ \text{km}/22{,}4 = 0{,}446 km dick. Es braucht dafür 0,446 km:(0,999 c)=1,490{,}446\ \text{km} : (0{,}999\,c) = 1{,}49 µs, dasselbe Ergebnis wie oben.

L=L0γ=L01−v2/c2L = \frac{L_0}{\gamma} = L_0\sqrt{1 - v^2/c^2}
Definition

Relativistischer Impuls

Damit die Impulserhaltung in allen Inertialsystemen gilt, muss der Impuls anders definiert werden als bei Newton. Mit der Ruhemasse mm (sie hängt nicht von vv ab) ist p=γ m vp = \gamma\,m\,v. Für v≪cv \ll c ist γ≈1\gamma \approx 1, und p=mvp = mv folgt. Für v→cv \to c wächst pp über alle Grenzen: Ein Körper mit Masse lässt sich nicht auf cc beschleunigen, weil jede weitere Kraftwirkung die Geschwindigkeit kaum noch erhöht.

p=γ m vp = \gamma\,m\,v
Definition

Masse-Energie-Beziehung

Die Gesamtenergie eines Körpers ist E=γmc2E = \gamma m c^2. In Ruhe bleibt die Ruheenergie E0=mc2E_0 = mc^2. Die kinetische Energie ist die Differenz Ekin=(γ−1) mc2E_{\text{kin}} = (\gamma - 1)\,mc^2; für v≪cv \ll c ist γ≈1+v2/(2c2)\gamma \approx 1 + v^2/(2c^2) und damit Ekin≈12mv2E_{\text{kin}} \approx \tfrac12 mv^2. Aus EE und pp folgt E2=(pc)2+(mc2)2E^2 = (pc)^2 + (mc^2)^2, denn E2−(pc)2=γ2m2c4(1−v2/c2)=m2c4E^2 - (pc)^2 = \gamma^2 m^2 c^4 (1 - v^2/c^2) = m^2 c^4. Für Photonen (m=0m = 0) ergibt das E=pcE = pc.

Jede Energieänderung eines Systems ändert seine Masse um Δm=ΔE/c2\Delta m = \Delta E/c^2. Das ist der Massendefekt der Kerne, die Quelle der Sonnenenergie (die Sonne verliert etwa 4 Millionen Tonnen Masse je Sekunde) und die Paarbildung und Paarvernichtung.

E=γ mc2,E0=mc2,Ekin=(γ−1) mc2,E2=(pc)2+(mc2)2E = \gamma\,mc^2, \qquad E_0 = mc^2, \qquad E_{\text{kin}} = (\gamma - 1)\,mc^2, \qquad E^2 = (pc)^2 + (mc^2)^2
Beispiel

Ein Elektron mit 1 MeV

Ein Elektron (mc2=0,511mc^2 = 0{,}511 MeV) hat die kinetische Energie 1,001{,}00 MeV. Berechne γ\gamma, vv und pcpc und vergleiche mit der klassischen Rechnung.

γ=1+Ekin/(mc2)=1+1,00/0,511=2,96\gamma = 1 + E_{\text{kin}}/(mc^2) = 1 + 1{,}00/0{,}511 = 2{,}96. Daraus v=c1−1/γ2=c1−0,114=0,941 cv = c\sqrt{1 - 1/\gamma^2} = c\sqrt{1 - 0{,}114} = 0{,}941\,c.

Gesamtenergie E=1,511E = 1{,}511 MeV, also pc=1,5112−0,5112pc = \sqrt{1{,}511^2 - 0{,}511^2} MeV =1,42= 1{,}42 MeV.

Klassisch: 12mv2=1,00\tfrac12 mv^2 = 1{,}00 MeV ergäbe v=c2⋅1,00/0,511=1,98 cv = c\sqrt{2 \cdot 1{,}00/0{,}511} = 1{,}98\,c. Das ist mehr als cc, die klassische Formel versagt hier.

Häufige Fehler

Die Zeitdilatation ist nur scheinbar

„Eine bewegte Uhr geht nur scheinbar langsamer, weil das Signal länger zum Beobachter braucht.“

Richtig ist

Die Laufzeiten des Signals sind herausgerechnet. Die Zeitdilatation ist real und gemessen: Myonen aus der Höhenstrahlung leben für den Erdbeobachter länger, wie das Beispiel zeigt.

Häufige Fehler

Mit genug Energie erreicht man c

„Ein Teilchen mit Masse lässt sich mit genügend Energie auf die Lichtgeschwindigkeit beschleunigen.“

Richtig ist

Für v→cv \to c geht γ\gamma gegen unendlich und damit E=γmc2E = \gamma mc^2. Mit endlicher Energie kommt man cc beliebig nahe, erreicht es aber nie.

Zusammenfassung

  • Das Michelson-Experiment fand keinen Ätherwind. Einstein postulierte: Die Naturgesetze gelten in allen Inertialsystemen gleich, und cc ist in jedem Inertialsystem gleich.

  • Gleichzeitigkeit ist relativ: Ereignisse an verschiedenen Orten sind nicht für alle Inertialsysteme gleichzeitig.

  • Zeitdilatation: t=γt0t = \gamma t_0 mit γ=1/1−v2/c2\gamma = 1/\sqrt{1 - v^2/c^2}. Bewegte Uhren gehen langsamer.

  • Längenkontraktion: L=L0/γL = L_0/\gamma in Bewegungsrichtung.

  • Der Impuls ist p=γmvp = \gamma m v, die Gesamtenergie E=γmc2E = \gamma mc^2 und Ekin=(γ−1)mc2E_{\text{kin}} = (\gamma - 1) mc^2. Es gilt E2=(pc)2+(mc2)2E^2 = (pc)^2 + (mc^2)^2.

  • Energieänderungen entsprechen Massenänderungen: ΔE=Δm c2\Delta E = \Delta m\,c^2.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Raumschiff fliegt mit 0,6 c0{,}6\,c an der Erde vorbei. An Bord vergehen 12 Jahre. Wie viele Jahre sind es nach der Erduhr?

Aufgabe 2Numerisch

Ein Raumschiff mit der Ruhelänge 100 m fliegt mit 0,8 c0{,}8\,c an dir vorbei. Welche Länge in m misst du?

Aufgabe 3Multiple Choice

Welche Aussage folgt aus den Einsteinschen Postulaten?

Aufgabe 4Numerisch

Bei einer Kernspaltung werden 200 MeV frei. Um wie viel nimmt die Masse des Systems ab, in u? Es gilt 1 u c2=931,51\,\text{u}\,c^2 = 931{,}5 MeV.

Aufgabe 5Numerisch

Welche kinetische Energie in MeV hat ein Proton (Ruheenergie 938 MeV) mit v=0,8 cv = 0{,}8\,c?

Aufgabe 6Freitext

Was zeigte das Michelson-Experiment, und welche Folgerung zog Einstein daraus?