Lektion 10.2

Standardmodell und Struktur der Materie

20 min Lesezeit

Mit dem Lichtmikroskop erkennst du Zellen, mit Röntgenstrahlung Atomabstände. Woher aber weiß man, dass ein Atom fast leer ist, dass ein Kern nur wenige Femtometer misst und dass ein Proton aus Quarks besteht, die niemand einzeln sehen kann? Die Antwort liefern Streuversuche mit Teilchen, die fein genug auflösen. Du lernst diese Methoden kennen und das Bild der Materie, das aus ihnen folgt: das Standardmodell der Teilchenphysik.

Definition

Methoden der Strukturuntersuchung

Eine Sonde löst Strukturen nur auf, wenn ihre Wellenlänge höchstens so groß ist wie die Struktur. Teilchen mit dem Impuls pp haben die De-Broglie-Wellenlänge λ=h/p\lambda = h/p. Bei Energien weit über der Ruheenergie ist p≈E/cp \approx E/c, also λ≈hc/E\lambda \approx hc/E mit hc=1240hc = 1240 MeV·fm. Hohe Energie heißt feine Auflösung, deshalb baut man Beschleuniger. Die Methoden sind Streuung an einer Probe, Spektroskopie (Energieniveaus aus dem ausgesandten Licht) und Massenspektrometrie.

SondeWellenlängeWas sie auflöst
sichtbares Licht400 bis 700 nmZellen, Bakterien
Röntgen- und Synchrotronstrahlungetwa 0,1 nmAtomabstände in Kristallen
Elektronen, 500 MeVetwa 2,5 fmAtomkerne
Elektronen, einige GeVunter 1 fmBestandteile des Protons
Definition

Rutherfordscher Streuversuch

Rutherford (Geiger und Marsden führten ihn aus) beschoss eine sehr dünne Goldfolie mit α\alpha-Teilchen von einigen MeV und maß die Ablenkwinkel. Fast alle Teilchen fliegen nahezu geradeaus hindurch, nur etwa eines von 10 000 wird um mehr als 90∘90^\circ abgelenkt, einzelne prallen zurück. Elektronen können das nicht bewirken, denn sie sind rund 7300-mal leichter als ein α\alpha-Teilchen. Auch das Thomson-Modell (positive Ladung gleichmäßig im Atom verteilt) liefert nur kleine Winkel. Große Winkel verlangen ein kleines, schweres, positives Zentrum: den Atomkern. Das Atom ist fast leer (Radius etwa 10−1010^{-10} m), der Kern viel kleiner.

Eine Obergrenze für den Kernradius folgt aus der Energieerhaltung: Ein α\alpha-Teilchen (Ladung 2e2e) fliegt frontal auf einen Kern der Ladung ZeZe zu und bleibt im Abstand rmin⁡r_{\min} stehen, wenn seine kinetische Energie ganz in elektrische Energie umgewandelt ist. Der Kern ist kleiner als rmin⁡r_{\min}.

Eα=14πε0 2e⋅Zermin⁡⇒rmin⁡=2ZEα⋅e24πε0,e24πε0=1,44 MeV⋅fmE_\alpha = \frac{1}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{2e \cdot Ze}{r_{\min}} \quad\Rightarrow\quad r_{\min} = \frac{2Z}{E_\alpha}\cdot\frac{e^2}{4\pi\varepsilon_0}, \qquad \frac{e^2}{4\pi\varepsilon_0} = 1{,}44\ \text{MeV·fm}
Beispiel

Obergrenze für den Radius des Goldkerns

α\alpha-Teilchen mit Eα=5,0E_\alpha = 5{,}0 MeV fliegen frontal auf Gold (Z=79Z = 79). Wie nah kommen sie dem Kern?

rmin⁡=2⋅795,0 MeV⋅1,44 MeV⋅fm=45,5r_{\min} = \frac{2 \cdot 79}{5{,}0\ \text{MeV}} \cdot 1{,}44\ \text{MeV·fm} = 45{,}5 fm =4,6⋅10−14= 4{,}6 \cdot 10^{-14} m. Der Goldkern ist also kleiner als 4,6⋅10−144{,}6 \cdot 10^{-14} m, mehr als 2000-mal kleiner als das Atom.

Definition

Kernmasse und Kernradius

Die Bindungsenergie beträgt weniger als 1 % der Nukleonenmasse (8,8 MeV gegen 931,5 MeV je Nukleon), und ein Elektron wiegt nur 1/18361/1836 eines Protons. Die Kernmasse ist deshalb nahezu A⋅1A \cdot 1 u, und über 99,9 % der Masse eines Atoms stecken im Kern.

Elektronen mit Wellenlänge unterhalb des Kernradius werden am Kern gebeugt, ähnlich wie Licht an einer Blende. Aus dem Beugungsmuster folgt der Radius. Für nicht zu leichte Kerne ergibt sich: Das Volumen wächst proportional zu AA, jedes Nukleon beansprucht also etwa dasselbe Volumen, und die Dichte ist nahezu gleich. Ein Kubikzentimeter Kernmaterie hätte etwa 230 Millionen Tonnen Masse.

R=r0 A1/3,r0≈1,2 fm,ρ=A⋅1 u43πR3≈2,3⋅1017 kgm3R = r_0\,A^{1/3}, \quad r_0 \approx 1{,}2\ \text{fm}, \qquad \rho = \frac{A \cdot 1\,\text{u}}{\tfrac43\pi R^3} \approx 2{,}3 \cdot 10^{17}\ \frac{\text{kg}}{\text{m}^3}
Definition

Massenspektrograph

Ein Massenspektrograph trennt Ionen nach der Masse. Einfach geladene Ionen (q=eq = e) durchlaufen zuerst einen Geschwindigkeitsfilter mit senkrecht zueinander stehenden Feldern EE und BB: Geradeaus kommen nur Ionen mit qE=qvBqE = qvB durch, also mit v=E/Bv = E/B. Danach lenkt ein homogenes Magnetfeld B′B' senkrecht zur Bahn sie auf Halbkreise. Die Lorentzkraft ist die Zentripetalkraft, qvB′=mv2/rq v B' = m v^2/r. Der Radius ist proportional zur Masse: Isotope treffen an verschiedenen Stellen auf den Detektor. So misst man Atommassen (für den Massendefekt) und Isotopenhäufigkeiten.

v=EB,r=mvqB′=mEqBB′v = \frac{E}{B}, \qquad r = \frac{m v}{q B'} = \frac{m E}{q B B'}
Beispiel

Neon-Isotope trennen

E=2,0⋅104E = 2{,}0 \cdot 10^{4} V/m, B=0,10B = 0{,}10 T, B′=0,50B' = 0{,}50 T. Berechne die Bahnradien von 20Ne+^{20}\text{Ne}^+ (19,99219{,}992 u) und 22Ne+^{22}\text{Ne}^+ (21,99121{,}991 u).

Geschwindigkeit: v=E/B=2,0⋅105v = E/B = 2{,}0 \cdot 10^{5} m/s. Mit 19,992 u=3,320⋅10−2619{,}992\ \text{u} = 3{,}320 \cdot 10^{-26} kg gilt r=3,320⋅10−26⋅2,0⋅1051,602⋅10−19⋅0,50r = \frac{3{,}320 \cdot 10^{-26} \cdot 2{,}0 \cdot 10^{5}}{1{,}602 \cdot 10^{-19} \cdot 0{,}50} m =0,083= 0{,}083 m. Wegen r∝mr \propto m ist r(22Ne)=8,3 cm⋅21,991/19,992=9,1r(^{22}\text{Ne}) = 8{,}3\ \text{cm} \cdot 21{,}991/19{,}992 = 9{,}1 cm. Die schwereren Ionen treffen weiter außen auf.

Definition

Teilchen und Antiteilchen

Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen mit gleicher Masse und entgegengesetzter Ladung: zum Elektron das Positron e+e^+ (1932 in der Höhenstrahlung entdeckt), zum Proton das Antiproton. Das Photon ist sein eigenes Antiteilchen. Bei der Paarbildung entsteht aus Energie ein Teilchen-Antiteilchen-Paar, etwa γ→e−+e+\gamma \to e^- + e^+ im Feld eines Atomkerns, der den Impuls aufnimmt. Dazu braucht das Photon mindestens die Ruheenergie beider Teilchen, hier 2mec2=1,0222 m_e c^2 = 1{,}022 MeV. Bei der Paarvernichtung zerstrahlen Teilchen und Antiteilchen zu Photonen: e−+e+→2γe^- + e^+ \to 2\gamma mit je 511 keV. In der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zeigen die beiden entgegengesetzt laufenden Photonen, wo ein β+\beta^+-Strahler im Körper zerfallen ist.

Definition

Standardmodell und Quarks

Das Standardmodell ordnet alle bekannten Elementarteilchen (nach heutigem Wissen ohne Substruktur) und beschreibt drei der vier Wechselwirkungen. Es gibt 6 Quarks mit Ladung +23e+\tfrac23 e (up, charm, top) oder −13e-\tfrac13 e (down, strange, bottom) und 6 Leptonen: Elektron, Myon und Tauon (Ladung −e-e) und je ein ungeladenes Neutrino. Beide sind in drei Generationen geordnet, jedes hat ein Antiteilchen. Alltägliche Materie besteht nur aus der ersten Generation.

WechselwirkungAustauschteilchenwirkt auf
stark8 GluonenQuarks (Farbladung)
elektromagnetischPhotonelektrisch geladene Teilchen
schwachW+W^+, W−W^-, Z0Z^0Quarks und Leptonen

Quarks tragen eine Farbladung und treten nie einzeln auf, sondern in farbneutralen Hadronen: Baryonen aus drei Quarks (Proton uuduud, Neutron uddudd) und Mesonen aus Quark und Antiquark (Pion π+=udˉ\pi^+ = u\bar d). Ladung des Protons: 23+23−13=+1\tfrac23 + \tfrac23 - \tfrac13 = +1. Streuversuche mit Elektronen von einigen GeV zeigen punktförmige Streuzentren im Proton. Der β−\beta^--Zerfall ist d→u+e−+νˉed \to u + e^- + \bar\nu_e (Ladung −13→+23−1-\tfrac13 \to +\tfrac23 - 1). Das Higgs-Feld verleiht Quarks, geladenen Leptonen und WW- und ZZ-Bosonen ihre Masse, das Higgs-Boson wurde 2012 am Beschleuniger LHC (CERN) nachgewiesen. Nicht erklärt sind Gravitation und dunkle Materie.

Definition

Synchrotronstrahlung

Ein geladenes Teilchen auf einer Kreisbahn wird beschleunigt und sendet elektromagnetische Strahlung aus. In einem Synchrotron halten Magnete die Teilchen auf dem Ring, Hochfrequenzfelder beschleunigen sie. Elektronen nahe der Lichtgeschwindigkeit strahlen die Synchrotronstrahlung gebündelt in Flugrichtung ab, sehr intensiv und mit einem Spektrum vom Infrarot bis zu harter Röntgenstrahlung. Man nutzt sie für Strukturuntersuchungen, etwa die Röntgenbeugung an Proteinkristallen. Für Beschleuniger ist sie ein Energieverlust, der bei gleicher Energie und gleichem Radius mit 1/m41/m^4 wächst: Elektronen verlieren etwa 18364≈10131836^4 \approx 10^{13}-mal mehr als Protonen. Deshalb beschleunigt man im großen Ring des LHC Protonen.

Häufige Fehler

Quarks lassen sich herauslösen

„Mit genug Energie schlägt man ein Quark einzeln aus dem Proton heraus.“

Richtig ist

Zieht man Quarks auseinander, wächst die Energie im Feld der starken Wechselwirkung, bis sich aus ihr ein neues Quark-Antiquark-Paar bildet. Es entstehen weitere Hadronen, nie freie Quarks.

Häufige Fehler

Elektronen lenken die Alphateilchen ab

„Die α-Teilchen werden an den Elektronen der Goldatome stark abgelenkt.“

Richtig ist

Ein Elektron ist rund 7300-mal leichter als ein α\alpha-Teilchen und lenkt es kaum ab. Große Winkel entstehen nur an den schweren, positiv geladenen Kernen.

Zusammenfassung

  • Strukturen löst man nur auf, wenn die Wellenlänge λ≈hc/E\lambda \approx hc/E der Sonde klein genug ist. Kerne brauchen Elektronen von einigen hundert MeV, das Innere des Protons einige GeV.

  • Der Rutherford-Versuch zeigt: Das Atom ist fast leer, Masse und positive Ladung sitzen im Kern. rmin⁡=2Z/Eα⋅1,44r_{\min} = 2Z/E_\alpha \cdot 1{,}44 MeV·fm begrenzt den Kernradius.

  • Kerne haben den Radius R=r0A1/3R = r_0 A^{1/3} mit r0≈1,2r_0 \approx 1{,}2 fm und für alle AA dieselbe Dichte von etwa 2,3⋅10172{,}3 \cdot 10^{17} kg/m³.

  • Im Massenspektrographen wählt der Filter v=E/Bv = E/B aus, danach gilt r=mv/(qB′)r = mv/(qB'): Der Radius ist proportional zur Masse.

  • Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen. Paarbildung braucht mindestens 2mc22mc^2, Paarvernichtung setzt Photonen frei.

  • Das Standardmodell kennt 6 Quarks, 6 Leptonen, ihre Antiteilchen und Austauschteilchen. Hadronen bestehen aus Quarks, die nie einzeln auftreten.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

α\alpha-Teilchen mit 7,7 MeV fliegen frontal auf Gold (Z=79Z = 79). Wie klein ist der Abstand der größten Annäherung in fm? Es gilt e2/(4πε0)=1,44e^2/(4\pi\varepsilon_0) = 1{,}44 MeV·fm.

Aufgabe 2Numerisch

Wie groß ist der Radius des Kerns 27Al^{27}\text{Al} in fm (mit r0=1,2r_0 = 1{,}2 fm)?

Aufgabe 3Numerisch

In einem Massenspektrographen beschreiben 12C+^{12}\text{C}^+-Ionen (12,000 u) einen Halbkreis mit Radius 5,0 cm. Welchen Radius in cm haben 14C+^{14}\text{C}^+-Ionen (14,003 u) bei gleichem vv und B′B'?

Aufgabe 4Multiple Choice

Aus welchen Quarks besteht ein Neutron?

Aufgabe 5Numerisch

Mit welcher Mindestenergie in MeV muss man ein Proton-Antiproton-Paar erzeugen (Ruheenergie je Teilchen 938 MeV)? Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum man Elektronen von einigen GeV braucht, um das Innere des Protons zu untersuchen. Das Proton hat einen Radius von etwa 1 fm.