Standardmodell und Struktur der Materie
Mit dem Lichtmikroskop erkennst du Zellen, mit Röntgenstrahlung Atomabstände. Woher aber weiß man, dass ein Atom fast leer ist, dass ein Kern nur wenige Femtometer misst und dass ein Proton aus Quarks besteht, die niemand einzeln sehen kann? Die Antwort liefern Streuversuche mit Teilchen, die fein genug auflösen. Du lernst diese Methoden kennen und das Bild der Materie, das aus ihnen folgt: das Standardmodell der Teilchenphysik.
Methoden der Strukturuntersuchung
Eine Sonde löst Strukturen nur auf, wenn ihre Wellenlänge höchstens so groß ist wie die Struktur. Teilchen mit dem Impuls haben die De-Broglie-Wellenlänge . Bei Energien weit über der Ruheenergie ist , also mit MeV·fm. Hohe Energie heißt feine Auflösung, deshalb baut man Beschleuniger. Die Methoden sind Streuung an einer Probe, Spektroskopie (Energieniveaus aus dem ausgesandten Licht) und Massenspektrometrie.
| Sonde | Wellenlänge | Was sie auflöst |
|---|---|---|
| sichtbares Licht | 400 bis 700 nm | Zellen, Bakterien |
| Röntgen- und Synchrotronstrahlung | etwa 0,1 nm | Atomabstände in Kristallen |
| Elektronen, 500 MeV | etwa 2,5 fm | Atomkerne |
| Elektronen, einige GeV | unter 1 fm | Bestandteile des Protons |
Rutherfordscher Streuversuch
Rutherford (Geiger und Marsden führten ihn aus) beschoss eine sehr dünne Goldfolie mit -Teilchen von einigen MeV und maß die Ablenkwinkel. Fast alle Teilchen fliegen nahezu geradeaus hindurch, nur etwa eines von 10 000 wird um mehr als abgelenkt, einzelne prallen zurück. Elektronen können das nicht bewirken, denn sie sind rund 7300-mal leichter als ein -Teilchen. Auch das Thomson-Modell (positive Ladung gleichmäßig im Atom verteilt) liefert nur kleine Winkel. Große Winkel verlangen ein kleines, schweres, positives Zentrum: den Atomkern. Das Atom ist fast leer (Radius etwa m), der Kern viel kleiner.
Eine Obergrenze für den Kernradius folgt aus der Energieerhaltung: Ein -Teilchen (Ladung ) fliegt frontal auf einen Kern der Ladung zu und bleibt im Abstand stehen, wenn seine kinetische Energie ganz in elektrische Energie umgewandelt ist. Der Kern ist kleiner als .
Obergrenze für den Radius des Goldkerns
Obergrenze für den Radius des Goldkerns
-Teilchen mit MeV fliegen frontal auf Gold (). Wie nah kommen sie dem Kern?
fm m. Der Goldkern ist also kleiner als m, mehr als 2000-mal kleiner als das Atom.
Kernmasse und Kernradius
Die Bindungsenergie beträgt weniger als 1 % der Nukleonenmasse (8,8 MeV gegen 931,5 MeV je Nukleon), und ein Elektron wiegt nur eines Protons. Die Kernmasse ist deshalb nahezu u, und über 99,9 % der Masse eines Atoms stecken im Kern.
Elektronen mit Wellenlänge unterhalb des Kernradius werden am Kern gebeugt, ähnlich wie Licht an einer Blende. Aus dem Beugungsmuster folgt der Radius. Für nicht zu leichte Kerne ergibt sich: Das Volumen wächst proportional zu , jedes Nukleon beansprucht also etwa dasselbe Volumen, und die Dichte ist nahezu gleich. Ein Kubikzentimeter Kernmaterie hätte etwa 230 Millionen Tonnen Masse.
Massenspektrograph
Ein Massenspektrograph trennt Ionen nach der Masse. Einfach geladene Ionen () durchlaufen zuerst einen Geschwindigkeitsfilter mit senkrecht zueinander stehenden Feldern und : Geradeaus kommen nur Ionen mit durch, also mit . Danach lenkt ein homogenes Magnetfeld senkrecht zur Bahn sie auf Halbkreise. Die Lorentzkraft ist die Zentripetalkraft, . Der Radius ist proportional zur Masse: Isotope treffen an verschiedenen Stellen auf den Detektor. So misst man Atommassen (für den Massendefekt) und Isotopenhäufigkeiten.
Neon-Isotope trennen
Neon-Isotope trennen
V/m, T, T. Berechne die Bahnradien von ( u) und ( u).
Geschwindigkeit: m/s. Mit kg gilt m m. Wegen ist cm. Die schwereren Ionen treffen weiter außen auf.
Teilchen und Antiteilchen
Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen mit gleicher Masse und entgegengesetzter Ladung: zum Elektron das Positron (1932 in der Höhenstrahlung entdeckt), zum Proton das Antiproton. Das Photon ist sein eigenes Antiteilchen. Bei der Paarbildung entsteht aus Energie ein Teilchen-Antiteilchen-Paar, etwa im Feld eines Atomkerns, der den Impuls aufnimmt. Dazu braucht das Photon mindestens die Ruheenergie beider Teilchen, hier MeV. Bei der Paarvernichtung zerstrahlen Teilchen und Antiteilchen zu Photonen: mit je 511 keV. In der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zeigen die beiden entgegengesetzt laufenden Photonen, wo ein -Strahler im Körper zerfallen ist.
Standardmodell und Quarks
Das Standardmodell ordnet alle bekannten Elementarteilchen (nach heutigem Wissen ohne Substruktur) und beschreibt drei der vier Wechselwirkungen. Es gibt 6 Quarks mit Ladung (up, charm, top) oder (down, strange, bottom) und 6 Leptonen: Elektron, Myon und Tauon (Ladung ) und je ein ungeladenes Neutrino. Beide sind in drei Generationen geordnet, jedes hat ein Antiteilchen. Alltägliche Materie besteht nur aus der ersten Generation.
| Wechselwirkung | Austauschteilchen | wirkt auf |
|---|---|---|
| stark | 8 Gluonen | Quarks (Farbladung) |
| elektromagnetisch | Photon | elektrisch geladene Teilchen |
| schwach | , , | Quarks und Leptonen |
Quarks tragen eine Farbladung und treten nie einzeln auf, sondern in farbneutralen Hadronen: Baryonen aus drei Quarks (Proton , Neutron ) und Mesonen aus Quark und Antiquark (Pion ). Ladung des Protons: . Streuversuche mit Elektronen von einigen GeV zeigen punktförmige Streuzentren im Proton. Der -Zerfall ist (Ladung ). Das Higgs-Feld verleiht Quarks, geladenen Leptonen und - und -Bosonen ihre Masse, das Higgs-Boson wurde 2012 am Beschleuniger LHC (CERN) nachgewiesen. Nicht erklärt sind Gravitation und dunkle Materie.
Synchrotronstrahlung
Ein geladenes Teilchen auf einer Kreisbahn wird beschleunigt und sendet elektromagnetische Strahlung aus. In einem Synchrotron halten Magnete die Teilchen auf dem Ring, Hochfrequenzfelder beschleunigen sie. Elektronen nahe der Lichtgeschwindigkeit strahlen die Synchrotronstrahlung gebündelt in Flugrichtung ab, sehr intensiv und mit einem Spektrum vom Infrarot bis zu harter Röntgenstrahlung. Man nutzt sie für Strukturuntersuchungen, etwa die Röntgenbeugung an Proteinkristallen. Für Beschleuniger ist sie ein Energieverlust, der bei gleicher Energie und gleichem Radius mit wächst: Elektronen verlieren etwa -mal mehr als Protonen. Deshalb beschleunigt man im großen Ring des LHC Protonen.
Quarks lassen sich herauslösen
Quarks lassen sich herauslösen
„Mit genug Energie schlägt man ein Quark einzeln aus dem Proton heraus.“
Zieht man Quarks auseinander, wächst die Energie im Feld der starken Wechselwirkung, bis sich aus ihr ein neues Quark-Antiquark-Paar bildet. Es entstehen weitere Hadronen, nie freie Quarks.
Elektronen lenken die Alphateilchen ab
Elektronen lenken die Alphateilchen ab
„Die α-Teilchen werden an den Elektronen der Goldatome stark abgelenkt.“
Ein Elektron ist rund 7300-mal leichter als ein -Teilchen und lenkt es kaum ab. Große Winkel entstehen nur an den schweren, positiv geladenen Kernen.
Zusammenfassung
Strukturen löst man nur auf, wenn die Wellenlänge der Sonde klein genug ist. Kerne brauchen Elektronen von einigen hundert MeV, das Innere des Protons einige GeV.
Der Rutherford-Versuch zeigt: Das Atom ist fast leer, Masse und positive Ladung sitzen im Kern. MeV·fm begrenzt den Kernradius.
Kerne haben den Radius mit fm und für alle dieselbe Dichte von etwa kg/m³.
Im Massenspektrographen wählt der Filter aus, danach gilt : Der Radius ist proportional zur Masse.
Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen. Paarbildung braucht mindestens , Paarvernichtung setzt Photonen frei.
Das Standardmodell kennt 6 Quarks, 6 Leptonen, ihre Antiteilchen und Austauschteilchen. Hadronen bestehen aus Quarks, die nie einzeln auftreten.
Übungen
-Teilchen mit 7,7 MeV fliegen frontal auf Gold (). Wie klein ist der Abstand der größten Annäherung in fm? Es gilt MeV·fm.
Wie groß ist der Radius des Kerns in fm (mit fm)?
In einem Massenspektrographen beschreiben -Ionen (12,000 u) einen Halbkreis mit Radius 5,0 cm. Welchen Radius in cm haben -Ionen (14,003 u) bei gleichem und ?
Aus welchen Quarks besteht ein Neutron?
Mit welcher Mindestenergie in MeV muss man ein Proton-Antiproton-Paar erzeugen (Ruheenergie je Teilchen 938 MeV)? Schreibe die Zahl ohne Punkt.
Erkläre, warum man Elektronen von einigen GeV braucht, um das Innere des Protons zu untersuchen. Das Proton hat einen Radius von etwa 1 fm.