Lektion 10.1

Atomkern und Kernreaktionen: Massendefekt, Bindungsenergie und Zerfallsgesetz

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Ein Gramm Uran-235 setzt bei vollständiger Spaltung so viel Energie frei wie knapp drei Tonnen Steinkohle. Ein verkohltes Holzstück verrät sein Alter über den Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff. Beides folgt aus dem Atomkern: aus der Energie, die ihn zusammenhält, und aus dem Gesetz, nach dem instabile Kerne zerfallen. Isotope, Strahlungsarten und Halbwertszeit kennst du aus der Mittelstufe.

Definition

Kernkräfte und einfache Kernmodelle

Die Nukleonen (Protonen und Neutronen, Anzahl AA) sitzen in einem Kern von wenigen Femtometern Radius (1 fm=10−15 m1\,\text{fm} = 10^{-15}\,\text{m}). Die Protonen stoßen sich elektrisch ab. Zusammen hält den Kern die Kernkraft (starke Wechselwirkung): Sie ist anziehend, wirkt auf alle Nukleonen gleich stark und reicht nur etwa 2 fm weit. Jedes Nukleon bindet daher nur seine nächsten Nachbarn, die Coulomb-Abstoßung wirkt dagegen auf alle Protonen.

  • Tröpfchenmodell: Der Kern ist ein geladener Flüssigkeitstropfen mit fast gleicher Dichte für alle AA. Die Bindungsenergie wächst etwa mit AA, abzüglich Oberfläche (Randnukleonen haben weniger Nachbarn), Coulomb-Abstoßung und Ungleichgewicht von Protonen und Neutronen.
  • Potenzialtopf-Modell: Protonen und Neutronen besetzen je in einem Topf diskrete Energieniveaus, jedes mit höchstens zwei gleichartigen Nukleonen (Pauli-Prinzip). Beide Töpfe füllen sich bis zur gleichen Höhe. Der Protonentopf liegt wegen der Coulomb-Abstoßung höher: Schwere Kerne haben mehr Neutronen als Protonen.
Definition

Massendefekt und Bindungsenergie

Die Masse eines Kerns ist kleiner als die Summe der Massen seiner Nukleonen. Die Differenz ist der Massendefekt Δm\Delta m. Ihm entspricht nach E=mc2E = m c^2 die Bindungsenergie EBE_B: die Energie, die zum Zerlegen des Kerns in freie Nukleonen nötig ist. Mit der atomaren Masseneinheit 1 u=1,6605⋅10−27 kg1\,\text{u} = 1{,}6605 \cdot 10^{-27}\,\text{kg} gilt 1 u⋅c2=931,5 MeV1\,\text{u} \cdot c^2 = 931{,}5\,\text{MeV}. Rechnet man mit Atommassen (Wasserstoffatom statt Proton), heben sich die Hüllenelektronen auf.

Δm=Z m(1H)+N mn−m(Atom),EB=Δm c2\Delta m = Z\,m({}^{1}\text{H}) + N\,m_n - m(\text{Atom}), \qquad E_B = \Delta m\,c^2
Beispiel

Bindungsenergie von Helium-4

Gegeben: m(1H)=1,007825 um({}^{1}\text{H}) = 1{,}007825\,\text{u}, mn=1,008665 um_n = 1{,}008665\,\text{u}, m(4He)=4,002603 um({}^{4}\text{He}) = 4{,}002603\,\text{u}. Berechne Massendefekt, Bindungsenergie und Bindungsenergie je Nukleon.

Δm=2⋅1,007825 u+2⋅1,008665 u−4,002603 u=0,030377 u\Delta m = 2 \cdot 1{,}007825\,\text{u} + 2 \cdot 1{,}008665\,\text{u} - 4{,}002603\,\text{u} = 0{,}030377\,\text{u}.

EB=0,030377⋅931,5 MeV=28,3 MeVE_B = 0{,}030377 \cdot 931{,}5\,\text{MeV} = 28{,}3\,\text{MeV}, je Nukleon 28,3 MeV:4=7,07 MeV28{,}3\,\text{MeV} : 4 = 7{,}07\,\text{MeV}.

Definition

Bindungsenergie je Nukleon

Für die Stabilität zählt EB/AE_B/A. Sie steigt für leichte Kerne steil an, hat bei A≈56A \approx 56 (Eisen, Nickel) ihr flaches Maximum von etwa 8,8 MeV und fällt zu schweren Kernen langsam ab (leichte Kerne: viel Oberfläche, schwere: starke Coulomb-Abstoßung). Beispiele: 4He^{4}\text{He} 7,1 MeV, 56Fe^{56}\text{Fe} 8,8 MeV, 235U^{235}\text{U} 7,6 MeV. Energie wird also frei, wenn schwere Kerne gespalten oder leichte verschmolzen werden: EB/AE_B/A steigt.

Definition

Nuklidkarte, Zerfallsarten und Zerfallsreihen

Die Nuklidkarte trägt jedes bekannte Nuklid als Kästchen ein: Neutronenzahl NN nach rechts, Protonenzahl ZZ nach oben. Die stabilen Nuklide bilden ein schmales Band, das für leichte Kerne bei N≈ZN \approx Z liegt und für schwere zu N>ZN > Z abknickt (208Pb^{208}\text{Pb}: Z=82Z = 82, N=126N = 126). Instabile Kerne wandeln sich in Richtung dieses Bandes um:

  • α\alpha-Zerfall (schwere Kerne): ZZ und NN sinken um 2, AA um 4.
  • β−\beta^--Zerfall (Neutronenüberschuss): n→p+e−+νˉn \to p + e^- + \bar\nu, ZZ steigt um 1, NN sinkt um 1, zum Beispiel 614C→714N+e−+νˉ^{14}_{6}\text{C} \to {}^{14}_{7}\text{N} + e^- + \bar\nu.
  • β+\beta^+-Zerfall (Protonenüberschuss): p→n+e++νp \to n + e^+ + \nu, ZZ sinkt um 1, NN steigt um 1.
  • γ\gamma-Zerfall: Ein angeregter Kern geht in den Grundzustand über.

(ν\nu, νˉ\bar\nu: Neutrino, Antineutrino, ungeladen und kaum wechselwirkend.) Schwere Kerne durchlaufen oft viele Zerfälle, die Zerfallsreihe, bis ein stabiles Nuklid erreicht ist. Nur der α\alpha-Zerfall ändert AA (um 4), daher gibt es vier Reihen mit A=4n, 4n+1, 4n+2, 4n+3A = 4n,\ 4n+1,\ 4n+2,\ 4n+3. Drei kommen in der Natur vor: die Thorium-Reihe (232Th→208Pb^{232}\text{Th} \to {}^{208}\text{Pb}), die Uran-Radium-Reihe (238U→206Pb^{238}\text{U} \to {}^{206}\text{Pb}) und die Uran-Actinium-Reihe (235U→207Pb^{235}\text{U} \to {}^{207}\text{Pb}).

Definition

Zerfallsgesetz und Halbwertszeit

Wann ein einzelner Kern zerfällt, ist zufällig. Bei vielen gleichen Kernen zerfällt jeder mit derselben Wahrscheinlichkeit λ\lambda pro Zeit (Zerfallskonstante), unabhängig von seinem Alter und praktisch unabhängig von Druck und Temperatur. In der kurzen Zeit Δt\Delta t zerfallen von NN Kernen also ΔN=−λNΔt\Delta N = -\lambda N \Delta t, kurz N˙=−λN\dot N = -\lambda N. Die Lösung (Ableiten bestätigt sie) steht unten.

Die Halbwertszeit T1/2T_{1/2} ist die Zeit, nach der die Hälfte übrig ist: e−λT1/2=12e^{-\lambda T_{1/2}} = \tfrac12, also N=N0⋅2−t/T1/2N = N_0 \cdot 2^{-t/T_{1/2}}. Die Aktivität A=−N˙=λN\mathcal{A} = -\dot N = \lambda N (Zerfälle je Sekunde, Einheit Becquerel, 1 Bq=1/s1\,\text{Bq} = 1/\text{s}) folgt demselben Gesetz.

N(t)=N0 e−λt,T1/2=ln⁡2λ,A(t)=A0 e−λtN(t) = N_0\,e^{-\lambda t}, \qquad T_{1/2} = \frac{\ln 2}{\lambda}, \qquad \mathcal{A}(t) = \mathcal{A}_0\,e^{-\lambda t}
Beispiel

Aktivität einer Iod-Probe

131I^{131}\text{I} hat T1/2=8,0 dT_{1/2} = 8{,}0\,\text{d} (Tage). Eine Probe hat zu Beginn 40 MBq40\,\text{MBq}. Bestimme a) λ\lambda, b) die Aktivität nach 20 d.

a) λ=ln⁡2/T1/2=0,693/8,0 d=0,0866 d−1\lambda = \ln 2 / T_{1/2} = 0{,}693 / 8{,}0\,\text{d} = 0{,}0866\,\text{d}^{-1}.

b) 20 d=2,5 T1/220\,\text{d} = 2{,}5\,T_{1/2}, also A=40 MBq⋅2−2,5=7,1 MBq\mathcal{A} = 40\,\text{MBq} \cdot 2^{-2{,}5} = 7{,}1\,\text{MBq}.

Definition

Absorptionsgesetz

Durchläuft Gamma- oder Röntgenstrahlung eine Schicht der Dicke dd, schwächt jede dünne Teilschicht sie um denselben Bruchteil. Wie beim Zerfall nimmt die Intensität II exponentiell ab. Der Schwächungskoeffizient μ\mu (Einheit 1/m) hängt von Material und Strahlungsenergie ab, die Halbwertsdicke d1/2d_{1/2} halbiert die Intensität. α\alpha- und β\beta-Teilchen haben dagegen eine begrenzte Reichweite.

I(d)=I0 e−μd,d1/2=ln⁡2μI(d) = I_0\,e^{-\mu d}, \qquad d_{1/2} = \frac{\ln 2}{\mu}
Definition

Kernspaltung und Kernreaktor

Trifft ein langsames (thermisches) Neutron einen 235U^{235}\text{U}-Kern, kann dieser sich in zwei mittelschwere Kerne spalten und Neutronen abgeben, etwa 92235U+n→56141Ba+3692Kr+3 n^{235}_{92}\text{U} + n \to {}^{141}_{56}\text{Ba} + {}^{92}_{36}\text{Kr} + 3\,n. Die Bruchstücke haben mit etwa 8,5 MeV je Nukleon mehr Bindungsenergie als Uran (7,6 MeV). Je Spaltung werden etwa 0,9 MeV⋅235≈200 MeV0{,}9\,\text{MeV} \cdot 235 \approx 200\,\text{MeV} frei, vor allem als Wärme.

Die Neutronen können weitere Kerne spalten (Kettenreaktion). Der Multiplikationsfaktor kk gibt an, wie viele Neutronen einer Generation in der nächsten wieder eine Spaltung auslösen: Bei k<1k < 1 erlischt die Kette, bei k=1k = 1 läuft sie gleichmäßig, bei k>1k > 1 wächst sie exponentiell. Im Kernreaktor ist das Uran der Brennstäbe auf einige Prozent 235U^{235}\text{U} angereichert. Ein Moderator (Wasser, Graphit) bremst die schnellen Spaltneutronen, denn langsame spalten 235U^{235}\text{U} viel häufiger. Steuerstäbe aus Bor oder Cadmium absorbieren Neutronen und halten k=1k = 1.

Beispiel

Energie aus einem Gramm Uran-235

Wie viel Energie setzt die vollständige Spaltung von 1,00 g1{,}00\,\text{g} 235U^{235}\text{U} frei (200 MeV je Spaltung, 1 MeV=1,602⋅10−13 J1\,\text{MeV} = 1{,}602 \cdot 10^{-13}\,\text{J})? Wie viel Steinkohle (etwa 29 MJ/kg29\,\text{MJ/kg}) entspricht das?

Kerne: N=1,00 g235 g/mol⋅6,02⋅1023 mol−1=2,56⋅1021N = \frac{1{,}00\,\text{g}}{235\,\text{g/mol}} \cdot 6{,}02 \cdot 10^{23}\,\text{mol}^{-1} = 2{,}56 \cdot 10^{21}.

Energie: E=2,56⋅1021⋅200⋅1,602⋅10−13 J=8,2⋅1010 JE = 2{,}56 \cdot 10^{21} \cdot 200 \cdot 1{,}602 \cdot 10^{-13}\,\text{J} = 8{,}2 \cdot 10^{10}\,\text{J}.

Steinkohle: 8,2⋅1010 J:2,9⋅107 J/kg≈2,8⋅103 kg8{,}2 \cdot 10^{10}\,\text{J} : 2{,}9 \cdot 10^{7}\,\text{J/kg} \approx 2{,}8 \cdot 10^{3}\,\text{kg}, etwa 2,8 Tonnen.

Definition

Altersbestimmung mit radioaktiven Nukliden

Die Radiokarbonmethode nutzt 14C^{14}\text{C}, das in der Atmosphäre durch Neutronen der kosmischen Strahlung entsteht: 714N+n→614C+p^{14}_{7}\text{N} + n \to {}^{14}_{6}\text{C} + p. Es ist ein β−\beta^--Strahler mit T1/2=5730 aT_{1/2} = 5730\,\text{a}. Lebende Organismen nehmen es mit dem Kohlendioxid auf, sein Anteil am Kohlenstoff ist annähernd konstant. Nach dem Tod sinkt er nach dem Zerfallsgesetz. Aus der Aktivität A\mathcal{A} je Gramm Kohlenstoff im Vergleich zur Aktivität A0\mathcal{A}_0 lebenden Materials folgt das Alter tt. Grenzen: Der 14C^{14}\text{C}-Anteil der Atmosphäre hat geschwankt (Eichung mit Baumringen), und nach etwa 50 000 Jahren ist zu wenig übrig. Gesteine datiert man mit langlebigen Nukliden wie 238U^{238}\text{U} (Verhältnis Blei zu Uran).

t=T1/2 ln⁡(A0/A)ln⁡2t = T_{1/2}\,\frac{\ln(\mathcal{A}_0/\mathcal{A})}{\ln 2}
Beispiel

Alter einer Holzkohle

Holzkohle aus einer Feuerstelle hat je Gramm Kohlenstoff noch 60 % der Aktivität lebenden Holzes. Wie alt ist sie?

t=5730 a⋅ln⁡(1/0,6)/ln⁡2=5730 a⋅0,511/0,693=4,2⋅103 at = 5730\,\text{a} \cdot \ln(1/0{,}6) / \ln 2 = 5730\,\text{a} \cdot 0{,}511 / 0{,}693 = 4{,}2 \cdot 10^{3}\,\text{a}.

Häufige Fehler

Nach zwei Halbwertszeiten ist alles zerfallen

„Nach zwei Halbwertszeiten ist nichts mehr da.“

Richtig ist

Nach jeder Halbwertszeit halbiert sich der Rest. Nach zwei sind noch 25 % übrig, nach zehn noch etwa 0,1 %.

Häufige Fehler

Mehr Bindungsenergie heißt fester gebunden

„Uran-235 hat 1784 MeV Bindungsenergie, Eisen-56 nur 492 MeV. Also sind die Nukleonen im Uran fester gebunden.“

Richtig ist

Die gesamte Bindungsenergie wächst mit AA. Verglichen wird EB/AE_B/A: Eisen hat 8,8 MeV, Uran 7,6 MeV. Eisen ist fester gebunden.

Zusammenfassung

  • Die Kernkraft ist anziehend und kurzreichweitig. Tröpfchen- und Potenzialtopf-Modell erklären Bindungsenergie und Neutronenüberschuss.

  • Der Massendefekt ergibt die Bindungsenergie EB=Δm c2E_B = \Delta m\,c^2. EB/AE_B/A ist bei Eisen und Nickel am größten; Spaltung schwerer und Fusion leichter Kerne setzen Energie frei.

  • Kerne wandern durch α\alpha- und β\beta-Zerfall zum Stabilitätsband der Nuklidkarte, die drei natürlichen Zerfallsreihen enden bei stabilem Blei.

  • Zerfallsgesetz N=N0e−λtN = N_0 e^{-\lambda t} mit T1/2=ln⁡2/λT_{1/2} = \ln 2/\lambda; das Absorptionsgesetz I=I0e−μdI = I_0 e^{-\mu d} hat dieselbe Form.

  • Der Reaktor hält k=1k = 1. Die Radiokarbonmethode liefert das Alter aus A0/A\mathcal{A}_0/\mathcal{A}.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Berechne die Bindungsenergie des Deuterons (Kern von 2H^{2}\text{H}) in MeV. Atommassen: m(1H)=1,007825 um({}^{1}\text{H}) = 1{,}007825\,\text{u}, mn=1,008665 um_n = 1{,}008665\,\text{u}, m(2H)=2,014102 um({}^{2}\text{H}) = 2{,}014102\,\text{u}; 1 u c2=931,5 MeV1\,\text{u}\,c^2 = 931{,}5\,\text{MeV}.

Aufgabe 2Numerisch

Die Thorium-Reihe führt von 232Th^{232}\text{Th} (Z=90Z = 90) zu 208Pb^{208}\text{Pb} (Z=82Z = 82). Wie viele β−\beta^--Zerfälle gehören dazu?

Aufgabe 3Multiple Choice

Bei welchem Vorgang wird Energie frei?

Aufgabe 4Numerisch

Angenommen, die Halbwertsdicke von Blei für eine Gammastrahlung beträgt 0,60 cm. Wie dick (in cm) muss die Bleischicht sein, damit die Intensität auf 1/161/16 sinkt?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, wozu ein Kernreaktor einen Moderator und Steuerstäbe braucht.