Soziotechnische Systeme, Technikfolgen und Technikbewertung
Ein Pflegeheim will in jedem Zimmer eine Kamera mit Sturzerkennung einbauen. Stürzt eine Bewohnerin, meldet das System das sofort an das Pflegepersonal. Das kann helfen, denn wer nach einem Sturz lange liegt, kann zusätzliche Schäden erleiden. Zugleich filmt die Kamera Menschen in dem Raum, der ihnen am meisten gehört.
Soll das Heim die Kameras einbauen? Eine Messung am Gerät beantwortet das nicht. Man muss das Gerät, die Menschen und die Regeln um sie herum zusammen betrachten und die Folgen gegeneinander abwägen. Diese Lektion liefert Begriffe und ein Vorgehen dafür.
Technik, Technologie und Artefakt
Technik meint zunächst die vom Menschen geschaffenen Gegenstände, die Artefakte: Werkzeuge, Maschinen, Gebäude, Geräte, Software. Im weiteren Sinn gehören die Handlungen dazu, mit denen man sie herstellt und verwendet, und das Wissen, das dafür nötig ist. Technik hat also drei Seiten: die Gegenstände (Sachsysteme), das Herstellen und Verwenden (Handlungen) und das Wissen.
Technologie bedeutet ursprünglich die Lehre von der Technik. Heute nennt man so auch die Gesamtheit der Verfahren und Kenntnisse eines Feldes, etwa die Batterietechnologie.
Soziotechnisches System
Ein technisches Gerät wirkt nie allein. Ein soziotechnisches System besteht aus drei Teilen, die zusammenwirken: dem technischen Teil (Geräte, Software, Leitungen), den Menschen (Nutzende, Betreibende, Betroffene) und den Regeln (Gesetze, Verträge, Arbeitsabläufe, Gewohnheiten). Das System steht in einer Umwelt, die es beeinflusst und von der es beeinflusst wird.
Ob ein System nützt oder schadet, hängt deshalb nicht nur von der Technik ab. Dieselbe Sturzerkennung wirkt anders, wenn das Personal Zeit für jede Meldung hat, als wenn es überlastet ist und Meldungen übergeht.
Der Hausnotruf als soziotechnisches System
Der Hausnotruf als soziotechnisches System
Ein Hausnotruf besteht aus einem Funkarmband und einer Basisstation in der Wohnung. Wer den Knopf drückt, wird mit einer Notrufzentrale verbunden. Ordne die Teile den drei Seiten zu.
| Teil des Systems | Im Beispiel |
|---|---|
| Technischer Teil | Armband, Basisstation, Telefon- oder Mobilfunknetz, Software der Zentrale |
| Menschen | die Nutzerin, Angehörige, das Personal der Zentrale, der Rettungsdienst |
| Regeln | Vertrag mit dem Anbieter, Datenschutz, festgelegter Ablauf bei einem Alarm, Absprache, wer einen Wohnungsschlüssel hat |
| Umwelt | Netzabdeckung, Bauart der Wohnung, Verkehr auf dem Weg des Rettungsdienstes |
Ein Ausfall kann an jedem Teil liegen: ein leerer Akku (Technik), ein Armband, das im Bad liegt (Mensch), eine fehlende Absprache über den Schlüssel (Regel).
Technikfolgenabschätzung und Technikbewertung
Technik hat gewollte Folgen und Nebenfolgen, kurzfristige und langfristige, bei Nutzenden und bei Dritten. Die Technikfolgenabschätzung erfasst diese Folgen möglichst vollständig, bevor eine Technik breit eingesetzt wird. Sie fragt: Wer ist betroffen, was ändert sich? Folgen sind Vorhersagen und daher unsicher.
Die Technikbewertung beurteilt die abgeschätzten Folgen nach Werten. Das ist ein anderer Schritt: Aussagen über Folgen sind Tatsachenfragen und lassen sich prüfen. Die Bewertung ist eine Wertfrage, sie hängt davon ab, was man für wichtig hält. Als Maßstäbe nennt die VDI-Richtlinie 3780 acht Werte: Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit, Umweltqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität.
Wertkonflikt und Vorrangregel
Ein Wertkonflikt liegt vor, wenn zwei Werte nicht zugleich voll erfüllt werden können. Bei der Sturzkamera stehen Sicherheit und Gesundheit gegen die Persönlichkeitsentfaltung, zu der Selbstbestimmung und Privatsphäre gehören.
Eine Vorrangregel legt fest, welcher Wert im Konfliktfall zuerst zählt. Häufig vertreten wird: Der Schutz von Leben und Gesundheit geht der Wirtschaftlichkeit vor. Vorrangregeln sind begründete Festlegungen, keine Naturgesetze, und sie gelten nicht ausnahmslos: Auch mit dem Wert Sicherheit lässt sich nicht jede Überwachung rechtfertigen.
Technikethische Fallanalyse: die Sturzkamera
Technikethische Fallanalyse: die Sturzkamera
Das Pflegeheim wird in festen Schritten analysiert. Das Ergebnis ist eine begründete Empfehlung, keine Rechnung.
| Schritt | Leitfrage | Ergebnis im Fall |
|---|---|---|
| Fall | Was ist zu entscheiden, welche Optionen gibt es? | Kamera ja oder nein; Alternativen: Bodensensor, Notrufarmband, häufigere Rundgänge |
| Betroffene | Wer ist betroffen? | Bewohnende, Angehörige, Pflegepersonal, Heimträger |
| Folgen | Was ändert sich, wahrscheinlich und möglich? | schnellere Hilfe; Gefühl ständiger Beobachtung; Risiko für gespeicherte Bilder; Kosten |
| Werte | Welche Werte stehen im Konflikt? | Sicherheit und Gesundheit gegen Persönlichkeitsentfaltung; außerdem Wirtschaftlichkeit |
| Abwägung | Welche Option erfüllt die Werte am besten? | Ein Bodensensor erkennt Stürze ohne Bild und löst den Konflikt weitgehend |
| Urteil | Empfehlung mit Begründung | Sensor statt Kamera; Bewohnende entscheiden mit |
Entscheidend ist die Abwägung. Erfüllt eine Option beide Werte weitgehend, löst sich der Konflikt auf. Gibt es keine solche Option, entscheidet eine begründete Vorrangregel.
Veränderung des Lebens und Assistenzsysteme
Technische Systeme verändern Arbeit, Mobilität, Wohnen und Kommunikation. Assistenzsysteme unterstützen Menschen bei einer Aufgabe, ohne sie vollständig zu ersetzen. Beispiele sind der Notbremsassistent im Auto, der Sprachassistent im Haushalt und der Sturzsensor im Pflegeheim. Die Verantwortung bleibt meist beim Menschen.
Chancen: Entlastung, mehr Sicherheit, mehr Teilhabe, etwa wenn ältere Menschen länger selbstständig wohnen. Risiken: Abhängigkeit vom System, Verlernen eigener Fähigkeiten, Fehlalarme, die zu Misstrauen führen, und gesammelte Daten.
Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte
Eine technische Entwicklung lässt sich unter drei Aspekten beurteilen, die zusammen die Nachhaltigkeit bilden. Ökologisch fragt nach Belastung von Luft, Wasser, Boden, Klima und Rohstoffvorräten. Ökonomisch fragt nach Kosten, Nutzen, Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit. Sozial fragt nach Gerechtigkeit, Gesundheit, Teilhabe und Arbeitsbedingungen.
Die Aspekte geraten oft in Konflikt: Eine günstige Technik kann viele Ressourcen verbrauchen, eine umweltfreundliche kann teuer sein und sich nur Wohlhabende leisten können. Zum Vergleich von Optionen nutzt man eine gewichtete Bewertung.
Gewichtete Bewertung: Dieselbus oder Elektrobus
Gewichtete Bewertung: Dieselbus oder Elektrobus
Eine Stadt vergleicht zwei Busse für eine Linie. Für jedes Kriterium vergibt sie Punkte von 0 (schlecht) bis 10 (sehr gut) und ein Gewicht g, das die Wichtigkeit angibt; die Gewichte ergeben zusammen 1. Alle Zahlen sind angenommen.
| Kriterium | Gewicht g | Dieselbus | Elektrobus |
|---|---|---|---|
| Wirtschaftlichkeit | 0,3 | 8 | 6 |
| Umweltqualität | 0,4 | 3 | 8 |
| Funktionsfähigkeit | 0,3 | 9 | 6 |
Der Nutzwert N ist die Summe aus Gewicht mal Punkten:
Dieselbus: 0,3 · 8 + 0,4 · 3 + 0,3 · 9 = 2,4 + 1,2 + 2,7 = 6,3. Elektrobus: 0,3 · 6 + 0,4 · 8 + 0,3 · 6 = 1,8 + 3,2 + 1,8 = 6,8. Der Elektrobus liegt vorn.
Setzt die Stadt die Gewichte auf 0,5 für Wirtschaftlichkeit, 0,2 für Umweltqualität und 0,3 für Funktionsfähigkeit, ergibt sich beim Dieselbus 4,0 + 0,6 + 2,7 = 7,3 und beim Elektrobus 3,0 + 1,6 + 1,8 = 6,4. Jetzt liegt der Dieselbus vorn, obwohl sich an den Bussen nichts geändert hat. Die Gewichte sind Wertentscheidungen. Die Rechnung macht sie sichtbar, sie nimmt sie nicht ab.
Technik ist neutral
Technik ist neutral
„Technik ist weder gut noch schlecht. Es kommt nur darauf an, was man damit macht.“
Die Nutzung zählt, aber Technik ist nicht neutral. Schon bei der Gestaltung wird entschieden, was einfach, billig oder überhaupt möglich ist, und Systeme haben oft Nebenfolgen, die niemand beabsichtigt hat. Darum bewertet man Entwicklung und Einführung, nicht erst die Nutzung.
Eine Punktebewertung ist objektiv
Eine Punktebewertung ist objektiv
„Der Elektrobus hat 6,8 Punkte, der Dieselbus 6,3. Also ist der Elektrobus objektiv besser.“
Das Ergebnis gilt nur für die gewählten Kriterien, Punkte und Gewichte. Wer die Gewichte ändert, ändert das Ergebnis. Darum legt man Kriterien und Gewichte offen und begründet sie.
Zusammenfassung
Technik umfasst Artefakte, ihr Herstellen und Verwenden und das zugehörige Wissen.
Ein soziotechnisches System besteht aus technischem Teil, Menschen und Regeln in einer Umwelt. Seine Wirkung hängt von allen drei Teilen ab.
Technikfolgenabschätzung erfasst mögliche Folgen, Technikbewertung beurteilt sie nach Werten, etwa nach den acht Werten der VDI-Richtlinie 3780.
Ein Wertkonflikt entsteht, wenn zwei Werte nicht zugleich voll erfüllbar sind. Eine begründete Vorrangregel legt fest, welcher Wert zuerst zählt.
Die technikethische Fallanalyse geht in Schritten vor: Fall, Betroffene, Folgen, Werte, Abwägung, Urteil.
Assistenzsysteme entlasten und sichern, können aber Abhängigkeit, Fehlalarme und Datensammlung mit sich bringen.
Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte stehen oft im Konflikt. Eine gewichtete Bewertung macht die Wertentscheidung sichtbar, sie ersetzt sie nicht.
Übungen
Ein Fahrradverleih per App ist ein soziotechnisches System. Welcher Teil gehört zu den Regeln?
Welche Aussage ist eine Technikbewertung und keine Folgenabschätzung?
Zwei Fahrradständer-Systeme werden bewertet, Punkte von 0 bis 10, mehr ist besser. Gewichte: Kosten 0,5, Sicherheit 0,3, Komfort 0,2. System X erhält 6 Punkte für Kosten, 9 für Sicherheit und 5 für Komfort. Wie groß ist der Nutzwert von System X?
Eine Firma verzichtet auf eine günstigere Bauweise, weil sie die Gesundheit der Nutzenden gefährden würde. Welche Vorrangregel liegt dem zugrunde?
Ein Lieferdienst will Fahrdrohnen einsetzen. Nenne je einen ökologischen, einen ökonomischen und einen sozialen Aspekt und einen Wertkonflikt, der daraus entstehen kann.