Lektion 1.2

Technische Systeme analysieren, modellieren und optimieren

18 min Lesezeit

Ein Kaffeevollautomat fällt aus. Der Techniker öffnet ihn, folgt dem Weg von Wasser, Bohnen und Strom und findet die defekte Pumpe. Ein Ingenieur, der die Maschine verbessern soll, geht anders vor. Er fragt: Was geht hinein, was kommt heraus, wie viel Energie geht verloren, und welche Stelle bremst den Ablauf?

Diese Lektion zeigt Begriffe, mit denen sich jedes technische System beschreiben, bewerten und verbessern lässt, vom Elektromotor bis zum Stromnetz.

Definition

System, Input, Output, Struktur und Funktion

Ein technisches System ist eine Gesamtheit von Elementen, die durch Beziehungen verbunden sind und zusammen eine Aufgabe erfüllen. Die Systemgrenze trennt es von der Umgebung. Über diese Grenze gehen Eingangsgrößen (Input) hinein und Ausgangsgrößen (Output) heraus. Sie gehören einer von drei Arten an: Stoff (Material, Wasser, Bohnen), Energie (Strom, Wärme, Bewegung) oder Information (Signale, Daten, Befehle).

Die Struktur eines Systems sind seine Elemente und deren Verbindungen. Die Funktion ist der Zusammenhang zwischen Input und Output, also das, was das System aus dem Input macht. Beim Kaffeevollautomaten sind Wasser, Bohnen, Strom und Tastendruck der Input. Kaffee, Kaffeesatz, Abwärme und Anzeige sind der Output.

Definition

9-Felder-Matrix

Ein System kann Stoff, Energie oder Information wandeln, transportieren oder speichern. Daraus entsteht eine Tabelle mit neun Feldern, die 9-Felder-Matrix. Sie ordnet Systeme nach ihrer Hauptaufgabe ein.

Umsatz vonWandelnTransportierenSpeichern
StoffDrehmaschine, HochofenFörderband, RohrleitungSilo, Lager
EnergieGenerator, ElektromotorStromleitung, AntriebswelleAkku, Pumpspeicher
InformationRechner, SensorDatenkabel, FunkstreckeFestplatte, Buch

Viele Geräte gehören in mehrere Felder. Ein Smartphone wandelt, transportiert und speichert Information. Man wählt dann das Feld der Hauptaufgabe.

Definition

Systemtheorie, Black-Box und Rückkopplung

Die Systemtheorie beschreibt Systeme allgemein durch Elemente, Beziehungen, Input und Output. So lassen sich Maschinen, Betriebe und Lebewesen mit denselben Begriffen untersuchen. Ist nur das Verhältnis von Input und Output bekannt, aber nicht der innere Aufbau, spricht man von einer Black-Box: Man misst Input und Output und schließt auf die Funktion. Ist die Struktur bekannt, ist es eine White-Box.

Bei einer Rückkopplung wirkt der Output auf den Input zurück. Eine Gegenkopplung wirkt dem Ergebnis entgegen und stabilisiert: Der Thermostat schaltet die Heizung ab, sobald die Raumtemperatur den Sollwert erreicht. Eine Mitkopplung verstärkt das Ergebnis: Das Mikrofon nimmt das Pfeifen aus dem Lautsprecher auf und verstärkt es weiter.

Definition

Analyse eines technischen Systems

Für die Analyse eines einzelnen Systems stellst du fünf Fragen:

  • Historische Einordnung: Wann entstand das System, welches Problem löste es, welche Vorgänger gab es?
  • Prozessabläufe: Welche Schritte durchläuft der Input bis zum Output?
  • Gesetzmäßigkeiten: Welche physikalischen oder technischen Gesetze bestimmen das Verhalten, zum Beispiel Energieerhaltung oder das Ohmsche Gesetz?
  • Betrieb oder Simulation: Wie verhält sich das System im Einsatz? Ist Messen zu teuer oder zu gefährlich, rechnet man das Verhalten an einem Modell am Rechner nach. Das heißt Simulation.
  • Betriebskennwerte: Zahlen, die das Verhalten beschreiben, etwa Leistung, Durchsatz (Stück je Stunde), Verfügbarkeit (Anteil der Zeit, in der das System betriebsbereit ist) und der Wirkungsgrad, der angibt, welcher Anteil der zugeführten Leistung als Nutzleistung ankommt.
Beispiel

Betriebskennwerte eines Elektromotors

Ein Elektromotor nimmt im Betrieb 1,5 kW elektrische Leistung auf und gibt an der Welle 1,2 kW mechanische Leistung ab. Bestimme Wirkungsgrad und Verlustleistung.

η=PabPzu=1,2 kW1,5 kW=0,8\eta = \frac{P_{\text{ab}}}{P_{\text{zu}}} = \frac{1{,}2\,\text{kW}}{1{,}5\,\text{kW}} = 0{,}8

Der Wirkungsgrad η\eta (eta) ist das Verhältnis der abgegebenen zur zugeführten Leistung. Hier ist er 0,8, also 80 %. Die Verlustleistung ist 1,5 kW−1,2 kW=0,3 kW1{,}5\,\text{kW} - 1{,}2\,\text{kW} = 0{,}3\,\text{kW}. Sie verlässt das System als Wärme.

Definition

Montage und Demontage

Die Montage fügt Teile in einer festgelegten Montagefolge zu Baugruppen und zum fertigen System zusammen. Die Demontage zerlegt ein System wieder. Sie dient der Analyse (Aufbau und Aufgabe der Teile verstehen), der Reparatur und dem Recycling.

Lösbare Verbindungen wie Schrauben lassen sich zerstörungsfrei trennen. Unlösbare Verbindungen wie Schweißen oder Kleben lassen sich nur durch Zerstören trennen. Wer später reparieren oder recyceln will, wählt nach Möglichkeit lösbare Verbindungen.

Definition

Optimierung von Prozessen

Optimieren heißt, einen Prozess hinsichtlich einer Zielgröße zu verbessern und dabei vorgegebene Randbedingungen einzuhalten. Zielgrößen sind zum Beispiel Durchlaufzeit, Energieverbrauch, Ausschuss oder Kosten. Das Vorgehen: Zielgröße festlegen, messen, den Engpass suchen, dort ändern und erneut messen. Der Engpass ist die Stelle, die den Durchsatz des Gesamtablaufs begrenzt. Eine Verbesserung an anderer Stelle erhöht den Durchsatz nicht.

Beispiel

Der Engpass einer Fertigungslinie

Drei Stationen arbeiten hintereinander, jede an einem anderen Teil. Pro Teil brauchen sie: Station 1 40 s, Station 2 60 s, Station 3 30 s. Ein Teil wird weitergereicht, sobald die nächste Station frei ist. Die Zahlen sind angenommen. Wie viele Teile schafft die Linie im gleichmäßigen Betrieb je Stunde? Was bringt es, Station 2 auf 36 s zu verkürzen?

Die langsamste Station bestimmt den Takt. Station 2 braucht 60 s je Teil, also verlässt alle 60 s ein Teil die Linie. Eine Stunde hat 3600 s, und 3600 : 60 = 60 Teile je Stunde.

Mit 36 s an Station 2 ist Station 1 mit 40 s die langsamste. Dann gilt 3600 : 40 = 90 Teile je Stunde. Eine weitere Verkürzung von Station 2 brächte nichts mehr, weil Station 1 bremst: Der Engpass ist gewandert.

Definition

Systeme im Verbundbetrieb

Viele Systeme arbeiten nicht allein. Im Verbundbetrieb wirken mehrere Systeme zusammen, um eine Gesamtfunktion zu erfüllen. Das Stromnetz mit Kraftwerken, Speichern, Leitungen und Verbrauchern ist ein Beispiel. Man zerlegt das Gesamtsystem in Subsysteme, die selbst Systeme mit eigener Struktur sind. Ein Auto hat zum Beispiel Antrieb, Fahrwerk, Karosserie und Bordelektronik.

Die Struktur des Verbunds zeigt, welches Subsystem mit welchem verbunden ist. Man modelliert sie als Blockschaltbild: Jedes Subsystem ist ein Kasten, Pfeile zeigen Stoff-, Energie- und Informationsflüsse. Das Modell lässt Einzelheiten weg und zeigt nur, was für die Frage wichtig ist. Die Verbindungsstellen heißen Schnittstellen. Sie legen fest, was in welcher Form ausgetauscht wird: Stecker und Maße, Spannung und Strom, Datenformat. Klare Schnittstellen erlauben es, Subsysteme einzeln zu entwickeln und auszutauschen.

Definition

Ersatzschaltbild und Freischnitt (nur Leistungskurs)

Nur im Leistungskurs (erhöhtes Niveau). Ein Modell ersetzt ein reales System durch ein einfacheres, das für die Frage genügt. Ein Ersatzschaltbild stellt ein elektrisches Bauteil als Schaltung aus idealen Elementen dar. Eine reale Batterie hat einen Innenwiderstand RiR_i. Ihr Ersatzschaltbild ist eine ideale Spannungsquelle U0U_0 in Reihe mit RiR_i.

Beispiel: U0=9 VU_0 = 9\,\text{V}, Ri=2 ΩR_i = 2\,\Omega, angeschlossen ist ein Verbraucher mit R=16 ΩR = 16\,\Omega. Der Strom ist I=U0/(Ri+R)=9 V/18 Ω=0,5 AI = U_0 / (R_i + R) = 9\,\text{V} / 18\,\Omega = 0{,}5\,\text{A}. Die Klemmenspannung ist U=I⋅R=8 VU = I \cdot R = 8\,\text{V}. Ein Volt fällt am Innenwiderstand ab.

Der Freischnitt ist das entsprechende Modell der Mechanik: Man denkt sich ein Bauteil aus dem System herausgeschnitten und ersetzt alles, was es hält oder belastet, durch Kräfte. So lassen sich die Kräfte an diesem Teil getrennt untersuchen. Die Berechnungen selbst gehören zur technischen Mechanik.

Häufige Fehler

Ein hoher Wirkungsgrad bedeutet viel Leistung

„Der Motor hat einen Wirkungsgrad von 90 %, also gibt er viel Leistung ab.“

Richtig ist

Der Wirkungsgrad ist ein Verhältnis. Ein kleiner Motor mit 50 W Abgabe kann einen hohen Wirkungsgrad haben, ein großer einen niedrigen. Der Rest der zugeführten Leistung wird zu Wärme.

Häufige Fehler

Schneller an jeder Station bedeutet mehr Durchsatz

„Wir beschleunigen alle Stationen ein wenig, dann steigt der Durchsatz der Linie.“

Richtig ist

Den Durchsatz bestimmt der Engpass. Verbesserungen an anderen Stationen ändern den Takt der Linie nicht. Erst wenn der Engpass schneller wird, steigt der Durchsatz, bis die nächste Station zum Engpass wird.

Zusammenfassung

  • Ein technisches System hat eine Systemgrenze, Input und Output (Stoff, Energie, Information), eine Struktur und eine Funktion.

  • Die 9-Felder-Matrix ordnet Systeme nach Stoff, Energie oder Information und danach, ob sie wandeln, transportieren oder speichern.

  • Bei einer Black-Box sind nur Input und Output bekannt. Gegenkopplung stabilisiert ein System, Mitkopplung verstärkt es.

  • Die Analyse fragt nach historischer Einordnung, Prozessablauf, Gesetzmäßigkeiten, Betrieb oder Simulation und Betriebskennwerten wie dem Wirkungsgrad.

  • Montage und Demontage dienen Aufbau, Analyse, Reparatur und Recycling; lösbare Verbindungen erleichtern die Demontage.

  • Optimieren heißt, eine Zielgröße zu verbessern. Man sucht den Engpass, denn er bestimmt den Durchsatz.

  • Systeme im Verbundbetrieb werden in Subsysteme gegliedert und als Blockschaltbild modelliert. Schnittstellen legen den Austausch fest.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

In welches Feld der 9-Felder-Matrix gehört ein Akku?

Aufgabe 2Numerisch

Eine Pumpe nimmt 800 W elektrische Leistung auf und gibt 600 W hydraulische Leistung ab. Wie groß ist ihr Wirkungsgrad in Prozent?

Aufgabe 3Multiple Choice

Eine unbekannte Schaltung liefert bei 2 V Eingangsspannung 6 V Ausgangsspannung und bei 3 V Eingangsspannung 9 V. Was lässt sich als Black-Box sagen?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Linie hat vier Stationen mit 25 s, 45 s, 30 s und 36 s je Teil. Die Station mit 45 s wird auf 28 s verkürzt. Wie viele Teile schafft die Linie danach je Stunde im gleichmäßigen Betrieb?

Aufgabe 5Freitext

Beschreibe einen Kühlschrank als System. Nenne je zwei Eingangs- und Ausgangsgrößen mit ihrer Art (Stoff, Energie, Information) und beschreibe die Rückkopplung.