Lektion 6.1

Elektrostatik: Ladung, Ladungstrennung und elektrisches Feld

16 min Lesezeit

Im Winter ziehst du einen Wollpulli aus. Es knistert, und im Dunkeln siehst du kleine Funken. Ein Luftballon, den du an deinen Haaren reibst, bleibt an der Wand hängen, und die Haare stehen ab. An der Türklinke gibt es manchmal einen kleinen Schlag. Ein Blitz ist im Prinzip derselbe Vorgang, nur sehr viel größer.

Was passiert beim Reiben? Warum ziehen sich Körper an oder stoßen sich ab, ohne sich zu berühren? Du lernst, was elektrische Ladung ist, woher sie kommt und wie man ihre Wirkung beschreibt.

Definition

Reibungselektrizität und die zwei Ladungsarten

Reibst du einen Kunststoffstab mit einem Wolltuch, zieht er danach kleine Papierschnipsel an. Er ist elektrisch geladen. Man sagt auch: Er trägt eine Ladung, Zeichen QQ. Weil das Reiben die Ladung hervorbringt, heißt der Vorgang Reibungselektrizität.

Zwei gleiche, geriebene Kunststoffstäbe stoßen sich ab. Ein Glasstab, den du mit einem Seidentuch gerieben hast, zieht dagegen den Kunststoffstab an. Zwei geriebene Glasstäbe stoßen sich wieder ab. Es gibt also zwei Ladungsarten. Man nennt sie positiv (+) und negativ (−). Der Glasstab trägt positive, der Kunststoffstab negative Ladung. Es gilt:

Gleichnamige Ladungen stoßen sich ab, ungleichnamige ziehen sich an.

Ein Körper, der gleich viel positive und negative Ladung trägt, ist ungeladen. Ihre Wirkungen heben sich auf. Je größer die Ladungen und je kleiner ihr Abstand, desto stärker ist die Kraft.

Definition

Kern-Hülle-Modell und Elementarladung

Alle Stoffe bestehen aus Atomen (Teilchenmodell). Nach dem Kern-Hülle-Modell hat ein Atom einen winzigen Kern in der Mitte und eine Hülle drumherum. Im Kern sitzen positiv geladene Protonen und ungeladene Neutronen. In der Hülle bewegen sich negativ geladene Elektronen. Ein Atom hat gleich viele Protonen wie Elektronen und ist darum nach außen ungeladen. Die Protonen bleiben fest im Kern. Elektronen der äußeren Hülle können dagegen abgegeben oder aufgenommen werden.

Ein Elektron und ein Proton tragen gleich große Ladungen mit entgegengesetztem Vorzeichen. Diese Menge heißt Elementarladung ee. Frei kommt keine kleinere Ladung vor, jede Ladung ist ein Vielfaches davon. Gemessen wird die Ladung in Coulomb (C). Die Elementarladung ist winzig: e≈1,6⋅10−19e \approx 1{,}6 \cdot 10^{-19} C. Das ist 0,00000000000000000016 C. Umgekehrt entspricht 1 C etwa 6,2⋅10186{,}2 \cdot 10^{18} Elementarladungen.

Definition

Ladungstrennung

Beim Reiben entsteht keine Ladung aus dem Nichts. Elektronen wechseln von einem Stoff zum anderen. Der Stoff, der Elektronen aufnimmt, hat einen Elektronenüberschuss und ist negativ geladen. Der Stoff, der Elektronen abgibt, hat einen Elektronenmangel und ist positiv geladen. Beim Kunststoffstab und Wolltuch gehen Elektronen vom Tuch zum Stab. Beim Glasstab und Seidentuch gehen sie vom Glas zur Seide.

Die Ladungen werden also nur getrennt. Die Summe aller Ladungen ändert sich nicht. Hat der Stab eine bestimmte negative Ladung, hat das Tuch genau die gleiche positive.

Beispiel

Wer hat welche Ladung?

Ein Glasstab wird mit einem Seidentuch gerieben und ist danach positiv geladen. Stell dir vor, dabei sind 8 Elektronen gewandert. (In Wirklichkeit sind es unvorstellbar viele mehr.) Welche Ladung hat das Tuch? Welche Teilchen sind wohin gewandert?

Der Stab ist positiv, also fehlen ihm Elektronen. Er hat 8 Elektronen abgegeben. Sie sind auf das Tuch gewandert. Protonen bleiben im Kern und wandern nicht. Der Stab hat die Ladung +8 e. Das Tuch hat 8 Elektronen zu viel, also −8 e. Die Summe ist +8 e − 8 e = 0.

Definition

Leiter und Nichtleiter

In Metallen sind manche Elektronen frei beweglich. Metalle sind darum Leiter: Die Ladung verteilt sich über den ganzen Körper. Berührst du einen geladenen Metallkörper mit der Hand, fließt die Ladung über deinen Körper zur Erde ab. Der Körper ist entladen. In Nichtleitern wie Kunststoff, Glas und trockener Luft sind die Elektronen an ihre Atome gebunden. Die Ladung bleibt dort, wo sie entstanden ist. Darum lädst du einen Kunststoffstab in der Hand auf, einen Metallstab dagegen nur an einem Griff aus Kunststoff.

Ein Funke ist eine plötzliche Entladung. Dabei gleichen sich sehr viele Ladungen auf einmal durch die Luft hindurch aus, die dann kurz leitet.

Definition

Elektrisches Feld und Feldlinien

Geladene Körper wirken aufeinander, auch ohne sich zu berühren. Den Raum um einen geladenen Körper, in dem Kräfte auf andere Ladungen wirken, nennt man elektrisches Feld. Sehen kannst du es nicht. Zeichnen kannst du es mit Feldlinien. Eine Feldlinie zeigt, in welche Richtung eine kleine positive Probeladung (eine Ladung zum Ausprobieren) gedrückt würde.

  • Feldlinien beginnen an positiven Ladungen und enden an negativen.
  • Je dichter die Feldlinien liegen, desto stärker ist das Feld und damit die Kraft.
  • Feldlinien kreuzen sich nie.

Eine einzelne Ladung hat Feldlinien, die strahlenförmig nach außen (positiv) oder innen (negativ) laufen. Bei zwei entgegengesetzten Ladungen laufen sie in Bögen von der positiven zur negativen. Zwischen zwei parallelen Platten laufen sie gerade und parallel, das Feld ist dort überall gleich stark. Feldlinien sind ein Modell. Im Raum gibt es keine Linien.

Das Feld zweier Ladungen

Du siehst Ladung 1 (positiv) und Ladung 2 (negativ) und ihre Feldlinien. Ziehe eine Ladung näher an die andere und beobachte, wie sich die Linien ändern. Stelle das "Vorzeichen" von Ladung 1 auf "negativ": Beide Ladungen sind gleichnamig, und die Linien laufen nicht mehr von einer zur anderen. Die Zahlen unter dem Bild kannst du hier überlesen.

Definition

Kondensator als Ladungsspeicher

Ein Kondensator besteht aus zwei Metallplatten, die dicht gegenüberstehen und sich nicht berühren. Dazwischen ist ein Nichtleiter, zum Beispiel Luft. Verbindest du die Platten mit den Polen einer Batterie, fließen Elektronen auf die eine Platte und von der anderen weg. Eine Platte wird negativ, die andere positiv. Zwischen ihnen entsteht ein Feld mit parallelen Feldlinien.

Trennst du die Batterie ab, bleibt die Ladung gespeichert. Sie kann nicht durch den Nichtleiter zwischen den Platten. Verbindest du die Platten später über eine Lampe, fließen die Elektronen zurück, und die Lampe blitzt kurz auf. Der Kondensator entlädt sich und gibt die gespeicherte Energie ab. Im Blitzgerät einer Kamera lädt sich ein Kondensator langsam auf und entlädt sich in einem Moment.

Beispiel

Abstoßung oder Anziehung?

Ein Kunststoffstab A ist negativ geladen. Ein Körper B stößt ihn ab. Ein Körper C zieht ihn an. Was kannst du jeweils über die Ladung von B und C sagen?

B: Abstoßung gibt es nur bei gleichnamigen Ladungen. B ist negativ geladen.

C: Anziehung kann zwei Ursachen haben. C ist positiv geladen, oder C ist ungeladen. Ein geladener Körper zieht auch ungeladene, leichte Körper an, zum Beispiel Papierschnipsel. Anziehung beweist darum noch keine Ladung. Nur die Abstoßung ist ein sicherer Beweis.

Häufige Fehler

Das angezogene Papier ist geladen

„Der geriebene Stab zieht Papierschnipsel an, also sind sie positiv geladen.“

Richtig ist

Das Papier ist ungeladen. Der negative Stab verschiebt die Ladungen im Papier ein wenig: Die dem Stab nähere Seite wird positiv, die ferne negativ. Die nähere Seite wird stärker angezogen, als die ferne abgestoßen wird.

Häufige Fehler

Positiv heißt: Protonen sind dazugekommen

„Der Glasstab ist positiv, weil er beim Reiben Protonen aufgenommen hat.“

Richtig ist

Protonen sitzen fest im Kern und wandern nicht. Der Stab ist positiv, weil ihm Elektronen fehlen: Er hat sie an das Tuch abgegeben.

Zusammenfassung

  • Beim Reiben werden Körper elektrisch geladen. Es gibt zwei Ladungsarten, positiv und negativ.

  • Gleichnamige Ladungen stoßen sich ab, ungleichnamige ziehen sich an. Nur die Abstoßung beweist, dass ein Körper geladen ist.

  • Ein Atom besteht aus einem positiven Kern mit Protonen und einer Hülle aus negativen Elektronen. Die Elementarladung e ist die kleinste frei vorkommende Ladung.

  • Beim Reiben gehen Elektronen von einem Körper zum anderen. Elektronenüberschuss heißt negativ, Elektronenmangel positiv. Ladung wird getrennt, nicht erzeugt.

  • In Leitern sind Ladungen frei beweglich, in Nichtleitern nicht.

  • Das elektrische Feld zeigt man mit Feldlinien: Sie laufen von plus nach minus, und je dichter sie liegen, desto stärker ist das Feld.

  • Ein Kondensator speichert Ladung auf zwei Platten und gibt sie bei der Entladung wieder ab.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Ein Körper A stößt eine positiv geladene Kugel ab. Was weißt du sicher über A?

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Kunststoffstab wird mit einem Wolltuch gerieben und ist negativ. Was gilt für das Tuch?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Teilchen hat 8 Protonen und 10 Elektronen. Wie groß ist seine Ladung in Elementarladungen? Schreibe ein Minuszeichen, wenn sie negativ ist.

Aufgabe 4Multiple Choice

Du zeichnest die Feldlinien zweier Ladungen. Wo ist das Feld am stärksten?

Aufgabe 5Multiple Choice

Ein Kondensator wird an eine Batterie angeschlossen und dann von ihr getrennt. Was passiert mit der Ladung?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum man einen Kunststoffstab in der Hand aufladen kann, einen Metallstab ohne Griff aus Kunststoff aber nicht.