Nervensystem und Sinnesorgane
Du fasst versehentlich eine heiße Herdplatte an. Noch bevor du den Schmerz richtig spürst, ist deine Hand schon weg. Erst danach merkst du: Das war heiß. Wie kann der Körper schneller reagieren, als du nachdenken kannst?
Du folgst in dieser Lektion dem Weg eines Signals von der Sinneszelle über die Nervenzelle bis ins Gehirn. Du lernst, wie Auge und Ohr arbeiten und wie das Gehirn Neues speichert.
Reiz, Erregung und Reiz-Reaktions-Schema
Aus Klasse 5 und 6 kennst du den Anfang. Ein Reiz ist eine Veränderung in der Umwelt oder im Körper, die ein Sinnesorgan aufnehmen kann, zum Beispiel Licht, Schall oder Hitze. Sinneszellen (Rezeptoren) wandeln den Reiz in eine Erregung um, ein elektrisches Signal. Nerven leiten es weiter, und im Gehirn entsteht die Wahrnehmung. Der ganze Weg bis zur Antwort heißt Reiz-Reaktions-Schema:
| Schritt | Aufgabe | Beispiel: Hand auf der Herdplatte |
|---|---|---|
| Reiz | wird aufgenommen | Hitze |
| Rezeptor | wandelt Reiz in Erregung um | Sinneszellen der Haut |
| sensorische Bahn | leitet zum Rückenmark und Gehirn | sensorische Nervenzellen im Arm |
| Verarbeitung | wertet aus, entscheidet | Rückenmark und Gehirn |
| motorische Bahn | leitet den Befehl weiter | motorische Nervenzellen im Arm |
| Effektor | führt den Befehl aus | Armmuskel |
| Reaktion | sichtbare Antwort | Hand wegziehen |
Sensorisch heißt: von den Sinneszellen zur Verarbeitung. Motorisch heißt: von der Verarbeitung zum Effektor. Effektoren sind Muskeln und Drüsen.
Unbedingter und bedingter Reflex
Ein Reflex ist eine schnelle, automatische Reaktion auf einen Reiz.
Ein unbedingter Reflex ist angeboren und läuft bei jedem gleich ab, zum Beispiel der Kniesehnenreflex, der Lidschluss, die Verengung der Pupille bei hellem Licht und das Wegziehen der Hand von der heißen Platte. Die Erregung läuft über einen Reflexbogen: Rezeptor, sensorische Nervenzelle, Schaltstelle, motorische Nervenzelle, Effektor. Bei Kniesehnenreflex und Wegziehen der Hand liegt die Schaltstelle im Rückenmark, bei Lidschluss und Pupille im unteren Teil des Gehirns. Der Weg ist kurz, das Großhirn erfährt es erst gleichzeitig oder danach.
Ein bedingter Reflex ist erlernt. Du kennst Pawlows Hund aus Klasse 5 und 6: Futter lässt Speichel fließen. Wurde vorher immer eine Glocke geläutet, floss der Speichel bald schon beim Läuten. Bei dir genügt vielleicht der Geruch von Pizza. Ein bedingter Reflex läuft über das Gehirn und kann verlernt werden, wenn der Zusammenhang wegfällt.
Nervenzelle
Eine Nervenzelle (Neuron) leitet Erregung. Sie besteht aus dem Zellkörper mit dem Zellkern, den Dendriten (kurze, verzweigte Fortsätze, die Erregung empfangen) und dem Axon. Das Axon ist ein langer Fortsatz, der die Erregung weiterleitet und in Endknöpfchen endet. Es kann über einen Meter lang sein. Viele Axone haben eine Myelinscheide, eine isolierende Hülle wie bei einem Kabel. Die Erregung springt dort von Lücke zu Lücke und läuft viel schneller, bis zu etwa 100 Meter pro Sekunde. Ein Nerv ist ein Bündel vieler Axone.
Die Erregung läuft als kurzer elektrischer Impuls. Alle Impulse sind gleich stark. Ein stärkerer Reiz erzeugt mehr Impulse pro Sekunde.
Wie lange dauert die Leitung?
Wie lange dauert die Leitung?
Eine Nervenfaser mit Myelinscheide leitet angenommen mit 100 Metern pro Sekunde. Der Weg vom großen Zeh bis ins Gehirn ist 1,5 Meter lang. Wie lange braucht der Impuls?
Zeit = Strecke : Geschwindigkeit = 1,5 m : 100 m/s = 0,015 s. Das sind 15 Millisekunden. Eine Millisekunde ist ein Tausendstel einer Sekunde. Ohne Myelinscheide leitet eine Nervenfaser nur mit etwa 1 Meter pro Sekunde. Dieselbe Strecke dauert dann 1,5 Sekunden.
Synapse und Erregungsübertragung
Zwischen dem Endknöpfchen einer Zelle und der nächsten Zelle (Nerven-, Muskel- oder Drüsenzelle) liegt die Synapse. Ihr synaptischer Spalt ist winzig, aber der elektrische Impuls kann ihn nicht überspringen. Die Erregung wird chemisch übertragen:
| Schritt | Was geschieht |
|---|---|
| 1 | Der Impuls erreicht das Endknöpfchen. |
| 2 | Bläschen geben Botenstoffe in den Spalt ab, die Transmitter, zum Beispiel Acetylcholin, Dopamin oder Serotonin. |
| 3 | Die Transmitter wandern durch den Spalt und passen wie ein Schlüssel zu Rezeptoren der nächsten Zelle. |
| 4 | Die nächste Zelle wird erregt (erregende Synapse) oder gehemmt (hemmende Synapse). |
| 5 | Enzyme bauen die Transmitter ab, oder das Endknöpfchen nimmt sie wieder auf. |
Nur das Endknöpfchen gibt Transmitter ab, nur die nächste Zelle hat die Rezeptoren. Darum läuft die Erregung nur in eine Richtung.
Aufbau des Nervensystems
Das Zentralnervensystem (ZNS) besteht aus Gehirn und Rückenmark und verarbeitet Informationen. Das periphere Nervensystem sind alle Nerven außerhalb davon. Das Rückenmark liegt geschützt in der Wirbelsäule, leitet Erregung zwischen Körper und Gehirn und schaltet viele Reflexe.
| Gehirnteil | Aufgabe |
|---|---|
| Großhirn | Denken, bewusste Wahrnehmung, Sprache, Gedächtnis, gewollte Bewegungen |
| Kleinhirn | Feinabstimmung der Bewegungen, Gleichgewicht |
| Zwischenhirn | Schaltstation für Sinneseindrücke, steuert Hunger, Durst, Körpertemperatur und die Hirnanhangdrüse |
| Hirnstamm | Atmung, Herzschlag, Kreislauf; Verbindung zum Rückenmark |
Auge: Aufbau, Akkommodation und Sehfehler
Licht tritt durch die Hornhaut und die Pupille ins Auge. Die Pupille ist die Öffnung der Regenbogenhaut (Iris) und wird bei hellem Licht enger. Die Linse bündelt das Licht. Es durchquert den Glaskörper und trifft auf die Netzhaut mit den Lichtsinneszellen. Stäbchen sehen hell und dunkel und arbeiten schon bei wenig Licht, Zapfen sehen Farben und scharf. Am gelben Fleck sitzen die meisten Zapfen, dort sehen wir am schärfsten. Am blinden Fleck verlässt der Sehnerv das Auge, dort gibt es keine Sinneszellen.
Akkommodation heißt: Das Auge stellt sich auf die Entfernung scharf. Dazu ändert die Linse ihre Form. Der ringförmige Ziliarmuskel spannt oder lockert die Fasern, an denen die Linse hängt:
| Blick | Ziliarmuskel | Fasern | Linse |
|---|---|---|---|
| in die Ferne | entspannt | gespannt | flach |
| auf etwas Nahes | angespannt | locker | dicker, stärkere Brechung |
Beim Kurzsichtigen ist der Augapfel zu lang. Das Bild ferner Gegenstände entsteht vor der Netzhaut, eine Zerstreuungslinse hilft. Beim Weitsichtigen ist er zu kurz. Das Bild naher Gegenstände läge hinter der Netzhaut, eine Sammellinse hilft. Bei Alterssichtigkeit wird die Linse steifer und rundet sich beim Nahsehen nicht mehr genug, eine Lesebrille (Sammellinse) hilft.
Ohr: Hörvorgang und Lärmschäden
Das Außenohr fängt den Schall und leitet ihn zum Trommelfell. Im Mittelohr übertragen die drei Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel) die Schwingung zum Innenohr und verstärken sie. Im Innenohr liegt die flüssigkeitsgefüllte Schnecke mit den Hörsinneszellen, die feine Härchen tragen.
Hörvorgang: Schallwellen lassen das Trommelfell schwingen. Die Gehörknöchelchen geben die Schwingung an die Flüssigkeit der Schnecke weiter, sie bewegt die Härchen der Hörsinneszellen. Diese bilden Erregung, der Hörnerv leitet sie zum Gehirn, und dort entsteht der Höreindruck.
Lärmschäden: Sehr laute Geräusche und Dauerlärm knicken die Härchen ab, bis die Hörsinneszellen absterben. Sie wachsen beim Menschen nicht nach, der Hörverlust ist dauerhaft. Lautstärke misst man in Dezibel (dB). Wer täglich lange etwa 85 dB oder mehr ausgesetzt ist, riskiert Schäden, ein sehr lauter Knall kann sofort schaden. Laute Konzerte und Kopfhörer erreichen leicht 100 dB. Senke die Lautstärke, mache Pausen und trage bei Lärm Gehörschutz.
Gedächtnis und Lernen
Was du beachtest, gelangt ins Kurzzeitgedächtnis. Es hält nur etwa fünf bis neun Dinge für Sekunden bis Minuten. Wird etwas wiederholt, mit Bekanntem verknüpft oder ist es wichtig, gelangt es ins Langzeitgedächtnis, das sehr viel fasst und Jahre hält. Auf der Ebene der Zellen heißt Lernen: Oft genutzte Synapsen arbeiten besser, und neue Verbindungen zwischen Nervenzellen wachsen. Gut lernst du, wenn du Stoff verteilt über mehrere Tage wiederholst, dich selbst abfragst, Neues mit Bekanntem verknüpfst und ausreichend schläfst, denn im Schlaf wird Gelerntes gefestigt.
Wir nutzen nur zehn Prozent des Gehirns
Wir nutzen nur zehn Prozent des Gehirns
„Der Mensch nutzt nur etwa 10 Prozent seines Gehirns.“
Das stimmt nicht. Im Laufe eines Tages sind praktisch alle Teile des Gehirns aktiv. Je nach Aufgabe arbeiten verschiedene Bereiche, aber keiner liegt dauerhaft brach.
Zusammenfassung
Rezeptoren wandeln einen Reiz in Erregung um. Sensorische Bahnen leiten sie zum ZNS, motorische Bahnen den Befehl zu Muskeln oder Drüsen.
Ein unbedingter Reflex ist angeboren und läuft über einen Reflexbogen, oft über das Rückenmark. Ein bedingter Reflex ist erlernt.
Eine Nervenzelle hat Zellkörper, Dendriten und Axon. An der Synapse übertragen Transmitter die Erregung in eine Richtung.
Das ZNS besteht aus Gehirn und Rückenmark. Das Großhirn denkt und lernt, das Kleinhirn koordiniert Bewegungen, der Hirnstamm steuert Atmung und Herzschlag.
Im Auge stellt die Linse scharf (Akkommodation). Im Ohr wandeln Hörsinneszellen Schwingungen in Erregung um, und Lärm zerstört sie dauerhaft.
Beim Lernen werden Synapsen verstärkt und neue Verbindungen gebildet.
Übungen
Welche Aussage über die Erregungsübertragung an einer Synapse stimmt?
Welches Beispiel ist ein bedingter Reflex?
Eine Nervenfaser mit Myelinscheide leitet mit 50 Metern pro Sekunde. Der Weg vom Rückenmark bis zum Fuß ist 1 Meter lang. Wie lange braucht der Impuls, in Millisekunden?
Ein Mann sieht Entferntes scharf, aber beim Lesen ist die Schrift unscharf. Das Bild naher Gegenstände läge hinter der Netzhaut. Was stimmt?
Du schaust von einem fernen Baum auf dein Handy. Erkläre, was dabei mit Ziliarmuskel, Fasern und Linse geschieht.