Gentechnik und Biotechnologie
Ein Mensch mit Diabetes vom Typ 1 muss sich Insulin spritzen, ein Hormon, das den Zucker im Blut senkt. Sein Körper bildet es nicht mehr. Früher kam das Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Schweinen und Rindern. Heute stellen es Bakterien her, in die ein menschliches Gen eingebaut wurde.
Bei einem Einbruch findet die Polizei ein Haar, und aus der DNA daran lässt sich ein Mensch erkennen. Im Supermarkt fragst du dich vielleicht, ob du Mais essen willst, dessen Erbgut verändert wurde.
Du lernst, was die Gentechnik kann, wie sie arbeitet und wie man ihre Anwendungen abwägt.
Züchtung und Gentechnik
Bei der klassischen Züchtung kreuzt man Pflanzen oder Tiere und wählt Nachkommen mit erwünschten Merkmalen aus. Aus dem Wildkohl sind so Kohlrabi, Blumenkohl, Brokkoli und Rosenkohl entstanden. Welche Allele zusammenkommen, bestimmt dabei der Zufall der Rekombination.
Die Gentechnik greift gezielt in das Erbgut ein. Man kann einzelne Gene verändern, entfernen oder einfügen, auch Gene einer anderen Art. Ein Lebewesen mit einem fremden Gen heißt transgen. Ein gentechnisch veränderter Organismus (GVO) ist ein Lebewesen, dessen Erbgut durch Gentechnik verändert wurde.
Isolierung und Vervielfältigung von DNA
Um DNA zu untersuchen, muss man sie zuerst isolieren. Dazu bricht man Zellen auf, zum Beispiel mit Spülmittel und Salz, trennt die Proteine ab und fällt die DNA mit kaltem Alkohol aus. Sie erscheint als weißliche Fäden.
Für Untersuchungen braucht man oft mehr DNA, als eine Probe hergibt. Sie wird mit der PCR (Polymerase-Kettenreaktion) vervielfältigt. In einem Reaktionsgefäß wiederholt sich ein Zyklus: Erhitzen trennt die beiden Stränge, nach dem Abkühlen lagern sich kurze Startstücke an, und eine hitzebeständige DNA-Polymerase ergänzt jeden Strang zu einem neuen Doppelstrang. Jeder Zyklus verdoppelt die Zahl der DNA-Stücke. Nach n Zyklen gibt es aus einem Stück 2 hoch n Kopien.
Wie viele Kopien nach der PCR?
Wie viele Kopien nach der PCR?
Eine PCR startet mit einem DNA-Stück. Wie viele Stücke gibt es nach 10 Zyklen? Wie viele Zyklen braucht man mindestens, um mehr als eine Million Stücke zu haben?
Nach 1 Zyklus sind es 2, nach 2 Zyklen 4, nach 3 Zyklen 8. Nach 10 Zyklen sind es 2 hoch 10 = 1024 Stücke.
Für eine Million vergleicht man mit den Zweierpotenzen. 2 hoch 19 sind 524 288, das ist zu wenig. 2 hoch 20 sind 1 048 576, das sind mehr als eine Million. Man braucht mindestens 20 Zyklen.
Genetischer Fingerabdruck
An bestimmten Stellen der DNA wiederholt sich eine kurze Basenfolge mehrfach hintereinander. Die Zahl der Wiederholungen ist von Mensch zu Mensch verschieden. Jeder Mensch hat an jeder dieser Stellen zwei Werte, einen von der Mutter und einen vom Vater. Beim genetischen Fingerabdruck vervielfältigt man diese Stellen mit der PCR, trennt die Stücke nach ihrer Länge und erhält ein Muster. Es ist nur bei eineiigen Zwillingen gleich.
Man nutzt es in der Kriminalistik, um Spuren mit Verdächtigen zu vergleichen, und bei Vaterschaftstests, denn ein Kind hat an jeder Stelle einen Wert von der Mutter und einen vom Vater.
Eine Spur vergleichen
Eine Spur vergleichen
Die Zahl der Wiederholungen an drei Stellen. Spur vom Tatort: 12 und 15, 8 und 9, 21 und 23. Person A: 12 und 15, 8 und 9, 21 und 23. Person B: 12 und 15, 8 und 10, 21 und 23. Kann jede der Personen die Spur hinterlassen haben?
Person A stimmt an allen drei Stellen überein. Person B stimmt an der zweiten Stelle nicht überein (8 und 10 statt 8 und 9). Person B scheidet damit aus.
Person A kann die Spur hinterlassen haben. Mit nur drei Stellen wäre das aber nicht sicher, denn auch ein anderer Mensch könnte zufällig dasselbe Muster haben. Darum untersucht man viele Stellen, damit ein Zufall extrem unwahrscheinlich wird.
Gentechnisch veränderte Organismen: Humaninsulin und transgener Mais
Humaninsulin entsteht seit den 1980er Jahren in Bakterien. Die Schritte:
1. Das menschliche Insulin-Gen wird isoliert.
2. Ein Restriktionsenzym, eine Gen-Schere, schneidet ein Plasmid (einen DNA-Ring) der Bakterien an einer bestimmten Stelle auf. Das Gen wird eingesetzt und mit einem weiteren Enzym festgeklebt. Das Plasmid ist die Genfähre.
3. Die Bakterien nehmen das veränderte Plasmid auf und vermehren sich in großen Behältern, den Fermentern.
4. Die Bakterien lesen das Gen ab und bilden Insulin. Das geht, weil der genetische Code bei fast allen Lebewesen gleich ist. Das Insulin wird gereinigt.
Transgener Mais trägt ein Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis, das ein Protein bildet. Es schädigt den Darm der Raupen des Maiszünslers, eines Schädlings. Das spart Spritzmittel. Bedenken sind mögliche Folgen für andere Insekten, die Ausbreitung des Gens und die Abhängigkeit der Bauern von Saatgutfirmen. In Deutschland wird gentechnisch veränderter Mais derzeit nicht angebaut. Lebensmittel mit GVO müssen in der EU gekennzeichnet sein.
Gentest, Gentherapie und Klonen
Ein Gentest untersucht die DNA einer Person auf bestimmte Allele. Er kann eine Erbkrankheit feststellen, ein Erkrankungsrisiko anzeigen oder zeigen, ob jemand Überträger ist. Bei manchen Krankheiten sagt er den Ausbruch sehr sicher voraus, etwa bei Chorea Huntington, einer erblichen Erkrankung des Nervensystems, die meist erst im Erwachsenenalter ausbricht. Bei vielen anderen, etwa bestimmten Krebsformen, zeigt er nur ein erhöhtes Risiko. Jeder darf auch auf sein Wissen verzichten. In Deutschland regelt das Gendiagnostikgesetz, dass Gentests nur mit Einwilligung erfolgen, und Arbeitgeber dürfen sie nicht verlangen.
Bei der Gentherapie bringt man ein gesundes Gen in Körperzellen eines kranken Menschen. Als Genfähre dienen oft veränderte Viren, die ihr Erbgut in Zellen abgeben. Die Veränderung bleibt auf die behandelten Körperzellen beschränkt und wird nicht vererbt. Ein Eingriff in Keimzellen oder Embryonen ist in Deutschland verboten. Erste Gentherapien sind zugelassen, zum Beispiel gegen eine seltene Erbkrankheit der Netzhaut. Sie sind oft sehr teuer.
Das Klonen durch Zellkerntransfer kennst du aus der Lektion über Zellteilung. Beim reproduktiven Klonen entsteht ein ganzes Tier, wie das Schaf Dolly. Beim therapeutischen Klonen will man Stammzellen gewinnen, unspezialisierte Zellen, die sich zu vielen Zelltypen entwickeln können und kranke Gewebe ersetzen sollen. Das Klonen von Menschen ist in Deutschland verboten.
Reproduktionsmedizin
Die Reproduktionsmedizin hilft Paaren, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen. Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF, „im Glas“) werden Eizellen entnommen, im Labor mit Spermien zusammengebracht, und ein früher Embryo wird in die Gebärmutter eingesetzt. Das erste Kind nach IVF wurde 1978 geboren. Bei der ICSI spritzt man ein einzelnes Spermium direkt in eine Eizelle. Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) untersucht man Zellen des Embryos auf eine schwere Erbkrankheit, bevor er eingesetzt wird. In Deutschland ist sie nur in Ausnahmefällen und nach Prüfung durch eine Ethikkommission erlaubt.
Chancen und Risiken abwägen
| Anwendung | Chancen | Risiken und Bedenken |
|---|---|---|
| GVO-Pflanzen | höhere Erträge, weniger Spritzmittel | Folgen für die Umwelt, Abhängigkeit vom Saatgut |
| Gentests | Krankheiten früh erkennen und vorbeugen | Datenschutz, Druck, Wissen ohne Heilung |
| Gentherapie | Heilung bisher unheilbarer Krankheiten | Nebenwirkungen, Kosten |
| Klonen, PID | Forschung, Schutz vor schweren Krankheiten | ethische Grenzen, Auswahl von Embryonen |
Wer bewertet, trennt Fakten (Was ist belegt?) von Werten (Was ist mir wichtig?), vergleicht Alternativen und begründet sein Urteil. Mit denselben Fakten kommen Menschen zu verschiedenen Urteilen. Das ist kein Fehler, solange sie ihr Urteil begründen.
Gentechnisch verändertes Essen verändert den Esser
Gentechnisch verändertes Essen verändert den Esser
„Wer Mais mit einem fremden Gen isst, bekommt das Gen in sein Erbgut.“
Auch normale Nahrung enthält DNA. Sie wird im Darm wie jede andere DNA verdaut und in ihre Bausteine zerlegt. Das Erbgut des Essers verändert sich dadurch nicht. Ob GVO der Umwelt oder der Gesundheit schaden, muss man gesondert prüfen.
Ein Gentest sagt die Zukunft sicher voraus
Ein Gentest sagt die Zukunft sicher voraus
„Der Test zeigt ein Risikogen, also werde ich bestimmt krank.“
Meist zeigt ein Gentest nur ein erhöhtes Risiko. Viele Krankheiten hängen von mehreren Genen und der Umwelt ab. Nur bei wenigen Erbkrankheiten ist der Ausbruch sehr sicher.
Zusammenfassung
Klassische Züchtung kreuzt und wählt aus. Die Gentechnik verändert gezielt einzelne Gene, auch über Artgrenzen hinweg.
DNA lässt sich isolieren und mit der PCR vervielfältigen. Jeder Zyklus verdoppelt die Menge: nach n Zyklen 2 hoch n Kopien.
Der genetische Fingerabdruck vergleicht die Zahl der Wiederholungen an mehreren DNA-Stellen. Er dient der Kriminalistik und Vaterschaftstests.
Humaninsulin stellen Bakterien her, die ein Plasmid mit dem menschlichen Gen tragen. Das geht, weil der genetische Code fast überall gleich ist.
Gentests zeigen Allele oder Risiken, die Gentherapie bringt ein gesundes Gen in Körperzellen. Beides ist auf die Person beschränkt, die Gentherapie wird nicht vererbt.
Reproduktionsmedizin (IVF, ICSI, PID) und Klonen werfen ethische Fragen auf. Zum Bewerten trennt man Fakten und Werte und begründet sein Urteil.
Übungen
Wie wird Humaninsulin gentechnisch hergestellt?
Eine PCR startet mit einem DNA-Stück. Wie viele Stücke gibt es nach 12 Zyklen? Schreibe die Zahl ohne Punkt.
Bei einem Vaterschaftstest hat das Kind an einer DNA-Stelle die Werte 10 und 13. Die Mutter hat 10 und 11. Welchen Wert muss der Vater an dieser Stelle auf jeden Fall haben?
Eine Patientin erhält eine Gentherapie in Körperzellen. Was gilt für ihre späteren Kinder?
Nenne je ein Argument für und gegen den Anbau von Bt-Mais. Sage, was für deine Abwägung eine Rolle spielt.