Lektion 1.3

Newtonsche Gesetze, Kräftezerlegung und schiefe Ebene

16 min Lesezeit

Du schiebst einen leeren Einkaufswagen an. Er rollt los und wird schneller. Mit Einkäufen beladen brauchst du für dieselbe Beschleunigung mehr Kraft. Auf einer Rampe rollt der Wagen dagegen von selbst los, obwohl niemand schiebt, und umso stärker, je steiler die Rampe ist.

Welche Kraft braucht man für welche Beschleunigung? Wie rechnet man mit Kräften, die in verschiedene Richtungen zeigen? Und wie lang ist der Bremsweg eines Autos? Diese Lektion beantwortet das mit den Gesetzen von Isaac Newton.

Definition

Das Trägheitsgesetz

Isaac Newton fasste 1687 die Grundgesetze der Bewegung zusammen. Das erste kennst du als Trägheitsprinzip: Ist die Summe aller Kräfte auf einen Körper null, ändert sich seine Geschwindigkeit nicht. Er ruht oder bewegt sich gleichförmig geradlinig weiter. Die Summe aller Kräfte heißt resultierende Kraft FresF_{\text{res}}. In der Sprache der letzten Lektion: Aus Fres=0F_{\text{res}} = 0 folgt a=0a = 0. Dabei misst man vom Boden aus, also in der ruhenden Erde als Bezugssystem.

Definition

Das Grundgesetz der Dynamik

Wirkt eine resultierende Kraft, ändert sich die Geschwindigkeit. Versuche mit einem Wagen auf einer Fahrbahn zeigen: Doppelte Kraft gibt doppelte Beschleunigung. Doppelte Masse gibt halbe Beschleunigung. Die Beschleunigung ist also proportional zur Kraft und umgekehrt proportional zur Masse. Das ist das Grundgesetz der Dynamik (2. Newtonsches Gesetz). Die Beschleunigung zeigt in die Richtung der resultierenden Kraft:

Fres=m⋅aF_{\text{res}} = m \cdot a
Definition

Einheit Newton und freier Fall

Aus dem Grundgesetz folgt die Einheit: 1 N ist die Kraft, die einem Körper der Masse 1 kg die Beschleunigung 1 m/s² gibt. Also gilt 1 N = 1 kg · m/s².

Im freien Fall wirkt nur die Gewichtskraft FG=mgF_G = m g. Aus mg=mam g = m a folgt a=ga = g. Die Masse kürzt sich, deshalb fallen alle Körper gleich schnell. Außerdem ist 1 N/kg = 1 m/s². Der Ortsfaktor 9,81 N/kg und die Fallbeschleunigung 9,81 m/s² sind dieselbe Größe.

Beispiel

Ein Auto beschleunigt

Ein Pkw (1200 kg) hat eine Antriebskraft von 3600 N. Reibung und Luftwiderstand wirken zusammen mit 600 N dagegen. Wie groß ist die Beschleunigung? Welche Geschwindigkeit hat das Auto nach 8,0 s aus der Ruhe?

Resultierende Kraft: Fres=3600−600=3000F_{\text{res}} = 3600 - 600 = 3000 N. Beschleunigung: a=Fres:m=3000:1200=2,5a = F_{\text{res}} : m = 3000 : 1200 = 2{,}5 m/s².

Geschwindigkeit: v=at=2,5⋅8,0=20v = a t = 2{,}5 \cdot 8{,}0 = 20 m/s, das sind 72 km/h.

Definition

Das Wechselwirkungsgesetz

Übt Körper A auf Körper B eine Kraft aus, übt B auf A eine gleich große, entgegengesetzt gerichtete Kraft aus (3. Newtonsches Gesetz, Kraft und Gegenkraft). Die beiden Kräfte greifen an verschiedenen Körpern an und heben sich deshalb nicht auf. Stößt du dich im Boot vom Steg ab, drückst du den Steg, und der Steg drückt das Boot mit gleich großer Kraft zurück. Weil das Boot wenig Masse hat, beschleunigt es nach a=F:ma = F : m stark.

Definition

Kräfte als Vektoren, Kräfteaddition

Eine Größe mit Betrag und Richtung heißt Vektor. Man zeichnet sie als Pfeil: Die Länge zeigt den Betrag (Maßstab, zum Beispiel 1 cm für 10 N), die Spitze die Richtung. Kräfte, Geschwindigkeiten und Beschleunigungen sind Vektoren und werden mit einem Pfeil geschrieben, F⃗\vec{F}. Masse und Zeit haben keine Richtung.

Zwei Kräfte F⃗1\vec{F}_1 und F⃗2\vec{F}_2 am selben Punkt ersetzt man durch eine Kraft F⃗res\vec{F}_{\text{res}}: Zeichne beide Pfeile vom selben Punkt aus und ergänze zu einem Parallelogramm. Die Diagonale ist F⃗res\vec{F}_{\text{res}}. Gleichwertig hängst du den Pfeil von F⃗2\vec{F}_2 an die Spitze von F⃗1\vec{F}_1. Stehen die Kräfte senkrecht aufeinander, gilt der Satz des Pythagoras. Zwei Schlepper mit 30 kN und 40 kN im rechten Winkel ersetzen einen mit 50 kN, denn 302+402=50230^2 + 40^2 = 50^2.

Fres=F12+F22F_{\text{res}} = \sqrt{F_1^2 + F_2^2}
Definition

Kräftezerlegung

Umgekehrt zerlegst du eine Kraft F⃗\vec{F} in zwei Komponenten: zwei Teilkräfte in vorgegebenen Richtungen, die zusammen dieselbe Wirkung haben. Meist wählt man zwei senkrechte Richtungen. Die Kraft ist dann die Diagonale eines Rechtecks. Schließt F⃗\vec{F} mit der ersten Richtung den Winkel α\alpha ein, ist die Komponente in dieser Richtung die Ankathete des rechtwinkligen Dreiecks, die senkrechte die Gegenkathete. Die Komponenten ersetzen die Kraft, man zählt nicht beide zusätzlich:

F1=F⋅cos⁡α,F2=F⋅sin⁡αF_1 = F \cdot \cos \alpha, \qquad F_2 = F \cdot \sin \alpha
Beispiel

Der Bollerwagen

Ein Kind zieht einen Bollerwagen mit 40 N an einer Deichsel, die 30° über der Waagerechten steht. Wie groß ist die Kraft nach vorn, wie groß der Anteil nach oben?

Nach vorn (Ankathete): 40⋅cos⁡30°=40⋅0,866≈34,640 \cdot \cos 30° = 40 \cdot 0{,}866 \approx 34{,}6 N.

Nach oben (Gegenkathete): 40⋅sin⁡30°=40⋅0,5=2040 \cdot \sin 30° = 40 \cdot 0{,}5 = 20 N.

Nur 34,6 N treiben den Wagen an. Die 20 N heben ihn ein wenig an. Probe: 34,62+202≈40\sqrt{34{,}6^2 + 20^2} \approx 40 N.

Definition

Schiefe Ebene

Auf einer um den Winkel α\alpha geneigten Ebene liegt ein Körper der Masse mm. Seine Gewichtskraft FG=mgF_G = m g zeigt senkrecht nach unten. Du zerlegst sie in zwei Komponenten. Die Hangabtriebskraft FHF_H zeigt parallel zur Ebene den Hang hinab. Die Normalkraft FNF_N zeigt senkrecht auf die Ebene (normal heißt senkrecht). Der Winkel zwischen FGF_G und FNF_N ist ebenfalls α\alpha. Die Ebene drückt mit der gleich großen Stützkraft zurück, diese Kräfte heben sich auf. Nur FHF_H kann den Körper beschleunigen.

Für die Ebene mit Höhe hh und Länge ll ist sin⁡α=h:l\sin\alpha = h : l. Damit ist FH=FG⋅h:lF_H = F_G \cdot h : l. Das ist die Goldene Regel aus Klasse 7 und 8:

FH=FG⋅sin⁡α,FN=FG⋅cos⁡αF_H = F_G \cdot \sin \alpha, \qquad F_N = F_G \cdot \cos \alpha
Beispiel

Klotz auf der schiefen Ebene

Ein Klotz von 2,0 kg liegt auf einer Ebene mit α=30°\alpha = 30°. Berechne FGF_G, FHF_H und FNF_N. Wie groß ist die Beschleunigung a) ohne Reibung, b) mit Gleitreibung bei der Reibungszahl μ=0,3\mu = 0{,}3 (angenommen)?

FG=2,0⋅9,81=19,62F_G = 2{,}0 \cdot 9{,}81 = 19{,}62 N. FH=19,62⋅sin⁡30°=9,81F_H = 19{,}62 \cdot \sin 30° = 9{,}81 N. FN=19,62⋅cos⁡30°≈16,99F_N = 19{,}62 \cdot \cos 30° \approx 16{,}99 N.

a) Ohne Reibung: a=FH:m=9,81:2,0≈4,9a = F_H : m = 9{,}81 : 2{,}0 \approx 4{,}9 m/s².

b) Die Gleitreibungskraft ist proportional zur Anpresskraft, hier FNF_N. Der Faktor ist die Reibungszahl μ\mu (sprich: mü): FR=μ⋅FN=0,3⋅16,99≈5,10F_R = \mu \cdot F_N = 0{,}3 \cdot 16{,}99 \approx 5{,}10 N. Sie zeigt den Hang hinauf. Also Fres=9,81−5,10=4,71F_{\text{res}} = 9{,}81 - 5{,}10 = 4{,}71 N und a=4,71:2,0≈2,4a = 4{,}71 : 2{,}0 \approx 2{,}4 m/s².

Der Klotz auf der Ebene

Drücke „Start“. Der Klotz (2 kg) rutscht auf einer Ebene mit 30° Neigung hinab. Unter dem Bild stehen Gewichtskraft, Hangabtriebskraft und Normalkraft. Vergleiche sie mit dem Beispiel. Im Weg-Zeit-Diagramm wächst der Weg als nach oben gekrümmte Linie: Der Klotz wird gleichmäßig schneller.

Definition

Bremsvorgänge

Beim Bremsen wirkt eine Bremskraft FBF_B entgegen der Bewegung, beim Auto die Reibung zwischen Reifen und Straße. Sie ist die resultierende Kraft: FB=m⋅∣a∣F_B = m \cdot |a| (der Strich bedeutet den Betrag, also aa ohne Vorzeichen). Mit v02=2∣a∣⋅sv_0^2 = 2 |a| \cdot s aus der letzten Lektion folgt der Bremsweg:

sB=v022∣a∣=m⋅v022FBs_B = \frac{v_0^2}{2 |a|} = \frac{m \cdot v_0^2}{2 F_B}
Beispiel

Bremsweg eines Autos

Ein Pkw (1500 kg) bremst aus 72 km/h mit der konstanten Bremskraft 6000 N. Wie groß sind ∣a∣|a|, die Bremszeit und der Bremsweg? Wie lang wird der Bremsweg beladen (2000 kg) bei gleicher Bremskraft?

v0=20v_0 = 20 m/s. ∣a∣=6000:1500=4,0|a| = 6000 : 1500 = 4{,}0 m/s². Bremszeit: t=v0:∣a∣=5,0t = v_0 : |a| = 5{,}0 s. Bremsweg: sB=202:(2⋅4,0)=50s_B = 20^2 : (2 \cdot 4{,}0) = 50 m.

Beladen: ∣a∣=6000:2000=3,0|a| = 6000 : 2000 = 3{,}0 m/s² und sB=400:6,0≈67s_B = 400 : 6{,}0 \approx 67 m. Bei gleicher Bremskraft hat die größere Masse den längeren Bremsweg.

Mehr als die größte Haftreibungskraft kann die Straße nicht liefern. Sie ist μH⋅FN=μH⋅mg\mu_H \cdot F_N = \mu_H \cdot m g mit der Haftreibungszahl μH\mu_H. Dann ist ∣a∣=μHg|a| = \mu_H g. Bei trockener Straße (angenommen μH=0,8\mu_H = 0{,}8) ergibt das ∣a∣≈7,8|a| \approx 7{,}8 m/s² und aus 20 m/s etwa 25 m. Auf Glatteis (angenommen μH=0,1\mu_H = 0{,}1) wären es etwa 200 m.

Häufige Fehler

Kraft und Gegenkraft heben sich auf

„Das Pferd zieht den Wagen, und der Wagen zieht das Pferd gleich stark zurück. Also könnte sich nie etwas bewegen.“

Richtig ist

Kraft und Gegenkraft greifen an verschiedenen Körpern an und heben sich nicht auf. Aufheben können sich nur Kräfte am selben Körper. Der Wagen beschleunigt, wenn die Zugkraft am Wagen größer ist als die Reibung am Wagen.

Häufige Fehler

Bewegung braucht eine Kraft

„Ohne Kraft bleibt ein Körper nicht in Bewegung. Ein rollender Ball hört von selbst auf.“

Richtig ist

Eine Kraft ändert die Geschwindigkeit, sie ist nicht nötig, um eine Geschwindigkeit zu halten. Der Ball bleibt stehen, weil Reibung als Kraft auf ihn wirkt. Ohne Reibung rollte er mit gleicher Geschwindigkeit weiter.

Zusammenfassung

  • Trägheitsgesetz: Ist die resultierende Kraft null, ändert sich die Geschwindigkeit nicht.

  • Grundgesetz: F_res = m · a. Die Beschleunigung zeigt in Richtung der resultierenden Kraft. 1 N = 1 kg · m/s².

  • Wechselwirkungsgesetz: Kraft und Gegenkraft sind gleich groß, entgegengesetzt und greifen an verschiedenen Körpern an.

  • Kräfte sind Vektoren. Man addiert sie zeichnerisch (Parallelogramm). Bei rechtem Winkel gilt F_res = √(F₁² + F₂²).

  • Eine Kraft lässt sich in senkrechte Komponenten zerlegen: F · cos α und F · sin α.

  • Auf der schiefen Ebene ist F_H = F_G · sin α und F_N = F_G · cos α. Mit Reibung ist F_R = μ · F_N.

  • Der Bremsweg ist s = v₀² : (2 · |a|) mit |a| = F_B : m. Er wächst mit dem Quadrat der Anfangsgeschwindigkeit.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Schlitten (Masse 40 kg) wird von einer resultierenden Kraft von 100 N beschleunigt. Wie groß ist die Beschleunigung in m/s²?

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Lkw fährt gegen eine Mücke. Was stimmt?

Aufgabe 3Numerisch

Zwei Kräfte von 6 N und 8 N wirken im rechten Winkel auf einen Körper. Wie groß ist die resultierende Kraft in Newton?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Kiste von 60 kg steht auf einer Rampe mit 30° Neigung. Rechne mit 9,81 N/kg. Wie groß ist die Hangabtriebskraft in Newton?

Aufgabe 5Numerisch

Ein Pkw (1500 kg) bremst aus 90 km/h mit der konstanten Bremskraft 7500 N. Wie lang ist der Bremsweg in Metern?

Aufgabe 6Freitext

Ein Wagen beschleunigt auf einer schiefen Ebene langsamer als im freien Fall. Erkläre das mit der Zerlegung der Gewichtskraft. Warum wird er bei größerem Winkel schneller?