Lektion 2.2

Strahlungshaushalt der Erde, Treibhauseffekt und Klimawandel

16 min Lesezeit

Die Sonne strahlt seit Milliarden Jahren auf die Erde, und trotzdem wird es hier nicht ständig heißer. Die Erde muss also ebenso viel Energie abgeben, wie sie aufnimmt.

Gleichzeitig zeigen Messungen: Seit etwa 1850 ist es im weltweiten Mittel um rund 1,2 °C wärmer geworden, ohne dass die Sonne merklich stärker strahlt. Du lernst, wie die Erde im Energiegleichgewicht steht, warum die Lufthülle sie warm hält und was geschieht, wenn der Mensch dieses Gleichgewicht stört.

Definition

Strahlungshaushalt und Strahlungsgleichgewicht

Am Rand der Lufthülle kommt von der Sonne eine Strahlungsleistung von etwa 1361 W/m² an, gemessen auf einer Fläche, die senkrecht zur Strahlung steht. Die Erde ist aber eine Kugel, deren Oberfläche viermal so groß ist wie die Scheibe, die die Sonne sieht. Verteilt auf die ganze Oberfläche sind es im Mittel etwa 340 W/m².

Ein Teil davon wird zurückgeworfen, der Rest absorbiert. Die Erde erwärmt sich und strahlt selbst Wärmestrahlung ins Weltall ab. Wenn sie gleich viel aufnimmt wie abgibt, herrscht Strahlungsgleichgewicht: Die Temperatur bleibt im Mittel gleich. Die ganze Bilanz heißt Strahlungshaushalt. In gerundeten Mittelwerten gilt:

VorgangLeistung je m²
Sonnenstrahlung, die ankommt340 W/m²
davon zurückgeworfen (Wolken, Luft, helle Flächen)etwa 100 W/m²
davon absorbiertetwa 240 W/m²
als Wärmestrahlung ins Weltall abgegebenetwa 240 W/m²

Nimmt die Erde mehr auf, als sie abgibt, steigt ihre Temperatur, bis die Abgabe wieder gleich groß ist (siehe Stefan-Boltzmann-Gesetz).

Definition

Albedo

Der Anteil der ankommenden Strahlung, den eine Fläche zurückwirft, heißt Albedo (Rückstrahlvermögen) aa. Er liegt zwischen 0 (alles wird absorbiert) und 1 (alles wird zurückgeworfen) und hat keine Einheit. Absorbiert wird der Anteil 1−a1 - a. Helle Flächen werfen viel zurück, dunkle wenig, wie du es vom weißen und vom schwarzen T-Shirt kennst. Gerundete Werte:

FlächeAlbedo (etwa)
frischer Schnee0,8
Meereis0,6
Wiese0,2
Wald0,1 bis 0,2
offenes Meer0,06
Erde insgesamt0,3

Für die ganze Erde bedeutet a=0,3a = 0{,}3: Von 340 W/m² werden 0,3 · 340 ≈ 100 W/m² zurückgeworfen und etwa 240 W/m² absorbiert.

Beispiel

Schnee oder offenes Meer?

Auf eine Fläche fallen im Mittel 340 W/m². Wie viel Leistung je m² nehmen frischer Schnee (a=0,8a = 0{,}8) und offenes Meer (a=0,06a = 0{,}06) auf?

Absorbiert wird der Anteil 1 − a. Schnee: 340 · (1 − 0,8) = 340 · 0,2 = 68 W/m². Offenes Meer: 340 · (1 − 0,06) = 340 · 0,94 ≈ 320 W/m². Das Meer nimmt fast fünfmal so viel Leistung auf wie der Schnee, denn 320 : 68 ≈ 4,7.

Definition

Stefan-Boltzmann-Gesetz (qualitativ und graphisch)

Jeder Körper sendet Wärmestrahlung aus, und zwar umso mehr, je heißer er ist. Das Stefan-Boltzmann-Gesetz gibt an, wie stark. Ein idealer Strahler (er absorbiert alle Strahlung, die auf ihn trifft) mit der Temperatur TT in Kelvin strahlt je m² Oberfläche die Leistung jj ab. Dabei ist σ=5,67⋅10−8\sigma = 5{,}67 \cdot 10^{-8} W/(m²·K⁴) eine Konstante:

j=σ⋅T4j = \sigma \cdot T^4
Definition

Die Kurve der Strahlungsleistung

Das Entscheidende ist die vierte Potenz: Verdoppelst du die Temperatur in Kelvin, wächst die abgestrahlte Leistung auf das 2⁴ = 16-fache. Einige Werte, gerundet:

Temperaturabgestrahlte Leistung je m²
250 K (−23 °C)etwa 220 W/m²
273 K (0 °C)etwa 315 W/m²
288 K (15 °C)etwa 390 W/m²
300 K (27 °C)etwa 460 W/m²
600 K (327 °C)etwa 7350 W/m²

Im Diagramm (Temperatur waagerecht, Leistung senkrecht) ergibt das eine Kurve, die erst flach und dann immer steiler ansteigt. Eine wärmere Erde strahlt deshalb stark mehr ab, und das bremst jede Erwärmung. Die Erde ist kein idealer Strahler, kommt ihm für Wärmestrahlung aber nahe.

Beispiel

Wie kalt wäre die Erde ohne Treibhauseffekt?

Im Gleichgewicht strahlt die Erde 240 W/m² ab. Welche Temperatur gehört nach der Tabelle zu 240 W/m²? Vergleiche sie mit der tatsächlichen mittleren Temperatur der Erdoberfläche von etwa 15 °C.

In der Tabelle gehören 220 W/m² zu 250 K und 315 W/m² zu 273 K. Der Wert 240 W/m² liegt nur wenig über 220 W/m², also etwas über 250 K. Die genaue Rechnung mit der vierten Wurzel ergibt 255 K, das sind −18 °C.

Die wirkliche Mitteltemperatur der Oberfläche liegt bei etwa +15 °C, also etwa 33 K höher. Diesen Unterschied verursacht der Treibhauseffekt.

Definition

Natürlicher Treibhauseffekt

Das Sonnenlicht hat überwiegend kurze Wellenlängen (sichtbares Licht und kurzwelliges Infrarot). Ein großer Teil geht durch die Lufthülle und wird am Boden absorbiert. Der warme Boden sendet Wärmestrahlung aus. Das ist Infrarotstrahlung mit viel größerer Wellenlänge, etwa 10 000 nm. Bestimmte Gase der Luft absorbieren diese Infrarotstrahlung: die Treibhausgase, vor allem Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid (CO₂), Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O). Die Gasteilchen senden die aufgenommene Energie in alle Richtungen wieder aus, auch nach unten. Diese Gegenstrahlung trifft den Boden zusätzlich zur Sonne.

Darum muss der Boden wärmer werden, bis die Abstrahlung ins Weltall wieder 240 W/m² beträgt. Das ist der natürliche Treibhauseffekt: Er hebt die Mitteltemperatur von −18 °C auf etwa +15 °C. Stickstoff und Sauerstoff, zusammen etwa 99 % der Luft, absorbieren Infrarotstrahlung kaum. Sie sind keine Treibhausgase.

Definition

Anthropogener Treibhauseffekt und Klimawandel

Anthropogen heißt vom Menschen verursacht. Der Mensch bringt zusätzliche Treibhausgase in die Luft: CO₂ beim Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas und beim Abholzen von Wäldern, Methan unter anderem aus Rinderhaltung und Reisanbau, Lachgas aus Düngern. Der CO₂-Gehalt der Luft stieg von etwa 280 ppm vor der Industrialisierung auf über 420 ppm (ppm bedeutet Teile pro Million: 420 ppm sind 0,042 %).

Mehr Treibhausgas absorbiert mehr Infrarotstrahlung, und es entweicht weniger ins Weltall. Das Gleichgewicht ist gestört: Die Erde nimmt etwa 0,5 bis 1 W/m² mehr auf, als sie abgibt, und erwärmt sich, bis die Abstrahlung wieder passt. Das ist der Klimawandel. Klima ist der über viele Jahre (meist 30) gemittelte Verlauf des Wetters.

Definition

Rückkopplungen und Kippelemente

Eine Rückkopplung liegt vor, wenn eine Veränderung Folgen hat, die ihrerseits die Veränderung beeinflussen. Verstärken die Folgen sie, ist die Rückkopplung positiv, dämpfen sie, ist sie negativ.

  • Eis-Albedo-Rückkopplung (positiv): Es wird wärmer, Schnee und Eis schmelzen. Die dunklere Fläche darunter reflektiert weniger und absorbiert mehr Sonnenstrahlung. Es wird noch wärmer.
  • Wasserdampf-Rückkopplung (positiv): Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Wasserdampf ist ein Treibhausgas und verstärkt den Treibhauseffekt.
  • Abstrahlung (negativ): Eine wärmere Erde strahlt nach j=σ⋅T4j = \sigma \cdot T^4 mehr ab und bremst die Erwärmung.

Kippelemente sind Teile des Klimasystems, die ab einer Schwelle in einen anderen Zustand übergehen können. Dieser Übergang ist auf menschlichen Zeitskalen kaum umkehrbar. Beispiele sind der Eisschild Grönlands, der Amazonas-Regenwald, der Permafrostboden (er setzt beim Tauen CO₂ und Methan frei) und Meeresströmungen im Atlantik. Wo die Schwellen genau liegen, ist unsicher.

Definition

Ozeane als Wärme- und CO₂-Speicher

Die Ozeane bedecken etwa 71 % der Erdoberfläche. Wasser hat eine große spezifische Wärmekapazität, und es ist sehr viel davon da. Deshalb haben die Ozeane etwa 90 % der zusätzlichen Wärme aufgenommen. Das dämpft die Erwärmung der Luft, aber die Wärme ist nicht weg: Wärmeres Wasser nimmt mehr Raum ein, der Meeresspiegel steigt.

Die Ozeane lösen auch CO₂ aus der Luft und haben etwa ein Viertel der menschlichen CO₂-Emissionen aufgenommen. Kaltes Wasser löst mehr Gas als warmes. Erwärmen sich die Ozeane, können sie weniger CO₂ aufnehmen (eine positive Rückkopplung). Gelöstes CO₂ bildet eine schwache Säure: Das Meer wird saurer, was Muscheln und Korallen mit ihren Kalkschalen und Kalkskeletten schadet.

Häufige Fehler

Treibhauseffekt und Ozonloch sind dasselbe

„Der Treibhauseffekt kommt vom Loch in der Ozonschicht, weil dadurch mehr Sonne durchkommt.“

Richtig ist

Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Ozonschicht filtert ultraviolette Strahlung der Sonne. Der Treibhauseffekt entsteht, weil Gase die Infrarotstrahlung der Erde absorbieren. Das Ozonloch hat mit der Erwärmung kaum zu tun.

Häufige Fehler

Der Treibhauseffekt ist schlecht

„Am besten gäbe es den Treibhauseffekt gar nicht.“

Richtig ist

Der natürliche Treibhauseffekt hält die Erde bei etwa +15 °C statt bei −18 °C. Ohne ihn gäbe es Leben, wie wir es kennen, nicht. Das Problem ist der zusätzliche, vom Menschen verstärkte Treibhauseffekt.

Zusammenfassung

  • Im Strahlungsgleichgewicht gibt die Erde so viel Leistung ab, wie sie absorbiert: im Mittel etwa 240 W/m².

  • Die Albedo a ist der zurückgeworfene Anteil der Strahlung. Absorbiert wird der Anteil 1 − a. Für die Erde ist a etwa 0,3.

  • Stefan-Boltzmann: j = σ · T⁴. Bei doppelter Temperatur in Kelvin wird 16-mal so viel abgestrahlt.

  • Treibhausgase absorbieren die Infrarotstrahlung der Erdoberfläche und senden einen Teil nach unten zurück. Der natürliche Treibhauseffekt hebt die Mitteltemperatur von −18 °C auf etwa +15 °C.

  • Der Mensch erhöht den Gehalt an CO₂, Methan und Lachgas. Das stört das Strahlungsgleichgewicht und führt zum Klimawandel.

  • Positive Rückkopplungen (Eis-Albedo, Wasserdampf) verstärken die Erwärmung, negative (Abstrahlung) dämpfen sie. Kippelemente können ab einer Schwelle kippen.

  • Die Ozeane speichern etwa 90 % der zusätzlichen Wärme und etwa ein Viertel des menschlichen CO₂. Warmes Wasser löst weniger CO₂, und gelöstes CO₂ säuert das Meer an.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Fläche mit der Albedo 0,25 wird mit 400 W/m² bestrahlt. Wie viel Leistung je m² nimmt sie auf, in W/m²?

Aufgabe 2Numerisch

Ein Körper wird von 300 K auf 600 K erwärmt. Um welchen Faktor wächst die Strahlungsleistung, die er je m² abgibt?

Aufgabe 3Multiple Choice

Welches Beispiel ist eine positive (verstärkende) Rückkopplung?

Aufgabe 4Numerisch

Auf 1 m² Erdoberfläche lastet eine Luftsäule mit etwa 10 000 kg Masse (c = 1,0 kJ/(kg·K)). Eine Wasserschicht von 1 m Tiefe hat auf 1 m² die Masse 1000 kg (c = 4,19 kJ/(kg·K)). Wie tief muss die Wasserschicht sein, damit sie bei 1 K Erwärmung so viel Energie aufnimmt wie die Luftsäule, in Metern? Runde auf eine Stelle nach dem Komma.

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum ein höherer CO₂-Gehalt der Luft die Erde erwärmt, obwohl die Sonne nicht stärker scheint.