Lektion 2.4

Brechungsgesetz und Linsengleichung

16 min Lesezeit

Das Objektiv einer Kamera muss für einen Gegenstand in 2 Metern Entfernung genau den richtigen Abstand zum Sensor haben, sonst wird das Bild unscharf. Und eine Glasfaser leitet Licht nur, wenn es unter einem Winkel auf ihre Wand trifft, der groß genug ist.

In Klasse 7 und 8 hast du gelernt, in welche Richtung Licht abknickt und welche Bilder eine Linse macht. Jetzt kommen die Formeln dazu: Du rechnest Winkel, Abstände und Vergrößerungen aus.

Definition

Lichtgeschwindigkeit in Stoffen und Brechzahl

Im Vakuum und fast ebenso in Luft läuft Licht mit c≈3,0⋅108c \approx 3{,}0 \cdot 10^{8} m/s (300 000 km/s). In durchsichtigen Stoffen ist es langsamer, und das ist der Grund der Brechung. Das Verhältnis von cc zur Lichtgeschwindigkeit vv im Stoff heißt Brechzahl nn. Sie hat keine Einheit und ist größer als 1. Je größer nn, desto „optisch dichter“ der Stoff. Gerundete Werte für gelbes Licht:

StoffBrechzahl nnLichtgeschwindigkeit vv
Luft1,00etwa 300 000 km/s
Wasser1,33etwa 226 000 km/s
Glas (je nach Sorte)etwa 1,5etwa 200 000 km/s
Diamant2,42etwa 124 000 km/s

Die Brechzahl berechnest du so:

n=cvn = \frac{c}{v}
Definition

Der Sinus eines Winkels

Für das Brechungsgesetz brauchst du den Sinus sin⁡α\sin\alpha eines Winkels. Im rechtwinkligen Dreieck ist er das Verhältnis aus der Länge der Seite, die dem Winkel α\alpha gegenüberliegt (Gegenkathete), und der Länge der längsten Seite (Hypotenuse). Praktisch holst du ihn mit der Taste sin deines Taschenrechners, der auf Grad (DEG) eingestellt sein muss. Es ist sin 0° = 0, sin 30° = 0,5 und sin 90° = 1. Zwischen 0° und 90° wächst der Sinus von 0 bis 1 und ist nie größer als 1. Mit der Taste sin⁻¹ (auch arcsin) findest du den Winkel zu einem Sinuswert zurück: sin⁻¹(0,5) = 30°.

Definition

Brechungsgesetz

Ein Lichtbündel trifft schräg auf die Grenzfläche von Stoff 1 (Brechzahl n1n_1) zu Stoff 2 (n2n_2). Der Einfallswinkel ist α\alpha, der Brechungswinkel β\beta, beide vom Lot aus gemessen. Die Wellenfront steht senkrecht zu den Strahlen. Ein Ende der Front erreicht die Grenzfläche zuerst und wird dort langsamer, das andere läuft noch im ersten Stoff. So dreht sich die Front. In derselben Zeit tt legt sie in Stoff 1 den Weg c1⋅tc_1 \cdot t und in Stoff 2 den Weg c2⋅tc_2 \cdot t zurück. Beide Wege sind Katheten rechtwinkliger Dreiecke mit demselben Stück ss der Grenzfläche als Hypotenuse und den Winkeln α\alpha und β\beta. Also gilt sin⁡α=c1ts\sin\alpha = \frac{c_1 t}{s} und sin⁡β=c2ts\sin\beta = \frac{c_2 t}{s}. Teilst du beide Gleichungen, kürzt sich ts\frac{t}{s} weg: sin⁡αsin⁡β=c1c2=n2n1\frac{\sin\alpha}{\sin\beta} = \frac{c_1}{c_2} = \frac{n_2}{n_1}.

Das ist das Brechungsgesetz (nach Snellius):

n1⋅sin⁡α=n2⋅sin⁡βn_1 \cdot \sin\alpha = n_2 \cdot \sin\beta
Beispiel

Von der Luft ins Wasser

Ein Lichtstrahl trifft unter α=50°\alpha = 50° aus Luft (n1=1,00n_1 = 1{,}00) auf Wasser (n2=1,33n_2 = 1{,}33). Wie groß ist der Brechungswinkel?

Aus dem Brechungsgesetz folgt sin⁡β=n1n2⋅sin⁡α=1,001,33⋅sin⁡50°=0,752⋅0,766≈0,576\sin\beta = \frac{n_1}{n_2} \cdot \sin\alpha = \frac{1{,}00}{1{,}33} \cdot \sin 50° = 0{,}752 \cdot 0{,}766 \approx 0{,}576. Dann ist β=sin⁡−1(0,576)≈35°\beta = \sin^{-1}(0{,}576) \approx 35°. Der Winkel ist kleiner als α\alpha: Das Licht wird zum Lot hin gebrochen, wie es beim Übergang in den dichteren Stoff sein muss.

Brechung nachmessen

Stelle den Regler "Einfallswinkel" auf 50° und wähle bei "Stoff unter der Grenzfläche" Wasser. Der Satz unter der Zeichnung nennt den Brechungswinkel: Vergleiche ihn mit deiner Rechnung. Wähle dann Glas und Diamant. Je größer die Brechzahl, desto kleiner wird der Brechungswinkel.

Definition

Grenzwinkel der Totalreflexion

Geht Licht in einen Stoff mit kleinerer Brechzahl über (n2<n1n_2 < n_1), wird es vom Lot weg gebrochen, und es ist β>α\beta > \alpha. Wächst α\alpha, wächst auch β\beta, bis β=90°\beta = 90° ist und der Strahl an der Grenzfläche entlangläuft. Das geschieht beim Grenzwinkel αG\alpha_G. Wegen sin⁡90°=1\sin 90° = 1 liefert das Brechungsgesetz n1⋅sin⁡αG=n2n_1 \cdot \sin\alpha_G = n_2. Bei noch größerem α\alpha wäre sin⁡β=n1n2⋅sin⁡α\sin\beta = \frac{n_1}{n_2} \cdot \sin\alpha größer als 1. Das ist unmöglich: Es tritt kein Licht aus, und alles wird zurückgeworfen (Totalreflexion). Sie gibt es nur beim Übergang in einen Stoff mit kleinerer Brechzahl, und nur für α>αG\alpha > \alpha_G. Der Grenzwinkel ist:

sin⁡αG=n2n1(n1>n2)\sin\alpha_G = \frac{n_2}{n_1} \qquad (n_1 > n_2)
Beispiel

Grenzwinkel von Glas und Diamant

Berechne den Grenzwinkel für Licht, das aus Glas (n=1,5n = 1{,}5) und aus Diamant (n=2,42n = 2{,}42) in Luft übergeht.

Glas: sin⁡αG=11,5=0,667\sin\alpha_G = \frac{1}{1{,}5} = 0{,}667, also αG=sin⁡−1(0,667)≈41,8°\alpha_G = \sin^{-1}(0{,}667) \approx 41{,}8°. Diamant: sin⁡αG=12,42=0,413\sin\alpha_G = \frac{1}{2{,}42} = 0{,}413, also αG≈24,4°\alpha_G \approx 24{,}4°.

Im Diamant wird Licht schon ab 24,4° total reflektiert und bleibt oft lange im Stein. Das macht das Funkeln. Ein Strahl, der im Glas unter 45° auf die Grenzfläche zur Luft trifft, wird total reflektiert, denn 45° ist größer als 41,8°. Darauf beruhen die Umkehrprismen im Fernglas.

Definition

Abbildungsmaßstab

Bei einer Linse sind GG die Gegenstandsgröße, BB die Bildgröße, gg die Gegenstandsweite und bb die Bildweite. Der Mittelpunktstrahl geht ungebrochen durch die Linse, wie bei der Lochkamera. Daraus folgt (Strahlensatz): Bild und Gegenstand verhalten sich wie ihre Abstände zur Linse. Das Verhältnis heißt Abbildungsmaßstab AA. Ist A>1A > 1, ist das Bild vergrößert, bei A<1A < 1 verkleinert, bei A=1A = 1 gleich groß:

A=BG=bgA = \frac{B}{G} = \frac{b}{g}
Definition

Abbildungsgleichung

Der Parallelstrahl läuft in der Höhe GG parallel zur Achse und geht hinter der Linse durch den Brennpunkt. Im Dreieck zwischen Brennpunkt und Bildebene gilt dann BG=b−ff\frac{B}{G} = \frac{b - f}{f}. Mit BG=bg\frac{B}{G} = \frac{b}{g} folgt bg=b−ff\frac{b}{g} = \frac{b - f}{f}, also b⋅f=g⋅b−g⋅fb \cdot f = g \cdot b - g \cdot f. Teilst du durch g⋅b⋅fg \cdot b \cdot f, erhältst du die Abbildungsgleichung für dünne Sammellinsen:

1f=1g+1b\frac{1}{f} = \frac{1}{g} + \frac{1}{b}
Beispiel

Bild einer Sammellinse berechnen

Eine Sammellinse hat die Brennweite f=10f = 10 cm. Ein 4 cm hoher Gegenstand steht g=15g = 15 cm vor der Linse. Wo liegt das Bild, und wie hoch ist es?

Aus der Abbildungsgleichung folgt 1b=1f−1g=110−115=330−230=130\frac{1}{b} = \frac{1}{f} - \frac{1}{g} = \frac{1}{10} - \frac{1}{15} = \frac{3}{30} - \frac{2}{30} = \frac{1}{30}. Also ist b=30b = 30 cm. Der Abbildungsmaßstab ist A=bg=3015=2A = \frac{b}{g} = \frac{30}{15} = 2, die Bildhöhe B=2⋅4B = 2 \cdot 4 cm =8= 8 cm. Das Bild ist reell, umgekehrt und vergrößert, wie es für f<g<2ff < g < 2f sein muss.

Wird g<fg < f, kommt bb negativ heraus: Das Bild ist virtuell und liegt auf der Seite des Gegenstands (Lupe).

Beispiel

Die Kamera scharf stellen

Ein Objektiv hat die Brennweite 50 mm. Ein Gegenstand steht 2,0 m vor dem Objektiv. In welchem Abstand muss der Sensor stehen?

Es ist g=2000g = 2000 mm. Dann gilt 1b=150−12000=402000−12000=392000\frac{1}{b} = \frac{1}{50} - \frac{1}{2000} = \frac{40}{2000} - \frac{1}{2000} = \frac{39}{2000}, also b=200039≈51,3b = \frac{2000}{39} \approx 51{,}3 mm. Der Sensor steht 1,3 mm weiter hinten als bei einem sehr weit entfernten Gegenstand (b=f=50b = f = 50 mm). Darum fährt das Objektiv beim Scharfstellen auf nahe Gegenstände nach vorn.

Definition

Strahlengang am Fernrohr

Ein Fernrohr (nach Kepler) hat zwei Sammellinsen: das Objektiv mit großer Brennweite f1f_1 und das Okular mit kleiner Brennweite f2f_2. Der Gegenstand ist sehr weit entfernt, also ist 1g\frac{1}{g} fast null und b≈f1b \approx f_1. Das Objektiv erzeugt ein reelles, umgekehrtes Zwischenbild in seiner Brennebene (die Ebene durch den Brennpunkt, senkrecht zur Achse). Die Linsen stehen so weit auseinander, dass dieses Zwischenbild im Brennpunkt des Okulars liegt. Für das Okular ist dann g=f2g = f_2 und 1b=0\frac{1}{b} = 0: Das Licht verlässt es als paralleles Bündel, und das Auge sieht ein Bild im Unendlichen, ohne sich anzustrengen. Es steht auf dem Kopf.

Die Vergrößerung ist ein Verhältnis von Winkeln. Vom Objektiv aus gesehen füllt das Zwischenbild den Sehwinkel ε\varepsilon, unter dem der Gegenstand ohne Fernrohr erscheint. Durch das Okular sieht das Auge das Zwischenbild aus dem Abstand f2f_2 unter dem größeren Winkel ε′\varepsilon'. Für kleine Winkel sind Winkel und Abstand umgekehrt proportional, also gilt ε′ε=f1f2\frac{\varepsilon'}{\varepsilon} = \frac{f_1}{f_2}. Vergrößerung VV und Rohrlänge LL (Abstand der Linsen) sind:

V=f1f2,L=f1+f2V = \frac{f_1}{f_2}, \qquad L = f_1 + f_2
Häufige Fehler

Die Winkel stehen im Verhältnis der Brechzahlen

„Bei Glas mit n = 1,5 ist der Brechungswinkel der Einfallswinkel geteilt durch 1,5. Bei 45° sind das 30°.“

Richtig ist

Nicht die Winkel, sondern ihre Sinuswerte stehen im Verhältnis. Richtig ist sin⁡β=sin⁡45°:1,5=0,471\sin\beta = \sin 45° : 1{,}5 = 0{,}471, also β≈28°\beta \approx 28°. Bei kleinen Winkeln ist der Unterschied gering, bei großen deutlich.

Häufige Fehler

Den Kehrwert vergessen

„Aus 1/b = 1/f − 1/g folgt b = f − g. Für f = 10 cm und g = 15 cm ist b = −5 cm.“

Richtig ist

Die Gleichung gibt 1b\frac{1}{b}, nicht bb. Zuerst Brüche mit gemeinsamem Nenner subtrahieren: 110−115=130\frac{1}{10} - \frac{1}{15} = \frac{1}{30}. Dann den Kehrwert bilden: b=30b = 30 cm.

Zusammenfassung

  • Die Brechzahl n = c : v sagt, wie viel langsamer das Licht im Stoff ist als im Vakuum. Je größer n, desto optisch dichter der Stoff.

  • Brechungsgesetz: n₁ · sin α = n₂ · sin β, mit Winkeln vom Lot aus. Nicht die Winkel, sondern ihre Sinuswerte stehen im Verhältnis.

  • Beim Übergang in einen Stoff mit kleinerer Brechzahl gibt es den Grenzwinkel: sin α_G = n₂ : n₁. Für größere Einfallswinkel tritt Totalreflexion auf.

  • Abbildungsmaßstab: A = B : G = b : g. Ist A größer als 1, ist das Bild vergrößert.

  • Abbildungsgleichung: 1/f = 1/g + 1/b. Für g = f gibt es kein Bild, für g kleiner als f ein virtuelles.

  • Beim Fernrohr bilden Objektiv (f₁) und Okular (f₂) im Abstand f₁ + f₂ ein Paar. Die Vergrößerung ist V = f₁ : f₂, das Bild steht auf dem Kopf.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Glas hat die Brechzahl 1,5. Wie groß ist die Lichtgeschwindigkeit im Glas, in Kilometern pro Sekunde? Rechne mit c = 300 000 km/s. Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 2Numerisch

Ein Lichtstrahl trifft unter 45° aus Luft auf Glas (n = 1,5). Wie groß ist der Brechungswinkel, in Grad? Runde auf eine Stelle nach dem Komma.

Aufgabe 3Multiple Choice

Licht läuft im Glas (n = 1,5) und trifft unter 45° auf die Grenzfläche zur Luft (n = 1,0). Was geschieht?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Sammellinse hat die Brennweite 15 cm. Ein Gegenstand steht 60 cm vor der Linse. Wie groß ist die Bildweite, in Zentimetern?

Aufgabe 5Numerisch

Ein Fernrohr soll 40-fach vergrößern. Sein Objektiv hat die Brennweite 120 cm. Wie lang ist das Rohr, also der Abstand zwischen Objektiv und Okular, in Zentimetern?

Aufgabe 6Freitext

Ein Gegenstand steht genau im Brennpunkt einer Sammellinse (g = f). Zeige mit der Abbildungsgleichung, dass hinter der Linse kein Bild entsteht.