Energieumwandlung in der Zelle: ATP-ADP-System, Redoxreaktionen und chemiosmotische ATP-Bildung
Beim Sprint ziehen sich Muskelzellen in Sekundenbruchteilen zusammen. Eine Wurzelzelle nimmt Mineralstoffe gegen ein Konzentrationsgefälle auf, und eine Blattzelle baut Zucker auf. Alle diese Vorgänge brauchen Energie. Traubenzucker oder Fett liefern sie, aber weder ein Muskel noch eine Ionenpumpe kann Traubenzucker unmittelbar „verbrennen“.
Die Zelle benutzt eine einheitliche Währung. Diese Lektion klärt, wie Aufbau und Abbau von Stoffen zusammenhängen, wie Energie umgewandelt wird und wie die Zelle ihre Währung mit einem Protonengefälle an Membranen herstellt. Sie ist die Grundlage für Fotosynthese und Zellatmung.
Aufbauender und abbauender Stoffwechsel
Der Stoffwechsel umfasst alle chemischen Reaktionen einer Zelle, von Enzymen katalysiert. Man unterscheidet zwei Richtungen:
| Aufbauender Stoffwechsel (Assimilation) | Abbauender Stoffwechsel (Dissimilation) | |
|---|---|---|
| Richtung | kleine Moleküle zu großen, energiereicheren | große Moleküle zu kleinen, energieärmeren |
| Energie | wird gebraucht | wird frei |
| Beispiele | Fotosynthese, Bildung von Proteinen | Zellatmung, Gärung |
| Elektronen | überwiegend Reduktionen | überwiegend Oxidationen |
Beide Richtungen hängen zusammen: Die Endstoffe des einen Wegs sind Ausgangsstoffe des anderen. Die Fotosynthese liefert Glucose und Sauerstoff, die Zellatmung verbraucht sie und liefert Kohlenstoffdioxid und Wasser. Stoffe kreisen, Energie nicht: Sie tritt als Licht oder Nahrung ein und verlässt die Zelle als Wärme. Zwischen beiden Richtungen vermitteln ATP und NADH bzw. NADPH (siehe unten).
Energieumwandlung und Energieentwertung
Energie geht nicht verloren und entsteht nicht neu, sie wird umgewandelt. Eine typische Kette: Lichtenergie wird in der Fotosynthese zu chemischer Energie in Glucose, die Zellatmung überträgt sie auf ATP, und ATP treibt Arbeit an (Muskelkontraktion, Transport gegen ein Gefälle, Synthesen).
Bei jedem Schritt wird ein Teil als Wärme frei, die die Zelle nicht mehr für Arbeit nutzen kann. Das ist die Energieentwertung: Die Gesamtenergie bleibt gleich, ihr nutzbarer Anteil nimmt ab. Darum braucht Leben ständig neue Energiezufuhr.
Die nutzbare Energie einer Reaktion gibt man als freie Enthalpie in kJ je mol an. Bei negativem ist die Reaktion exergonisch (Zellatmung), bei positivem endergonisch und braucht Energiezufuhr (Fotosynthese).
Redoxreaktionen
Aus der Chemie kennst du die Redoxreaktion als Elektronenübergang. Bei der Oxidation gibt ein Stoff Elektronen ab, bei der Reduktion nimmt er welche auf. Beides geschieht immer gemeinsam. In Zellen werden Elektronen oft mit Wasserstoff übertragen, denn ein H-Atom besteht aus einem Proton und einem Elektron. Wer Wasserstoff abgibt, wird oxidiert.
Überträger sind NAD und NADP, Coenzyme, die zwischen oxidierter und reduzierter Form pendeln. NADH dient vor allem dem Abbau, NADPH (mit zusätzlicher Phosphatgruppe) dem Aufbau, besonders in der Fotosynthese. Ihre Vorräte sind klein und müssen ständig zurückgewandelt werden.
NADH ist energiereich: Seine Elektronen geben später stufenweise Energie ab. Am Ende der Zellatmung steht Sauerstoff, der Elektronen besonders leicht aufnimmt. Die Reduktion von NAD lautet:
Oxidiert oder reduziert?
Oxidiert oder reduziert?
Ein Zwischenprodukt des Glucoseabbaus (AH) gibt zwei Wasserstoffatome an NAD ab. Am Ende der Zellatmung nimmt O Elektronen und Protonen auf und wird zu Wasser. Welcher Stoff wird oxidiert, welcher reduziert? Wie viele Elektronen nimmt ein O auf?
AH gibt Wasserstoff und damit Elektronen ab: Es wird oxidiert. NAD nimmt sie auf: Es wird reduziert. O nimmt Elektronen auf und wird reduziert, und zwar 2 je Sauerstoffatom, also 4 je O. Der Sauerstoff ist der letzte Elektronenempfänger der Zellatmung.
ATP-ADP-System
ATP (Adenosintriphosphat) ist ein Nucleotid aus der Base Adenin, dem Zucker Ribose und drei Phosphatgruppen. Spaltet man die letzte Phosphatgruppe ab, entstehen ADP (Adenosindiphosphat) und anorganisches Phosphat (P). Diese Spaltung mit Wasser ist exergonisch: Unter Standardbedingungen werden etwa 30 kJ je mol frei, in der Zelle etwas mehr.
Die Rückreaktion, die Phosphorylierung von ADP, braucht dieselbe Energie. Arbeit spaltet also ATP, Zellatmung und Fotosynthese bauen es wieder auf. ATP ist darum kein Speicher, sondern ein Überträger: Der Vorrat einer Muskelzelle reicht nur für wenige Sekunden Arbeit. Ein Erwachsener hat nur einige Dutzend Gramm ATP, setzt aber am Tag in der Größenordnung seines Körpergewichts um.
Energetische Kopplung
Eine endergonische Reaktion läuft nicht von selbst. Koppelt die Zelle sie an die ATP-Spaltung, addieren sich die -Werte. Ist die Summe negativ, läuft die Gesamtreaktion ab. Meist überträgt ATP dazu eine Phosphatgruppe auf den Reaktionspartner.
Kopplung am ersten Schritt des Glucoseabbaus
Kopplung am ersten Schritt des Glucoseabbaus
Die Zelle phosphoryliert Glucose zu Glucose-6-phosphat. Die Reaktion Glucose + P hat gerundet kJ/mol. Die ATP-Spaltung hat kJ/mol. Läuft die gekoppelte Reaktion ab?
Summe: kJ/mol. Der Wert ist negativ, die gekoppelte Reaktion läuft also ab. Die 16 kJ/mol, die nicht gebraucht werden, werden als Wärme frei. Das ist die Energieentwertung.
Chemiosmotische ATP-Bildung
Der größte Teil des ATP entsteht nach einem Prinzip, das Peter Mitchell 1961 vorschlug (Nobelpreis für Chemie 1978). Der Name verbindet eine chemische Reaktion (ATP-Bildung) mit dem Transport durch eine Membran:
Schritt 1: Elektronen aus NADH (Zellatmung) oder aus angeregtem Chlorophyll (Fotosynthese) laufen in einer Membran durch eine Kette von Proteinkomplexen, die Elektronentransportkette, und geben dabei Energie stufenweise ab.
Schritt 2: Mit dieser Energie pumpen die Komplexe Protonen (H) durch die Membran in einen Raum (aktiver Transport).
Schritt 3: Es entsteht ein Protonengradient mit Konzentrations- und Ladungsunterschied. Er speichert Energie wie das Wasser in einem Stausee. Die Membran muss für Protonen dicht sein.
Schritt 4: Die Protonen strömen durch die ATP-Synthase zurück, ein Kanalprotein mit Enzym. Der Strom dreht einen Teil des Proteins wie ein Wasserrad und presst ADP und P zu ATP zusammen.
| Ort | Protonen werden gepumpt | ATP entsteht in |
|---|---|---|
| Mitochondrium, innere Membran | Matrix zu Intermembranraum (Raum zwischen den Membranen) | Matrix |
| Chloroplast, Thylakoidmembran | Stroma zu Thylakoidinnenraum | Stroma |
| Bakterienzelle, Zellmembran | Cytoplasma nach außen | Cytoplasma |
Stofftransport zwischen Kompartimenten
Membranen trennen Räume, und diese Trennung ist Voraussetzung der chemiosmotischen ATP-Bildung: Ohne zwei Räume gäbe es keinen Gradienten. ATP entsteht in der Mitochondrienmatrix, wird aber im Cytoplasma gebraucht. Die innere Membran lässt es nicht durch. Ein ADP-ATP-Carrier tauscht ATP aus der Matrix gegen ADP aus dem Cytoplasma, ein weiterer Carrier bringt Phosphat hinein.
Homöostase
Homöostase ist das Konstanthalten innerer Größen wie der ATP-Konzentration, des pH-Werts oder des Ionengehalts. Konstant heißt nicht Stillstand: Die Zelle ist ein offenes System im Fließgleichgewicht, in dem Bildung und Verbrauch von ATP gleich groß sind.
Das System regelt sich über Rückkopplung. Wird viel ATP verbraucht, steigt die Menge an ADP, und die Zellatmung läuft schneller. Ist reichlich ATP da, fehlt ADP, und die Zellatmung wird gebremst. Darum sinkt die ATP-Konzentration beim Sprint nur wenig.
ATP ist ein Energiespeicher wie Fett
ATP ist ein Energiespeicher wie Fett
„Die Zelle speichert ihre Energie in großen ATP-Vorräten.“
ATP ist ein kurzlebiger Überträger, der Vorrat reicht nur für Sekunden. Langzeitspeicher sind Fett, Glykogen und Stärke.
Beim Brechen der Phosphatbindung wird Energie frei
Beim Brechen der Phosphatbindung wird Energie frei
„In der Bindung zwischen den Phosphatgruppen steckt Energie. Beim Brechen wird sie frei.“
Das Brechen einer Bindung braucht Energie. Frei wird sie, weil ADP und P insgesamt stabiler sind als ATP: Die Ladungen stoßen sich weniger ab, und die Teilchen sind besser vom Wasser umgeben. „Energiereiche Bindung“ ist nur eine Kurzform.
Zusammenfassung
Aufbau braucht Energie (meist Reduktionen), Abbau setzt sie frei (meist Oxidationen). Stoffe kreisen, Energie fließt hindurch und endet als Wärme.
Bei jeder Umwandlung wird Energie entwertet. Exergonische Reaktionen haben , endergonische .
Oxidation ist Elektronenabgabe, Reduktion Elektronenaufnahme. NAD und NADP übertragen Elektronen und Wasserstoff.
ATP wird zu ADP und P gespalten (etwa 30 kJ/mol) und durch Phosphorylierung neu gebildet. Es ist ein Überträger, kein Speicher. Die ATP-Spaltung treibt endergonische Reaktionen an, wenn die Summe der -Werte negativ ist.
Chemiosmose: Die Elektronentransportkette pumpt Protonen durch eine Membran, und der Rückstrom durch die ATP-Synthase bildet ATP.
Kompartimentierung ermöglicht den Gradienten, Carrier tauschen ATP und ADP aus. Rückkopplung hält die ATP-Konzentration konstant (Homöostase).
Übungen
Welche Aussage über das ATP-ADP-System trifft zu?
Ein Sauerstoffmolekül (O) wird in der Atmungskette zu zwei Wassermolekülen reduziert. Wie viele Elektronen nimmt es dabei auf?
Eine Reaktion hat kJ/mol. Sie wird an die ATP-Spaltung mit kJ/mol gekoppelt. Wie groß ist der gekoppelten Gesamtreaktion in kJ/mol? Gib die Zahl mit Vorzeichen an.
Was treibt die ATP-Synthase an?
Beim Sprint steigt der ATP-Verbrauch einer Muskelzelle stark, die ATP-Konzentration sinkt aber nur wenig. Erkläre das mit dem Begriff Rückkopplung.