Zellzyklus, Mitose, Meiose und Rekombination
Aus einer befruchteten Eizelle werden viele Billionen Körperzellen. Auch im Erwachsenen teilen sich Zellen ständig: Die Haut erneuert sich, die Darmschleimhaut ebenso. Gleichzeitig sterben jeden Tag Milliarden Zellen. Wer legt fest, wann eine Zelle sich teilt, und was geschieht, wenn diese Kontrolle versagt?
Außerdem bekommst du von jedem Elternteil die Hälfte der Chromosomen, und trotzdem sind Geschwister nicht gleich. Woher kommt diese Vielfalt?
Zellzyklus und seine Regulation
Der Zellzyklus ist die Abfolge von Wachstum, DNA-Verdopplung und Teilung. Die Interphase hat drei Abschnitte: In der G1-Phase wächst die Zelle. In der S-Phase wird die DNA identisch verdoppelt, jedes Chromosom besteht danach aus zwei identischen Chromatiden, die am Centromer zusammenhängen. In der G2-Phase bereitet sich die Zelle auf die Teilung vor. Es folgt die M-Phase: Mitose (Kernteilung) und Cytokinese (Zellteilung). Zellen, die sich nicht mehr teilen, etwa Nervenzellen, treten in die G0-Phase aus.
Kontrollpunkte halten den Zyklus an, wenn etwas nicht stimmt. Der G1-Kontrollpunkt prüft Größe, Nährstoffe, Wachstumssignale und DNA-Schäden, der G2-Kontrollpunkt, ob die DNA vollständig und unbeschädigt verdoppelt ist, und der Spindelkontrollpunkt in der Metaphase, ob alle Chromosomen richtig an der Spindel hängen. Bei Fehlern wird repariert oder die Zelle leitet den Zelltod ein. Molekular steuern Cycline und Cyclin-abhängige Kinasen (CDK, Enzyme, die Phosphatgruppen auf andere Proteine übertragen) den Zyklus: Die Menge der CDK bleibt gleich, die der Cycline steigt und fällt, und nur die CDK mit gebundenem Cyclin ist aktiv. Fallen Kontrollen aus, teilen sich Zellen ungebremst, es entsteht ein Tumor.
Mitose, Chromosomen und Cytoskelett
In der Interphase liegt die DNA als lockeres Chromatin vor. In der Mitose kondensiert (verdichtet) sie zu Chromosomen, die im Lichtmikroskop sichtbar sind. Das Cytoskelett ist ein Netz aus Proteinfäden: Mikrotubuli (Röhren aus Tubulin) bilden die Spindel, Aktinfilamente bilden den Ring, der die Zelle einschnürt. Die Spindel geht von den Polen aus (bei Tierzellen von den Zellzentren, den Centrosomen) und setzt an den Kinetochoren (Proteinkomplexen am Centromer) an.
| Phase | Geschehen |
|---|---|
| Prophase | Chromatin kondensiert zu Chromosomen, die Spindel bildet sich, die Kernhülle löst sich auf |
| Metaphase | Die Chromosomen liegen in der Äquatorialebene, jedes ist von beiden Polen her an Spindelfasern befestigt |
| Anaphase | Die Chromatiden werden getrennt und von den sich verkürzenden Spindelfasern zu den Polen gezogen |
| Telophase | Die Chromosomen entspiralisieren, die Kernhüllen bilden sich neu, die Spindel verschwindet |
Bei der Cytokinese schnürt in Tierzellen ein Aktinring die Zelle ein, in Pflanzenzellen bilden Vesikel der Dictyosomen eine Zellplatte, aus der die neue Zellwand wird. Es entstehen zwei erbgleiche Tochterzellen (beim Menschen mit 2n = 46 Chromosomen). Das Spindelgift Colchicin verhindert die Spindelbildung, die Zellen bleiben in der Metaphase stehen. So gewinnt man Chromosomen für Karyogramme.
Wie lange dauert jede Phase?
Wie lange dauert jede Phase?
In einer Wurzelspitze teilen sich die Zellen unabhängig voneinander. Du zählst 500 Zellen: 440 in der Interphase, 30 in der Prophase, 10 in der Metaphase, 5 in der Anaphase und 15 in der Telophase. Der Zellzyklus dauert angenommen 20 Stunden. Berechne den Mitoseindex (Anteil der Zellen in der Mitose) und die Dauer jeder Phase.
In der Mitose sind 30 + 10 + 5 + 15 = 60 Zellen. Der Mitoseindex ist 60 : 500 = 0,12, also 12 %.
Der Anteil der Zellen in einer Phase entspricht dem Anteil an der Gesamtdauer. Prophase: 30 : 500 = 0,06 und 0,06 mal 20 h = 1,2 h = 72 min. Metaphase: 10 : 500 = 0,02, also 0,4 h = 24 min. Anaphase: 5 : 500 = 0,01, also 0,2 h = 12 min. Telophase: 15 : 500 = 0,03, also 0,6 h = 36 min. Die Mitose dauert zusammen 2,4 h (12 % von 20 h), die Interphase 17,6 h.
Apoptose
Apoptose ist der programmierte Zelltod: Die Zelle leitet ihr eigenes Ende ein. Auslöser sind Entwicklungssignale (das Gewebe zwischen den Fingeranlagen des Embryos verschwindet) und nicht reparierbare DNA-Schäden. Die Zelle schrumpft, Enzyme (Caspasen) zerlegen Proteine und DNA, die Membran bleibt dicht, und die Zelle zerfällt in Bläschen, die Fresszellen aufnehmen. Da nichts ausläuft, gibt es keine Entzündung. Bei der Nekrose dagegen platzt die Zelle durch Schaden (Verbrennung, Gift), ihr Inhalt tritt aus, und das Gewebe entzündet sich.
Meiose
Keimzellen haben nur den einfachen (haploiden) Chromosomensatz n, erst die Befruchtung stellt den doppelten (diploiden) Satz 2n wieder her. Die Meiose besteht aus zwei Teilungen nach nur einer DNA-Verdopplung. Aus einer diploiden Zelle entstehen vier haploide Zellen.
- Meiose I (Reduktionsteilung): Die homologen Chromosomen (ein mütterliches und ein väterliches mit denselben Genen) paaren sich zu einem Bivalent (Chromosomenpaar), dabei kommt es zum Crossing-over. In der Metaphase I liegen die Paare in der Äquatorialebene. In der Anaphase I werden die homologen Chromosomen getrennt, jedes noch mit zwei Chromatiden.
- Meiose II (Äquationsteilung): Sie läuft wie eine Mitose ohne vorherige S-Phase ab. In der Anaphase II werden die Chromatiden getrennt.
Mit C bezeichnet man die DNA-Menge eines haploiden Satzes:
| Stadium beim Menschen | Chromosomen | DNA-Menge |
|---|---|---|
| Körperzelle in G1 | 46, je 1 Chromatid | 2C |
| nach der S-Phase | 46, je 2 Chromatiden | 4C |
| nach Meiose I | 23, je 2 Chromatiden | 2C |
| nach Meiose II (Keimzelle) | 23, je 1 Chromatid | 1C |
Intra- und interchromosomale Rekombination
Rekombination ist die Neukombination von Allelen (Genvarianten) und die Quelle genetischer Vielfalt.
- Interchromosomale Rekombination: In der Metaphase I richten sich die mütterlichen und väterlichen Chromosomen jedes Paares zufällig aus. Bei n Chromosomenpaaren gibt es mögliche Keimzellen.
- Intrachromosomale Rekombination: Beim Crossing-over tauschen in der Prophase I zwei Nicht-Schwesterchromatiden homologer Chromosomen an den Überkreuzungsstellen (Chiasmata) entsprechende Stücke. Allele auf demselben Chromosom, die sonst gemeinsam vererbt würden, werden neu kombiniert. Liegen auf dem mütterlichen Chromosom die Allele A und B und auf dem väterlichen a und b, entstehen ohne Crossing-over nur AB- und ab-Keimzellen, mit Crossing-over auch Ab und aB.
Wie viele Kombinationen gibt es?
Wie viele Kombinationen gibt es?
Der Mensch hat n = 23 Chromosomenpaare. Wie viele verschiedene Keimzellen sind allein durch die zufällige Verteilung der Chromosomen möglich, und wie viele verschiedene Kombinationen bei der Befruchtung?
Je Paar gibt es 2 Möglichkeiten, bei 23 Paaren = 8 388 608 verschiedene Keimzellen. Bei der Befruchtung trifft eine der Eizellen auf eine der Spermien: , das sind etwa Kombinationen. Crossing-over vervielfacht die Zahl noch einmal.
Keimzellbildung: Spermatogenese und Oogenese
| Merkmal | Spermatogenese (Hoden) | Oogenese (Eierstock) |
|---|---|---|
| Vermehrung durch Mitose | von der Pubertät an lebenslang | nur vor der Geburt |
| Beginn der Meiose | in der Pubertät | vor der Geburt, die Zelle bleibt in der Prophase I stehen |
| Meiose I | zwei gleich große Zellen | eine große Zelle und ein kleines Polkörperchen |
| Meiose II | vier gleich große Spermatiden, die zu Spermien ausreifen | endet erst, wenn ein Spermium eindringt: Eizelle und zweites Polkörperchen |
| Ergebnis | 4 Spermien | 1 Eizelle und Polkörperchen, die zugrunde gehen |
Die Teilungen der Oogenese sind ungleich, damit die Eizelle fast das gesamte Cytoplasma und die Reservestoffe für den Embryo behält.
Karyogramm, Genom- und Chromosomenmutationen
Ein Karyogramm zeigt die Metaphasechromosomen einer Zelle, nach Größe, Lage des Centromers und Bandenmuster geordnet. Der Mensch hat 22 Paare Autosomen und ein Paar Gonosomen (Geschlechtschromosomen, XX oder XY), geschrieben als 46,XX oder 46,XY.
Genommutationen ändern die Chromosomenzahl. Häufige Ursache ist die Nondisjunction: Homologe Chromosomen (Meiose I) oder Chromatiden (Meiose II) wandern nicht auseinander. Trennen sich in der Meiose I die beiden Chromosomen 21 nicht, haben zwei Keimzellen 24 und zwei 22 Chromosomen. Befruchtet ein normales Spermium (23) eine Eizelle mit 24, entsteht eine Zygote mit 47 Chromosomen, etwa 47,XX,+21 (Trisomie 21, Down-Syndrom). Bei der Aneuploidie ist nur ein einzelnes Chromosom betroffen, wie hier oder bei 45,X (Turner-Syndrom). Bei der Polyploidie ist der ganze Satz vervielfacht: Beim Menschen führt sie fast immer zur Fehlgeburt, bei Pflanzen ist sie häufig (Kartoffel, Weizen).
Chromosomenmutationen verändern den Bau eines Chromosoms: Deletion (Stück geht verloren, zum Beispiel am Chromosom 5 beim Cri-du-chat-Syndrom), Duplikation (Stück doppelt), Inversion (Stück verkehrt herum eingebaut) und Translokation (Stück an ein nicht homologes Chromosom angeheftet). Ursachen sind Strahlung, Chemikalien und fehlerhaftes Crossing-over.
Meiose I trennt Chromatiden
Meiose I trennt Chromatiden
„In der Anaphase I werden die Chromatiden getrennt, wie in der Mitose.“
In der Anaphase I werden ganze homologe Chromosomen getrennt, jedes noch aus zwei Chromatiden. Erst in der Anaphase II werden Chromatiden getrennt.
Zusammenfassung
Der Zellzyklus besteht aus Interphase (G1, S, G2) und M-Phase. Kontrollpunkte und das Zusammenspiel von Cyclinen und CDK steuern ihn.
In der Mitose verteilt die Spindel (Mikrotubuli) die Chromatiden. Es entstehen zwei erbgleiche Tochterzellen.
Apoptose ist der kontrollierte Zelltod ohne Entzündung, Nekrose das Platzen durch Schaden.
Die Meiose trennt in der Reduktionsteilung die homologen Chromosomen, in der Äquationsteilung die Chromatiden und liefert vier haploide Zellen.
Zufällige Verteilung der Chromosomen ( Möglichkeiten) und Crossing-over schaffen genetische Vielfalt.
Die Oogenese liefert eine Eizelle mit Polkörperchen, die Spermatogenese vier Spermien.
Genommutationen ändern die Chromosomenzahl (Aneuploidie, Polyploidie), Chromosomenmutationen den Bau (Deletion, Duplikation, Inversion, Translokation). Das Karyogramm macht sie sichtbar.
Übungen
In einem Präparat sind von 400 gezählten Zellen 32 in der Mitose. Wie groß ist der Mitoseindex, in Prozent?
In welchem Schritt wird der Chromosomensatz von 2n auf n verringert?
Eine Pflanze hat 2n = 14 Chromosomen. Wie viele verschiedene Keimzellen entstehen allein durch die zufällige Verteilung der Chromosomen, ohne Crossing-over?
Erkläre, warum Geschwister, die nicht eineiige Zwillinge sind, genetisch verschieden sind. Nenne zwei Quellen der Vielfalt.