Lektion 3.3

Hormone und die Verschränkung hormoneller und neuronaler Steuerung

18 min Lesezeit

Vor einer Klausur pocht dein Herz, die Hände schwitzen, und das geschieht innerhalb weniger Sekunden. Wochen vor dem Abitur schläfst du schlechter und wirst leichter krank. Der schnelle Teil geht auf Nerven und das Hormon Adrenalin zurück, der langsame vor allem auf Cortisol.

Dasselbe Blut erreicht alle Zellen deines Körpers, aber nur bestimmte Zellen reagieren auf ein Hormon. Wie ist das möglich? Wie wirken Hormone in der Zelle, und wie greifen Nerven- und Hormonsystem ineinander?

Definition

Hormone und ihre Zielzellen

Hormone sind Signalstoffe, die Drüsen oder Nervenzellen ins Blut abgeben und die schon in sehr kleinen Mengen wirken. Das Blut verteilt sie im ganzen Körper, doch nur Zielzellen mit dem passenden Rezeptor reagieren. Die Spezifität liegt also im Rezeptor, nicht im Transport. Nach ihrem Bau unterscheidet man:

GruppeBeispieleEigenschaft
Peptidhormone (Aminosäureketten)Insulin, Glukagon, ADH (spart Wasser in der Niere), ACTH (steuert die Nebennierenrinde)wasserlöslich, passieren die Membran nicht
Steroidhormone (aus Cholesterin)Cortisol, Östrogene, Testosteronfettlöslich, passieren die Membran

Adrenalin (ein Abkömmling einer Aminosäure) ist wasserlöslich und wirkt wie ein Peptidhormon über einen Rezeptor in der Membran.

Definition

Peptidhormone und der second messenger cAMP

Ein Peptidhormon bindet außen an einen Membranrezeptor und bleibt draußen. Das Signal gelangt über einen second messenger ins Zellinnere. Beispiel Glukagon oder Adrenalin an einer Leberzelle:
Schritt 1: Das Hormon bindet an den Rezeptor, der seine Form ändert.
Schritt 2: Der Rezeptor aktiviert ein G-Protein (ein Signalprotein an der Membran).
Schritt 3: Das G-Protein aktiviert das Enzym Adenylatcyclase. Sie bildet aus ATP viele Moleküle cAMP (zyklisches Adenosinmonophosphat).
Schritt 4: cAMP aktiviert die Proteinkinase A. Diese schaltet Enzyme durch Anhängen einer Phosphatgruppe an (Phosphorylierung).
Schritt 5: Die aktivierten Enzyme spalten Glykogen, die Leberzelle gibt Glucose ins Blut.

Auf jeder Stufe entstehen viele Moleküle: Das Signal wird verstärkt. Es endet, wenn sich das Hormon vom Rezeptor löst und die Phosphodiesterase cAMP zu AMP abbaut. Die Wirkung setzt nach Sekunden bis Minuten ein.

Definition

Steroidhormone als Transkriptionsfaktoren

Steroidhormone durchqueren die Membran. Im Zellplasma oder Zellkern binden sie an ihren Rezeptor. Der Hormon-Rezeptor-Komplex wirkt als Transkriptionsfaktor: Er bindet an bestimmte DNA-Abschnitte und fördert oder hemmt dort die Transkription, das Ablesen eines Gens zur mRNA. Aus der mRNA entstehen neue Proteine, die den Stoffwechsel der Zelle verändern.

MerkmalPeptidhormonSteroidhormon
Rezeptorin der Zellmembranim Zellplasma oder Zellkern
Weg des Signalssecond messenger, EnzymaktivierungTranskriptionsfaktor, neue Proteine
Beginn der WirkungSekunden bis MinutenStunden
Dauerkurzlang
Transport im Blutfrei gelöstmeist an Trägerproteine gebunden
Definition

Vergleich von Hormon- und Nervensystem

MerkmalNervensystemHormonsystem
SignalträgerAktionspotenziale, an Synapsen TransmitterHormone im Blut
Adressatgezielt einzelne Zellenalle Zellen mit passendem Rezeptor
GeschwindigkeitMillisekundenSekunden bis Stunden
Dauer der Wirkungkurzlang
Codierung der StärkeFrequenz der AktionspotenzialeKonzentration des Hormons
Steuert vor allemschnelle Reaktionen, Bewegung, SinneStoffwechsel, Wachstum, langfristige Anpassung
Definition

Verschränkung hormoneller und neuronaler Steuerung

Beide Systeme arbeiten verzahnt. Die zentrale Schaltstelle sind der Hypothalamus im Zwischenhirn und die Hypophyse (Hirnanhangdrüse). Das Bindeglied sind neurosekretorische Zellen: Nervenzellen, die Hormone statt Transmitter bilden und ins Blut abgeben.

  • Neurosekretorische Zellen des Hypothalamus bilden ADH und Oxytocin (Wehen, Milchabgabe). Deren Axone reichen in den Hypophysenhinterlappen, der die Hormone ins Blut abgibt.
  • Andere bilden Releasing-Hormone. Sie wirken auf den Hypophysenvorderlappen, der Steuerhormone wie ACTH freisetzt. Diese regeln periphere Drüsen, zum Beispiel die Nebennierenrinde.
  • Das Nebennierenmark besteht aus umgebauten Nervenzellen. Der Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) erregt sie, sie geben Adrenalin ins Blut ab.

Ein Nervensignal wird so in ein Hormonsignal übersetzt. Noradrenalin ist beides: Transmitter an Synapsen und Hormon im Blut.

Definition

Blutzuckerregulation

Der Blutzucker (Glucose im Blut) liegt nüchtern bei etwa 70 bis 100 mg pro Deziliter (dL, 0,1 Liter). Zwei Gegenspieler aus den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse halten ihn konstant:

  • Insulin aus den β-Zellen senkt ihn. Der Insulinrezeptor arbeitet selbst als Enzym, nicht über cAMP. In Muskel- und Fettzellen werden daraufhin Glucose-Transporter in die Membran eingebaut, in Leber und Muskeln wird Glucose zu Glykogen aufgebaut.
  • Glukagon aus den α-Zellen erhöht ihn. Es wirkt über cAMP in Leberzellen: Glykogenabbau, Glucose-Abgabe. Adrenalin wirkt ähnlich.

Das ist negative Rückkopplung: Steigt der Blutzucker, geben die β-Zellen mehr Insulin ab, der Blutzucker sinkt, und die Insulinabgabe geht zurück.

Beispiel

Blutzucker umrechnen

Ein Nüchternwert beträgt 90 mg/dL. Rechne in mmol/L um (molare Masse von Glucose: 180 g/mol) und bestimme die Glucosemenge in 5 Litern Blut, angenommen mit gleicher Konzentration.

90 mg/dL sind 900 mg/L, also 0,90 g/L. Stoffmenge je Liter: 0,90 g : 180 g/mol = 0,0050 mol, das sind 5,0 mmol/L. In 5 Litern sind es 5 · 0,90 g = 4,5 g Glucose, etwa ein Teelöffel Zucker. Kleine Abweichungen haben große Folgen, darum ist die Regelung so genau.

Beispiel

Glucosebelastungstest

Eine gesunde Person trinkt nüchtern eine Glucoselösung. Angenommene Messwerte:

Zeit in min03060120
Blutzucker in mg/dL9015012090
Insulin in mU/L8705512

Deute den Verlauf.

Die Glucose aus dem Darm lässt den Blutzucker auf 150 mg/dL steigen. Die β-Zellen messen den Anstieg und erhöhen die Insulinabgabe von 8 auf 70 mU/L. Insulin bringt Glucose in Muskel- und Fettzellen und fördert den Glykogenaufbau, deshalb fällt der Blutzucker. Mit ihm sinkt das Insulin: negative Rückkopplung. Nach 120 min sind beide Werte fast wieder am Ausgangswert.

Definition

Stressreaktion und Cortisol

Ein Stressor (Prüfung, Gefahr) aktiviert über das Gehirn den Hypothalamus. Zwei Wege laufen parallel:

Schnell (Sekunden): Der Sympathikus erregt das Nebennierenmark, es gibt Adrenalin und Noradrenalin ab. Herzschlag und Blutdruck steigen, die Bronchien weiten sich, die Leber setzt Glucose frei, die Verdauung wird gedrosselt.

Langsam (Minuten bis Stunden): Der Hypothalamus gibt CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) ab, die Hypophyse daraufhin ACTH, die Nebennierenrinde daraufhin Cortisol. Cortisol ist ein Steroidhormon und wirkt als Transkriptionsfaktor. Es erhöht den Blutzucker (Glucose-Bildung aus Aminosäuren), mobilisiert Energiereserven und dämpft Entzündungen und das Immunsystem. Cortisol hemmt außerdem Hypothalamus und Hypophyse (negative Rückkopplung). Bleibt es lange hoch, steigen Infektanfälligkeit, Blutdruck und Blutzucker.

Häufige Fehler

Hormone gelangen gezielt zu ihrem Organ

„Das Hormon wird vom Blut zu seinem Zielorgan transportiert.“

Richtig ist

Das Blut verteilt ein Hormon im ganzen Körper. Es wirkt nur dort, wo Zellen den passenden Rezeptor tragen. Zellen ohne diesen Rezeptor lässt es unverändert, und Zellen mit Rezeptor können je nach Zelltyp verschieden antworten.

Häufige Fehler

Peptidhormone dringen in die Zelle ein

„Glukagon wandert in die Leberzelle und aktiviert dort die Enzyme.“

Richtig ist

Peptidhormone passieren die Membran nicht. Glukagon bindet außen am Rezeptor. Ins Zellinnere gelangt das Signal über den second messenger cAMP, der Enzyme aktiviert. Steroidhormone dagegen sind fettlöslich und treten selbst in die Zelle ein.

Zusammenfassung

  • Hormone wirken über Rezeptoren: Nur Zielzellen mit dem passenden Rezeptor reagieren, obwohl das Blut das Hormon überall hinträgt.

  • Peptidhormone binden an Membranrezeptoren. Ein second messenger (cAMP) verstärkt das Signal und aktiviert Enzyme. Die Wirkung ist schnell und kurz.

  • Steroidhormone durchqueren die Membran. Der Hormon-Rezeptor-Komplex wirkt als Transkriptionsfaktor und verändert die Genaktivität. Die Wirkung setzt nach Stunden ein und hält lange an.

  • Nervensystem: schnell, gezielt, kurz. Hormonsystem: langsamer, breit, lang anhaltend.

  • Hypothalamus und Hypophyse sind die Schaltstelle. Neurosekretorische Zellen und das Nebennierenmark verbinden Nerven- und Hormonsystem.

  • Insulin senkt, Glukagon erhöht den Blutzucker (negative Rückkopplung).

  • Bei Stress wirken Adrenalin (schnell) und Cortisol (langsam, mit negativer Rückkopplung auf Hypothalamus und Hypophyse).

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welches Hormon wirkt über einen Membranrezeptor und den second messenger cAMP?

Aufgabe 2Numerisch

Ein Nüchternblutzucker beträgt 108 mg/dL. Wie viel ist das in mmol/L? Die molare Masse von Glucose beträgt 180 g/mol.

Aufgabe 3Multiple Choice

Warum wirkt Cortisol erst nach Stunden, Adrenalin dagegen nach Sekunden?

Aufgabe 4Multiple Choice

Ein Patient nimmt über Monate ein cortisolähnliches Medikament ein. Wie verändert sich seine ACTH-Abgabe, und warum?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum ein Hormon, das im ganzen Körper im Blut kreist, nur bestimmte Zellen beeinflusst, und warum Adrenalin in der Leber Glucose freisetzt, am Herzen aber den Herzschlag beschleunigt.