Hormone und die Verschränkung hormoneller und neuronaler Steuerung
Vor einer Klausur pocht dein Herz, die Hände schwitzen, und das geschieht innerhalb weniger Sekunden. Wochen vor dem Abitur schläfst du schlechter und wirst leichter krank. Der schnelle Teil geht auf Nerven und das Hormon Adrenalin zurück, der langsame vor allem auf Cortisol.
Dasselbe Blut erreicht alle Zellen deines Körpers, aber nur bestimmte Zellen reagieren auf ein Hormon. Wie ist das möglich? Wie wirken Hormone in der Zelle, und wie greifen Nerven- und Hormonsystem ineinander?
Hormone und ihre Zielzellen
Hormone sind Signalstoffe, die Drüsen oder Nervenzellen ins Blut abgeben und die schon in sehr kleinen Mengen wirken. Das Blut verteilt sie im ganzen Körper, doch nur Zielzellen mit dem passenden Rezeptor reagieren. Die Spezifität liegt also im Rezeptor, nicht im Transport. Nach ihrem Bau unterscheidet man:
| Gruppe | Beispiele | Eigenschaft |
|---|---|---|
| Peptidhormone (Aminosäureketten) | Insulin, Glukagon, ADH (spart Wasser in der Niere), ACTH (steuert die Nebennierenrinde) | wasserlöslich, passieren die Membran nicht |
| Steroidhormone (aus Cholesterin) | Cortisol, Östrogene, Testosteron | fettlöslich, passieren die Membran |
Adrenalin (ein Abkömmling einer Aminosäure) ist wasserlöslich und wirkt wie ein Peptidhormon über einen Rezeptor in der Membran.
Peptidhormone und der second messenger cAMP
Ein Peptidhormon bindet außen an einen Membranrezeptor und bleibt draußen. Das Signal gelangt über einen second messenger ins Zellinnere. Beispiel Glukagon oder Adrenalin an einer Leberzelle:
Schritt 1: Das Hormon bindet an den Rezeptor, der seine Form ändert.
Schritt 2: Der Rezeptor aktiviert ein G-Protein (ein Signalprotein an der Membran).
Schritt 3: Das G-Protein aktiviert das Enzym Adenylatcyclase. Sie bildet aus ATP viele Moleküle cAMP (zyklisches Adenosinmonophosphat).
Schritt 4: cAMP aktiviert die Proteinkinase A. Diese schaltet Enzyme durch Anhängen einer Phosphatgruppe an (Phosphorylierung).
Schritt 5: Die aktivierten Enzyme spalten Glykogen, die Leberzelle gibt Glucose ins Blut.
Auf jeder Stufe entstehen viele Moleküle: Das Signal wird verstärkt. Es endet, wenn sich das Hormon vom Rezeptor löst und die Phosphodiesterase cAMP zu AMP abbaut. Die Wirkung setzt nach Sekunden bis Minuten ein.
Steroidhormone als Transkriptionsfaktoren
Steroidhormone durchqueren die Membran. Im Zellplasma oder Zellkern binden sie an ihren Rezeptor. Der Hormon-Rezeptor-Komplex wirkt als Transkriptionsfaktor: Er bindet an bestimmte DNA-Abschnitte und fördert oder hemmt dort die Transkription, das Ablesen eines Gens zur mRNA. Aus der mRNA entstehen neue Proteine, die den Stoffwechsel der Zelle verändern.
| Merkmal | Peptidhormon | Steroidhormon |
|---|---|---|
| Rezeptor | in der Zellmembran | im Zellplasma oder Zellkern |
| Weg des Signals | second messenger, Enzymaktivierung | Transkriptionsfaktor, neue Proteine |
| Beginn der Wirkung | Sekunden bis Minuten | Stunden |
| Dauer | kurz | lang |
| Transport im Blut | frei gelöst | meist an Trägerproteine gebunden |
Vergleich von Hormon- und Nervensystem
| Merkmal | Nervensystem | Hormonsystem |
|---|---|---|
| Signalträger | Aktionspotenziale, an Synapsen Transmitter | Hormone im Blut |
| Adressat | gezielt einzelne Zellen | alle Zellen mit passendem Rezeptor |
| Geschwindigkeit | Millisekunden | Sekunden bis Stunden |
| Dauer der Wirkung | kurz | lang |
| Codierung der Stärke | Frequenz der Aktionspotenziale | Konzentration des Hormons |
| Steuert vor allem | schnelle Reaktionen, Bewegung, Sinne | Stoffwechsel, Wachstum, langfristige Anpassung |
Verschränkung hormoneller und neuronaler Steuerung
Beide Systeme arbeiten verzahnt. Die zentrale Schaltstelle sind der Hypothalamus im Zwischenhirn und die Hypophyse (Hirnanhangdrüse). Das Bindeglied sind neurosekretorische Zellen: Nervenzellen, die Hormone statt Transmitter bilden und ins Blut abgeben.
- Neurosekretorische Zellen des Hypothalamus bilden ADH und Oxytocin (Wehen, Milchabgabe). Deren Axone reichen in den Hypophysenhinterlappen, der die Hormone ins Blut abgibt.
- Andere bilden Releasing-Hormone. Sie wirken auf den Hypophysenvorderlappen, der Steuerhormone wie ACTH freisetzt. Diese regeln periphere Drüsen, zum Beispiel die Nebennierenrinde.
- Das Nebennierenmark besteht aus umgebauten Nervenzellen. Der Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) erregt sie, sie geben Adrenalin ins Blut ab.
Ein Nervensignal wird so in ein Hormonsignal übersetzt. Noradrenalin ist beides: Transmitter an Synapsen und Hormon im Blut.
Blutzuckerregulation
Der Blutzucker (Glucose im Blut) liegt nüchtern bei etwa 70 bis 100 mg pro Deziliter (dL, 0,1 Liter). Zwei Gegenspieler aus den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse halten ihn konstant:
- Insulin aus den β-Zellen senkt ihn. Der Insulinrezeptor arbeitet selbst als Enzym, nicht über cAMP. In Muskel- und Fettzellen werden daraufhin Glucose-Transporter in die Membran eingebaut, in Leber und Muskeln wird Glucose zu Glykogen aufgebaut.
- Glukagon aus den α-Zellen erhöht ihn. Es wirkt über cAMP in Leberzellen: Glykogenabbau, Glucose-Abgabe. Adrenalin wirkt ähnlich.
Das ist negative Rückkopplung: Steigt der Blutzucker, geben die β-Zellen mehr Insulin ab, der Blutzucker sinkt, und die Insulinabgabe geht zurück.
Blutzucker umrechnen
Blutzucker umrechnen
Ein Nüchternwert beträgt 90 mg/dL. Rechne in mmol/L um (molare Masse von Glucose: 180 g/mol) und bestimme die Glucosemenge in 5 Litern Blut, angenommen mit gleicher Konzentration.
90 mg/dL sind 900 mg/L, also 0,90 g/L. Stoffmenge je Liter: 0,90 g : 180 g/mol = 0,0050 mol, das sind 5,0 mmol/L. In 5 Litern sind es 5 · 0,90 g = 4,5 g Glucose, etwa ein Teelöffel Zucker. Kleine Abweichungen haben große Folgen, darum ist die Regelung so genau.
Glucosebelastungstest
Glucosebelastungstest
Eine gesunde Person trinkt nüchtern eine Glucoselösung. Angenommene Messwerte:
| Zeit in min | 0 | 30 | 60 | 120 |
|---|---|---|---|---|
| Blutzucker in mg/dL | 90 | 150 | 120 | 90 |
| Insulin in mU/L | 8 | 70 | 55 | 12 |
Deute den Verlauf.
Die Glucose aus dem Darm lässt den Blutzucker auf 150 mg/dL steigen. Die β-Zellen messen den Anstieg und erhöhen die Insulinabgabe von 8 auf 70 mU/L. Insulin bringt Glucose in Muskel- und Fettzellen und fördert den Glykogenaufbau, deshalb fällt der Blutzucker. Mit ihm sinkt das Insulin: negative Rückkopplung. Nach 120 min sind beide Werte fast wieder am Ausgangswert.
Stressreaktion und Cortisol
Ein Stressor (Prüfung, Gefahr) aktiviert über das Gehirn den Hypothalamus. Zwei Wege laufen parallel:
Schnell (Sekunden): Der Sympathikus erregt das Nebennierenmark, es gibt Adrenalin und Noradrenalin ab. Herzschlag und Blutdruck steigen, die Bronchien weiten sich, die Leber setzt Glucose frei, die Verdauung wird gedrosselt.
Langsam (Minuten bis Stunden): Der Hypothalamus gibt CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) ab, die Hypophyse daraufhin ACTH, die Nebennierenrinde daraufhin Cortisol. Cortisol ist ein Steroidhormon und wirkt als Transkriptionsfaktor. Es erhöht den Blutzucker (Glucose-Bildung aus Aminosäuren), mobilisiert Energiereserven und dämpft Entzündungen und das Immunsystem. Cortisol hemmt außerdem Hypothalamus und Hypophyse (negative Rückkopplung). Bleibt es lange hoch, steigen Infektanfälligkeit, Blutdruck und Blutzucker.
Hormone gelangen gezielt zu ihrem Organ
Hormone gelangen gezielt zu ihrem Organ
„Das Hormon wird vom Blut zu seinem Zielorgan transportiert.“
Das Blut verteilt ein Hormon im ganzen Körper. Es wirkt nur dort, wo Zellen den passenden Rezeptor tragen. Zellen ohne diesen Rezeptor lässt es unverändert, und Zellen mit Rezeptor können je nach Zelltyp verschieden antworten.
Peptidhormone dringen in die Zelle ein
Peptidhormone dringen in die Zelle ein
„Glukagon wandert in die Leberzelle und aktiviert dort die Enzyme.“
Peptidhormone passieren die Membran nicht. Glukagon bindet außen am Rezeptor. Ins Zellinnere gelangt das Signal über den second messenger cAMP, der Enzyme aktiviert. Steroidhormone dagegen sind fettlöslich und treten selbst in die Zelle ein.
Zusammenfassung
Hormone wirken über Rezeptoren: Nur Zielzellen mit dem passenden Rezeptor reagieren, obwohl das Blut das Hormon überall hinträgt.
Peptidhormone binden an Membranrezeptoren. Ein second messenger (cAMP) verstärkt das Signal und aktiviert Enzyme. Die Wirkung ist schnell und kurz.
Steroidhormone durchqueren die Membran. Der Hormon-Rezeptor-Komplex wirkt als Transkriptionsfaktor und verändert die Genaktivität. Die Wirkung setzt nach Stunden ein und hält lange an.
Nervensystem: schnell, gezielt, kurz. Hormonsystem: langsamer, breit, lang anhaltend.
Hypothalamus und Hypophyse sind die Schaltstelle. Neurosekretorische Zellen und das Nebennierenmark verbinden Nerven- und Hormonsystem.
Insulin senkt, Glukagon erhöht den Blutzucker (negative Rückkopplung).
Bei Stress wirken Adrenalin (schnell) und Cortisol (langsam, mit negativer Rückkopplung auf Hypothalamus und Hypophyse).
Übungen
Welches Hormon wirkt über einen Membranrezeptor und den second messenger cAMP?
Ein Nüchternblutzucker beträgt 108 mg/dL. Wie viel ist das in mmol/L? Die molare Masse von Glucose beträgt 180 g/mol.
Warum wirkt Cortisol erst nach Stunden, Adrenalin dagegen nach Sekunden?
Ein Patient nimmt über Monate ein cortisolähnliches Medikament ein. Wie verändert sich seine ACTH-Abgabe, und warum?
Erkläre, warum ein Hormon, das im ganzen Körper im Blut kreist, nur bestimmte Zellen beeinflusst, und warum Adrenalin in der Leber Glucose freisetzt, am Herzen aber den Herzschlag beschleunigt.