Sinneszellen, Rezeptorpotenzial und Signaltransduktion
Du kommst aus der Sonne in einen dunklen Kellerraum. Zuerst siehst du nichts, nach einigen Minuten erkennst du Umrisse. Die Armbanduhr, die du morgens angelegt hast, spürst du längst nicht mehr, obwohl sie noch am Handgelenk drückt.
Beides zeigt, wie Sinneszellen arbeiten: Sie übersetzen einen Reiz in ein elektrisches Signal, und sie melden nicht jeden Reiz gleich lang. Wie macht eine Fotorezeptorzelle aus einem einzigen Lichtteilchen ein Signal für das Gehirn? Und warum verstummen manche Sinneszellen bei Dauerreiz, andere nicht?
Sinneszelle und Rezeptorpotenzial
Eine Sinneszelle reagiert auf einen bestimmten Reiz, ihren adäquaten Reiz: Licht bei Fotorezeptoren, Druck bei Tastsinneszellen, Duftstoffe bei Riechzellen. Sie wandelt den Reiz in ein elektrisches Signal um. Dieser Vorgang heißt Transduktion. Der Reiz öffnet oder schließt Ionenkanäle, dadurch ändert sich das Membranpotenzial der Sinneszelle. Diese Änderung heißt Rezeptorpotenzial.
| Merkmal | Rezeptorpotenzial | Aktionspotenzial |
|---|---|---|
| Größe | abgestuft, wächst mit der Reizstärke | Alles-oder-nichts |
| Ausbreitung | nimmt mit der Entfernung rasch ab | wird neu gebildet, verlustfrei |
| Refraktärzeit | keine | ja |
| Ort | Sinneszelle | Axon |
Das Gehirn erhält die Reizstärke als Frequenz: Je größer das Rezeptorpotenzial, desto mehr Aktionspotenziale pro Sekunde entstehen.
Primäre und sekundäre Sinneszellen
Bei der primären Sinneszelle ist die Sinneszelle selbst eine Nervenzelle mit Axon. Das Rezeptorpotenzial depolarisiert den Axonanfang, dort entstehen die Aktionspotenziale, die direkt zum Gehirn laufen. Beispiele: Riechzellen, Dehnungsrezeptoren der Muskeln, Schmerzrezeptoren der Haut.
Die sekundäre Sinneszelle hat kein eigenes Axon. Ihr Rezeptorpotenzial steuert, wie viel Transmitter sie an einer Synapse abgibt. Erst die nachgeschaltete Nervenzelle bildet Aktionspotenziale. Beispiele: Haarsinneszellen des Innenohrs, Geschmackszellen, Stäbchen und Zapfen der Netzhaut.
Phasische und tonische Sinneszellen
Hält ein Reiz an, ändert sich die Antwort der Sinneszelle. Dieses Nachlassen heißt Adaptation.
| Typ | Antwort bei Dauerreiz | Meldet | Beispiele |
|---|---|---|---|
| tonisch | Frequenz bleibt hoch, sinkt nur wenig | Stärke des Reizes | Dehnungsrezeptoren im Muskel, Schmerzrezeptoren |
| phasisch | Frequenz fällt rasch auf null | Beginn und Änderung des Reizes | Vibrationsrezeptoren der Haut, Rezeptoren an Haarwurzeln |
Phasische Zellen blenden Gleichbleibendes aus und lenken die Aufmerksamkeit auf Neues. Tonische Zellen messen dagegen dauerhaft, etwa wie stark ein Muskel gedehnt ist. Zwischenformen gibt es.
Zwei Sinneszellen bei Dauerreiz
Zwei Sinneszellen bei Dauerreiz
Zwei Sinneszellen der Haut werden 6 Sekunden lang mit gleichbleibendem Druck gereizt. Gemessen werden die Aktionspotenziale pro Sekunde:
| Sekunde | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Zelle A | 80 | 70 | 65 | 62 | 60 | 60 |
| Zelle B | 100 | 30 | 5 | 0 | 0 | 0 |
Ordne beide Zellen einem Typ zu und deute die Messung.
Zelle A ist tonisch: Die Frequenz sinkt nur von 80 auf 60, also um 20 von 80 und damit um 25 %, und bleibt dann konstant. Sie meldet weiter, dass Druck wirkt und wie stark. Zelle B ist phasisch: Nach 4 Sekunden ist sie still, sie meldet nur den Beginn des Drucks (und würde bei einer Änderung erneut antworten). Genau so spürst du die Armbanduhr beim Anlegen, aber nicht mehr nach einigen Minuten.
Signaltransduktion im Fotorezeptor
Ein Stäbchen hat ein Außensegment mit gestapelten Membranscheibchen. In ihnen sitzt der Sehfarbstoff Rhodopsin, der aus dem Protein Opsin und dem Farbstoff 11-cis-Retinal (aus Vitamin A) besteht. Das Innensegment enthält Zellkern und Mitochondrien, am Ende liegt die Synapse.
Im Dunkeln ist viel cGMP (zyklisches Guanosinmonophosphat) in der Zelle. Es hält Kationenkanäle der Außensegmentmembran offen. und strömen ein (Dunkelstrom), die Zelle ist teilweise depolarisiert (etwa −40 mV) und schüttet ständig den Transmitter Glutamat aus.
Bei Licht läuft diese Kette ab:
Schritt 1: Ein Lichtteilchen (Photon) wandelt 11-cis-Retinal in all-trans-Retinal um. Das Opsin ändert seine Form, das Rhodopsin ist aktiv.
Schritt 2: Das aktive Rhodopsin aktiviert viele Moleküle des G-Proteins Transducin (ein Signalprotein an der Membran).
Schritt 3: Transducin aktiviert das Enzym Phosphodiesterase.
Schritt 4: Die Phosphodiesterase baut cGMP zu GMP ab, die cGMP-Konzentration sinkt.
Schritt 5: Die cGMP-gesteuerten Kanäle schließen. Der -Einstrom sinkt, die Zelle hyperpolarisiert (bis etwa −70 mV) und gibt weniger Glutamat ab.
cGMP ist ein second messenger: ein kleines Molekül im Zellinnern, das das Signal eines Rezeptors weiterträgt und über Enzymkaskaden verstärkt. Zapfen arbeiten nach demselben Prinzip mit anderen Opsinen für verschiedene Farben.
Wie stark verstärkt die Kaskade?
Wie stark verstärkt die Kaskade?
Angenommen: Ein aktiviertes Rhodopsin aktiviert 100 Transducin-Moleküle. Jedes Transducin aktiviert eine Phosphodiesterase, und jede Phosphodiesterase baut 600 cGMP-Moleküle ab. Wie viele cGMP-Moleküle verschwinden durch ein einziges Photon?
Ein Photon aktiviert ein Rhodopsin, das 100 Transducine aktiviert, also 100 Phosphodiesterasen. Jede baut 600 cGMP ab: 100 · 600 = 60000 cGMP-Moleküle. Deshalb schließen viele Kanäle auf einmal, und schon ein einzelnes Photon kann ein messbares Rezeptorpotenzial auslösen. Die Zahlen sind angenommen, sie zeigen das Prinzip.
Bau eines Sinnesorgans
Ein Sinnesorgan besteht aus Sinneszellen und Hilfsstrukturen, die den Reiz bündeln, filtern oder verstärken. Beim Auge bündeln Hornhaut und Linse das Licht auf die Netzhaut, die Iris regelt die Lichtmenge, das Pigmentepithel schluckt Streulicht.
Die Netzhaut hat drei Zellschichten: Fotorezeptoren, Bipolarzellen und Ganglienzellen. Die Axone der Ganglienzellen bilden den Sehnerv. Das Licht muss erst durch die Ganglien- und Bipolarzellschicht, bevor es die Außensegmente der Fotorezeptoren erreicht. Es gibt etwa 120 Millionen Stäbchen (sehr lichtempfindlich, Hell-Dunkel-Sehen) und etwa 6 Millionen Zapfen (Farbsehen, scharfes Sehen bei Tageslicht), aber nur etwa 1 Million Sehnervenfasern. Die Signale werden also vor der Weiterleitung zusammengefasst. Im gelben Fleck (schärfste Stelle) liegen fast nur Zapfen. Am blinden Fleck verlässt der Sehnerv das Auge, dort fehlen Fotorezeptoren.
Das Ohr folgt demselben Bauplan: Gehörknöchelchen und Schnecke leiten den Schall zu den Haarsinneszellen, deren Härchen sich auslenken und dabei mechanisch gesteuerte Ionenkanäle öffnen.
Licht depolarisiert das Stäbchen
Licht depolarisiert das Stäbchen
„Bei Lichteinfall wird das Stäbchen erregt, es depolarisiert und schüttet mehr Transmitter aus.“
Es ist umgekehrt. Im Dunkeln ist das Stäbchen teilweise depolarisiert und gibt viel Glutamat ab. Licht senkt die cGMP-Konzentration, schließt Kanäle und hyperpolarisiert die Zelle: Sie gibt weniger Glutamat ab. Die Netzhaut meldet also eine Abnahme der Transmittermenge.
Das Rezeptorpotenzial ist ein Aktionspotenzial
Das Rezeptorpotenzial ist ein Aktionspotenzial
„Eine Sinneszelle bildet bei einem Reiz sofort ein Aktionspotenzial.“
Das Rezeptorpotenzial ist abgestuft, wächst mit der Reizstärke und breitet sich nur über kurze Strecken aus. Aktionspotenziale entstehen erst an einer Stelle mit der nötigen Kanalausstattung (primäre Sinneszelle: am Axonanfang, sekundäre: in der nachgeschalteten Nervenzelle), wenn die Schwelle erreicht ist.
Zusammenfassung
Eine Sinneszelle wandelt ihren adäquaten Reiz in ein abgestuftes Rezeptorpotenzial um. Die Reizstärke gelangt als Frequenz der Aktionspotenziale ins Gehirn.
Primäre Sinneszellen sind Nervenzellen mit Axon. Sekundäre Sinneszellen haben keins und steuern eine nachgeschaltete Nervenzelle über Transmitter.
Tonische Sinneszellen melden die Reizstärke dauerhaft, phasische nur den Beginn und die Änderung eines Reizes (Adaptation).
Im Dunkeln hält cGMP Kanäle im Stäbchen offen. Licht aktiviert Rhodopsin, Transducin und Phosphodiesterase, das cGMP sinkt, die Kanäle schließen, die Zelle hyperpolarisiert.
Der second messenger cGMP verstärkt das Signal stark, ein Photon kann Zehntausende cGMP-Moleküle abbauen.
Ein Sinnesorgan besteht aus Sinneszellen und Hilfsstrukturen. In der Netzhaut folgen auf die Fotorezeptoren Bipolar- und Ganglienzellen, deren Axone den Sehnerv bilden.
Übungen
Welche dieser Zellen ist eine sekundäre Sinneszelle?
Angenommen: Ein aktiviertes Rhodopsin aktiviert 80 Transducin-Moleküle, jedes aktiviert eine Phosphodiesterase, und jede baut 500 cGMP-Moleküle ab. Wie viele cGMP-Moleküle werden durch ein Photon abgebaut? Schreibe die Zahl ohne Punkt.
Eine Sinneszelle feuert zu Beginn eines Dauerreizes 120 Aktionspotenziale pro Sekunde, nach 5 Sekunden noch 72. Um wie viel Prozent ist die Frequenz gesunken?
Was trifft für ein Stäbchen im Dunkeln zu?
Erkläre mit den Begriffen tonisch und phasisch, warum du eine Armbanduhr nach einigen Minuten nicht mehr spürst, einen anhaltenden Schmerz aber weiter. Nenne einen Vorteil jeder Antwortart.