Lektion 3.4

Neuronale Plastizität

18 min Lesezeit

Eine einzelne Nervenzelle im Gehirn empfängt Signale von Hunderten oder Tausenden Synapsen gleichzeitig. Manche sagen „feuere“, andere „schweige“. Wie entscheidet die Zelle?

Und wenn du einen Akkord auf der Gitarre übst, ändert sich nicht die Zahl deiner Nervenzellen. Was ändert sich dann im Gehirn? Was geht schief, wenn das Nervensystem erkrankt, etwa bei Alzheimer oder Parkinson? Und wie kann man in ein lebendes Gehirn „hineinschauen“, ohne den Schädel zu öffnen?

Definition

Hemmende Synapse, EPSP und IPSP

Ob eine Synapse erregt oder hemmt, hängt vom Ionenkanal des postsynaptischen Rezeptors ab, nicht vom Transmitter allein.

  • An einer erregenden Synapse (Transmitter zum Beispiel Glutamat) öffnen Kationenkanäle, Na+\mathrm{Na^+} strömt ein, die Membran depolarisiert. Dieses erregende postsynaptische Potenzial (EPSP) bringt die Zelle näher an die Schwelle.
  • An einer hemmenden Synapse (Transmitter zum Beispiel GABA oder Glycin) öffnen Cl−\mathrm{Cl^-}-Kanäle, Cl−\mathrm{Cl^-} strömt ein, die Membran hyperpolarisiert. Dieses hemmende postsynaptische Potenzial (IPSP) entfernt die Zelle von der Schwelle.

EPSP und IPSP sind abgestufte Potenziale, keine Aktionspotenziale. Ihre Größe hängt von der Transmittermenge ab, und sie klingen nach wenigen Millisekunden ab.

Definition

Verrechnung: räumliche und zeitliche Summation

Am Axonhügel werden alle EPSP und IPSP, die dort ankommen, zusammengezählt. Erreicht die Summe die Schwelle (etwa −55 mV), entsteht ein Aktionspotenzial. Hemmende Potenziale ziehen von der Summe ab.

  • Räumliche Summation: Potenziale, die gleichzeitig an verschiedenen Synapsen entstehen, addieren sich.
  • Zeitliche Summation: Folgen Impulse an derselben Synapse so schnell aufeinander, dass das vorige Potenzial noch nicht abgeklungen ist, addieren sich die Potenziale.

So wirkt die Nervenzelle wie eine Entscheidungsstelle: Sie bildet ein Aktionspotenzial nur, wenn erregende Signale die hemmenden deutlich überwiegen.

Beispiel

Erregende und hemmende Eingänge verrechnen

Ein Neuron hat das Ruhepotenzial −70 mV und die Schwelle −55 mV. Angenommen: Ein EPSP erhöht das Potenzial um 3 mV, ein IPSP senkt es um 2 mV, und die Potenziale addieren sich einfach. Entsteht ein Aktionspotenzial, wenn gleichzeitig (a) 4 erregende Synapsen, (b) 6 erregende Synapsen, (c) 6 erregende und 3 hemmende Synapsen aktiv sind?

Bis zur Schwelle fehlen 15 mV.
(a) 4 · 3 mV = +12 mV, das Potenzial ist −58 mV: Die Schwelle ist nicht erreicht, kein Aktionspotenzial.
(b) 6 · 3 mV = +18 mV, das Potenzial ist −52 mV: Die Schwelle ist überschritten, ein Aktionspotenzial entsteht.
(c) 6 · 3 mV = +18 mV und 3 · (−2 mV) = −6 mV, zusammen +12 mV, das Potenzial ist −58 mV: Die Hemmung verhindert das Aktionspotenzial, obwohl es mehr erregende als hemmende Synapsen gibt.

Definition

Synaptische Plastizität und Langzeitpotenzierung

Plastizität nennt man die Veränderbarkeit des Gehirns. Auf der Ebene der Synapsen ändert sich die Wirksamkeit einer Synapse durch Gebrauch (synaptische Plastizität). Ein zellulärer Mechanismus des Lernens ist die Langzeitpotenzierung (LTP). Man untersucht sie besonders im Hippocampus, einer Hirnregion für das Gedächtnis. An einer Glutamat-Synapse läuft sie so ab:
Schritt 1: Die postsynaptische Membran trägt zwei Glutamat-Rezeptoren: den AMPA-Rezeptor, einen Na+\mathrm{Na^+}-Kanal, und den NMDA-Rezeptor.
Schritt 2: Bei schwacher Aktivität öffnet nur der AMPA-Rezeptor. Der NMDA-Kanal ist durch ein Mg2+\mathrm{Mg^{2+}}-Ion verstopft.
Schritt 3: Bei starker oder oft wiederholter Aktivität depolarisiert die Membran stark. Das Mg2+\mathrm{Mg^{2+}} wird herausgedrückt, der NMDA-Kanal öffnet bei gebundenem Glutamat, und Ca2+\mathrm{Ca^{2+}} strömt ein.
Schritt 4: Ca2+\mathrm{Ca^{2+}} aktiviert Enzyme der Zelle. Mehr AMPA-Rezeptoren gelangen in die Membran.
Schritt 5: Bei anhaltender Aktivität werden Gene abgelesen, neue Proteine entstehen, Dendritendornen wachsen und neue Synapsen bilden sich.

Folge: Derselbe Reiz löst nun ein größeres EPSP aus. Die Verstärkung hält Stunden bis Wochen. Lernen beruht also auf veränderter Stärke und Zahl der Synapsen.

Definition

Störungen des neuronalen Systems

StörungZelluläre UrsacheFolgenBehandlung
Depressiongestörte Signalübertragung mit Serotonin und Noradrenalin, oft mit dauerhaft erhöhter Stressachse; die Ursachen sind vielfältigNiedergeschlagenheit, AntriebslosigkeitPsychotherapie, Antidepressiva (zum Beispiel SSRI, die die Serotonin-Wiederaufnahme hemmen)
AlzheimerAblagerungen (Amyloid-Plaques außen, Tau-Fibrillen in den Zellen), Verlust von Synapsen und Nervenzellen, vor allem im HippocampusGedächtnis- und OrientierungsverlustMittel, die den Abbau von Acetylcholin hemmen, lindern; keine Heilung
ParkinsonDopamin bildende Zellen der Substantia nigra sterben ab, Dopamin fehltZittern in Ruhe, Muskelsteifheit, langsame BewegungenL-Dopa, eine Vorstufe, die die Blut-Hirn-Schranke (dichte Grenze zwischen Blut und Hirngewebe) passiert und im Gehirn zu Dopamin wird
Multiple SkleroseAutoimmunreaktion: Das Immunsystem greift Myelinscheiden im Zentralnervensystem anLeitung verlangsamt oder unterbrochen, Seh-, Gefühls- und Bewegungsstörungen, oft in SchübenMedikamente, die das Immunsystem dämpfen
Definition

Neurophysiologische Verfahren

VerfahrenGemessen wirdEigenschaftEinsatz
EEG (Elektroenzephalografie)Spannungsschwankungen (Mikrovolt) an der Kopfhaut, die Summe der postsynaptischen Potenziale vieler NeuroneZeit sehr genau (Millisekunden), Ort ungenauSchlafstadien, Epilepsie. Wellen: α (8 bis 13 Hz) bei entspannter Wachheit, β (über 13 Hz) bei Aktivität, δ (unter 4 Hz) im Tiefschlaf
PET (Positronen-Emissions-Tomografie)Verteilung von schwach radioaktiv markierter Glucose: Aktive Areale verbrauchen mehrOrt gut, Zeit langsam (Minuten), geringe StrahlenbelastungHirnaktivität bei Aufgaben, Alzheimer (verminderter Stoffwechsel), Tumoren
ENG (Elektroneurografie)Leitungsgeschwindigkeit peripherer Nerven: Reiz an einer Stelle, Ableitung an einer zweitenGeschwindigkeit aus Strecke und ZeitNervenschäden, zum Beispiel geschädigte Myelinscheiden peripherer Nerven
EKG (Elektrokardiogramm)Spannungen an der Haut, die Summe der Erregung der HerzmuskelzellenSummenableitung wie beim EEGHerzrhythmus, Herzinfarkt
Beispiel

Nervenleitgeschwindigkeit messen

Ein Nerv wird am Handgelenk und am Ellenbogen gereizt, die Reizstellen liegen 24 cm auseinander. Die Antwort am Muskel kommt bei Reizung am Ellenbogen 4,0 ms später als bei Reizung am Handgelenk (Zeitunterschied). Bei einer Patientin mit Verdacht auf geschädigte Myelinscheiden beträgt der Zeitunterschied 7,5 ms. Berechne beide Geschwindigkeiten.

v=stv = \frac{s}{t}

Gesunde Person: v = 0,24 m : 0,0040 s = 60 m/s. Patientin: v = 0,24 m : 0,0075 s = 32 m/s. Ihr Wert liegt deutlich unter dem Normbereich von etwa 50 m/s und mehr. Das spricht für eine gestörte saltatorische Leitung durch geschädigte Myelinscheiden.

Häufige Fehler

Der Transmitter bestimmt, ob eine Synapse hemmt

„Acetylcholin ist ein erregender Transmitter, GABA ein hemmender.“

Richtig ist

Entscheidend ist der Rezeptor mit seinem Ionenkanal. Acetylcholin erregt an der motorischen Endplatte, verlangsamt aber am Herzen den Herzschlag, weil dort ein anderer Rezeptor K+\mathrm{K^+}-Kanäle öffnet und die Zelle hyperpolarisiert. GABA hemmt in der Regel, weil seine Rezeptoren Cl−\mathrm{Cl^-}-Kanäle öffnen.

Häufige Fehler

Lernen heißt, dass neue Nervenzellen entstehen

„Wer viel lernt, bildet viele neue Nervenzellen.“

Richtig ist

Lernen beruht vor allem auf Veränderungen an den Synapsen: Sie werden verstärkt, neu gebildet oder abgebaut. Die Zahl der Nervenzellen bleibt dabei im Wesentlichen gleich.

Zusammenfassung

  • An erregenden Synapsen entsteht ein EPSP (Depolarisation durch Na+\mathrm{Na^+}), an hemmenden ein IPSP (Hyperpolarisation, zum Beispiel durch Cl−\mathrm{Cl^-}-Einstrom).

  • Der Axonhügel summiert EPSP und IPSP. Bei räumlicher Summation addieren sich gleichzeitige Potenziale, bei zeitlicher Summation rasch aufeinanderfolgende. Bei Erreichen der Schwelle entsteht ein Aktionspotenzial.

  • Synaptische Plastizität: Die Wirksamkeit einer Synapse ändert sich durch Gebrauch. Bei der Langzeitpotenzierung öffnet starke Aktivität den NMDA-Rezeptor, Ca2+\mathrm{Ca^{2+}} strömt ein, mehr AMPA-Rezeptoren und neue Synapsen entstehen.

  • Depression, Alzheimer, Parkinson und Multiple Sklerose haben verschiedene zelluläre Ursachen: gestörte Transmitterwirkung, Ablagerungen, Dopaminmangel, abgebaute Myelinscheiden.

  • EEG misst Summenpotenziale an der Kopfhaut, PET den Glucoseverbrauch, ENG die Nervenleitgeschwindigkeit, EKG die Erregung des Herzens.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Was geschieht an einer hemmenden Synapse mit Cl−\mathrm{Cl^-}-Kanälen?

Aufgabe 2Numerisch

Ruhepotenzial −70 mV, Schwelle −55 mV. Eine erregende Synapse feuert so schnell, dass kein EPSP abklingt, jedes EPSP erhöht das Potenzial um 2 mV. Wie viele Impulse müssen mindestens eintreffen, damit die Schwelle erreicht wird?

Aufgabe 3Numerisch

Bei einer Elektroneurografie liegen die beiden Reizstellen 30 cm auseinander. Die Antwort kommt bei der zweiten Reizstelle 6,0 ms später. Wie groß ist die Leitungsgeschwindigkeit in Metern pro Sekunde?

Aufgabe 4Multiple Choice

Welche Aussage zur Langzeitpotenzierung (LTP) stimmt?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum bei Multipler Sklerose die Erregungsleitung gestört ist, und nenne einen Grund, warum die Symptome bei Fortschreiten der Entmarkung zunehmen.