Biomoleküle und Enzyme
Du kaust ein Stück Brot, und nach einer Weile schmeckt es süß. Im Speichel arbeitet ein Enzym, das Stärke in Zucker zerlegt. Es arbeitet nur in einem engen Bereich von Temperatur und pH-Wert. Kochst du ein Ei, wird das flüssige Eiklar fest, und das lässt sich nicht rückgängig machen.
Woraus bestehen Stärke, Fett und Enzyme? Was geschieht in einem Enzym, und wie steuert die Zelle ihre Enzyme? Das klärt diese Lektion.
Kohlenhydrate
Monosaccharide (Einfachzucker) wie Glucose und Fructose haben sechs C-Atome und die Summenformel . Zwei Monosaccharide verbinden sich unter Abspaltung von Wasser (Kondensation) durch eine glykosidische Bindung zu einem Disaccharid: Saccharose besteht aus Glucose und Fructose, Maltose aus zwei Glucosen. Polysaccharide sind lange Ketten aus vielen Glucosebausteinen:
| Stoff | Vorkommen | Aufbau | Aufgabe |
|---|---|---|---|
| Stärke | Pflanzen | α-Glucose, teils unverzweigt (Amylose), teils verzweigt (Amylopektin) | Speicher |
| Glykogen | Tiere, Pilze | α-Glucose, stark verzweigt | Speicher in Leber und Muskeln |
| Cellulose | Pflanzen | β-Glucose, gestreckte unverzweigte Ketten, durch Wasserstoffbrücken zu Fasern gebündelt | Baustoff der Zellwand |
α- und β-Glucose unterscheiden sich in der Stellung einer OH-Gruppe am ersten C-Atom. Weil verschiedene Enzyme zu den Bindungen passen, verdaut der Mensch Stärke, nicht aber Cellulose.
Lipide
Lipide lösen sich kaum in Wasser. Fette bestehen aus einem Glycerin-Molekül und drei Fettsäuren, die über Esterbindungen unter Wasserabspaltung verknüpft sind. Gesättigte Fettsäuren haben nur Einfachbindungen und gerade Ketten. Sie packen dicht und sind bei Raumtemperatur fest (Butter). Ungesättigte Fettsäuren haben Doppelbindungen zwischen C-Atomen, die die Kette knicken. Sie packen locker, die Fette sind flüssig (Öle). Fette speichern Energie (etwa 39 kJ je Gramm, Kohlenhydrate und Proteine etwa 17 kJ je Gramm) und isolieren gegen Kälte. Phospholipide sind Membranbausteine.
Proteine: Aminosäuren, Peptidbindung und Strukturebenen
Eine Aminosäure hat ein zentrales C-Atom mit einer Aminogruppe (), einer Carboxygruppe (), einem H-Atom und einem Rest R. Es gibt 20 Standardaminosäuren mit verschiedenen Resten. Der Rest bestimmt, ob die Aminosäure unpolar, polar, geladen oder schwefelhaltig ist. Zwei Aminosäuren verbinden sich unter Abspaltung von Wasser durch eine Peptidbindung (). Viele Aminosäuren bilden ein Polypeptid, ein Protein besteht aus einem oder mehreren davon.
| Ebene | Inhalt |
|---|---|
| Primärstruktur | Reihenfolge (Sequenz) der Aminosäuren |
| Sekundärstruktur | regelmäßige Faltung (α-Helix, β-Faltblatt), gehalten durch Wasserstoffbrücken zwischen den Peptidbindungen |
| Tertiärstruktur | räumliche Gesamtform eines Polypeptids, gehalten durch Bindungen zwischen den Resten (Wasserstoffbrücken, Ionenbindungen, Disulfidbrücken zwischen schwefelhaltigen Resten, hydrophobe Wechselwirkungen) |
| Quartärstruktur | Zusammenlagerung mehrerer Polypeptide, etwa im Hämoglobin aus vier Untereinheiten |
Bei der Denaturierung (Hitze, Säure, Lauge, Schwermetall-Ionen) zerfallen Sekundär-, Tertiär- und Quartärstruktur. Die Primärstruktur bleibt erhalten, aber das Protein verliert seine Form und damit seine Funktion. So wird Eiklar fest.
Vielfalt der Primärstruktur
Vielfalt der Primärstruktur
Ein Peptid besteht aus 5 Aminosäuren. Wie viele Peptidbindungen hat es, und wie viele Sequenzen sind möglich, wenn jede der 20 Aminosäuren an jeder Stelle stehen darf?
Fünf Aminosäuren sind durch vier Peptidbindungen verbunden (Peptidbindungen = Zahl der Aminosäuren minus 1). An jeder der 5 Stellen gibt es 20 Möglichkeiten: 20 mal 20 mal 20 mal 20 mal 20 = = 3 200 000 Sequenzen. Bei 100 Aminosäuren sind es etwa .
Enzyme: Biokatalysatoren, aktives Zentrum, Schlüssel-Schloss und Induced fit
Enzyme sind Proteine, die Reaktionen beschleunigen und dabei nicht verbraucht werden: Biokatalysatoren. Sie senken die Aktivierungsenergie, die Energie, die eine Reaktion braucht, um in Gang zu kommen. Die Lage des Gleichgewichts ändern sie nicht. Der Ausgangsstoff heißt Substrat. Ein Enzym ist substratspezifisch (es setzt nur bestimmte Substrate um) und wirkungsspezifisch (es katalysiert nur eine Reaktionsart). Namen enden meist auf -ase, zum Beispiel Amylase, die Stärke abbaut, und Katalase, die das Zellgift Wasserstoffperoxid in Wasser und Sauerstoff zerlegt.
Das aktive Zentrum ist eine Tasche aus wenigen Aminosäureresten. Dort wird das Substrat gebunden und umgesetzt. Es entsteht der Enzym-Substrat-Komplex, danach das Produkt, und das Enzym liegt unverändert vor.
Nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip (Emil Fischer, 1894) passt das Substrat starr in das aktive Zentrum. Nach dem Induced-fit-Modell (Koshland, 1958) passt sich das aktive Zentrum erst beim Binden dem Substrat an. Das erklärt, warum Enzyme auch ähnliche Stoffe binden können, und gilt heute als besser belegt.
Enzymaktivität: Temperatur, pH-Wert und Substratkonzentration
Temperatur: Wärme beschleunigt die Teilchenbewegung. Nach der RGT-Regel (Reaktionsgeschwindigkeit-Temperatur-Regel) verdoppelt bis verdreifacht sich die Reaktionsgeschwindigkeit je 10 K Erwärmung. Über dem Optimum (bei menschlichen Enzymen etwa 37 °C) denaturiert das Enzym, und die Aktivität fällt steil auf null. Kälte denaturiert nicht, sie verlangsamt nur.
pH-Wert: Der pH-Wert verändert die Ladung der Reste und damit Form und aktives Zentrum. Jedes Enzym hat ein pH-Optimum: Pepsin im Magen bei etwa pH 2, Amylase im Speichel bei etwa pH 7.
Substratkonzentration: Bei wenig Substrat steigt die Geschwindigkeit fast proportional. Dann flacht die Kurve ab, bis alle aktiven Zentren besetzt sind (Sättigung). Mehr Substrat steigert die Geschwindigkeit nicht weiter, nur mehr Enzym würde sie erhöhen.
Messreihen auswerten
Messreihen auswerten
Temperatur: Ein Enzym setzt in 5 Minuten die folgende Menge Produkt um.
| Temperatur in °C | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 |
|---|---|---|---|---|---|
| Produkt in mg | 10 | 22 | 44 | 15 | 0 |
Substratkonzentration: Die Geschwindigkeit v wird bei steigender Substratkonzentration gemessen.
| Substrat in mmol/L | 1 | 2 | 4 | 8 | 16 | 32 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| v in µmol/min | 20 | 33 | 50 | 67 | 80 | 89 |
Beschreibe beide Reihen.
Temperatur: Von 20 auf 30 °C steigt die Menge auf das 22 : 10 = 2,2-Fache, von 30 auf 40 °C auf das 44 : 22 = 2-Fache. Das passt zur RGT-Regel. Bei 50 °C sinkt der Umsatz trotz höherer Teilchenbewegung, bei 60 °C ist er null: Das Enzym denaturiert. Das Optimum liegt in der Nähe von 40 °C.
Substratkonzentration: Von 1 auf 2 mmol/L steigt v um 13 von 20, das sind 65 %. Von 16 auf 32 mmol/L steigt v nur um 9 von 80, das sind etwa 11 %. Die Kurve flacht ab und nähert sich einem Höchstwert von etwa 100 µmol/min: Fast alle aktiven Zentren sind besetzt (Sättigung).
Enzymhemmung
Ein Hemmstoff setzt die Aktivität eines Enzyms herab.
| Art | Wirkung | Mit viel Substrat aufhebbar? | Beispiel |
|---|---|---|---|
| kompetitiv | Der Hemmstoff ähnelt dem Substrat und besetzt das aktive Zentrum; reversibel | ja | Ethanol gegen Methanol |
| allosterisch | Ein Effektor (Wirkstoff) bindet an einer anderen Stelle (allosterisches Zentrum), die Form des aktiven Zentrums ändert sich; reversibel | nein | Endprodukthemmung |
| irreversibel | Der Hemmstoff bindet fest und dauerhaft | nein | Penicillin, Insektizid E 605 |
Bei der kompetitiven Hemmung wird dieselbe Höchstgeschwindigkeit erreicht, nur erst bei höherer Substratkonzentration. Bei allosterischer und irreversibler Hemmung sinkt der Höchstwert, weil weniger Enzyme arbeiten. Ethanol konkurriert mit Methanol um das aktive Zentrum der Alkoholdehydrogenase und kann deshalb bei einer Methanolvergiftung als ärztlich gegebenes Gegenmittel dienen, denn es entsteht weniger giftiges Abbauprodukt. Penicillin bindet fest an ein Enzym, das Bakterien für den Bau ihrer Zellwand brauchen.
Stoffwechselregulation auf Enzymebene
Stoffwechselwege sind Ketten von Reaktionen, jede mit eigenem Enzym. Die Zelle steuert sie, damit sie nur herstellt, was sie braucht:
- Endprodukthemmung: Das Endprodukt hemmt allosterisch das erste Enzym der Kette. Ist genug Endprodukt da, sinkt die Produktion, wird es verbraucht, ist das Enzym wieder aktiv. Das ist eine negative Rückkopplung, ähnlich wie beim Thermostat.
- Allosterische Aktivierung: Manche Effektoren steigern die Aktivität.
- Phosphorylierung: Das Anheften einer Phosphatgruppe schaltet Enzyme an oder aus.
- Inaktive Vorstufen: Pepsin wird als Pepsinogen gebildet und erst im Magen aktiviert, das schützt die Zelle.
- Räumliche Trennung: Die Enzyme eines Wegs liegen in einem Kompartiment dicht beieinander.
Kälte denaturiert Enzyme
Kälte denaturiert Enzyme
„Im Kühlschrank sind die Enzyme zerstört.“
Kälte verlangsamt Enzyme nur, ihre Form bleibt erhalten, und bei Wärme arbeiten sie wieder. Hitze dagegen zerstört die räumliche Struktur dauerhaft.
Zusammenfassung
Kohlenhydrate bestehen aus Monosacchariden, Fette aus Glycerin und drei Fettsäuren, Proteine aus Aminosäuren, die durch Peptidbindungen verknüpft sind.
Proteine haben vier Strukturebenen. Denaturierung zerstört alle außer der Primärstruktur.
Enzyme sind Biokatalysatoren, senken die Aktivierungsenergie und sind substrat- und wirkungsspezifisch.
Das Substrat bindet im aktiven Zentrum, nach Schlüssel-Schloss-Prinzip oder genauer nach dem Induced-fit-Modell.
Die Aktivität hängt von Temperatur (RGT-Regel, Optimum, Denaturierung), pH-Wert und Substratkonzentration (Sättigung) ab.
Kompetitive Hemmung überwindet man mit viel Substrat, allosterische und irreversible Hemmung nicht. Zellen regulieren den Stoffwechsel vor allem durch Endprodukthemmung.
Übungen
Ein Polypeptid besteht aus 120 Aminosäuren. Wie viele Peptidbindungen enthält es?
Eine Enzymhemmung nimmt ab, wenn man viel mehr Substrat zugibt. Um welche Hemmung handelt es sich?
Ein Enzym setzt bei 20 °C 6 mg Substrat pro Minute um. Nimm an, dass die Geschwindigkeit sich bei jeder Erwärmung um 10 K verdoppelt und das Enzym noch nicht denaturiert. Wie viele Milligramm sind es bei 40 °C?
Erkläre, wie die Endprodukthemmung verhindert, dass die Zelle zu viel Endprodukt herstellt. Warum ist diese Hemmung allosterisch und nicht kompetitiv?