Feinbau der Zelle
Im Lichtmikroskop hast du in der Mittelstufe Zellkern, Zellplasma und bei Pflanzen Zellwand und Chloroplasten gesehen. In einer einzigen Zelle laufen aber hunderte Reaktionen gleichzeitig ab, teils gegensätzliche: Zucker wird auf- und abgebaut, Proteine werden hergestellt und zerlegt.
Wie geht das, ohne dass sich die Reaktionen stören? Die Antwort liegt im Feinbau, den erst das Elektronenmikroskop gezeigt hat: Membranen unterteilen die Zelle in Räume. Diese Lektion zeigt die Räume, ihre Aufgaben und ihren Ursprung.
Licht- und Elektronenmikroskop
Entscheidend ist nicht nur die Vergrößerung, sondern das Auflösungsvermögen: der kleinste Abstand, den zwei Punkte haben müssen, damit man sie noch getrennt sieht. Beim Lichtmikroskop begrenzt die Wellenlänge des Lichts die Auflösung auf etwa 0,2 µm (200 nm; 1 µm = 1000 nm). Elektronenstrahlen haben eine viel kürzere Wellenlänge, deshalb löst ein Elektronenmikroskop Strukturen im Nanometerbereich auf.
| Merkmal | Lichtmikroskop | Elektronenmikroskop |
|---|---|---|
| Strahlung | Licht, von Glaslinsen gebündelt | Elektronen, von Magnetfeldern gebündelt |
| Auflösung | etwa 0,2 µm | Nanometerbereich |
| Präparat | auch lebende Zellen, gefärbt | tot, entwässert, im Vakuum |
Beim Transmissionselektronenmikroskop (TEM) durchstrahlen Elektronen ultradünne Schnitte. Du siehst das Innere als Schnittbild: Ein Mitochondrium erscheint je nach Schnittrichtung rund oder länglich. Das Rasterelektronenmikroskop (REM) tastet Oberflächen ab.
Wie groß ist die Zelle wirklich?
Wie groß ist die Zelle wirklich?
Okular 10-fach, Objektiv 40-fach: Du zeichnest eine Zwiebelzelle in der Größe ihres Mikroskopbildes, die Zeichnung ist 40 mm lang. Ein TEM-Foto zeigt ein Mitochondrium mit 60 mm Länge, der Maßstabsbalken von 20 mm steht für 1 µm. Wie groß sind beide wirklich?
Gesamtvergrößerung: 10 mal 40 = 400. Die Zelle ist 40 mm : 400 = 0,1 mm = 100 µm lang. Im TEM-Foto passen 60 mm : 20 mm = 3 Balkenlängen in das Mitochondrium, es ist also 3 mal 1 µm = 3 µm lang.
Mikroskopieren und Zeichnen
Du beginnst mit dem schwächsten Objektiv, stellst scharf und wechselst erst dann zum stärkeren (nur mit dem Feintrieb nachstellen, sonst drückst du die Linse auf das Präparat). Präparate sind zum Beispiel das Abziehpräparat (Zwiebelhaut) und der dünne Schnitt, Farbstoffe machen Strukturen sichtbar.
Gezeichnet wird mit spitzem Bleistift in klaren Linien, ohne Schattierung und Farbe, und nur, was du siehst. Die Beschriftung steht neben der Zeichnung und wird mit waagerechten Linien verbunden.
Zellorganellen
Ein Zellorganell ist ein Bestandteil der Zelle mit eigener Aufgabe. Das Zellplasma besteht aus dem flüssigen Cytosol und den darin liegenden Organellen. Die meisten Organellen sind von Membranen umgeben und bilden eigene Reaktionsräume, die Kompartimente. Ribosomen haben keine Membran.
| Organell | Bau | Aufgabe |
|---|---|---|
| Zellkern | Kernhülle (zwei Membranen) mit Kernporen; Chromatin (DNA mit Proteinen), Kernkörperchen | Speichert die Erbinformation; bildet Ribosomenteile |
| Ribosomen | etwa 20 nm große Körnchen aus RNA (einem DNA-ähnlichen Molekül) und Proteinen, frei oder am ER | Bauen Proteine aus Aminosäuren zusammen |
| Raues ER (endoplasmatisches Retikulum) | flache Hohlräume, mit der Kernhülle verbunden, außen mit Ribosomen besetzt | Proteine für Export und Membranen werden hineingeschleust |
| Glattes ER | Röhrennetz ohne Ribosomen | Bildet Lipide, baut Gifte um |
| Dictyosom (Golgi-Apparat) | Stapel flacher Membransäckchen, die Vesikel (Membranbläschen) abschnüren | Verändert, sortiert und verpackt Stoffe; bildet Lysosomen |
| Lysosom | Vesikel mit Verdauungsenzymen, innen sauer (pH etwa 5) | Baut Makromoleküle und alte Organellen ab |
| Mitochondrium | Doppelmembran, innere Membran in Falten (Cristae), Innenraum Matrix | Zellatmung: bildet ATP, den Energieträger der Zelle |
| Chloroplast | Doppelmembran, innen Membranstapel (Grana aus Thylakoiden) im Stroma | Fotosynthese |
Plastiden sind die Organellen der Pflanzen und Algen, zu denen der Chloroplast gehört. Chromoplasten enthalten gelbe bis rote Farbstoffe (Paprika), Leukoplasten sind farblos und speichern Stärke (Kartoffelknolle).
Pro- und Eukaryoten, Pflanzen-, Tier- und Pilzzellen
Eukaryoten (Pflanzen, Tiere, Pilze und viele Einzeller) haben einen Zellkern und Organellen mit Membran. Prokaryoten (Bakterien und Archaeen) haben keinen Zellkern. Ihre DNA liegt als Ring im Nucleoid frei im Zellplasma. Eukaryotische Zellen sind meist 10 bis 100 µm groß, prokaryotische meist 1 bis 10 µm.
| Merkmal | Prokaryot | Pflanzenzelle | Tierzelle | Pilzzelle |
|---|---|---|---|---|
| Zellkern | nein | ja | ja | ja |
| Ribosomen | klein (70S) | groß (80S) | groß (80S) | groß (80S) |
| Mitochondrien | nein | ja | ja | ja |
| Chloroplasten | nein | ja | nein | nein |
| Zellwand | bei Bakterien aus Murein | Cellulose | keine | Chitin |
S misst, wie schnell ein Teilchen in der Zentrifuge absinkt: größere Zahl, größeres Ribosom.
Endosymbiontentheorie
Mitochondrien und Plastiden ähneln Bakterien. Die Endosymbiontentheorie erklärt das so: Eine Urzelle nahm ein Bakterium auf, verdaute es aber nicht, und beide lebten dauerhaft zusammen (Endosymbiose). Ein sauerstoffatmendes Bakterium wurde zum Mitochondrium. Nahm eine solche Zelle später ein Cyanobakterium auf (ein Bakterium mit Fotosynthese), wurde daraus ein Plastid. Belege:
- Doppelmembran: die innere entspricht der Bakterienmembran, die äußere der Membran des Aufnahmebläschens.
- Eigene ringförmige DNA und eigene 70S-Ribosomen wie bei Bakterien.
- Teilung wie bei Bakterien; die Organellen entstehen nur aus ihresgleichen.
- DNA-Vergleiche: Mitochondrien stehen den Alphaproteobakterien (einer Bakteriengruppe) nahe, Plastiden den Cyanobakterien.
Viele Gene der Bakterien wanderten später in den Zellkern. Zellkern und ER stammen vermutlich aus Einstülpungen der Zellmembran.
Kompartimentierung
Die Unterteilung der Zelle durch Membranen in Reaktionsräume heißt Kompartimentierung. Ihre Vorteile:
- Jedes Kompartiment hat eigene Bedingungen: Im Lysosom herrscht pH 5, im Cytosol etwa pH 7.
- Gegensätzliche Reaktionen laufen gleichzeitig ab, ohne sich zu stören.
- Gefährliche Stoffe, etwa Verdauungsenzyme, bleiben eingeschlossen.
- Gefaltete Membranen (Cristae, Thylakoide) bieten viel Fläche für Vorgänge an Membranen.
Dafür müssen Stoffe kontrolliert zwischen den Kompartimenten wechseln (nächste Lektion).
Vielzeller und Zelldifferenzierung
Ein Einzeller besteht aus einer Zelle, ein Vielzeller aus vielen Zellen mit Arbeitsteilung (Zelle, Gewebe, Organ kennst du aus Klasse 7 und 8). Die Körperzellen entstehen aus der befruchteten Eizelle und enthalten (fast alle) dieselbe Erbinformation. Trotzdem sehen sie verschieden aus: Bei der Zelldifferenzierung spezialisieren sie sich, weil sie jeweils andere Teile der Erbinformation nutzen. Der Feinbau passt zur Aufgabe:
| Zelltyp | Auffälliger Feinbau | Aufgabe |
|---|---|---|
| Skelettmuskelzelle | sehr viele Mitochondrien | Kontraktion mit hohem ATP-Bedarf |
| Drüsenzelle der Bauchspeicheldrüse | viel raues ER, viele Dictyosomen | bildet Verdauungsenzyme und gibt sie ab |
| Palisadenzelle im Laubblatt | viele Chloroplasten | Fotosynthese |
Zellwachstum (erhöhtes Niveau)
Zellwachstum ist die Zunahme von Masse und Volumen einer Zelle. Tierzellen bilden dafür neue Bestandteile, Pflanzenzellen strecken sich vor allem, indem die Vakuole Wasser aufnimmt und die Zellwand nachgibt. Eine Grenze setzt das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen: Alle Stoffe müssen durch die Membran, versorgt werden muss aber das Volumen. Wächst eine Zelle in jede Richtung auf das k-Fache, wächst ihre Oberfläche auf das -Fache, ihr Volumen auf das -Fache. Das Verhältnis sinkt, bis die Versorgung nicht mehr reicht. Dann teilt sich die Zelle, oder sie vergrößert ihre Oberfläche durch Ausstülpungen.
Oberfläche und Volumen einer wachsenden Zelle
Oberfläche und Volumen einer wachsenden Zelle
Als Modell dient ein Würfel. Vergleiche das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen bei einer Kantenlänge von 10 µm und von 20 µm.
Kante 10 µm: Oberfläche 6 mal 10 mal 10 = 600 µm², Volumen 10 mal 10 mal 10 = 1000 µm³, Verhältnis 600 : 1000 = 0,6 je µm. Kante 20 µm: Oberfläche 6 mal 20 mal 20 = 2400 µm², Volumen 20 mal 20 mal 20 = 8000 µm³, Verhältnis 2400 : 8000 = 0,3 je µm. Die doppelte Kantenlänge halbiert das Verhältnis.
Das Mitochondrium erzeugt Energie
Das Mitochondrium erzeugt Energie
„Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle und erzeugen Energie.“
Energie kann nicht erzeugt werden. Mitochondrien wandeln die in Nährstoffen gespeicherte Energie in ATP um, das die Zelle für Arbeit nutzt.
Zusammenfassung
Das Auflösungsvermögen entscheidet, was ein Mikroskop zeigt: etwa 0,2 µm beim Lichtmikroskop, Nanometer beim Elektronenmikroskop. Wirkliche Größe = Bildgröße : Vergrößerung.
Zellkern, ER, Dictyosom, Lysosom, Mitochondrien und Plastiden sind membranumgrenzte Organellen. Ribosomen haben keine Membran.
Prokaryoten haben keinen Zellkern und keine Organellen mit Membran. Pflanzenzellen haben Chloroplasten und Zellwand aus Cellulose, Pilzzellen eine aus Chitin, Tierzellen keine.
Die Endosymbiontentheorie führt Mitochondrien und Plastiden auf aufgenommene Bakterien zurück (Doppelmembran, ringförmige DNA, 70S-Ribosomen, Teilung).
Kompartimentierung trennt Reaktionsräume mit eigenen Bedingungen und vergrößert die Membranfläche, macht aber Transport nötig.
Zelldifferenzierung: gleiche Erbinformation, aber je nach Aufgabe unterschiedlicher Feinbau.
Leistungskurs: Drei Domänen gliedern das Lebendige, und das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen begrenzt das Zellwachstum.
Übungen
Du zeichnest eine Zelle bei einer Gesamtvergrößerung von 400. In der Zeichnung ist sie 36 mm lang. Wie lang ist die Zelle in Wirklichkeit, in Mikrometern?
Welche Beobachtung stützt die Endosymbiontentheorie für Mitochondrien?
Eine Zelle wird als Würfel mit 5 µm Kantenlänge modelliert. Wie groß ist das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen, in 1/µm?
Nenne zwei Vorteile der Kompartimentierung und begründe sie jeweils in einem Satz.