Aromaten, nucleophile Substitution und weitere Mechanismen
Benzol hat die Formel . Wer die Strukturformel mit drei Doppelbindungen zeichnet, erwartet, dass Benzol Bromwasser entfärbt wie ein Alken. Es tut das nicht. Mit Brom und einem Katalysator reagiert es dennoch, aber unter Ersatz eines Wasserstoffatoms statt unter Addition.
Ähnlich fällt auf: Ein Halogenalkan wie Chlormethan reagiert mit Hydroxid-Ionen schnell zu Methanol. Bei einem verzweigten Halogenalkan läuft dieselbe Umsetzung nach einem ganz anderen Weg ab. Diese Lektion erklärt beides über Mechanismen und ordnet Eliminierung, Estersynthese und Kunststoffsynthese ein.
Benzol und das aromatische System
Benzol ist ein ebener Ring aus sechs Kohlenstoffatomen mit je einem Wasserstoffatom. Alle Bindungswinkel betragen 120°. Alle C–C-Bindungen sind gleich lang, etwa 140 pm. Das liegt zwischen der Einfachbindung (154 pm) und der Doppelbindung (134 pm).
August Kekulé zeichnete 1865 einen Ring mit abwechselnd Einfach- und Doppelbindungen. Das erklärt die gleichen Bindungslängen nicht, denn dann gäbe es zwei Längen. Die Lösung ist die Mesomerie: Es gibt zwei Grenzformeln, in denen die Doppelbindungen verschoben sind. Das tatsächliche Molekül ist keine dieser Formeln und auch kein Hin und Her zwischen ihnen. Es ist ein einziger Zustand dazwischen, ein Hybrid. Die sechs -Elektronen sind über den ganzen Ring delokalisiert. Man zeichnet die Grenzformeln mit dem Doppelpfeil ↔ (nicht mit dem Gleichgewichtspfeil) oder den Ring mit einem Kreis.
Ein aromatisches System ist ringförmig, eben und durchgehend konjugiert und hat -Elektronen (Hückel-Regel, hier mit sechs Elektronen).
Mesomerieenergie von Benzol
Mesomerieenergie von Benzol
Die Hydrierung von Cyclohexen zu Cyclohexan setzt frei. Die Hydrierung von Benzol zu Cyclohexan setzt frei. Wie viel stabiler ist Benzol als ein Ring mit drei einzelnen Doppelbindungen?
Drei einzelne Doppelbindungen würden freisetzen. Gemessen sind nur . Der Unterschied ist . Um diesen Betrag liegt Benzol energieärmer als erwartet. Das ist die Mesomerieenergie. Sie erklärt, warum Benzol Reaktionen meidet, die das aromatische System zerstören.
Elektrophile Substitution am Aromaten
Eine Addition würde das aromatische System zerstören und die Mesomerieenergie verlieren. Benzol ersetzt stattdessen ein Wasserstoffatom: elektrophile Substitution. Beispiel ist die Bromierung mit dem Katalysator :
- Der Katalysator polarisiert das Brommolekül so stark, dass es wie ein Elektrophil wirkt.
- Das -Elektronensextett greift das Elektrophil an. Es entsteht ein Carbenium-Ion, dessen positive Ladung über fünf Kohlenstoffatome verteilt ist. Der Ring ist hier nicht mehr aromatisch. Dieser Schritt ist langsam.
- Das Kohlenstoffatom, das nun Brom trägt, gibt sein Wasserstoffatom als Proton ab. Das aromatische System entsteht zurück. Das Proton und bilden und den Katalysator.
Bei der Nitrierung mit konzentrierter Salpetersäure und Schwefelsäure ist das Nitronium-Ion das Elektrophil, und es entsteht Nitrobenzol. Bei der Addition an ein Alken nimmt das Carbenium-Ion dagegen ein Nucleophil auf, statt ein Proton abzugeben.
Nucleophile Substitution: SN2 und SN1
Ein Nucleophil ist ein Teilchen mit freiem Elektronenpaar, das ein positiviertes Atom angreift (z. B. , ). In einem Halogenalkan R–X ist das C-Atom wegen der polaren C–X-Bindung positiviert. Die Abgangsgruppe X nimmt das Bindungselektronenpaar mit.
| SN2 | SN1 | |
|---|---|---|
| Schritte | einer: Nucleophil greift von der Rückseite an, während X geht (ein Übergangszustand) | zwei: erst geht X, dann greift das Nucleophil an |
| Zwischenstufe | keine | Carbenium-Ion |
| Geschwindigkeit | ||
| bevorzugt bei | primären Halogenalkanen | tertiären Halogenalkanen |
| Raumstruktur | Umkehr (Walden-Umkehr, wie ein umklappender Regenschirm) | Angriff von beiden Seiten, Mischung |
Die Ziffer sagt, wie viele Teilchen im geschwindigkeitsbestimmenden Schritt beteiligt sind. Bei SN1 ist es der langsame Zerfall von R–X in das Carbenium-Ion. Tertiäre Carbenium-Ionen sind stabil, weil drei Alkylgruppen Elektronen zum positiven C schieben (induktiver Effekt). Polare Lösungsmittel wie Wasser stabilisieren die Ionen und begünstigen SN1.
Konzentrationen und Geschwindigkeit
Konzentrationen und Geschwindigkeit
Bromethan reagiert mit nach SN2. 2-Brom-2-methylpropan reagiert in Wasser nach SN1. Bei beiden wird verdoppelt und die Konzentration des Nucleophils verdreifacht. Wie ändert sich ?
SN2: , also steigt um auf das Sechsfache. SN1: , das Nucleophil spielt im langsamen Schritt keine Rolle. steigt nur auf das Doppelte.
Eliminierung
Bei der Eliminierung wird aus einem Halogenalkan HX abgespalten, und eine C=C-Doppelbindung entsteht. Eine Base nimmt ein Proton von dem Kohlenstoffatom neben dem C–X-Atom, und X verlässt das Molekül. Das ist die Umkehr der Addition. Läuft der Vorgang in einem Schritt ab, heißt er E2, über das Carbenium-Ion E1.
Substitution und Eliminierung konkurrieren. Hohe Temperatur, eine starke Base und ein alkoholisches Lösungsmittel begünstigen die Eliminierung. Wässriges Medium und niedrige Temperatur begünstigen die Substitution.
Estersynthese und Kunststoffsynthese mechanistisch
Die säurekatalysierte Veresterung ist eine nucleophile Substitution am Carbonyl-Kohlenstoff mit Addition und anschließender Eliminierung:
- lagert sich an das Carbonyl-Sauerstoffatom der Carbonsäure an. Das C-Atom wird stärker positiv.
- Der Alkohol greift mit dem freien Elektronenpaar seines O-Atoms als Nucleophil an. Ein Zwischenprodukt mit vier Bindungen am C entsteht.
- Ein Proton wandert zu einer OH-Gruppe, und diese verlässt als das Molekül (Eliminierung).
- Das Proton wird abgegeben, der Katalysator ist zurück, und der Ester ist gebildet.
Alle Schritte sind umkehrbar. Darum stellt sich ein Gleichgewicht ein. Bei der Polykondensation (Polyester, Polyamid) läuft dieser Ablauf an jeder Verknüpfungsstelle ab, bei Polyamiden mit einem Amin als Nucleophil. Die radikalische Polymerisation ist dagegen eine Kette von Radikaladditionen ohne Nucleophil.
Benzol hat drei Doppelbindungen, die hin und her springen
Benzol hat drei Doppelbindungen, die hin und her springen
„In Benzol klappen die Doppelbindungen ständig um.“
Es gibt kein Umklappen. Das Molekül hat einen einzigen Zustand mit sechs gleich langen Bindungen und delokalisierten Elektronen. Die Grenzformeln sind nur Hilfsmittel, die man mit dem Doppelpfeil verbindet.
Benzol reagiert wie ein Alken
Benzol reagiert wie ein Alken
„Benzol addiert Brom an die Doppelbindungen und entfärbt Bromwasser.“
Benzol entfärbt Bromwasser nicht. Mit Katalysator reagiert es unter Substitution, weil dabei das aromatische System erhalten bleibt.
Zusammenfassung
Benzol ist eben, hat sechs gleich lange C–C-Bindungen und delokalisierte -Elektronen. Die Kekulé-Formeln sind Grenzformeln der Mesomerie.
Die Mesomerieenergie von Benzol beträgt etwa 152 kJ/mol. Deshalb bevorzugt Benzol Substitution statt Addition.
Elektrophile Substitution: Das Elektrophil greift das -System an, es entsteht ein Carbenium-Ion, ein Proton wird abgegeben.
SN2 läuft in einem Schritt mit Rückseitenangriff und Umkehr der Raumstruktur. SN1 läuft über ein Carbenium-Ion, und die Geschwindigkeit hängt nur vom Halogenalkan ab.
Eliminierung bildet aus einem Halogenalkan mit Base ein Alken. Sie konkurriert mit der Substitution.
Estersynthese und Polykondensation sind nucleophile Substitutionen am Carbonyl-C. Die radikalische Polymerisation ist eine Kette von Radikaladditionen.
Übungen
Welche Aussage über Benzol stimmt?
Bei einer SN2-Reaktion werden die Konzentrationen von Halogenalkan und Nucleophil beide verdoppelt. Um welchen Faktor wächst die Geschwindigkeit?
Warum reagiert 2-Brom-2-methylpropan in Wasser bevorzugt nach SN1?
Welches Teilchen greift bei der Veresterung als Nucleophil am Carbonyl-Kohlenstoff an?
2-Brompropan reagiert mit Hydroxid-Ionen. Mit welchen Bedingungen entsteht bevorzugt Propan-2-ol, mit welchen bevorzugt Propen? Begründe.