Farbstoffe und Farbigkeit
Ein Blatt ist grün, eine Tomate rot, eine Jeans blau. Ein Tropfen Phenolphthalein färbt eine Lauge plötzlich rosa. Hinter all dem steht dieselbe Frage: Warum absorbiert ein Molekül sichtbares Licht, und was bestimmt, welche Farbe wir sehen?
Die Antwort liegt im Bau der Moleküle: Je ausgedehnter das System der delokalisierten Elektronen, desto größer die Wellenlänge des absorbierten Lichts. Damit erklärt die Lektion Polyene, Azo- und Triphenylmethanfarbstoffe, Färbeverfahren und Indikatoren.
Farbmischung und Absorptionsspektrum
Bei der additiven Farbmischung addieren sich Lichtfarben. Rotes, grünes und blaues Licht ergeben zusammen Weiß, Rot und Grün ergeben Gelb. So arbeiten Bildschirme. Bei der subtraktiven Farbmischung entziehen Farbmittel dem weißen Licht Anteile. Je mehr Farbmittel sich mischen, desto mehr fehlt und desto dunkler wird es.
Das Absorptionsspektrum trägt die Absorption eines Stoffs gegen die Wellenlänge auf. Das Maximum liegt bei . Das Auge sieht die Farbe, die übrig bleibt, die Komplementärfarbe zum absorbierten Bereich:
| absorbiertes Licht | Wellenlänge (etwa) | Farbe des Stoffs |
|---|---|---|
| violett | 400 bis 430 nm | gelbgrün |
| blau | 430 bis 490 nm | gelb bis orange |
| grün | 490 bis 560 nm | purpur |
| gelb | 560 bis 590 nm | violett |
| orange | 590 bis 630 nm | blau |
| rot | 630 bis 750 nm | blaugrün |
Die Grenzen sind je nach Quelle um 10 bis 20 nm verschoben.
HOMO und LUMO
Die Elektronen eines Moleküls besetzen Molekülorbitale. Das energiereichste besetzte heißt HOMO (highest occupied molecular orbital), das energieärmste unbesetzte LUMO (lowest unoccupied molecular orbital). Ein Photon wird absorbiert, wenn seine Energie dem Abstand zwischen HOMO und LUMO entspricht. Dabei springt ein Elektron vom HOMO ins LUMO. Ein kleiner Abstand bedeutet eine große Wellenlänge:
Energie eines absorbierten Photons
Energie eines absorbierten Photons
Ein Farbstoff hat sein Absorptionsmaximum bei . Berechne je Photon und je Mol und gib die Farbe des Stoffs an. Es gilt , und .
Je Photon: . Je Mol: . Der Stoff absorbiert blaues Licht und erscheint nach der Tabelle gelb bis orange, wie β-Carotin in der Karotte.
Polyene
Polyene haben mehrere C=C-Doppelbindungen im Wechsel mit Einfachbindungen (konjugiert). Die -Elektronen sind über die ganze Kette delokalisiert. Je länger die konjugierte Kette, desto kleiner ist und desto größer ist . Man nennt die Verschiebung zu längeren Wellenlängen bathochrom, die zu kürzeren hypsochrom.
Ethen absorbiert bei etwa 165 nm, Buta-1,3-dien bei 217 nm, Hexa-1,3,5-trien bei 258 nm und Octa-1,3,5,7-tetraen bei 290 nm. Alle liegen im Ultravioletten, die Stoffe sind farblos. Erst β-Carotin mit 11 konjugierten Doppelbindungen absorbiert bei etwa 450 nm im sichtbaren Bereich.
Chromophor und auxochrome Gruppen
Ein Chromophor ist die Atomgruppe mit konjugiertem -System, die sichtbares Licht absorbiert, etwa die Azogruppe –N=N– zwischen aromatischen Ringen oder eine lange Kette aus C=C-Bindungen. Auxochrome sind Gruppen mit freiem Elektronenpaar am Chromophor, wie –OH, –NH oder –N(CH). Ihr Elektronenpaar wird in das -System einbezogen, die Delokalisation wächst, sinkt, und die Absorption verschiebt sich bathochrom und wird stärker. Elektronenziehende Gruppen wie –NO am anderen Ende des Systems verstärken den Effekt. Anilin ist farblos, 4-Nitroanilin mit Donor und Akzeptor ist gelb.
Azofarbstoffe
Azofarbstoffe enthalten die Azogruppe zwischen zwei aromatischen Ringen und sind die größte Gruppe synthetischer Farbstoffe. Sie entstehen in zwei Schritten:
- Diazotierung: Ein aromatisches Amin reagiert bei 0 bis 5 °C mit salpetriger Säure (aus Natriumnitrit und Salzsäure) zum Diazonium-Ion.
- Azokupplung: Das Diazonium-Ion ist ein schwaches Elektrophil. Es greift einen stark aktivierten Aromaten an (Phenol, Naphthol, Anilin), meist in para-Stellung zur OH- oder Aminogruppe. Das ist eine elektrophile Substitution wie bei der Bromierung.
Methylorange entsteht aus diazotierter Sulfanilsäure und N,N-Dimethylanilin. Sicherheit: Diazonium-Salze zersetzen sich oberhalb von etwa 5 °C und sind trocken explosiv. Man stellt sie nur gekühlt in Lösung her. Einige Azofarbstoffe lassen sich zu krebserregenden aromatischen Aminen spalten, solche Amine sind in Textilien reguliert.
Triphenylmethanfarbstoffe
Im Triphenylmethanfarbstoff trägt ein zentrales Kohlenstoffatom drei aromatische Ringe. Es ist als Carbenium-Ion positiv geladen, und die Ladung ist über alle drei Ringe delokalisiert (Mesomerie). Auxochrome wie –N(CH) in para-Stellung vergrößern das System. Kristallviolett (drei solche Gruppen) absorbiert bei etwa 590 nm und ist violett, Malachitgrün (zwei Gruppen) absorbiert bei etwa 620 nm und ist grün. Auch Phenolphthalein und Bromthymolblau haben diese Grundstruktur.
Färbeverfahren
Ein Farbstoff muss an der Faser haften. Das Verfahren hängt von der Faser ab.
| Verfahren | Faser | Haftung |
|---|---|---|
| Direktfärben | Baumwolle (Cellulose) | lange, flache Moleküle lagern sich über Wasserstoffbrücken und Van-der-Waals-Kräfte an |
| Säurefarbstoffe | Wolle, Seide, Polyamid | Sulfonat-Anionen –SO binden ionisch an protonierte Aminogruppen im sauren Bad |
| Küpenfarbstoffe | Baumwolle | unlöslicher Farbstoff wird reduziert, zieht als lösliche Leukoform auf und wird an der Luft zurück oxidiert |
| Reaktivfarbstoffe | Baumwolle | reaktive Gruppe bildet eine kovalente Bindung mit OH-Gruppen der Cellulose |
Indigo ist ein Küpenfarbstoff. Er ist in Wasser unlöslich, wird mit Natriumdithionit in alkalischer Lösung zur löslichen, gelblichen Leukoform reduziert und färbt so die Faser. An der Luft oxidiert er zurück zum blauen Pigment, das in der Faser eingeschlossen bleibt.
Indikatorfarbstoffe
Ein Indikator ist eine schwache Säure HInd, deren Säureform und Basenform verschieden gefärbt sind. Das Abspalten des Protons verändert das konjugierte System und damit . Ein Farbwechsel ist sichtbar, wenn das Verhältnis zwischen etwa 1 : 10 und 10 : 1 liegt. Mit der Henderson-Hasselbalch-Gleichung ist das der Bereich .
| Indikator | Klasse | Umschlag | Farbwechsel |
|---|---|---|---|
| Methylorange | Azofarbstoff | pH 3,1 bis 4,4 | rot nach gelb |
| Bromthymolblau | Triphenylmethan | pH 6,0 bis 7,6 | gelb nach blau |
| Phenolphthalein | Triphenylmethan | pH 8,2 bis 10,0 | farblos nach rotviolett |
Beim Phenolphthalein öffnet sich in der Lauge ein Ring. Das zentrale Kohlenstoffatom wird eben, es entsteht ein konjugiertes System über drei Ringe, und dieses absorbiert sichtbares Licht.
Ein Stoff hat die Farbe des Lichts, das er absorbiert
Ein Stoff hat die Farbe des Lichts, das er absorbiert
„Ein Stoff, der blaues Licht absorbiert, sieht blau aus.“
Wir sehen, was nicht absorbiert wird. Absorbiert ein Stoff blaues Licht, sieht er gelb bis orange aus. Ein blauer Stoff absorbiert im gelben bis orangen Bereich.
Jede Doppelbindung färbt
Jede Doppelbindung färbt
„Alkene sind bunt, weil sie Doppelbindungen haben.“
Entscheidend ist die Länge des konjugierten Systems. Ethen und Buta-1,3-dien absorbieren im Ultravioletten und sind farblos.
Zusammenfassung
Additive Farbmischung addiert Lichtfarben, subtraktive Farbmischung entzieht dem weißen Licht Anteile. Der Stoff hat die Komplementärfarbe des absorbierten Lichts.
Das Absorptionsspektrum zeigt die Absorption gegen die Wellenlänge. Ein Photon wird absorbiert, wenn dem Abstand zwischen HOMO und LUMO entspricht.
Je länger das konjugierte System (Polyene), desto kleiner und desto größer .
Chromophore tragen das konjugierte System, Auxochrome (Donorgruppen) verschieben die Absorption bathochrom.
Azofarbstoffe entstehen durch Diazotierung und Azokupplung (elektrophile Substitution), Triphenylmethanfarbstoffe haben ein über drei Ringe delokalisiertes Carbenium-Ion.
Färbeverfahren: Direkt-, Säure-, Küpen- und Reaktivfärben unterscheiden sich in der Haftung an der Faser.
Indikatoren wechseln die Farbe, wenn sich das Verhältnis von Säure- und Basenform ändert, bei .
Übungen
Eine Farbstofflösung absorbiert Licht um 520 nm (grün). Welche Farbe hat sie?
Ein Farbstoff absorbiert bei 600 nm. Wie groß ist der Abstand zwischen HOMO und LUMO in kJ/mol? Nutze , und .
Welche Änderung verschiebt das Absorptionsmaximum eines Polyens zu größeren Wellenlängen?
Welcher Reaktionstyp ist die Azokupplung?
Ein Indikator hat den pKs-Wert 9,4. Bei welchem pH liegt das Verhältnis c(Ind⁻) : c(HInd) = 10 : 1 vor?
Warum wird Indigo beim Färben erst reduziert und danach an der Luft oxidiert?